Kapitel 1: Die Selkie

Für Maldeca, die die Geschichte aus dem Schrank gelockt hat. :)



„Eine Selkie!“

„Was?“, fragte Kaiko.

„Eine Selkie!“, wiederholte Daisuke, der gerechtfertigtermaßen annahm, dass Kaiko ihn über den Lärm der Musik hinweg nicht verstanden hatte. Der Bass donnerte. Die Tänzer, das Klirren der Bierflaschen, alles tat sein übriges in der doch recht kleinen Partyhalle. Eigentlich war dies die Sporthalle der Uni. Nun, nicht diese Nacht.

„Was ist eine Selkie?“, fragte Kaiko.

„Die Kleine, die du anstarrst“, antwortete Daisuke. „Da, die Süße mit den blauen Haaren.“

„Was weißt du über sie?“

Kaiko wusste nicht, ob er glücklich darüber war, dass sein Freund ihn so leicht durchschaut hatte. Doch tatsächlich, die Blauhaarige hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ihn mit seinem Schicksal versöhnt, auf dieser Party herumzuhängen.

Kaiko war kein Partylöwe. Lieber hätte er sich in sein WG-Zimmer verkrümelt und vielleicht noch etwas gelernt. Er stand kurz davor, sein Mathestudium abzuschließen. Das war die Chance, noch etwas aus seinem verkorksten Leben zu machen. Er war gut. Vielleicht könnte er es bis ins Weltall schaffen – und zur Not hatte er noch Plan B.

„Schlag sie dir aus dem Kopf, Kaiko-san“, riet Daisuke ihm. „Die Frau ist eine Selkie – du weißt schon, Seehunde, die die Gestalt überirdisch schöner Frauen annehmen, um leichtgläubte junge Männer wie dich“, Daisuke tippte Kaiko mit der Hand, die auch die Flasche hielt, auf die Brust, „zu verführen und dann ins Unglück zu stoßen.“

„Du bist betrunken.“ Kaiko schob den ausgestreckten Zeigefinger seines Freundes weg, was Daisuke als Anlass nahm, ihm den Arm um die Schultern zu legen und ihm ins Ohr zu lallen: „Aber ich hab recht. Sie ist 'ne Nutte oder so was. Einer hat mal erzählt, dass er mit ihr mitgegangen wäre. Sie hat nachher Geld verlangt. Und mal unter uns, Kumpel … sie is keine Studentin.“

Kaiko schob Daisuke von sich und stürzte das übel schmeckende Bier herunter.

„Ich muss gehen.“

„Schon? Alter, die Party hat gerade erst angefangen.“

„Ich bin müde.“

„Lusche!“ Daisuke lachte. „Du stehst in meiner Schuld. Mir gehört dein Arsch, Kaiko-chan!“

„Lass den Mist“, knurrte Kaiko.

„Hast du etwa Angst, dass man dich für schwul hält?“, säuselte Daisuke. „Das die Schnecke da hinten dich für schwul hält?“

„Darum geht es nicht. Ich bin dir zu Dank verpflichtet, ja, aber du willst, dass ich für dich texte, nicht, dass ich die ganze Nacht auf Partys rumhänge. Deswegen hast du mir ja wohl nicht geholfen.“

„Touché, du alter Langweiler.“ Daisuke lachte wieder. Laut und schrill. Hinter Kaikos Stirn pochte er.

Er musste weg. Weg von dem dröhnenden Bassrhythmus, weg von der aufgesetzten Fröhlichkeit, von dieser Ausgelassenheit, die etwas verzweifeltes hatte. Studenten kurz vor Semesterende … sie tanzten, als stünde das Ende der Welt bevor.

„Bis dann“, sagte Kaiko, aber Daisuke hatte sich schon dem Barmann zugewandt und winkte nur kurz.

Nach einem letzten Blick auf die Selkie verließ Kaiko die Party.


Später fand er dann eine andere, die er nicht auf das WG-Zimmer brachte, weil er das Daisuke nicht antun wollte. Den Dreck und den Lärm und … alles.

Sie trieben es in einer der schmutzigen Toilettenkabinen, die von allen benutzt wurden. Wo Sprüche an die Wände geschmiert waren: Fickt das System ins Knie. Aoi ist eine Hure. Ich lutsche gerne Schwänze, ruft mich an unter …

Ab der Hälfte musste Kaiko die Fremde bitten, sich umzudrehen. Ihre Stimme wurde ihm unangenehm. Er sagte, er würde lieber hinten, weil das sicherer war.

Nach der ganzen Sache wischte er seinen Schwanz ab und ging ohne ein Wort. Was sollte er auch sagen? Sie hatte ihn an Yuuki erinnert.

Von der Party dröhnte ein Lied herüber, das Kaiko erkannte.


Are you lost in the World like me?

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Herzlich Willkommen zu einem kleinen Experiment. Das hier ist ganz anders als das, was ich sonst so schreibe: Vom Thema her, aber auch von der Struktur. Die Kapitel stehen nicht in chronologischer Reihenfolge, die müsst ihr euch selbst zusammenpuzzlen (wird im letzten Kapitel aber auch aufgelöst).

Es gibt noch einen zweiten Teil, „Das Herz der Träume“, den ihr ebenfalls lesen solltet.

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