9. Kapitel

Ich kniff geblendet die Augen zusammen und senkte den Kopf. Meine Umgebung war blendend weiß und beraubte mich jeglicher Orientierung, aber Catalina stieß mir unsanft in den Rücken, bis ich ein paar taumelnde Schritt vorwärts stolperte. Abermals spürte ich ihren Stab, dieses Mal sanfter. Ich versuchte mich blinzelnd zu orientieren, aber noch immer war alles verschwommen und blendend grell. Einzig die groben Dielen unter meinen Füßen gaben mir einen Hinweis auf meinen Aufenthaltsort, sie waren schlicht, aber zu sauber für eine Lagerhalle.
„Nur weiter“; murmelte Catalina hinter mir und schob mich ein paar Zentimeter nach links, „Gleich sind wir da.“ Ich überlegte wegzulaufen, doch was sollte ich, jemand der kaum ein paar Schritt weit sehen oder laufen konnte, gegen eine Frau wie Catalina unternehmen? Mein Hungerstreik hatte mich viel meiner Kraft gekostet, doch auch wenn ich gesund und stark gewesen wäre, hätte ich vermutlich keine Chance. Catalina zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler, sowohl Isoke als auch Egon mussten zu Beginn gegen sie rebelliert und verloren haben. „Bleib kurz stehen. Gut. Jetzt weiter“, leitete ihre sanfte Stimme mich an und führte mich in einen dämmrige Raum. Meine Augen dankten der Dunkelheit, doch der Gedanke an eine weitere Zelle ließ mich erstarren. Ich blieb kurz stehen, die Augen noch immer tränend und geschlossen. „Keine Sorge, die Dämmerung wird die guttun, bis sich dein Körper an die Sonne gewöhnt“, säuselte Catalina. Unsicher öffnete ich meine Augen und sah mich um. Catalina stand nur einen Schritt hinter mir, zeigte allerdings weder Angst noch Besorgnis. Sie musste sich ihrer Kräfte sehr sicher sein, um derart unbekümmert und locker zu erscheinen. Ein Grund mehr, vorsichtig zu sein.

Ich befand mich, wie ich verwirrt erkannte, in einem Badezimmer. Kerzen brannten auf einer niedrigen Kommode und dem blank polierten Waschbottich. Tuch und Seife lagen bereit, sowie eine Bürste und ein kleines Messer. Ich starrte voll Verwirrung auf die scharfe Klinge. Catalina lachte, sie musste meinen Blick bemerkt haben: „Komm nicht auf falsche Gedanken mein Lieber. Wenn du daran denkst mich zu verletzten, vergiss es. Wenn du dir das Leben nehmen möchtest, dann lass dir sagen, dass du dazu noch genügend Möglichkeit haben wirst. Sieh dir erst das Leben an, das ich dir biete und entscheide danach ob du es weiterführen möchtest.“ Sie trat einen Schritt zurück und legte die Hand auf die Türklinke, „Wasch dich, schneide Haare und Bart und klopf an die Tür sobald du fertig bist. Ich warte die ganze Zeit über draußen und werde nach dir sehen, sobald du fertig bist.“ Sie zwinkerte mir kokett zu bevor sie mich im Halbschatten allein ließ.

Unschlüssig sah ich mich um, das erste Mal, seit mich Catalina „gefangen“ hatte, war ich außerhalb meiner kleinen Zelle und dazu noch allein. Die unbekannte Umgebung kam mir bedrohlich fremd, aber zugleich beruhigend neuartig vor. Die Wände waren mit geblümter Tapete überzogen, statt nackten Stein zu zeigen und der Boden war mit kleinen, weißen Steinen geschmückt. Ein angenehmer Geruch lag in der Luft, durch den ich erstmals meinen eigenen wahrnahm. Ich hatte in den letzten Monate kaum Gedanken an mein Äußeres verschwendet, geschweigedenn an den abartigen Geruch, den jeder Zentimeter meiner Haut verströmte. Angeekelt rümpfte ich die Nase und sah an mir herab. Ich wusste, dass ich eigentlich nach einem Fluchtweg suchen sollte, doch allein die Vorstellung wirkte abwegig. Gegen Catalina war ich chancenlos und aus dem Badezimmer schien es keinen anderen Ausweg zu geben.

Mein Blick fiel auf den Spiegel und ich erstarrte bei meinem eigenen Anblick. Zwar hatte ich gewusst, oder zumindest geahnt, dass mich die lange Gefangenschaft und dazu noch mein eigenwilliger Versuch der Rebellion in Mitleidenschaft gezogen hatten, doch mit dem gesamten Ausmaß konfrontiert zu werden, war dennoch erschreckend. Isoke hatte sich über meinen Zustand aufgeregt und das, wie ich jetzt erkannte, zurecht. Die schlechte Ernährung hatte meine Wangen ausgezehrt und die ohnehin schon kantigen Knochen an die Oberfläche gebracht. Dunkle Schatten lagen unter den Augen und die Zeit hatte mein Haar stumpf und spröde werden lassen, in verfilzten Zotteln hing es mir bis auf die Schultern.
Ich erwiderte meinen eigenen Blick mit Entsetzten und nahm unschlüssig die Seife zur Hand. Welchen Unterschied würde es machen, sich zu weigern? Catalina würde einen Weg finden, um mich unter das Wasser zu zwingen, notfalls mit Gewalt. Ich spähte zu der Wanne in meinem Rücken, das Wasser dampfte und roch verlockend nach Blüten und Honig.      

Comments

  • Author Portrait

    Du lässt einen beim Lesen frösteln, dein Thriller ist fesselnd und inspirierend zugleich. Ich bin gespannt wie diese Geschichte weitergeht. :)

  • Author Portrait

    Ich bin echt froh dass du an dieser Geschichte weitergearbeitet hast und bin jetzt mega gespannt auf das Ende :D

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media