Kapitel 3 - Die Frau im Katzenpulli

In der hintersten Ecke saß eine winzige, niedliche und etwas beleibtere Dame in pinker Leggins, einem schwarzen Rock und einem übergroßen lila Pulli mit der Aufschrift "Der frühe Vogel kann mich mal", darunter eine breit grinsenden Katze aus Strasssteinchen, deren Maul eindeutig voll war.

Das Outfit wurde "abgerundet" von einer silbernen Kette an der ein Totenkopf baumelte und einem Lippenstift in einer "etwas" gewöhnungsbedürftigen Farbe, die man - so war sich Linda sicher - bestimmt auch noch vom Mars aus sehen könnte.

Wie immer, wenn sie ihre Freundin sah, musste Linda ein wenig schmunzeln. Der Kleidungsstil der kleinen Frau war etwas gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen sonderbar.

Aber mit der Zeit hatte Linda gelernt die ungewöhnlichen Outfits ihrer Freundin zu akzeptieren und war  (so wie jetzt auch) nicht einmal mehr überrascht über die "kreative" Zusammenstellung von Kleidungsstücken und Accessoires, bei der jeder normale Mensch die Stirn gerunzelt, dann weggesehen, sich die Augen gerieben und wieder hingesehen hätte um sich zu vergewissern nicht tagsüber geträumt zu haben.

Jeder stilbewusste Schnösel hätte dabei noch höhnisch, eingebildet und abfällig gelacht, während er sich die sowieso schon perfekt sitzende Krawatte zurecht gerückt oder die Hand mit den farblich auf die Gesamtkomposition abgestimmten, lackierten Fingernägeln in Richtung Sonnenbrille (von Gucchi) bewegt hätte um besagtes Schmuckstück leicht anzuheben und mit gespieltem Entsetzen in Richtung modischer "Vergewaltigung" zu blicken, nur um sich sogleich wieder die getönten Gläser vor die Augen gleiten zu lassen und in den viel zu teuren Schuhen davon zu stolzieren (wahrscheinlich zum bemitleidenswerten Friseur, der sich diese unerhörliche Begebenheit nun in allen Einzelheiten beschrieben bildlich vorstellen durfte).

Jeder Modedesigner wäre vermutlich nur still dagesessen und hätte angefangen zu weinen.

Doch Linda schmunzelte nur ein wenig und räusperte sich hörbar um ihre Freundin auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen.

Besagte junge Dame legte lässig den rosanen Hellokitty-Stift beiseite und sah von ihrer anspruchsvollen Tätigkeit (Sudoku spielen) auf.

Zwei große hellblaue Augen - halb verdeckt von einem wuscheligen dunkelblonden Pony - richteten sich auf den Neuankömmling und blickten diesen ein wenig vorwurfsvoll an.

Mit einem demonstrativen Blick auf die alte, verstaubte Standuhr links neben ihnen (bei deren Anblick Linda immer das Wort "antik" durch den Kopf schoss), einem gespielten entrüsteten Seufzen und einem anklagenden "Du hast lange auf dich warten lassen meine Liebe...", wurde die immer noch ein wenig atemlose Zuspätkommerin auf ihr Vergehen  hingewiesen.

Um nicht unnötig Energie zu verschwenden (sie hatte heute schon viel zu viel davon verbraucht) und weil ihre Zuspätkommerei leider chronischer Normalzustand war, überging Linda die offensichtliche Provokation und verzichtete auf eine Rechtfertigung für die späte Ankunft.

Stattdessen ließ sie ihre noch immer feuchte Handtasche neben dem Tisch auf den Holzboden plumpsen und sich selbst ihrer Freundin gegenüber auf die weiche, bepolsterte Eckbank.

"Ich freue mich auch dich zu sehen Annie. Wie geht es dir? Bevor du mir dieselbe Frage stellst: mein Tag war furchtbar."

"Naja, bis vor ein paar Minuten zumindest", fügte sie hinzu und schielte unauffällig nach vorne zur Theke, wo Emilio gerade eine Tasse mit heißem Kaffee füllte.

Schnell sah sie wieder in Richtung Annie, die mit mäßigem Interesse ihre schwarz lackierten Nägel beäugte.

"Och", antwortete die kleine blonde Frau im Katzenpulli verschlafen, "eigentlich ist alles so wie immer. Weder gut noch besonders schlecht, einfach nur etwas monoton und langweilig..."

Sie lehnte sich ein bisschen nach hinten, reckte die Arme hinter ihrem Kopf in die Höhe und streckte ihren Rücken lang.

Dabei schloss die 29-jährige die Augen, seufzte genüsslich und sah aus wie ein kleines Kätzchen, das sich vor dem Schlafengehen noch einmal gemütlich reckt.

Nach einem weiteren Seufzen und dem Geräusch vieler knackender Knochen, fuhr ihre Freundin fort.

"Mein Schatz hat sich schon wieder einen neuen Rechner gekauft. Und zwar diesmal mit der Begründung, dass der alte ihm zu langsam wurde. Noch vor zwei Tagen saß ich davor und alles lief tiptop."

Genervt fuhr sie sich durch ihre blonden Zotteln.

"Ich glaube wirklich seine Liebe zur Technik artet langsam zu einer Sucht aus... Naja, wenigstens ein Gutes hat sein "Hobby". In letzter Zeit ruft meine Mutter ständig an, weil sie ihr neues Handy nicht versteht und ich geb sie dann einfach an mein kleines Technikgenie weiter. Das Ganze ist wirklich sehr praktisch... Was mich betrifft...."

Sie machte eine kleine Kunstpause.

"...ich war gestern wieder einmal viel zu lange wach und bin dementsprechend eeecht müde."

Sie untermalte ihre Behauptung mit einem lang gezogenen Gähnen.

Linda betrachtete ihre Freundin mitleidig. Sie konnte sich gut vorstellen, was Annie des Nachts wach gehalten hatte. Oder besser gesagt wer...

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