Prolog - Auf Messers Schneide

„Ihr elender, kleiner Giftzwerg! Wie könnt Ihr es wagen?“

Die Stimme Aleksar Vîbors zitterte vor kaltem Zorn und seine Lippen ebenso.

„Ich wage gleich noch etwas ganz Anderes“, grollte Yo Valkja, der Anführer des dritten lanoischen Heeres, auf der anderen Seite des Tisches und die Augen des Mannes verengten sich zu raubtierhaften Schlitzen.

Dann herrschte für einen Moment Stille und dem Fürsten von Cooh war, als ob die Luft zwischen ihm und dem feindlichen General knisterte.

„Aleksar, mäßige dich“, raunte Lŷsandro Vîbor, der Herrscher von Rooc, ihm zu und legte unbemerkt die Hand auf sein Knie. „Dies ist weder die Zeit noch der Ort für persönliche Empfindlichkeiten. Hier geht es um die Zukunft unserer beiden Reiche, vergiss das nicht. Oder willst du noch mehr Blutvergießen, Bruder?“

Unmerklich schüttelte Aleksar den Kopf.

„Dann halte deine Zunge im Zaum und hilf mir, das hier zu einem vernünftigen Ende zu bringen.“

Eindringlich sah der Fürst von Cooh seinem Zwilling in die Augen und nickte. Ja, er half ihm. Er brachte das hier zu einem vernünftigen Ende. Allerdings anders, als sein Bruder sich das vorstellte.

Es war allgemein bekannt, dass der bleiche Mann, der ihnen am Verhandlungstisch gegenüber saß, leicht reizbar und hitzköpfig war. Die Wutausbrüche des lanoischen Generals waren unter Freund und Feind gleichermaßen berüchtigt.  Eine Charakterschwäche, die im Verlauf der heutigen Zusammenkunft für Aleksars Geschmack viel zu selten zum Tragen gekommen war, die er jedoch zu seinem Vorteil zu nutzen gedachte. Wie es schien, bedurfte es dazu allerdings weiterer Anreize und deutlicherer Worte.

„Vertrau mir, Lŷsandro“, flüsterte Aleksar seinem Bruder zu, „ich weiß, was ich tue.“

Dann wandte er sich wieder dem feindlichen Heerführer zu und setzte ein ebenso mildes wie verächtliches Lächeln auf. Seit dem frühen Vormittag saßen sie nun schon an dieser Tafel und verhandelten mit den Abgesandten Lanois über ein Ende der seit drei Wintern andauernden Kampfhandlungen, die die Erde seines Landes in Blut ertränkt, die grenznahen Landstriche nahezu entvölkert, sein Reich verwüstet sowie die einst blühende und fruchtbare Ebene vor den Toren seines Thronsitzes Aikasara in ein hässliches Schlammfeld voller Leichen verwandelt hatten. Doch obgleich er selbst diese Zusammenkunft offeriert hatte, entwickelte sie sich nicht wie gewünscht. Es war an der Zeit, das Ganze zu beenden. Bevor sein unwissender Bruder tatsächlich noch zu einer Übereinkunft mit dem Vizegeneral Lanois kam.

„Verratet mir eines“, zerrissen die spitzen Worte des Fürsten die angespannte Stille, während er sich in die samtene Polsterung seines prunkvoll verzierten Stuhls zurücklehnte, „wie kommt eine zwergwüchsige, spitzohrige Missgeburt wie Ihr, der es offensichtlich an sämtlichen Qualitäten mangelt, die einen guten Heermeister auszeichnen, in diese Position? Ihr seid ja noch nicht einmal ein Mensch!“

Aus den Augenwinkeln sah Aleksar, wie Lŷsandros Körper sich versteifte. Schweißtropfen bildeten sich unter dem rostroten Haar seines Zwillingsbruders und für einen Moment überlegte er, ob er ihn nicht hätte einweihen sollen. Dann sprach er mit unbeirrtem Lächeln und geringschätziger Stimme weiter.

„Wen habt Ihr dafür umgebracht? Oder habt Ihr Euren Rang anderen Diensten zu verdanken? Gewiss haben Euch Euer knabenhafter Körper und Euer fein geschnittenes Gesicht den Aufstieg sehr erleichtert.“

Klar und deutlich hallten die wohl betonten Worte des Herrschers von Cooh durch die Stille des Raumes und sofort zogen mehrere der Abgesandten Lanois scharf die Luft ein, ballten die Fäuste und rangen sichtbar um Haltung. Auch die Verhandlungsteilnehmer seines Reiches sahen verunsichert zu ihm und die Gestalt seines Bruders schien gänzlich zu Eis erstarrt. Aleksar spürte die brennenden Blicke Lŷsandros und vernahm das besänftigende Flüstern seiner Berater. Dennoch zog er keines seiner Worte zurück. Stattdessen blickte er den gegnerischen General herausfordernd an und sein Lächeln wurde noch eine Nuance abfälliger.

Hatte sein Gegenüber bis eben noch lässig in dem Polstersessel gelümmelt und Aleksars Reden kaum Beachtung geschenkt, so saß er nun mit fest auf den Boden gepressten Füßen und auf die Armlehnen gestützten Händen aufrecht da und schnellte ruckartig nach vorn. Bis zur Hälfte beugte er sich über den Tisch, bleckte die Zähne und knurrte den Regenten Coohs an.

„Du räudiger Hund spielst mit deinem Leben.“

Instinktiv wichen die Männer zu Aleksars Seiten leicht vom Tisch zurück, doch der Fürst lehnte sich seinerseits nach vorn und blickte seinem Gegner direkt in die Augen.

Dieser Mann war ein Tier! Mochte seine Statur auch knabenhaft sein, in seinen Augen funkelte die Aggressivität eines Schattenwolfes. Obendrein war er entgegen den Worten des Fürsten ein fähiger Heerführer und gefährlicher Gegner. Der Ruf des bleichen Generals eilte diesem weit voraus und kam nicht von ungefähr, wie Aleksar selbst erfahren hatte. Sein Feind war gerissen und bluthungrig, seine Kriegsführung ungewöhnlich. Öfter als ihm und seinem Bruder lieb sein konnte, hatten die Krieger Lanois ihre eigenen Streitkräfte trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit mit verwegenen Taktiken, die kein einziger ihrer Strategen und Kriegsberater vorhergesehen hatte, in Bedrängnis gebracht. Bisweilen grenzte diese Kriegsführung, wie beispielsweise der Frontalangriff auf seinen Thronsitz, zwar an Selbstmord und Wahnsinn, dennoch war sie erfolgreich und der Grund, warum sie heute hier saßen. Dazu kam, dass der spitzohrige Mann das perfekt geplante Attentat auf ihn unbeschadet überlebt hatte. Nicht zuletzt war der General ein überragender Schwertkämpfer war, der auf dem Schlachtfeld einer Naturgewalt glich. Mit eigenen Augen hatte Aleksar gesehen, wie er es allein mit einem Dutzend Krieger aufgenommen und sich nicht nur behauptet hatte, sondern fast bis zu ihm durchgedrungen war.

‚Mit einem Mann wie ihm in meinen Reihen wäre der Krieg längst gewonnen‘, dachte der Regent von Cooh leicht wehmütig. ‚Mehr noch, meine Streitmacht wäre unschlagbar und meine Herrschaft unangefochten. Unter meiner Führung könnte dieser Mann der größte Krieger werden, den das Zwillingsreich seit Langem gesehen hat.‘

Doch unglücklicherweise saß Yo Valkja auf der falschen Seite der Tafel, stand auf der falschen Seite des Schlachtfeldes. Daher gab es nur einen Weg.

„Ihr leichenhäutiger Bastard wagt es, mir zu drohen?“, spuckte Aleksar aus und richtete sich zu voller Größe auf.

Augenblicklich knallte der Heermeister Lanois seine Fäuste auf den Tisch. Ein dunkles Grollen, das Aleksar erneut an einen Schattenwolf erinnerte, entstieg der Kehle des Mannes. Wutschnaubend sprang er auf, stieß seinen Stuhl nach hinten weg und packte den Fürsten am Revers.

„Noch ein Wort und dein Blut tränkt nicht nur diese Tafel, sondern klebt feinverteilt auch an der Decke! Meine letzte Warnung.“

„Leere Worte“, antwortete Aleksar gelassen und warf einen verstohlenen Blick reihum, um sich zu vergewissern dass seine Krieger die gegnerische Absendung inzwischen unbemerkt umzingelt und den Versammlungsraum abgeriegelt hatten. „Meine Wachen töten Euch, noch ehe Ihr Eure Waffe ziehen könnt.“

„Wer sagt, dass ich eine brauche?“

Etwas Altes und Böses blitzte tief in den Augen des silberhaarigen Generales auf und seine wutverzerrten Lippen entblößten ungewöhnlich spitze Eckzähne. Doch der Fürst ließ sich nicht einschüchtern und löste mit ruhigen Griffen die bleichen Finger von seinem Revers.

„Wenn Ihr mir drohen wollt, denkt Euch etwas Besseres aus.“

Stillschweigend starrten sie sich einen Moment lang an und alle Anwesenden schienen vor Spannung die Luft anzuhalten. Alle Augen waren auf sie gerichtet und ein jeder wartete auf den nächsten Zug der Kontrahenten. Aleksar lagen bereits weitere Worte auf den Lippen, da sprang plötzlich einer seiner Befehlshaber auf und erging sich in einer wüsten Schimpftirade. Die Antwort des lanoischen Heerführers kam prompt. Mit einem gezielten Wurf seines Trinkbechers an die Schläfe des Tobenden brachte er diesen zum Schweigen und zu Fall.

Dann lehnte er sich erneut über den Tisch zu Aleksar vor und zischte mit verengten Augen, in denen der Fürst nunmehr unverhohlene Mordlust funkeln sah: „Das ist keine Drohung, du erbärmlicher Mensch. Das ist ein Versprechen!“

„Ruhig Blut, Meister. Bitte!“, mischte sich der Vizegeneral der Gegenseite ein.

Energisch zog der junge Mann seinen Anführer zurück, was offenbar auch Lŷsandro dazu veranlasste, abermals mäßigend auf ihn einzuwirken. Mit Nachdruck drückte der Regent Roocs ihn in seinen Stuhl zurück und seine Stimme zitterte vor Unverständnis und unterdrückter Wut.

„Bist du völlig übergeschnappt?“, raunte sein jüngerer Zwilling und sah ihn ungläubig an. „Verdammt, Aleksar, reiß dich zusammen! Denk an die Prophezeiung.“

Ohne den Blick von dem bleichen General zu nehmen, welcher sich ein hitziges Wortgefecht mit seinem Adjutanten lieferte, schenkte der Fürst seinem Bruder einen warmen, beruhigenden Händedruck und nickte. Natürlich dachte er an die Prophezeiung. Den ganzen Tag schon tat er das.

„Um das Blutvergießen zu beenden, muss Stolz sich in Demut wandeln. Das Leben eines Mannes für das Überleben Tausender“, waren die hellseherischen Worte der Robinħa gewesen.

Ihre Auslegung war unter seinen Beratern umstritten, doch für ihn eindeutig und er, Aleksar Vîbor, würde dafür Sorge tragen, dass sie sich erfüllten.

Indes wurde die Stimme Yo Valkjas immer lauter und aggressiver. Die Worte des jungen Adjutanten verstand Aleksar zwar ebenso wenig, wie er die weiteren mahnenden Worte seines Bruders und seiner Berater wahrnahm, die seines Feindes dafür umso besser.

„Vergiss es! Diese jämmerliche Witzfigur hat keine Ahnung, mit wem sie sich da anlegt!“

„Stolz und Demut“, wisperte der Regent von Cooh und schloss für einen Moment andächtig die Augen.

Der Stolz des bleichen Mannes, der es bereits den ganzen Tag für unnötig befunden hatte, sich angemessen an den Verhandlungen zu beteiligen, war unverkennbar ebenso groß und unbeugsam wie der des Hauses Vîbor. Ein Charakterzug, der unter anderen Umständen durchaus Aleksars Gefallen gefunden hätte, seinen Gegner heute aber teuer zu stehen kommen sollte.

„Deine diplomatische Höflichkeit kannst du dir sonst wohin stecken! Diese Ratte schreit doch geradezu danach, meine Fäuste zu küssen!“

Allmählich wurde die Lautstärke des lanoischen Heermeisters unschicklich und der Fürst gewann den Eindruck, dass er jeden Moment in Handgreiflichkeiten gegen seinen eigenen Adjutanten ausbrach.

„Mit solchen Hunden verhandelt man nicht, man schlitzt sie auf! Also geh mir aus dem Weg oder ich ...“

Geräuschvoll rückte Aleksar seinen Stuhl zurück und erhob sich. Der Moment war gekommen. Es war an der Zeit, das blasse Spitzohr Demut zu lehren.

„Ihr langweilt mich und ich habe wahrlich Besseres zu tun, als meine Zeit mit Euch Hundsfott zu vergeuden.“

Erhobenen Hauptes wandte er sich ab und ging. Noch im selben Moment stieß Yo Valkja ein furchterregendes Grollen aus und es krachte direkt hinter Aleksar. Ein finsteres Lächeln verzog seine Mundwinkel, als er einen kurzen Blick zurückwarf. Der General war offenbar mit einem Satz über die Tafel gesprungen und auf seinem verwaisten Stuhl gelandet, der unter der Wucht zersplittert war. Mit gezückter Klinge sprang sein Feind nun auf die Füße und der Fürst beschleunigte seinen Schritt.

„Packt ihn! Haltet ihn auf!“, hörte er die Stimme eines Untergebenen und hektisches Stuhlrücken brach aus.

Das folgende Fluchen verriet Aleksar, dass sein Jäger sich allen Händen entwand, die nach ihm griffen. Während er in den angrenzenden Gewölbegang rannte, der in den Thronsaal führte, brach hinter ihm die Hölle los. Alle Teilnehmer mussten gleichzeitig aufgesprungen sein, zu ihren Waffen gegriffen haben und brüllten nun wild durcheinander. Doch den Regenten Coohs kümmerte das nicht.

‚Alles läuft nach Plan‘, stellte er zufrieden fest.

Er spürte seinen Verfolger dicht im Nacken, vernahm die wüsten Flüche ganz nah und schluckte den plötzlichen Anflug von Angst hinunter.

‚Gleich ist es soweit‘, schoss es ihm kurz vor dem sechsten Kreuzgewölbe durch den Kopf.

Wie vereinbart geriet Aleksar ins Straucheln und stolperte noch einige Schritte vorwärts, bevor er sich fing und erwartungsvoll umdrehte. Die Klinge im Anschlag stürmte sein Verfolger auf ihn zu und erreichte soeben die kritische Stelle. Der Körper des Fürsten bebte vor Anspannung.

‚Jetzt oder nie‘, dachte er und hielt unwillkürlich die Luft an.

Da erklang urplötzlich die den Tumult im Verhandlungssaal übertönende Jungenstimme des lanoischen Vizegenerals: „FALLE!“

Schlagartig bremste der Heerführer Lanois seinen wilden Lauf drei Schritte vor Aleksar ab und wandte sich um, wobei er beinahe das Gleichgewicht verlor. Noch im selben Wimpernschlag rauschte ein Schatten aus dem Kreuzgewölbe über dem General hernieder, machte eine schnelle Bewegung nach vorn und stach zu. Der Herzschlag des Fürsten überschlug sich fast. Zwar hatte Yo Valkja keine Zeit mehr, noch auszuweichen, doch instinktiv beugte er seinen Oberkörper noch in der Drehung rückwärts, worauf die Klinge lediglich seinen Oberarm traf, anstatt wie geplant mit voller Wucht seinen ungeschützten Rücken zu durchbohren. Der Schrei, der diesem Stich folgte, war unverkennbar kein Ausdruck von Schmerz, sondern rasendem Zorn, und ließ Aleksar das Blut in den Adern gefrieren.

‚Versagt‘, war das einzige Wort, das ihm in den Sinn kam, als der feindliche General die blaubefleckte Schneide des Angreifers flach mit beiden Händen umfasste und das Schwert dann mit Wucht gegen die Brust der vermummten Gestalt zurückstieß.

Aleksars Herzschlag kam kurzzeitig aus dem Takt und er hielt den Atem an, als der Maskierte daraufhin mehrere Mannslängen durch den Gang flog und mit ungesundem Knacken und einem stöhnenden Aufschrei gegen die Steinwand krachte. Doch noch mehr erschrak er, als sein Feind sich umdrehte und ihm bewusst wurde, dass er diesem nun ausgeliefert war. Er hatte sich so sehr auf seine Wachen, seinen ausgeklügelten Plan und Kedra Servenosa, seinen Leibwächter und besten Attentäter, verlassen, dass er selbst unbewaffnet war. Instinktiv suchte der Fürst nun sein Heil in der Flucht, doch der Heermeister Lanois war mit einem Satz bei ihm und packte ihn von hinten.

„Du bist tot!“, zischte der bleiche Mann, während er ihm die Klinge an die Kehle legte und ihn zu dem Vermummten herumriss. „Aber vorher rechne ich noch mit dieser feigen Ratte ab. Ein ehrlicher Kampf von Angesicht zu Angesicht!“

Zerknirscht rappelte der glücklose Meuchelmörder sich auf und wechselte intensive Blicke mit dem Herrscher von Cooh. Aleksar ahnte, dass seine Leibwache dem silberhaarigen General nicht gewachsen war, dass er sterben würde. Und Kedra Servenosas Blick verriet, dass dieser ebenso dachte. Der Fürst seufzte. Er hatte versagt, das Attentat war gescheitert. Zum zweiten Mal. Und nun kam die Rache des Feindes über sie.

„Stell dich endlich, Feigling!“, grollte der gegnerische Befehlshaber und erhöhte den Druck auf Aleksars Kehle.

Der Regent Coohs spürte einen brennenden Schmerz unter dem Kinn und fühlte, wie erste Blutstropfen seinen Hals hinunterrannen. Unwillkürlich zog er scharf die Luft ein, worauf sein Leibwächter untertänig den Blick senkte und sein Gesicht enthüllte.

„Vergebt mir, mein Fürst“, waren die letzten Worte Kedra Servenosas, dann stieß der General Aleksar zur Seite und stürzte sich mit einem Schrei auf den Attentäter.

Der Kampf war kurz und unspektakulär, dauerte Aleksars Gefühl nach jedoch eine Ewigkeit. Eine quälend lange Zeitspanne, in der ihm all seine Fehler vor Augen gehalten wurden. Gebannt verfolgte er das ungleiche Duell und rührte sich nicht vom Fleck. Wie vermutet war sein Beschützer den Schwertkünsten seines Gegners nicht gewachsen und hatte auch dessen ungestümer Wut kaum etwas entgegenzusetzen. Bei jedem Treffer, den der Heerführer Lanois landete, wankte er und ein paar Finten und erschreckend wenige Streiche genügten, um ihn niederzustrecken.

Gekrümmt lag sein Leibwächter nun am Boden, das Schwert nur zwei Fingerbreit neben der matten Hand. Der Mann zitterte, stöhnte und unter seinem Körper bildeten sich zwei Lachen, die sich binnen weniger Augenblicke vereinten und seine Gestalt umrahmten. Mit verächtlichem Schnauben und einem herablassenden Lächeln ließ der bleiche General seine Klinge fallen, ging neben dem Attentäter in die Hocke und griff nach dessen Schwert. Knurrend betrachtete er die eigenen Blutspuren auf der Schneide.

„Du feige Ratte hast mich das letzte Mal aus dem Hinterhalt angegriffen!“

Schwungvoll trat der Sieger dem Geschlagenen in die Seite, worauf dieser auf den Rücken kippte und seine schutzlose Vorderseite präsentierte. Aleksar wurde leichenblass. Da konnte er Haltung bewahren, wie er wollte, der Anblick des blutüberströmten Mannes, der nur noch auf seinen Gnadenstoß wartete, schockierte ihn. Zwölf Winter lang hatte er ihm treu und mit bedingungsloser Loyalität gedient, ihn mit Leib und Leben beschützt und jeden noch so gefährlichen Auftrag ohne Widerworte ausgeführt. Zwölf Winter lang hatte Kedra Servenosa alle Feinde seines Herrn beseitigt, doch nun sollte er das Schicksal seiner Opfer selbst erfahren.

„Schönes Schwert“, murmelte der Bezwinger seiner Leibwache, strich über die Klinge und roch daran. „Es hat viel Blut gekostet, doch wurde es selten in einem ehrlichen Kampf geführt. Ein solches Schwert kann nicht gewinnen.“

Als er aufsah, verzerrte ein Grinsen die Züge des silberhaarigen Mannes und Aleksar lief es eiskalt den Rücken hinunter. Unwirklich laut und dröhnend klang der Tumult in der Versammlungshalle gegenüber der Stille im Gewölbegang nun und für den Bruchteil eines Momentes fragte der Fürst sich, wieso ihm keine seiner Wachen zu Hilfe geeilt kam. Mit bohrendem Blick sah der Heermeister Lanois ihn an und ließ das Schwert seines Leibwächters eine zermürbende Zeitlang über dem Todgeweihten rotieren. Dann stieß er es ihm unvermittelt ins Herz. Aleksars Magen revoltierte, als die Klinge den Brustkorb seines Getreuen durchbohrte, doch sein Blick trotzte dem des Generals und verriet keinerlei Regung.

Ein kurzer, gequälter Aufschrei, ein letztes, schwaches Gurgeln, dann folgte Totenstille. Als Yo Valkja das Schwert aus der Brust des leblosen Körpers zog, einige Blutstropfen von der Schneide leckte und es dann achtlos neben den Toten auf den Boden fallen ließ, wurde sein Grinsen noch perfider. In aller Seelenruhe hob er seine eigene Waffe vom Boden auf, während Aleksar in Schockstarre verharrte. Erst als der bleiche Krieger die Klingenspitze über den Boden zog, wurde der Fürst aus seiner Lethargie gerissen.

„Alle Wachen sofort zu mir!“, brüllte er und stolperte rückwärts.

Zwar klang seine Stimme dabei weitaus zittriger und panischer, als ihm lieb war, doch das war jetzt egal. Im Augenblick galt es nur noch, so viele Klingen wie möglich zwischen sich und den gegnerischen Heerführer zu bringen. Doch dieser schien keine Eile zu haben und absichtlich zu warten, bis sich etwa drei Dutzend Krieger der fürstlichen Leibgarde zwischen sie gedrängt hatten.

„Hah! Endlich kommt mal ein bisschen Schwung in diese lahme Veranstaltung!“, hörte Aleksar den blassen Mann noch lachen.

Gleich darauf erklang das Geräusch sich kreuzender Klingen und der Fürst sah eine Handvoll lanoischer Krieger ihrem Anführer zu Hilfe kommen. Eilig zog der Fürst sich in den Thronsaal zurück, während weitere Palastwachen nachrückten. Aleksars Herzschlag beruhigte sich erst wieder, als er das Schwert seiner Ahnen in den Händen hielt und sich hinter einer weiteren Riege seiner Leibgarde verschanzt hatte. Doch dafür saß er nun wie die Maus in der Falle, denn der einzige Weg hinaus führte über den Gewölbegang, in dem ein erbitterter Kampf tobte. Obgleich er auf den Stufen vor seinem Thron erhöht stand, konnte er über die Köpfe seiner Krieger hinweg nicht viel erkennen. Was vielleicht auch gut so war. Denn was er hörte, ließ ihn erschaudern. Doch es war nicht das Klirren, wenn Schwert auf Schwert, oder das Scheppern, wenn Schwert auf Rüstung traf, das ihm den kalten Schweiß auf die Stirn trieb. Nicht das Gebrüll, das einen auf Grund der vielen Kreuzgewölbe fast taub machte, oder die Schreie, die sich dazwischen mischten. Es war das irre, freudige Lachen, das immer wieder durch den Kampflärm hindurchdrang, was ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.

 

Während der Herrscher von Cooh sich in seinem Thronsaal verbarrikadiert hatte und darauf baute, dass der Heermeister Lanois diesen nie erreichte, waren sein Zwillingsbruder und die übrigen Verhandlungsteilnehmer des Zwillingsreiches im Beratungssaal gefangen. Der Adjutant des bleichen Generals hatte ihnen mit einigen Männern den Weg zum Gewölbegang abgeschnitten und die anderen Krieger Lanois waren bemüht, dass die Zugänge zum Saal blockiert blieben und sie nicht von nachrückenden viborianischen Wachen überrannt wurden.

„Haltet Eure Männer zurück, Fürst!“, rief der junge Vizegeneral Lŷsandro Vîbor soeben warnend zu.

Dabei richtete er sein Schwert jedoch weder auf ihn noch einen der anderen Gesandten Roocs.

„Aus dem Weg, du Knilch!“, polterte einer der Befehlshaber Roocs los und drängt sich vor seinen Herrscher.

Der stämmige Schwarzhaarige mit dem unrasierten Bart stieß den Adjutanten Lanois hart vor die Brust, sodass der junge Mann gegen einen seiner Krieger stolperte. Dann baute er sich bedrohlich vor dem Braunhaarigen auf und richtete die Klinge auf ihn.

„Attoro!“, rief der Fürst scharf.

Verwundert hielt der aufgebrachte Viborianer inne und warf einen fragenden Blick über die Schulter.

„Thao mee elyika!“, zischte Lŷsandro und trat aus dem breiten Rücken des Mannes, der die Waffe nur sehr widerwillig senkte. Dann wandte er sich an den gegnerischen Vizegeneral: „Stoppt Euren Anführer!“

Die Stimme des Fürsten klang weniger drohend als vielmehr bittend. Aug in Aug stand er nun dem Mann gegenüber, der während der Verhandlungen von allen Teilnehmern Lanois das ehrlichste Interesse an einer Übereinkunft gezeigt hatte. Quälend lange Wimpernschläge, die wie Sandgläser wirkten, verrannen. Dann nickte der braunhaarige Jüngling und Lŷsandro reichte ihm die Hand.

„Schwerter runter!“, rief der Vizegeneral Lanois seinen Kriegern daraufhin zu.

„Legt die Waffen nieder“, befahl auch Lŷsandro mit dunkler Stimme. „Es ist Zeit, diesem sinnlosen Blutvergießen endlich ein Ende zu bereiten. Ich …“ Ein freudiger Ausruf unterbrach den Fürsten und lenkte seine Aufmerksamkeit in den Gewölbegang.

Gleichzeitig rannten er und der gegnerische Adjutant los und als sie den Gang erreichten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Mann an Mann lagen alle viborianischen Wachen sowie die Krieger Lanois am Boden, dazwischen abgeschlagene Arme, Beine und Köpfe. Am Ende dieses blutigen Pflasters streckte der Heerführer Lanois soeben die letzten beiden Gegner nieder.

 

‚Geister meiner Ahnen, steht mir bei!‘, schickte Aleksar ein Stoßgebet zum Himmel, als er sah, dass es nun niemanden mehr gab, der zwischen ihm und seinem Feind stand.

Die Schritte des Generals hallten laut, als er den Thronsaal betrat und blutige Fußspuren auf dem Marmorboden hinterließ. Seine schwarze Klinge troff von Blut und zeichnete erst einen dünnen roten Strich auf den Boden, dann dicht aufeinanderfolgende Tropfen und Punkte. Die silbernen Haare des Mannes waren rot gesprenkelt, das bleiche Gesicht  unter dem blutigen Schleier mehr zu erahnen, denn richtig zu sehen. Es mutete Aleksar an wie eine Maske. Eine dämonische Maske hinter der ein nicht minder dämonisches Wesen lauerte.

„Nun zu uns“, sprach sein Feind lächelnd und beinahe klang es, als ob er sang.

Der Fürst schluckte, umfasste das Schwert seiner Vorfahren mit beiden Händen und festigte mit einem Ausfallschritt seinen Stand.

„Ihr Hundsfott werdet mich nicht bezwingen!“, spie er seinem Gegner so selbstsicher er konnte entgegen.

Dieser warf einen kurzen Blick hinter sich und lachte. Unwillkürlich folgten Aleksars Augen und der Anblick des Gemetzels im Gang ließ seinen Mut sinken. Doch dann sah er noch etwas Anderes. Lŷsandro stürmte dicht gefolgt von dem Adjutanten Lanois auf den Thronsaal zu. Sofort erstarb jedwedes Angstgefühl und Aleksar drückte das Kreuz durch. Wenn das hier sein letzter Kampf werden, wenn er tatsächlich im Angesicht seines geliebten Zwillingsbruders sterben sollte, dann nur erhobenen Hauptes und mit äußerster Gegenwehr. Er verkaufte seine Haut so teuer wie nur irgend möglich.

„Sprecht Eure letzten Worte, Bastard!“, rief er in herrischem Tonfall und richtete seine Schwertspitze nach vorn.

Erneut lachte sein Kontrahent laut auf. Dann fletschte er die Zähne und schlug mit einer Kraft, die Aleksar nie für möglich gehalten hatte, los. Die heftigen und flinken Attacken des bleichen Mannes waren nicht vorherzusehen und schwer abzuwehren. Ein eigener Angriff schien Aleksar nahezu unmöglich. Nach einem weiteren harten Schlag, den der Fürst erst kurz vor seinem Körper abfangen konnte, war er dem gegnerischen Heermeister nun so nah, dass er der feuerroten, hungrigen Aura um diesen gewahr wurde.

„Hohekönigin meines Blutes“, entfleuchte es dem Fürsten geschockt. ‚Mit welch dunklem Wesen hat der naive Herrscher Lanois sich da bloß verbündet?‘

Im nächsten Moment spürte Aleksar, wie eine uralte Macht nach ihm griff. Er hatte sich geirrt. Dieser Mann war kein Tier. Er war ein blutrünstiges Monster!

Die Brutalität des Kampfes und seine drohende Niederlage machten den Herrscher Coohs taub und blind für alles andere als seinen Gegner. So spürte er weder die klaffende Wunde in seinem Bauch noch seine anderen Verletzungen. In einer Lache Blut geriet er plötzlich ins Schlittern, verlor das Gleichgewicht und ruderte mit den Armen. Sofort stieß sein Feind nach vorn und durchbohrte seine ungeschützte Brust. Ächzend sackte der Fürst auf ein Knie und spuckte Blut auf die schwarze Klinge, die dieses regelrecht aufzusaugen schien. Der Heerführer Lanois stand direkt vor ihm. Das spürte er, wenngleich er ihn durch den Nebel des Schmerzes nicht sah. Vermutlich grinste er zufrieden und dieser Gedanke machte Aleksar so wütend, dass er seine letzten Kräfte mobilisierte. Blitzschnell zog er sein Schwert nach vorn und stach es dem bleichen Mann glatt durch den Oberschenkel.

Die Antwort waren ein Tritt gegen die Schläfe, der Aleksar gegen eine Steinsäule schleuderte, und ein Schrei, den er ob des Dröhnens in seinen Ohren nur wie von weiter Ferne vernahm. Benommen rappelte der Fürst sich halb auf und erstarrte. Sein Gegner stand erneut direkt vor ihm und dieses Mal sah er klar. Die Augen irr und das Gesicht vom Furor verzerrt hielt der General das Schwert zum vernichtenden Schlag über sein Haupt erhoben.

„Das ist nicht möglich“, flüsterte Aleksar und sah seinen Kopf schon über den Marmorboden rollen. ‚Eine Robinħa irrt nie. Wie also kann sein, was gerade geschieht?‘, fragte er sich.

Gebrochen blickte er zu seinem Feind auf und sah, wie dieser seine Blut triefende Klinge hinter den Kopf zog. Aleksar hielt den Atem an und kniff die Augen zusammen.

‚Verzeih mir, geliebter Bruder‘, dachte er und sein Körper verkrampfte in Erwartung des finalen Hiebes.

„NEIN!“

Mit einem gellenden Aufschrei warf Lŷsandro sich zwischen ihn und seinen Gegner, fiel mit tränennassem Gesicht vor dem bleichen Krieger auf die Knie.

„Schont meinen Bruder, General! Bitte!“, flehte sein Zwilling, faltete die Hände und beugte sein Haupt vor ihrem Feind.

„Steh auf, du Narr“, flüsterte Aleksar unter Schmerzen und spuckte Blut. ‚Ein Vîbor buckelt nicht vor dem Feind! Ein Vîbor bettelt nicht um Gnade!‘, fuhr er seinen Bruder in Gedanken an. ‚Und ein Vîbor senkt nie demütig sein …‘ In diesem Moment begriff Aleksar die wahre Bedeutung der Prophezeiung.

„Mein Bruder handelte nicht rechtens und Ihr habt allen Grund, ihm zu zürnen“, sprach Lŷsandro mit zitternder Stimme, „doch ich flehe Euch an: Beweist Größe und lasst Gnade für Recht ergehen! Ihr bekommt alles, was Ihr verlangt! Die Kapitulation des Zwillingsreiches und üppige Siegesbeute für Euren Herrn, freies Geleit und ausreichend Verpflegung für Euer Heer, Titel und Ämter, Ländereien, Frauen und Gold für Euch. Bei meinen Ahnen und meiner Ehre: Ich gebe Euch mein Wort! Was immer Ihr begehrt, Ihr sollt es bekommen. Nur bitte, verschont Aleksars Leben! Bitte!“

Regungslos sah der Heermeister Lanois auf ihn hinab und machte nicht den Anschein, als wollte er dem Flehen seines Bruders nachkommen. Der Blick des bleichen Mannes war entrückt und für einen Moment fragte Aleksar sich, was seinen Gegner davon abhielt, ihm den Todesstoß zu versetzen. Da sah er die Hand des jungen Adjutanten, der hinter seinem Anführer stand, auf dessen Schulter ruhen. Kaum hörbar flüsterte der Jüngling dem General unaufhörlich eindringliche Worte ins Ohr, die jedoch lediglich mit einem unwilligen Knurren beantwortet wurden.

Dann zuckte die Schulter seines Henkers.

‚Die Worte einer Robinħa bewahrheiten sich immer.‘

Verzweifelt klammerte Aleksar sich an diesen letzten Hoffnungsschimmer und umfasste das Bein seines Bruders.

„Eine Robinħa hat immer Recht“, flüsterte er noch, da sauste die schwarze Klinge Yo Valkjas hernieder.

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Neufassung 01/18

Comments

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    Hallo Noia, ich hatte erhrlich gesagt einige Schwierigkeiten, in die Geschichte hinein zu kommen. Zum einen, weil man gleich zu Anfang eine Menge Personen auseinaderhalten muss - ( Ein Personenverzeichnis wäre sicher hilfreich) zum anderen, weil nicht klar definiert ist, aus wessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Als Leser gelingt es mir nicht, mit den Charakteren warm zu werden, weil die Erzählperspektive hin und her springt, wie ei n Ping-Pong Ball. Folgende Frage könntest du dir stellen: Welcher Charakter hat in der Szene am meisten zu sagen? ( Damit meine ich nicht die Menge, sondern die Wichtigkeit der Aussagen) Dann quasi im Kopf dieses Charakters niederlassen und die Szene konsequent aus seiner Sicht beschreiben, also nur das, was er hören, sehen, riechen oder schmecken kann. Er kann Vermutungen anstellen, was im Kopf der anderen Personen vorgeht, aber er kann es nicht WISSEN. Wenn es denn wichtig ist, die Gefühle anderer Charaktere auszudrücken, kann man das wunderbar durch Gesten oder sichtbare Handlungen zeigen, ohne es konkret hinschreiben zu müssen.

beta
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