Part 2


Rodéna, Sizilien, Ende März 1254

Gandar von Rodéna legte die Schreibfeder beiseite und überflog noch einmal den Brief, den er gerade beendet hatte.

Worte wie Schwerter, dachte er bekümmert. Aber er wusste nicht, wie sich dass, was er seiner Nichte Roana mitzuteilen hatte, abmildern ließ.

Er ließ das Pergament auf seinem Schreibpult liegen, damit die Tinte trocknen konnte, und trat ans Fenster seines Schlafgemachs. Der Morgenhimmel war muschelgrau und wolkenlos. Zartes Rot verkündete bereits den Sonnenaufgang. In Kürze würde der bestellte Bote erscheinen, um die Nachricht abzuholen, die er in der Nacht bereits gesiegelt hatte und die für seinen Ziehsohn bestimmt war. Gandar lächelte wehmütig. Rafael würde ihn ganz sicher aus tiefstem Herzen verfluchen, sobald er den Brief in Händen hielt. Er hasste jede Art von Zwang.

Und der Brief enthielt eine Bitte, die an Erpressung grenzte. Auf eine Weise formuliert, die es Rafael unmöglich machte, sie abzulehnen.

Worte wie Schwerter, fürwahr.

Was seine Gedanken wieder zu Roana zurückbrachte. Er hatte versucht, ihr die Gründe für sein Handeln zu erklären. Aber diesen Brief hatte er zerrissen und im Kamin verbrannt, weil er zu sehr wie ein Abschiedsbrief geklungen hatte. Roana kannte ihn gut. Er konnte es sich nicht leisten, dass sie Verdacht schöpfte. Sie besaß die Eigenschaft, sich wie ein Bluthund in eine Sache zu verbeißen, sobald ihr Argwohn erst einmal geweckt war.

Er wollte nicht, dass irgendjemand ihn vermisste, wenn er für immer aus Rodéna fortging. Seine Beweggründe würde ohnehin niemand in vollem Maße begreifen können. Wie sollte er auch in Worte fassen, was er empfand? Mit geschlossenen Augen lehnte er seinen Kopf an den steinernen Fensterbogen. Bald Gwen, dachte er. Bald bin ich bei dir und dann soll kein böses Schicksal uns jemals wieder auseinanderreißen.

Und wie so oft in all den einsamen Jahren die hinter ihm lagen, glaubte er, durch Zeit und Raum ihre Stimme zu hören, die ihm zuflüsterte: Verlass mich nicht

 

 

 

Sizilien, Ende Mai 1254

 

»Was soll das heißen, wir reiten nicht nach Rodéna?« Peire sah seinen Freund fassungslos an. »Der Herzog verlässt sich auf dich, Rafael!«

Das erste Wurfmesser sauste, ein Zweites, ein Drittes, federnd fuhren sie der Reihe nach in den Stamm einer Palme, ein Viertes landete links der Linie, das Fünfte prallte mit Funken am Eisengriff seines Vorgängers ab.

»Ich habe nicht vor, den Leibwächter für ein verwöhntes Edelfräulein zu spielen«, sagte Rafael und ging, seine Messer einzusammeln. In Augenblicken wie diesen bedauerte er, seinem Freund und Diener Peire jemals von der Bitte seines Ziehvaters erzählt zu haben.

Ich hätte Gandars Nachricht verbrennen sollen, dachte Rafael. Aber etwas hatte ihn davon abgehalten. Eine nagende kleine Stimme in seinem Hinterkopf, die ihm einflüsterte, dass an diesem Brief etwas nicht stimmte.

Normalerweise mischte sich der Herzog nicht in sein Leben ein. Schon gar nicht mit einem als Wunsch verkleideten Befehl, der jede Logik entbehrte. Warum also jetzt? Konnte er von dem Attentat erfahren haben, das man auf ihn, Rafael, verübt hatte?

Nur Peire und Nael, der Medicus, dem er sein Leben verdankte, wussten, wie knapp es für ihn gewesen war. Nael ritt zweimal die Woche zum Markt, um Vorräte einzukaufen. Falls er es versäumt hatte, den Mund zu halten …

Rafael weigerte sich, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Er würde keine Einmischung in seine Pläne dulden. Nicht einmal vonseiten des Herzogs.

Unwillkürlich schlossen sich seine Finger um das Kreuz, das er an einer Lederschnur um den Hals trug. Das Schmuckstück stammte von seinem Angreifer. Rafael musste es ihm während ihres entsetzlichen Ringens in der Dunkelheit einer mondlosen Nacht abgerissen haben. Zumindest hatte er es in der Faust gehalten, als Peire ihn schwer verletzt und dem Tode nah gefunden hatte.

Es war ein Kreuz aus Silber, mit schimmernden Edelsteinen verziert. Auf der Rückseite war zu erkennen, dass der mittlere Teil mit dem Reliquienfach ausgebessert worden war. Und diese Tatsache war es, die ihm einfach keine Ruhe ließ. Denn er war sich sicher, dass er genau diese Art von Flickwerk schon einmal gesehen hatte. Rafael begann, heftiger zu atmen. Himmel, er ertrug es nicht, daran zu denken, wo das gewesen war. Aber er irrte sich nicht. Er konnte sich nicht irren. Er wusste, wem das Kreuz gehörte.

Er starrte Peire an, während er versuchte, gleichmäßig und ruhig zu atmen. Er wollte nicht, dass sein Freund etwas bemerkte. Er brauchte kein Mitleid. Schon gar nicht von Peire, dessen naiver Glaube an das Gute in ihm, ihn oft genug bis an den Rand seiner Beherrschung trieb. Nein, Peires Mitgefühl war das Letzte, was er jetzt ertragen konnte.

Es war einfacher – und sicherer – den Freund im Unklaren zu lassen, was die Herkunft des Kreuzes betraf. Denn dieses Kreuz war nicht irgendein Schmuckstück, sondern das Crux pectoralis seines Vaters Lucca.

Luccas Absicht, ihn zu töten, war eindeutig gewesen. Und Rafael hatte nicht vor, dazusitzen und abzuwarten, bis ihm das gelang. Nein, diesmal würde er Rache nehmen an dem Mann, dem er jedes Übel verdankte, das ihn in seinem Leben befallen hatte.

»Schäm dich, Rafael«, sagte Peire. »Herzog Gandar bittet dich selten genug um etwas. Warum willst du seinen Wunsch nicht erfüllen?«

Rafael zog die Messer aus dem Stamm. »Weil es ein unsinniger Wunsch ist«, erwiderte er schroff. »Meine bloße Anwesenheit würde Madonna Roanas Ruf irreparabel schädigen. Ich weiß gar nicht, was sich Herr Gandar dabei gedacht hat, mich darum zu bitten. Er kennt mich doch.«

»Eben deshalb hat er dich gebeten, du sturer Ochse.«

Peire hockte im Schatten eines verwilderten Myrtenhains, den Rücken an den Sockel einer zerbröckelnden antiken Statue gelehnt, und musterte ihn mit jenem störrischen Blick, den Rafael nur zu gut kannte. Der Sänger war keineswegs bereit, das Thema fallen zu lassen.

»Ich glaube, dein Ziehvater macht sich große Sorgen um dich und die Bitte ist seine Art, dir zu helfen«, bemerkte er.

»Helfen? Wobei?«

»Wünschst du dir nicht manchmal, das Leben, das du führst, hinter dir zu lassen?«

»Nein.«

»Lügner.«

Wie beiläufig ließ Rafael sein Wurfmesser von einer Hand in die andere gleiten. Dabei blickte er dem Sänger so gerade und eisig ins Gesicht, dass dieser unwillkürlich zurückzuckte.

»Schon gut«, murmelte Peire beschwichtigend. »Ich wollte dich nicht beleidigen. Das schwöre ich.«

Rafael verharrte vollkommen reglos. Seine Augen waren von einem silbrigen Grau und wurden von leicht geschwungenen, schwarzen Brauen eingerahmt, die ihm ein eher träges Aussehen verliehen. Aber niemand hielt Rafael von Rodéna für träge. Er galt als einer der gnadenlosesten und gefährlichsten Männer auf der Insel, ja, vielleicht sogar im gesamten Königreich beider Sizilien.

»So?«, fragte Rafael und seine Stimme war noch kälter als sein Blick.

Peire sprang wie von einer Tarantel gestochen auf und funkelte seinen Freund wütend an. »Himmel, Rafael, du hast gerade mit Müh und Not einen Mordanschlag überlebt und du bist dickköpfig wie ein Maulesel! Diese Reise wäre die Gelegenheit, für dich in Vergessenheit zu geraten!«

»Es war nicht der erste Versuch, mich umzubringen«, gab Rafael trocken zurück.

»Oh nein, nur beinahe der Letzte. Du solltest dem Herrn auf Knien danken, dass er dir im rechten Augenblick einen so guten Medicus wie Nael geschickt hat … Ich hätte nichts gegen dein Fieber tun können.«

In der Nähe ihres Rastplatzes stampften die Pferde in einem provisorischen Pferch. Rafaels brauner Hengst schnaubte und schüttelte die Mähne, um die lästigen Fliegen zu vertreiben.

Eine leichte Brise trug von irgendwoher den süßen Duft blühender Orangen heran.

»Was den Attentäter angeht …«, fuhr Peire fort. »Das war keiner von diesen ehrgeizigen jungen Rittern, die versuchen, sich einen Namen zu machen, indem sie sich mit dir messen. Dieser Mann war auf Rache aus – oder aber …«

»Oder was?«

»… es war sein Auftrag, dich umzubringen. Manchmal frage ich mich, ob nicht längst ein Preis auf deinen Kopf ausgesetzt ist.«

Rafael zuckte mit den Schultern, ohne Peire anzusehen.

Er war Malik al Maut, der Engel des Todes. Ein gefürchteter und gleichzeitig verachteter Mann. Dass er seine schmutzigen Aufträge im Namen der Krone ausführte, hob sein Ansehen um keinen Deut.

»Sorge dafür, dass unsere Sachen gepackt werden«, sagte Rafael. »Ich möchte aufbrechen, sobald Meister Nael vom Markt zurück ist.«

Peire seufzte. »Und wohin reiten wir?«

»Wir werden sehen«, sagte Rafael.

Im Pferch hörte Rafaels Hengst auf zu grasen und spitzte die Ohren. Braune und schwarze Köpfe kamen hoch. Ohren spielten und Mähnen wurden geschüttelt. Der Braune wieherte. Rafael sah über den Bach zum anderen Ufer hin. Jetzt hörte er auch das schwache Pochen von Hufschlag. Ein Mann in einer schwarzen Djellaba ritt über die Wiese auf ihr Lager zu.

Nael.

Im Lager angekommen, stieg der Medicus vom Pferd, führte seinen Rappen zu ihrem improvisierten Zelt im Palmenschatten und band ihn dort an. Er zog eine versiegelte Hülle aus seiner Gürteltasche und streckte sie Rafael entgegen. »Dein Gewährsmann in Enna hat mir eine dringende Nachricht für dich mitgegeben«, sagte er.

Rafael streifte das Siegel mit einem kurzen Blick, durchbrach es dann und überflog die wenigen Zeilen. Als er aufschaute, war seine Miene ernst. »Von Ahmad«, erklärte er an Peire gewandt. »Er bittet mich, so schnell es geht, nach Triormani zu kommen.« Er ließ den Brief sinken. »Seltsam. Dieser Tage scheint jedermann meine Hilfe zu brauchen. Nun, jetzt hast du dein Ziel, Peire. Sorge dafür, dass unsere Pferde gesattelt werden.«

Mit gerunzelter Stirn sah Nael ihn an. »Du bist noch nicht voll-ständig genesen«, sagte er. »Als verantwortlicher Medicus dürfte ich dir gar nicht erlauben, schon aufzubrechen.«

»Mir geht es gut.«

»Das kommt dir nur so vor, Rafael. Du wirst einen Rückfall riskieren, wenn du dich zu sehr anstrengst. Aber damit will ich dann nichts zu tun haben.«

»Ich betrachte mich als gewarnt, Medicus«, sagte Rafael. Er versuchte zu lächeln, aber er spürte selbst, dass es bei einem Versuch blieb. Er empfand eine tiefe Verwirrung – und so etwas wie Zorn auf das Schicksal. Rafael kannte sich gut genug, um zu wissen, dass seine zur Schau gestellte Gleichgültigkeit nichts als Fassade war. Selbst für seine Verhältnisse war es mehr als schäbig, Gandars Bitte abzuschlagen. Aber er hatte zwei Jahre damit verbracht, nach Lucca zu suchen, um etwas über den Verbleib seiner Schwester Ravena zu erfahren. Ravena und er waren als Kinder gewaltsam getrennt und an Sklavenhändler verkauft worden. Damals war er zu jung gewesen, um etwas dagegen tun zu können.

Als freier Mann jedoch hatte er die Sklavenhändler gejagt, einen nach dem anderen. Dabei hatte er herausgefunden, dass er die ganze Zeit der falschen Spur gefolgt war. Lucca hatte seine kleine Schwester nicht verkauft, sondern in seiner Obhut behalten. Doch zu diesem Zeitpunkt konnte er längst nicht mehr aufhören. Es war, als habe er in dem Augenblick, in dem er den ersten Sklavenhändler getötet hatte, seine Seele verloren; das Bedürfnis Rache zu nehmen, war immer stärker, dunkler, drängender geworden.

Bei aller Beharrlichkeit war es ihm jedoch nie gelungen, seinen Vater aufzuspüren. Jetzt endlich hatte er zum ersten Mal eine Spur, der er folgen konnte.

Dass Ahmad ihn zu sich rief, war nicht einmal schlecht. Er musste seine Ausrüstung ergänzen und neue Vorräte einkaufen. Dafür war Triormani genau der richtige Ort. Auf dem dortigen Markt bekam man alles, was man sich nur wünschen konnte – vorausgesetzt, man kannte die richtigen Händler.

Ja, diesmal würde er die Sache mit Lucca ein für alle Mal zu Ende bringen. Das war er seiner Schwester und sich selbst schuldig.

»Ich war noch nie in Triormani«, unterbrach Nael seine Gedanken. »Glaubst du, ein guter Medicus wäre dort willkommen?«

»Sicher«, erwiderte Rafael. »Es fragt sich nur, ob es dir gefallen würde. Ungefähr die Hälfte der Bewohner sind Schmuggler und Hehler, bei dem Rest weiß nur der Teufel, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen.«

Nael verzog das Gesicht. »Scheint ja ein nettes Fleckchen Erde zu sein. Ausgerechnet da willst du hin?«

»In Ahmads Haus sind wir sicher. Sein Wort gilt etwas in Triormani. Niemand würde es wagen, ihn zu verärgern.«

Zweifelnd blickte der Medicus zu Rafael. »Ich hoffe, du weißt, was du tust. Für mich ist dieser Ort jedenfalls nichts. Ich denke, ich werde noch ein paar Tage im Landesinneren verbringen und mich dann zur Küste aufmachen. Taormina vielleicht …«

»Ich wollte, ich könnte dich überreden, in den Dienst des Herzogs zu treten«, sagte Rafael.

»Ich danke dir für das Angebot, aber ich bleibe lieber mein eigener Herr.«

»Wie du willst. Nun, bei allem war es gut, dass wir uns begegnet sind.«

Peire führte die gesattelten Pferde heran und Rafael bestieg seinen Braunen. Nach einem kurzen Gruß an Nael schlug er dem Hengst die Fersen in die Flanken und trabte davon.

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