1. Kapitel

    „Iss!“
„Nein.“
   „Du musst essen.“
„Weshalb sollte ich?“
   „Keine Ahnung, um nicht zu verrecken?“
„Was würde das für einen Unterschied machen? Wir sind ohnehin schon tot.“ Ich warf Isoke einen trüben Blick zu. Ich verstand nicht wie er hier unten, in all der vergangenen Zeit, die Hoffnung bewahren konnte. Weshalb er noch immer nicht aufgab. „Nimm ruhig meinen Anteil“, murmelte ich tonlos und starrte wieder auf die grob gehauen Steinmauer vor mir. Im Geiste erzählte ich mir zu jeder der Fugen und Kratzer im grauen Stein eine Geschichte, mein Weg nicht den Verstand zu verlieren. Oder hatte ich das bereits? Merkte man es überhaupt, wenn man verrückt wurde?
„Verdammt Jad! Iss dein verfluchtes Brot oder ich stopfe es in deinen Rachen!“ Erneut streckte Isoke mir das lächerlich kleine Stück Brot entgegen und sah mich auffordernd an. Ich lächelte milde.
„Ich würde zu gern sehen wie du das anstellen willst.“ Ich klopfte mit den Knöcheln gegen den massiven Stahl der Gitterstäbe zwischen uns. „Wenn du gerade dabei bist, kannst du mir auch etwas Richtiges besorgen. Einen kleinen Spaziergang unternehmen, wie wäre es?“ Ich hob spöttisch die Brauen. Isoke hasste meinen Sarkasmus, er hasste alles was ihn in Frage stellte.

„Jad“, Isoke senkte die Stimme zu einem dunklen Flüstern, „Du musst bei Kräften bleiben. Ich brauche dich, sie braucht dich noch, bitte …. Iss! Lass uns nicht im Stich.“ Er warf mir das Brot auf den Schoß und zog die Beine an die Brust. „Lass mich nicht im Stich.“ Ich erwiderte den Blick seiner dunklen, traurigen Augen und biss widerwillig ein Stück der harten Brotrinde ab. „Danke!“
Ich schüttelte den Kopf, versuchte den faden Geschmack in meinem Mund zu ignorieren. „Du bist unmöglich, willst mich zwangsernähren, um nicht allein zu sein. Wozu brauchst du mich? Zum Reden? Das tust du die meiste Zeit ohnehin allein. Außerdem lässt sie uns nicht sterben, das weißt du ganz genau.“
   „Ja, aber …“
„Nunja, bis auf Egon…“, kam es mir in den Sinn.
Isoke sah mich zweifelnd an, „Egons Tod war ein Unfall, an dem er zum Teil selbst schuld war.“ Er nickte mit dem Kinn in Richtung der schweren Eisenluke und der schmalen Treppe, die zu ihr hinaufführte. Das Metall war dunkel und von der Feuchtigkeit vieler Jahre rostig. Ein roter Schimmer bedeckte das klapprige Geländer. „Wenn sie wieder kommt und deinen Zustand sieht, wird sie schlimmeres tun, als dich zwangsernähren.“
„Sie wird mich nicht töten.“
   „Nein.“

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  • Author Portrait

    Da lese ich gerne weiter! :-)

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