Zwischenwelt (2)

Nathaniel sass neben dem Bett, in dem seine geliebte Lea lag und Tränen liefen ihm dabei über die Wangen. Was war bloss mit ihr geschehen? Warum war sie von dieser Brücke gesprungen? Es hatte doch den Anschein gemacht, als hätte sie diese Depressionen immer besser gemeistert. Nathaniel war so davon überzeugt gewesen, dass sie es eines Tages schaffen, würde, auch mit seiner Unterstützung, durch die Liebe, die sie verband und ihren wunderbaren, kleinen Sohn, der ihnen so viel Freude brachte. Doch nun…hatte Lea doch aufgegeben. Sie hatte es diesmal nicht geschafft, der Depression stark genug entgegen zu wirken und er Nathaniel, hatte sie in ihrer schlimmsten Stunde allein gelassen. Er hatte sie einfach weggehen lassen, ohne zu erkennen, wie es wirklich um sie stand. Er wusste nicht, ob er sich das jemals verzeihen würde. Das Leben war die letzte Zeit, nicht gerade zimperlich mit Lea umgegangen. Sie hatte ihre Stelle verloren, weil das Geschäft in dem sie arbeitete, Konkurs gemacht hatte. Gleich darauf, war auch noch ihr Vater gestorben, mit dem sie einst im Streit auseinandergegangen war, ohne dass sie mit ihm noch hatte Frieden schliessen können. Dazu war noch eine schlimme Krankheit gekommen, eine Streptokokken Infektion, die ihr Immunsystem so stark schwächte, dass sie immer wieder von neuem krank wurde und sich einfach nicht mehr recht erholen konnte. Sie hatte demzufolge keine richtige Kraft mehr für ihren Sohn aufbringen können, der sie doch noch so sehr brauchte. Nathaniel, konnte sie nur begrenzt unterstützen, weil doch wenigstens er arbeiten musste, wenn Lea schon die Stelle verloren hatte. So musste er David immer häufiger in Fremdbetreuung geben. Doch ständige Fremdbetreuung, war sehr teuer und nicht die optimalste Lösung. Nathaniels Mutter, konnte auch nur begrenzt zu dem Kleinen schauen, weil sie auch noch arbeitete, obwohl sie es sehr gerne tat und ihren Enkel abgöttisch liebte. Von Leas Seite, hatte niemand die Zeit, die Nerven, oder überhaupt das Bedürfnis, zu David zu schauen.

Das alles hatte sehr an Lea gezerrt, das wusste Nathaniel. Sie neigte sowieso dazu, mit sich selbst äusserst hart ins Gericht zu gehen und natürlich hatte sie schreckliche Schuldgefühle, vor allem ihrem Sohn gegenüber.

 

Nathaniel schaute auf seine Frau herab und wieder zog ihm der Schmerz das Herz zusammen. Warum nur, hatte es so weit kommen müssen? Warum, war das Leben mit einigen Menschen so mild, mit andern so hart? Er konnte Lea verstehen, er konnte sich in ihr Leid hinein fühlen, das hatte er immer gut gekonnt. Er wusste um ihren grossen Gefühlreichtum, er wusste um ihr Leid und er liebte sie, bedingungslos und aufrichtig, wie sie auch ihn. Doch das war es, was in ihm irgendwie auch ein Gefühl der Wut weckte. Er war hin und her gerissen, zwischen dieser Wut und dem Mitgefühl für Lea. Die Wut kam daher, weil er einfach nicht recht begreifen konnte, warum sie nun doch hatte aufgeben wollen, da es doch so viel Liebe in ihrem Leben gab, so Vieles, wofür es sich lohnte zu leben, trotz all der Widrigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten.

 

Nathaniel kannte keine solchen gefühlsmässigen Tiefs, wie Lea sie kannte. Er war zwar manchmal auch niedergeschlagen, bekümmert oder traurig, aber er blieb immer gut geerdet und er war stets zuversichtlich, dass alles nur wieder besser werden konnte. Doch sie…hatte aufgegeben, ihn aufgegeben und auch ihren Sohn… Sofort, korrigierte er sich aber wieder, als ihm diese Gedanken kamen. Sie war einfach anders gestrickt, sie hatte eine ganz andere Hintergrundgeschichte als er. Er war in einer Familie aufgewachsen, die ihn sehr geliebt und unterstützt hatte, im Gegensatz zu ihr. Ausserdem, besass er die Gabe, alles etwas lockerer und sachlicher zu sehen als Lea, welche noch sehr oft von Emotionen hin und her geworfen wurde. Er durfte ihr nicht böse sein und doch… „Ach Gott Lea“, flüsterte er und legte seinen Kopf an ihren. „Warum nur musste das alles passieren? Bitte gib nicht auf! Bleib bei uns! Stirb nicht, bitte stirb nicht!“

 

Das dunkle Wesen, bewegte sich unaufhaltsam auf Lea zu. Es war schrecklich anzusehen. Ein schwarzes, schattenhaftes Etwas, mit Tentakeln, die nun gierig nach ihr tasteten. Ein Tentakel erwischte sie am Bein und hinterliess einen ätzenden, höllisch schmerzenden Striemen. Die junge Frau war verzweifelt, empfand blankes Entsetzen, Furch und Schwere. Sie glaubte, der Boden unter ihr tue sich auf und sie versinke in einer Welt ewiger Dunkelheit, in der dieses Wesen der Herrscher war. Sie atmete schwer und starrte wie gelähmt auf dieses Ding, das immer näher kam. Sie war machtlos dagegen, sie konnte gegen dieses Monstrum nicht bestehen! Die Tentakel griffe nach ihr, wollten sie umschlinge, verschlingen, einverleiben. Wenn dem Wesen das gelang… dann starb Lea, dann war sie für immer und ewig verloren…

 

Doch plötzlich, kam ihr ein Gedanke, ein Hoffnungsschimmer, der sie wunderbar warm berührte. Sie wusste nicht woher dieser Hoffnungsschimmer kam. Doch wie ein leuchtender Lichtstrahl, drang er aus der endlosen Finsternis zu ihrem Herzen vor. „Das hier ist nicht das Ende. Ausserdem…vielleicht bist du sowieso schon gestorben und es liegt jetzt an dir, dich diesem Monster zu stellen, wo immer es auch herkommen mag. Der ewige Tod, ist nicht dein Los und schon gar nicht durch dieses Monster!“

 

„Nein! Ich gebe nicht auf!“ schrie sie, von neuer Kraft erfüllt. Sie richtete sich zu ihrer vollen Grösse auf, ihre Schultern strafften sich und auf einmal, erschien ein leuchtender, langer Stab in ihrer Hand, an dessen Spitze sich ein weisser Kristall befand. Sie hatte sich auch sonst verändert. Sie trug nun ein zartrosa Gewand mit goldenen Zierstreifen an den Säumen, das zusammengehalten wurde, von einem ebenfalls goldenen Stoffgürtel. Ihr von dunkelblonden, halblangen Locken umgebenes Haupt, war mit einem glitzernden, in die Spitze laufenden, Diamantdiadem geschmückt. Sie wirkte wie eine Priesterin, aus einer Welt, jenseits der Wirklichkeit. Und nun stellte sie sich dem Monster entgegen! Sie durchtrennte und versengte dessen Fangarme mit der magischen Kraft ihres Stabes und war selbst erstaunt, dass sie dazu in der Lage war. Wo nur, war sie hier gelandet? Was hatte das alles für einen Sinn? Doch sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn  das schreckliche Monster, liess ihr keine Ruhepause. Sie schlug immer und immer wieder auf es ein, doch es schien nie wirklich Schaden zu nehmen. Verzweiflung machte sich erneut in ihr breit, als sie spürte, dass sie ihre Kräfte langsam verliessen und sie der Kreatur, bald nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Würde sie nun für immer und ewig verdammt sein?

 

Gerade, als Lea endgültig aufgeben wollte, weil sie schlichtweg nicht mehr konnte, passierte erneut etwas Unerwartetes! Zwischen ihr und dem Monster, schlug auf einmal ein seltsamer, goldener Blitz ein. Eine Gestalt schälte sich aus ihm heraus. Es war eine wunderschöne Frau, eine Inderin mit herrlichen, orientalischen Gewändern in Weiss und Gold. Sie war reich mit Goldketten und sonstigem Schmuck behängt und trug einen zweiendigen Speer in der Hand, mit dem sie sich jetzt dem Monster entgegenstellte. Einen Augenblick, erfüllte Lea tiefe Erleichterung und Dankbarkeit, doch als die Augen der Prinzessin und ihre, sich kurz begegneten, erschrak sie über die Kälte und Härte, welche von dieser Frau ausging. Sie mochte sie eigentlich gar nicht. Sie hasste sie und zugleich, liebte sie sie, denn sie war es, die Lea etwas Erholung verschaffte.

 

Das Schattenwesen, wurde ein wenig zurückgedrängt und die Prinzessin zischte ihr unwirsch zu: „Verschwinde hier endlich! Wieder muss ich dir das Leben retten. Als ob ich das nicht schon genug getan hätte“ Lea starrte die Frau etwas entgeistert an. Irgendwie machte sie diese schrecklich zornig. „Ich komme schon klar, “ sprach sie trotzig „Ich brauche dich nicht!“ „Das glaubst du wohl selbst nicht!“ gab die Prinzessin noch arroganter zurück. „Na los, hau ab! Du musst nicht unbedingt als breiige, verätzte Masse enden!“ „Du wirst mich niemals los!“ brüllte nun das Monster. „Ihr könnt machen mit mir, was ihr wollt, ich komme immer ans Ziel!“ Als Lea diese Drohung hörte, wurde sie doch etwas unsicher. Und sie überlegte sich, ob sie sich den Rat der Prinzessin, doch zu Herzen nehmen sollte und von hier verschwinden. Doch wie, war die Frage?

 

Lea blickte sich erneut in dem Gewölbe um, dessen gruseligen Verzierungen, sich auf einmal zu bewegen schienen. Sie entwickelten ein Eigenleben, vermutlich durch die magischen Kräfte, die hier aufeinander trafen. Das Monster, wie die Prinzessin, besassen ein starkes Od, dass bewirkte, dass immer mehr der bisher noch zu Stein erstarrten Statuen, zum Leben erwachten und nun Lea auch noch bedrängten. Sie versuchte sich diese mit ihrem Stab vom Leib zu halten, doch sie liessen nicht locker. „Lass dir doch endlich Flügel wachsen!“ hörte sie nochmals die Stimme der Prinzessin. Die Steinkreaturen, kamen immer näher zu Lea heran, immer näher. Sie fühlte sich bedroht und befahl den Steinkreaturen, sie in Frieden zu lassen, doch diese dachten nicht daran.

 

Schliesslich befolgte Lea den Rat der ungeliebten Prinzessin, sie wünschte sich Flügel und tatsächlich… aus ihrem Rücken wuchsen plötzlich goldbraune Flügel! Sie bewegte sie erst zaghaft auf und ab, dann immer schneller. Die mächtigen Schwingen erzeugten eine heftigen Windstoss und verscheuchten die Steinkreaturen, wenigstens etwas. Immer weiter flatterte Lea mit den Flügeln und schliesslich dann, erhob sie sich in die Lüfte. Sie konnte es kaum glauben! Sie flog höher, immer höher hinauf, unter sich noch immer die wild Kämpfenden und die Steinkreaturen, die versuchten sie zu erreichen. Doch Lea, fühlte sich auf einmal ganz leicht und war von tiefem Glück und neuem Mut erfüllt. Sie hatte es geschafft.

 

„Das war nicht unser letzes Zusammentreffen“, vernahm sie die Stimme des Monsters. „Ich werde dich überall finden und eines Tages, werde ich dich ganz vernichten. Ich werde dich in eine Dunkelheit führen, aus der du nie mehr entkommen kannst!“ „Dass du dich da nur mal nicht täuscht“, erwiderte Lea, nun wieder von neuer Zuversicht erfüllt. „Ich bin schon über alle Berge, bis dich die orientalische Prinzessin vom Haken lässt.“ „Freu du dich nicht zu früh! Ich kann an vielen Orten gleichzeitig sein.“  „Du machst mir keine Angst mehr, du wirst mich nicht mehr so einfach in die Enge treiben, jetzt da ich weiss, wie viele Möglichkeiten ich habe dir zu entkommen. Ich kann sogar fliegen und ich werde innert kürzester Zeit weit, weit weg von dir sein!“ Das Monster antwortete nicht mehr und Lea wollte auch keinen Gedanken mehr an es verschwenden. Im Augenblick, war sie einfach nur glücklich und genoss das Fliegen. Es war so wunderbar, so herrlich und sie fühlte sich in diesem Moment wahrlich frei...

Comments

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    Cool das ist voll meins. Total genial das mit der Prinzessin den Flügeln, das zeigt das sie doch nicht nur dunkel ist, sondern auch noch eine gut dominierende und helle Seite hat.. also gibt's noch Hoffnung, auch wenn der weg sicher noch lang und schwierig werden wird, denke ich. Aber süß wie ihr Mann am krankenbett wacht so stellt man sich doch den perfekten Mann vor... Toll

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    Waaah! Ö.Ö Die Story ist so packend, das Lesen macht richtig Spaß! Deine Protagonistin scheint auf dem ersten Blick schwach zu sein, aber sie besitzt eine große innere Stärke :D Und weil ich die Darstellung starker Frauen liebe, finde ich deine Geschichte noch genialer, falls das überhaupt möglich ist xD

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    oh, du tauchst ja hier etwas in das magical girl genre! find ich cool. sehr schön geschrieben, es zieht mich wirklich mit.

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    Ich hoffe wirklich, Lea und Nathaniel erwartet ein Happy End. Das "Drama" bei den Genres lässt ja Freiraum für schlimme Vorahnungen... Die Geschichte erinnert mich sehr positiv an ein Spiel, das ich früher sehr gerne gespielt habe - es hieß glaub ich "Primal" (auf der PS2), falls es jemand kennt. Gute Arbeit Xandra! :D

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