Was bleibt, wenn wir sterben

Garrett schnaufte, als sie das dörfliche Städtchen hinter sich gelassen hatten und nun eine weite, mit Gräsern und blühenden Wildblumen bewachsene Ebene zwischen ihnen und den letzten Gärten am Ortsrand lag.

Da Dunmoor hinter einem Hügel gelegen war, war die Klippe, von der der Vampir gesprochen hatte, nicht allzu hoch und der Abstieg an den steinigen, mit dunklem Sand versehenen Strand würde nicht sehr mühsam werden.

Die beiden wanderten im strahlenden Sonnenschein, bereits ohne ihre leichten Jacken, einen nicht asphaltierten, schütteren Weg entlang, an dem an einer Seite ein Zaun war. Das Blöken watteweißer Schafe wurde durch den Wind zu ihnen getragen. Garrett lehnte sich über das Holzgerüst und machte einige Aufnahmen der Weide und vereinzelter Tiere, während Henry seinen Blick schweifen lief.

»Das gibt’s doch nicht«, murmelte er und sein Freund drehte sich fragend zu ihm um.

»Was gibt es nicht?«

»Komm mit ...« Der Unsterbliche raffte den Träger des Rucksackes und verließ den Feldweg querfeldein, einem unscheinbaren Ziel entgegen, das Garrett aufgrund seiner menschlichen Augen nicht recht ausmachen konnte.

»Was ist denn?«

Sie näherten sich einem niedrigen Gebäude aus dunklen, verwitterten Steinen und einem an manchen Stellen kaputten Dach, das von Büschen und Wildkräutern umzingelt war. Das Gemäuer war vielleicht zwanzig Meter von dem Abgrund der Klippe entfernt und schien stur dem Meereswind zu trotzen.

Der junge Mann blieb unschlüssig stehen, stellte seine Tasche ab und ging in die Knie, um das Häuschen, das von wildem Wein und bunten Blumen geschmückt wurde, zu fotografieren, während der Vampir langsam an es heran ging, durch die scheibenlosen Fenster spähte, von denen einige keine Läden mehr hatten, und schließlich die knarrende Tür öffnete.

Das Licht fiel durch die Löcher im Dach und zeigte einen einfachen Innenraum mit einem unregelmäßigen Steinboden, der durch die Wurzeln eines kleinen Baumes, der sich seinen Weg durch die Bruchstellen und Ritzen gesucht hatte, aufgewühlt worden war. Eine Öffnung führte anscheinend in einen weiteren Raum und Reste einer Zwischendecke deuteten auf weitere Speicherfläche. Eine verwitterte Feuerstelle zeigte an, dass das Haus vor der Existenz gemauerter Kamine gebaut worden sein musste. Bis auf einige hölzerne Kisten und Bretter war die Hütte leer.

Es waren Haken in die steinernen Wände geschlagen worden, einige hingen an Ketten vom Dachstuhl, die zwar alt aussahen, aber kaum Zeichen von Rost aufwiesen. Die stammten sicher aus der neueren Zeit und wurden von Fischern genutzt, um ihre Netze zu lagern oder zu trocknen.

Garrett betrat das Häuschen nach Henry und sah sich fasziniert um. Er machte einige Aufnahmen, um das eindrucksvoll in das Gebäude fallende Licht einzufangen, während der Vampir nur da stand.

»Ein Zeughaus? Zum Aufbewahren?« Der junge Mann wandte sich an Henry, der schließlich ein unbestimmtes Geräusch machte.

»Es kam mir damals größer vor ...«

»Wie?«

»Das ist mein Geburtshaus! Ich hätte nie gedacht, dass es noch steht.«

»Oh mein Gott«, Garrett machte große Augen und sah sich erneut hektisch um. Eine sonderbare Euphorie tobte in ihm, diese lebendige Geschichte zu erleben.

Der Unsterbliche lächelte aufgrund der Reaktion seines Freundes. »Ja. Obwohl wir damals dreizehn Leute hier waren, meine damals zehn Geschwister, meine Eltern und ich, kam es mir so viel größer vor. Da drüben«, er deutete auf den Nebenraum, »schliefen meine Eltern hinter einem Vorhang und meine Schwestern. Wir Jungen schliefen da oben«, der Vampir zeigte auf die Reste der Zwischendecke, »zusammen mit den Säcken, die Korn enthielten. Unsere Anwesenheit da oben hielt die Mäuse fern.«

Langsam bewegte Henry sich durch den kleinen Raum und ließ seine Hände über die nackten Wände streichen. Es musste sich unglaublich für ihn anfühlen, jetzt an diesem Ort zu sein. Sowohl positiv als auch negativ.

Garrett seufzte. »Geht es dir gut?«

»Sie müssen zwischenzeitlich die Abdeckung gemacht haben. Der Dachstuhl muss bereits vor Jahrhunderten eingebrochen sein ...« Er ging an der Mauer, an der die kniehohe Feuerstelle war, in die Hocke und seine Finger rieben über den feuchten Stein, an dem sich Moos gebildet hatte.

Als er plötzlich schluchzte und sich auf den Hosenboden fallen ließ, erschrak Garrett und hockte sich neben ihn.

»Hey ... wollen wir wieder rausgehen?«

»Hier ...«, Henry rieb sich über die Augen und deutete auf einen Stein, »haben Lachlan und ich unsere Initialen eingekratzt. Das war alles, was wir an Buchstaben kannten. Siehst du? H und L. Mein Vater hat uns dafür den Arsch versohlt, aber sie sind noch da ... immer noch.«

»Genau wie du«, der junge Mann setzte sich zu dem Vampir und lehnte seinen Kopf an dessen Schulter.

»Wir dachten, das wäre das Einzige, was von uns bleiben würde, wenn wir sterben. Aber das stimmte ja nur zum Teil.«

»Nein. Es hätte genauso gut zerstört sein können. Dieses Haus hier hätte vor Jahrhunderten verschwinden können, zusammen mit deinen Erinnerungen und den Buchstaben. Aber es ist noch da. Also stimmte das, was ihr damals dachtet. Dass du auch noch da bist, spielt da keine Rolle. Und ... bist du nicht genaugenommen auch längst tot?«

»Ja. Ein gebrochenes Versprechen, hm?«

Garrett sah auf seine Schuhe und ignorierte die Kälte, die von den alten Steinen in seinen Körper kroch. »Ich glaube das nicht.«

»Nein? Nachdem du mir von der Nahtoderfahrung mit deiner Mutter erzählt hast damals?«

»Ich hab damals schon gesagt, dass ich glaube, dass dein Bruder seinen Frieden hat. Warum sollten die Menschen, die uns lieben, sich wünschen, dass wir zu ihnen kommen? Das bedeutet doch nur, dass wir sterben. Das wünscht sich niemand für jemanden, den er liebt.«

»Reichlich düstere Gedanken, hm? Dieser Ort hat keine guten Schwingungen. Das Ende meiner Familie war nicht sehr rühmlich. Meine Mutter verlor ihre Ehre nach dem Tod meines Vaters. Nur ein einziges meiner Geschwister, meine Schwester Fiona, hatte ein gutes, langes Leben mit einem anständigen Mann und eigenem Besitz, und das letzte Kind, das nach dem verheerenden Hungerwinter 1304 geblieben und nicht gestorben oder bereits ausgezogen war, war Andrew, ein Choleriker, der alle terrorisiert und schließlich einen Kerl im Pub provoziert hatte, der ihn darauf erschlug. Alle anderen starben früh.«

»Oh ...«

»Ja. Es war irgendwie ein Schock, damals zu erfahren, dass meine zwei älteren Schwestern, mit denen ich ein innigeres Verhältnis hatte, bereits beide tot waren, als ich aus dem Kloster zurückkam. Siobhan starb im Kindbett, zusammen mit ihrem Baby. Und Agnes an Fieber, nur ein halbes Jahr, nachdem ich mein Zuhause verlassen hatte. Ich hab es sechzehn Jahre später erst erfahren!«

Garrett straffte die Schultern. »Ja, das sind wirklich schlechte Schwingungen. Und mir ist kalt. Wollen wir draußen an der Klippe essen? Oder ... einfach nur wieder positive Energie tanken?«

»Ja«, der Vampir stand auf und zog seinen Freund hinterher. »Böse Geister hatte ich für den Moment genug.«

Draußen in der Sonne merkten beide, wie sie sich entspannten. Es war erstaunlich, wie kalt es in der Hütte gewesen war. Garrett holte die Taschen, die er vor der Tür abgestellt hatte und gemeinsam begaben sie sich an den Rand der Klippe, die vielleicht drei Meter in die Tiefe führte und das Brausen der Wellen dämpfte. Sie breiteten ihre Jacken aus, um gemütlich sitzen zu können und gönnten sich ihr mitgebrachtes Mittagessen, bestehend aus Sandwiches, Müsliriegeln und Wasser.

»Es wirkt bezaubernd von hier draußen. Muss schön gewesen sein, das Rauschen des Meeres direkt vor der Tür zu haben.«

»Heute ist das ein Statussymbol, Haus mit Meerblick. Früher bedeutete das, dass man zu arm war, um im Ort zu leben, dass man ausgestoßen war oder sonst wie nicht dazu gehörte. Mein Vater war ein schwieriger Mann, immer Ärger mit dem Priester im Ort, ständig Krach mit irgendeinem Bauern. Wenn er zu viel Zeit im Gasthaus verbracht und einen über den Durst getrunken hatte, konnte er ungemütlich werden. Das hat er in verstärkter Form zum Glück nur an eines meiner Geschwister, Andrew, vererbt, der ja die Rechnung dafür gezahlt hat ...«

»Also hat euer Vater euch geschlagen?«

»Nein. Nicht mehr als damals üblich. Wer sich respektlos verhalten oder Mist gebaut hat, hat eine gescheuert bekommen oder den Arsch voll. Aber wir sind nicht mit blauen Flecken herumgerannt. Mein Vater hat uns bestraft und dann war die Sache wieder gut.« Der Vampir blickte versonnen auf die kleine, vom hellen Mittagslicht erleuchtete Hütte. »Ich habe nie von hier weg gewollt. Es war nicht viel, aber es war Zuhause. Doch als ich wieder kam, war nichts mehr davon übrig. Hätte ich damals so gefühlt wie jetzt, wäre vieles anders gelaufen ...«

»Du meinst, du hättest dir keinen Namen gemacht, wie du es getan hast?«

»Vielleicht. Vielleicht wäre ich geblieben und hätte ein normales Leben gehabt, wie ich es jetzt mit dir habe. Aber da das nicht so war und ich meine Vergangenheit weder rückgängig machen kann noch bereue, ist es müßig, darüber zu reden.«

»Gut so. Vermutlich hättest du dir sonst nur einen Gefährten erschaffen, mit dem du heute noch zusammenhängen würdest und ich hätte dich nie kennengelernt.« Garrett grinste und biss zufrieden in sein Sandwich, während der Vampir nickte und ihn einen Moment lang nur ansah.

»Ja, es ist gut so.«

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