Animalrider (17)

In tiefer Trauer standen ich und die andren auf meinem Schiff, an der Reling und lauschten auf den dumpfen Klang der Trauertrommeln, die tief in unseren Herzen widerhallten. Etwas Schreckliches war passiert. Auf einem der andern Schiffe war erneut ein Streit ausgebrochen. Einige der Sternkinder hatten sich mit den Berglöwen in die Haare gekriegt. Es gab ein Blutbad, das seinesgleichen sucht. Die grossen Katzen, die eigentlich grosse Führer auf dem Weg zur Balance zwischen Körper, Seele und Geist sein sollten, hatten sich vom Zorn hinreissen lassen und drei Sternkinder mit ihren Klauen in Stücke gerissen. Das ist ein schreckliches, ein fürchterliches Omen! Wie nur soll das enden? Oh grosser Geist lass uns nicht alleine!

Noch weiss ich nicht, wie es zu diesem Krieg kam, wer Schuld daran war, aber meist trifft alle Beteiligten eine Schuld. Seit wir hier auf diesem endlosen Wasser fahren, erscheint es mir, als sei die Welt plötzlich verrückt geworden.

Das Schlimme an diesem Streit war, dass es in einem Brand endete, der eins unserer Schiffe gänzlich zerstörte. Nur wenige wurden gerettet, die andren starben alle.

Manchmal glaube ich die Last als Vorsitzender des Grossen Rates nicht mehr tragen zu können. Der Kummer und die Furcht, vor dem was noch kommen mag, zerfrisst mein Herz.

Wir gingen als Freunde, werden wir am Ende als Feinde die neue Welt beschreiten, die wir so herbeisehnen? Der Hirsch sagte, alles sei einem Wandel unterworfen. Doch das mir dieser Wandel mal solche Angst machen würde, hätte ich nicht gedacht.

Ich fühle mich so wehrlos, so unfähig weil ich unsere Situation nicht zum Besseren wenden kann. Ich bin wie ein Blatt, das auf einem endlosen Ozean dahintreibt...

Das Schlimme ist, dass auch Kai und Suna sich zerstritten haben. Suna versteht nicht, das Kai einen Tierbruder ermordet hat. Sie glaubt, man hätte es anders lösen müssen. Manchmal glaube ich sogar sie macht Kai dafür verantwortlich, dass Tiere und Menschen jetzt solche Schwierigkeiten miteinander haben, weil er gemordet hat. Ich versuche immer wieder sie dazu zu bewegen ihm zu vergeben, ihr zu erklären, dass jeder der sich an so einer Auseinandersetzung beteiligt schuldig ist, aber ich habe das Gefühl sie hört nicht auf mich.

Die beiden müssen wieder den Weg zueinander finden, denn wenn sie das hier überleben, dann ist es wichtig, dass sie ihren Fortbestand sichern. Man weiss ja nie was alles noch passiert, wie viele Sternenkinder... überhaupt noch übrig bleiben werden...

Ich fühle mich so alt und schwach, wie noch nie zuvor.

Überall um uns herrschen schreckliche Spannungen, immer wieder kommt es zu kleineren Scharmützeln, die aber alle noch in einer Katastrophe enden können, wie...dieser Streit zwischen Berglöwen und Menschen. Wie kann ich dem entgegenwirken, wie kann ich den Frieden aufrecht erhalten? Ich weiss es nicht...

Heute habe ich Bruder Krähe ausgesandt, um nachzusehen, ob irgendwo wieder Land aufgetaucht ist. Wird er wohl mit guten Nachrichten zurückkehren?...

Ohne zu wissen, das Nathalie ganz in seiner Näher war, stand Marc draussen vor einer weissen, zugigen Hütte im Indianer Reservat von Pine Ridge. Vor ihm die bizarren, rotbraunen Felsgebilde der Badlands.Wenn jeweils die Abendsonne auf diese Landschaft der Badlands fiel, entstand ein wundervolles Wechselspiel der Farben. Von safrangelb, über die verschiedensten Orangetöne bis zu scharlachrot. Das war immer ein besonderer Anblick. Doch heute, an diesem bewölkten, düsteren Morgen wirkten die Badlands wie eine gräuliche Mondlandschaft. Es war irgendwie ziemlich trostlos das alles und gab Mac ein Gefühl von Verlorenheit.

Er schloss den Reissverschluss seiner schwarzen Winterjacke, schlug deren Kragen hoch und zog seinen Kopf so gut es ging zwischen die Schulterblätter, um sich vom Wind zu schützen. Die starkte Bise ging durch Mark und Bein. Zu Marcs Füssen stand ein Rucksack mit den nötigsten Utensilien. Snake Man, dieser Verrückte wollte mit ihm in die Wildnis, ausgerechnet bei diesem eiskalten Wetter! War es wohl klug gewesen hierher zu kommen?

Nach dem geheimnisvollen Gespräch mit Snake Man- Weise Schlange, hatte Marc die ganze Nacht wachgelegen. Er hatte sich überlegt, ob das wirklich wahr war und sehr viel über sich nachgedacht. Das mit den vielen Leben die er einst durchlaufen haben sollte und das Snake man einst vor endlos langer Zeit sein Lehrmeister gewesen war, klang schon etwas fremd in seinen Ohren. Dennoch spürte er durch seine Sensibilität, dass er nach Amerika gehen musste. Das war ja eigentlich auch immer ein Traum von ihm gewesen, den er nun verwirklichen konnte. Allerdings fragte er sich schon, ob es ihn auch weiter bringen würde. Er war eine etwas zwiespältige Person, das hatte wohl eben mit der Schlangenkraft zu tun, die sein Leben prägte. Doch wie konnte er lernen damit richtig umzugehen und endlich den Innern Frieden finden, nach dem er sich so sehnte? Hatte Weise Schlange möglicherweise das Rezept dazu?

Weise Schlange, den man offiziell Frank Snakeman nannte, lebte in mehr als ärmliche Verhältnissen, in einer der Reservationshütten der Lakota Sioux. Es gab nicht mal warmes Wasser und dabei war es sehr kalt. Als Snake man ihm gesagt hatte, dass sie in die Wildnis gehen um nach der Wahrheit zu suchen, hatte Marc sich noch sehr gefreut. Doch nun da es so kalt war und sie wohl nur in einem kleinen Zelt schlafen würden, wurde ihm doch etwas mulmig zu Mute und tat seine Bedenken, wie für ihn üblich auch kund. Der Indianer aber meinte in seiner resoluten Art, dass er und einige andere seiner Brüder sogar schon ganz ohne Schutz in der Wildnis übernachtet hätten, um ihre Körper zu schulen und dadurch den Geist zu öffnen.

Er meinte: „Du jammerst wie ein Kind, dabei solltest du ein Mann sein!“ Anfangs ärgerte sich Marc sehr über diese Aussage, er fand sie beleidigend, doch irgendwie hatte Frank dann auch wieder eine sehr liebevolle, väterliche Art. So dass er ihm wieder verzieh.

„Bist du bereit?“ fragte der Indianer, als er aus dem Haus kam und neben Marc trat. „Ja, ich denke schon.“ „Dann lass uns gehen!“ „Haben wir keine Fahrgelegenheit, oder wenigstens Pferde?“ fragte Marc, als sich Weise Schlange zu Fuss auf den Weg machte. Ein strenger Blick war die Antwort. „Nein, wir gehen zu Fuss und zwar in den Badlands Nationalpark. Das schaffen wir schon. Es gehört ausserdem zu deiner Ausbildung. Es wird Zeit, dass du lernst auf Komfort zu verzichten, deinen Körper zu schulen und damit der Seele mehr Raum zu geben.

Ich werde dich ein Stück begleiten, doch dann musst du eine Weile allein klar kommen, nur so wirst du dein Totem, oder möglicherweise auch deine Totems finden.“ „Du meinst sowas wie Kraft- Tiere? Ich habe mal was darüber gelesen.“ „Ja, meist sind es Tiere, die dir begegnen. Sie werden dann deine Führer sein, auf deinem weiteren Lebensweg. Durch sie erfährst du auch den Weg, den du noch zu gehen hast.

Es kann eine Menge geschehen, wenn man auf Visionssuche geht. Du kannst verschiedenst Begegnungen haben, sie alle haben dir etwas zu sagen. Lausche auf die Natur, auf ihre Geschöpfe und vertraue dich ihrer Führung an. So lernst du wieder dein Erbe zu entdecken.“ „Mein Erbe? Was genau meinst du damit?“ Der Schritt von Weise Schlange wurde nun etwas bedächtiger und er meinte nachdenklich: „Ich sagte dir doch schon, dass du einst mein Schüler warst, nicht wahr?“ „Ja.“ „Nun gut, das war in einer Zeit, endlos weit zurück, als Tiere und Menschen noch Freunde, ja Geschwister waren. Sie haben sich gegenseitig geachtet und geschätzt, zusammen in Frieden gelebt. Die Tiere waren zuerst da, dann fielen die Sternkinder vom Himmel herab und die Tiere nahmen sich ihrer an. Sie wurden zu Lehrern selbiger...“ „Aber das sind doch alles Mythen!“ rief Marc ungläubig aus. Wieder warf Snake man ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Du liebst es noch immer deinen Lehrmeiste zu unterbrechen, wie damals als...ich noch Grosser Rabe war...“ Marc horchte auf. „Du warst also Grosser Rabe...? fragte er ihn vorsichtig. „Etwa ein...wirklicher Rabe, also ein...Tier?“ „Ja, doch was soll diese abfällige Ton cinksi? Kannst du dir nicht vorstellen, dass du einst Schüler eines Tieres warst.“ „Das klingt einfach zu... unglaublich! Verzeih mir Ate ( er sagte dieses Wort einfach so dahin). „Du nennst mich aber dennoch Vater in unserer Sprache. Warum?“ fragte Snake man. „Vielleicht weil du dich auch... erinnerst?“ „Ich mich erinnern, an was denn um Gottes Willen?!“ „An deinen Ursprung, an dein Dasein als Kai, einer der Allessehender, aufgenommen vom Raben Klan.“„Du sagtest mir, dass ich zu diesem Klan gehörte, aber ich dachte doch das sei ein Klan aus Menschen gewesen, die sich einfach mit der Raben- Totem verbunden fühlten.“ „Wir waren aber nicht alle Menschen. Wir hatten die Gestalt von Tieren. Ich war...damals ein Tier cinksi, ein Tier mit besonderen Fähigkeiten allerdings. Heute bin ich zum Menschen geworden. Du Marc, hast zu den Sternkindern gehört und nicht nur das, sondern zu warst auch ein Mitglied der Allessehenden. Wir nennen sie heute „Animal rider“. Du trägst dieses Erbe in dir. Du trägst das Zeichen der Allessehenden, doch du hast so Vieles vergessen. Es ist meine Aufgabe, dich wieder zu deinem Ursprung zurück zu führen...“ Marc atmete schwer, als er diese unglaubliche Geschichte hörte. Er musste sich zusammenreissen, um nicht laut auszurufen, wie absurd das alles klang. War er womöglich an einen Verrückten geraten? „Ich glaube ich habe genug gehört Snake man,“ meinte er kopfschüttelnd. „Ich kann das nicht glauben. Ich bin hergekommen um etwas über mich zu erfahren, etwas über mich zu lernen. Lassen wir es auf sich beruhen, es ist besser.“ „Noch immer ist dein Verstand wie eine Mauer vor deiner Seele,“ sprach der Indianer betrübt. „Doch die Zeit wird dir die Wahrheit offenbaren...“ Mit diesen Worten schritt er wieder tüchtiger aus und den Rest des Weges sprachen die beiden kaum mehr ein Wort miteinander.

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