Kaffeeklatsch

Sie saßen noch keine halbe Stunde beim Kaffee, als das Türglöckchen des ›Wien in Franken‹ schellte und einen neuen Besucher ankündigte. Franz, der automatisch zur Tür gesehen hatte, zog erstaunt eine Augenbraue hoch. »Luca«, murmelte er in Annas Richtung, die mit dem Rücken zum Eingang saß und von dem Neuankömmling nichts mitbekommen hatte. Die Band hatte also einen Abgesandten geschickt. Anna runzelte die Stirn.

»Na, die müssen es aber eilig haben …«, flüsterte sie Franz zu. Das ›uns los zu werden‹ verschluckte sie gerade noch so, als der große Schwarzhaarige an ihren Tisch trat. Das wäre beinahe peinlich geworden!

Der Musiker hatte lediglich seine Jogginghose gegen eine Jeans eingetauscht. Nichts ließ erkennen, dass er in kaum vier Stunden in einer bekannten Pagan-Folk-Gruppe spielen würde. Nervös fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht. Doch Franz war nicht der Typ Mensch, der es einem anderen zum Vergnügen schwer machte. Er stand auf und reichte dem Neuankömmling die Hand.

»Franz Meister.«

Für dieses Entgegenkommen erhielt er ein zurückhaltendes Lächeln und einen festen Händedruck.

»Lukas Mauren«, bestätigte der Künstler das, was sie sowieso schon wussten. Doch es war einfach höflich, fand Anna, die sich nun auch erhob und vorstellte.

»Hallo, Lukas! Ich bin Anna.« Der Händedruck wiederholte sich. Doch Franz schien damit nicht zufrieden zu sein.

»Anna Krieger«, ergänzte er, »meine Fotografin und eine gute Freundin.«

Warum er ihre Freundschaft hier sofort mit einbrachte, verstand Anna nicht. Doch es war auch nicht der Zeitpunkt für Fragen oder Erklärungen. Franz bot Lukas einen Platz an und dieser verstaute mit einem entschuldigenden Lächeln seine langen Beine vorsichtig unter dem filigranen Caféhaustisch.

»Jonas hat sich wieder beruhigt und Mike war der Meinung, dass ich am besten zunächst allein mit Ihnen reden sollte«, begann er, brach aber wieder ab, um

unsicher mit der Tischdekoration zu spielen.

»Hat sich Jonas entschieden, ob wir für die Pagans arbeiten sollen?« Franz blieb diplomatisch. Es brachte gar nichts, wenn er dem Mann an ihrem Tisch aggressiv begegnete. Lukas Mauren hatte an dem vergangenen Streitgespräch um seine Person keinerlei Anteil. Also hielt er sich zurück, wie er es auch erwartet hätte, wäre er an Lukas'  Stelle gewesen. In dieser Hinsicht war es schlau von Mike, den Künstler vorzuschicken. Denn dem Manager gedachte Franz noch allerlei Klärendes zu sagen. Wer war er denn, dass der Mann ihn herbestellte, obwohl er mit der Band noch nichts geklärt hatte? Und dann dieser Jonas, von wegen Journalistenfuzzie. Der hatte ja wohl überhaupt keine Ahnung! Er war ein Profi, ein erfahrener Autor, kein Schmuddelschreiberling irgendeines Sensationstagesblattes!

Der Zorn brodelte eigentlich immer noch in Franz. Doch für Anna hielt er sich weiterhin zurück. Sie war einen höflichen, rücksichtsvollen Umgang von ihm gewohnt und dabei sollte es auch bleiben. Diese Einstellung wurde allerdings schwer in Frage gestellt, als der Musiker nun antwortete.

»Das ist nicht so einfach mit Jonas«, gab Lukas zu. »Er hat eben seinen eigenen Kopf und weiß, was er wert ist.« Unruhig trommelte der Mann mit zwei Fingern auf die Tischplatte. »An eurem Buch für die Corvidae gab es nichts auszusetzen, da müsst ihr euch keine Sorgen machen. Doch in Annas Vita im Anhang steht, dass sie die Fotografiererei nur hobbymäßig betreibt ...«

Lukas wandte sich Anna direkt zu und beide Männer bemerkten, dass sie unter dem intensiven Blick des Musikers errötete. Dennoch blieb sie gefasst.

»Wieso sollte das ein Problem sein? Meine Bilder werden nicht schlechter, nur weil ich noch einen anderen Beruf habe.«

Franz grinste »Und was für einen …«, brummelte er leise, doch Lukas ließ sich nicht ablenken.

»Jonas fragt sich, wie du das unter einen Hut bringen willst«, forschte er nach. »Und er traut dem Frieden nicht wirklich. Was, wenn ihr euren Erfolg von den Corvidae nicht wiederholen könnt? Immerhin war das euer erstes gemeinsames Buch dieser Art. Dann, so sagt er, hatten wir euch eine Tour lang auf dem Hals und außer Spesen keinen Gewinn.«

Stirnrunzelnd versuchte Anna einen passenden Gedanken für eine Rechtfertigung zu fassen. Dem Typen war sein Erfolg ja ganz schön zu Kopf gestiegen. Sollte sie ihm nun einen Timer zukommen lassen, der seine Tourdaten bestätigte?

Doch Franz kam ihr zuvor. Der Schriftsteller warf den Kopf in den Nacken und lachte herzhaft. Diese Unverfrorenheit war selbst ihm zu viel. Ja, er hätte gerne noch einmal eine Band auf ihrer Tour begleitet und neue spannende Charaktere kennengelernt. Doch nicht um jeden Preis.

»Wenn Jonas meint, er kann uns hier wie Amateure behandeln, dann ist er bei mir an der falschen Adresse. Mike hat mich angerufen und eingeladen, nicht umgekehrt!«

Franz klopfte dem ernsten Lukas nun freundlich auf die Schulter. »Nichts für ungut, Lukas Mauren. Du hast dir wirklich nichts vorzuwerfen. Doch dein Musikerkumpel sollte echt mal seine Prioritäten klären. Anna und ich werden uns hier nicht zu Affen machen. Wenn wir schon mal hier sind, hören wir uns euer Konzert noch an und dann verschwinden wir. Ende. Finite. Auf so einer Basis kann ich eh nicht arbeiten.«

Lukas Mauren nickte bedrückt und kratzte sich dann seinen Kinnbart.

»Genau das hatte ich befürchtet, Mann. Dabei hätten wir eure Unterstützung so gut gebrauchen können.« Er sah Franz drängend an. »Könntest du nicht versuchen, über Jonas'  Eigenarten ein wenig hinwegzusehen? Bleibt heute hier, hört euch das Konzert an. Vielleicht kannst du einen kleinen Artikel dazu entwerfen, mit dem wir Jonas deine Qualität als Schriftsteller vor Augen führen? Und du, Anna, machst ein paar Bilder heute Abend?«

Doch ganz so einfach war es nicht für Lukas, Franz und Anna zum Bleiben zu überreden. Und vermutlich hätte sich der Musiker auch nicht mit einer solchen Intensität für die Sache eingesetzt, wenn ihn die Fotos der Corvidae nicht komplett überzeugt hätten. Was hier von dieser Anna in Szene gesetzt worden war, zeigte viel mehr als nur eine Band on tour. Da waren Emotionen zu sehen, Leidenschaft für die Musik, der Genuss der Musiker am Jubel ihrer Fans und vieles mehr. Die Corvidaefotos spiegelten die Persönlichkeit der Bandmitglieder wider, hoben die Gruppe aus der Masse der Mittelaltermusiker heraus.

Lukas war bewusst, dass Anna für die Pagans möglicherweise nicht dasselbe abliefern konnte. Doch falls es so wäre, läge die Schuld auch bei den Musikern selbst. Er hatte ganz hinten in dem Heft zwei kleinere Bilder entdeckt, die offenbar von Franz stammten: Anna in der Werkstatt des Instrumentenbauers der Truppe, wie sie selbstvergessen und neugierig auf dessen Hände starrte, während er irgendeine Flöte drechselte und noch einmal Anna inmitten der fünf Musiker auf der Bühne, glücklich strahlend und mit einem der Dudelsackspieler ausgelassen tanzend. Es war die Hingabe, die die Frau auf diesen kleinen Aufnahmen ausstrahlte, die ihn faszinierte und in der er den Ursprung für ihre außergewöhnliche Bilddarstellung vermutete. Doch diese musste sie für die Pagans erst einmal entwickeln.

Ob das noch möglich war, nachdem sie Jonas' lautstarke Abneigung mitgehört hatte?

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