1. Der Krieger

Anthar im Jahr 2475 nach Rechnung Arthergs. Tjarol, Mjirey-Wäldern

 

 

Einige mögen hoffen, dass man die Tjaroler die Vernunft lehren kann, aber ich denke, dass man dieses Volk bis auf das letzte Kind ausrotten muss, damit es nicht nach uns schnappt und uns verletzt. Es ist wie ein tollwütiger Hund, man muss ihn töten, da es keine Möglichkeit zur Heilung gibt – und genauso muss mit Tjarol verfahren werden.

Gezeichnet Reaja, Generalleutnant der ersten Division des dritten Korps des arthergischen Heeres

 

 

 

Es war ein furchterregender Anblick, als das Schwadron aus dem Wald stürmte. Im vollem Galopp preschten die Pferde die Hänge herab, die sich zu beiden Seiten der Straße in den Himmel erhoben. Die Wagenkolonne stoppte und die Menschen schrieen panisch auf, als sie die nahende Gefahr erkannten. Befehle wurden gebrüllt und der Befehlshaber der Kolonne vermochte es tatsächlich seine Männer zu formieren.

Die Pferdehufe rasten über die Erde und wirbelten Staub und Kieselsteine auf, ihre Reiter lenkten dagegen einen Pfeil nach dem anderen mit tödlicher Präzision in die Kolonne. Angeführt wurden sie von einem grauharrigem Krieger, dessen Rüstung sich nicht von denen seiner Männer unterschied. Mit der einen Hand hielt er die Zügel und mit der anderen führte er einen Säbel. Keiner von den Angreifern zeigte ein Wappen, während die Soldaten der Wagenkolonne den dreiköpfigen Hund eines der östlichen Fürstentümer Tjarols zur Schau stellten.

Die Reiter hatten sich einen guten Ort für einen Überfall ausgewählt und sie hatten den Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Als sie die Kolonne erreichten, verbargen sie die leichten Reiterbögen und zogen die Säbel. Mit tödlicher Eleganz vollbrachten sie ihr Werk unter den Soldaten und Zivilisten. Pferde wieherten und schlossen den Kreis um die Wagen enger. Männer lagen auf der Erde, Pfeile in der Brust, die Augen gebrochen. Die Übrigen wurden von den Säbeln und Speeren der Reiter gefällt, allein der Anführer blieb am Leben.

Hasserfüllt starrte er die Angreifer an, während ihn eine Wand aus Speeren umgab. Der grauhaarige Krieger hielt vor ihm an und die Reiter wichen respektvoll zurück. Der Mann sprang aus dem Sattel seines Fuchses und schob seinen Säbel mit einer fließenden Bewegung in die Scheide an seiner Seite zurück.

„Kommandant des Versorgungstrupps der dritten Division des zweiten Korps der Armee Tjarols, sie wurden hiermit von Rittmeister Heled besiegt, Kommandant des ersten Schwadrons des Eraliy-Regiments aus der dritten Division des dritten Korps der arthergischen Armee.“. Heled sprach den Akzent der östlichen Tjaroler fast fehlerfrei, dennoch spie der blondhaarige, kräftige Besiegte aus und meinte zornig. „Nur mit einer Übermacht konnten sie mich besiegen und ich erkläre, dass ich mich nicht freiwillig in Gefangenschaft begebe.“.

„Eine Übermacht?“. Heled lachte kurz auf, doch seine Augen blieben ernst und in ihnen blitzte die Ungeduld, denn mussten sie von der Straße weg. „Meine sechsundsiebzig Mann? Außerdem.“. Er wandte sich zum Gehen, „machen wir keine Gefangenen.“.

Er nickte einigen seiner Männer zu, die den Anführer wegschleiften, während er auf die Wagen zu trat, die Hand immer noch auf dem Knauf seines Säbels ruhend.

„Ein guter Kampf.“. Heled sah nicht auf, als sein Stellvertreter Jehiel neben ihn trat.

„Was enthalten die Wagen?“.

„Hauptsächlich warme Kleidung, Verbandszeug und Essen.“, antwortete Jehiel.

„Wir nehmen mit, was wir brauchen und verbrennen den Rest.“, befahl Heled, „Und kein Alkohol.“.

Die meisten Männer hätten es sowieso nicht gewagt, an Heleds wachsamen Augen Alkohol vorbei zu schmuggeln, doch waren sie Soldaten und viele Männer waren überhaupt erst ins Heer eingetreten, weil es ihnen eine Ration Wein pro Tag garantierte.

Doch außerhalb dieser Ration war Heled unnachgiebig, sein Trupp kämpfte unabhängig vom Hauptkommando im Hinterland, war dementsprechend auf sich allein gestellt und betrunkene Wachen konnten allzu schnell zum Verhängnis werden. Die warme Kleidung konnten sie jedoch gut gebrauchen, der Winter in Tjarol war unberechenbar und das Dach der Blätter hatte sich schon längst orange verfärbt.

Als die Wagen mitsamt des Inhaltes und den Leichen ihrer Bewacher verbrannt waren und die eigenen Toten bestattet waren, verließen sie die Straße, auf der nur ein Überfall wie jeder anderer stattgefunden hatte, was in den wilden Gegenden Tjarols nicht grade selten war. Nichts deutete daraufhin, dass es Männer des arthergischen Heeres gewesen waren.

 

 

Als die Dämmerung hereinbrach und Heled der Meinung war, dass sie genug Abstand zwischen sich und den Platz des Überfalles gebracht hatten, schlugen sie ihr Lager auf. Heled verbot Feuer, sie waren ihm noch nicht zu weit von der Gefahr weg, doch die Nächte wurden noch nicht zu kalt. In kleinen Grüppchen setzten sich die Männer zusammen, aßen und sprachen leise. Die Pferde standen abseits angebunden und schnaubten zufrieden, als sie die Köpfe in ihre Hafersäcke senken konnten.

Heled saß entfernt von seinen Männern, er war noch nie jemand gewesen, der freiwillig die Gesellschaft anderer suchte. Seine Männer akzeptierten ihn auch so, sie wussten, dass er gerecht und fair urteilte, ein guter Anführer war und in der Gefahr immer zu ihnen stehen würde, ebenfalls konnte sich der Soldat, der unter Heleds Befehl kämpfte, gewiss sein, dass er immer an vorderster Front stehen würde.

Wer Heled betrachtete, sah dass er ein Soldat war. Sein Gesicht war von Narben übersäht, eine große und wulstige verlief quer über seine Wange. Sein Gesicht war kantig, vom Wetter gegerbt und gebräunt, die Nase mehrmals gebrochen und unter dem grauen Haar konnte man das ursprüngliche Braun grade so erahnen. Seine Augen dagegen waren dunkel und undurchdringlich. Niemand konnte die tiefen Geheimnisse sehen, die sich dahinter verbargen. Seine Männer nannten ihn Heled, doch war er unter dem Namen Hiskijar vor sechsundvierzig Jahren geboren wurden und die Gestalt, die er trug, war nicht die seine. Die Gestalten umgaben ihn wie Motten und wenn er eine benötigte, brauchte er nur danach zu greifen. Diese hatte er einem arthergischen Krieger gestohlen, der mitsamt seinem ganzen Regiment in einem Hinterhalt gefallen war. Der ursprüngliche Heled hatte keine Familie gehabt und seine einzigen Freunde waren mit ihm gefallen. Hiskijar kämpfte nun schon sechs Jahre in dieser Identität für das arthergische Königshaus, vielleicht um zu vergessen, für wen Hiskijar gekämpft hatte. Doch Hiskijar war vor langer Zeit gestorben und im Moment war nur Heled geblieben.

Jehiel setzte sich neben ihn, schob ihm ein Stück trockenes Brot mit Käse rüber und fragte dann: „Wohin ziehen wir als nächstes?“.

Heled zuckte mit den Schultern, wie, um die Erinnerungen abzuwehren, die erneut versuchten, ihn einzuholen. Sie waren so schwer zu vergessen. „Wir müssen herausfinden, wie die Schlacht ausgefallen ist, wenn sie denn schon stattgefunden hat. Die Heere haben sich vier Tagesritte südwestlich von hier gesammelt. Wir werden dorthin ziehen, vielleicht können wir noch weitere Versorgungstrecks abfangen oder verstreute Kriegertruppen. Ich bezweifele, dass hier in den Wäldern noch irgendjemand ist, wir müssen in die Steppen, zumindest an den Waldrand.“.

Jehiel nickte. Heled schätzte und mochte seinen Stellvertreter, er war pflichtbewusst, zu jedem freundlich und zu guter Letzt auch noch ein fantastischer Fährtenleser. Sein einziger Makel war seine Königstreue, Jehiel stellte Befehle von oben allzu selten in Frage und glaubte an die Gerechtigkeit der Krone. Heled dagegen hielt den König für ein verfressenes Schwein, den die Vorgänge im eigenen Land längst nicht mehr interessierten. Genau genommen konnte König Jerimot nicht einmal viel dafür, als er nach der vermutlichen Ermordung seines Vaters als Fünfjähriger auf den Thron gestiegen war, hatte es niemand für wichtig befunden, den Jungen in die Kunst der Politik einzuweisen. Das einzige Gute was Jerimot Heleds Meinung nach getan hatte, war es, dass er seinen zweiten Sohn Jasreel gezeugt hatte und ihn Herzog Havinon als Mündel überlassen hatte, sowie seinen ältesten Sohn Jamlek verstoßen hatte. Zwar hielt Heled den Thronfolger für viel zu optimistisch, doch war dieser die beste Option, die das Riesenreich Artherg hatte.

Artherg nach Ikantjey das größte Reich Anthars, das vor allem durch seine Disziplin und sein fantastisches Heer in den letzten vierzig Jahren vier seiner Nachtbarreiche unterworfen hatte: Tjarol, Oleon, Morliv und Servina und die restlichen Staaten, die sich aus den Bruchstücken Ciyens gebildet hatten und deren Namen nun vergessen waren. Staaten, deren einziger Fehler es gewesen war, Arthergs Plänen im Weg zu stehen. In einem dieser Länder kämpften sie nun, um einen der eigentlich ständig wiederkehrenden Aufstände niederzuschlagen, die Tjarol immer wieder erschütterten. Es war nichts Bedeutendes, die Tjaroler waren in sich zu uneins, um eine Gefahr darzustellen.

Gefährlicher waren das gewaltige Reich der Sphinxe, das fast die Hälfte Anthars einnahm und der Staat der Jorohne, Madruk, dessen Grenzen gut gesichert waren, der Handel in der ganzen Welt betrieb, ein mächtiges Heer und eine noch mächtigere Flotte besaß, sowie mit den Zwillingsreichen verbündet war. Die Zwillingsreiche an der Westgrenze waren in etwa ein Drittel so groß wie Artherg, jedoch längst nicht so mächtig. Sie waren ein Agrarstaat mit fruchtbaren Böden. Es blieben noch die sechs Zwergenreiche, die sich ständig bekämpften und die Bündnisse so schnell wechselten, dass nicht einmal die Herzöge Arthergs das Spiel verstanden. Varyny hatte seine einstige Größe längst verloren, ihr Parlament war unfähig zu regieren und in viele Parteien zersplittert. Es blieb noch Awith, der kleine Inselstaat hob sich wie ein Vogel aus der Asche und pochte auf seine Situation in der Weltpolitik. Den größten Teil des Jahres über von Eis und Schnee bedeckt mit kaum nennenswerten Rohstoffen, wären sie für Artherg unwichtig gewesen, wenn sie nicht die größte Flotte nach Madruk besessen hätten.

Heled hielt weder etwas von der Arroganz der Adeligen Arthergs noch von König Jerimot, doch er liebte sein Land, sein Volk und wäre bereit, alles dafür zu geben.

Nachdenklich biss er von dem Brot ab und warf einen Blick in den Wald. Seine Männer waren wachsam und erfahren und nichts würde ihren Augen entgehen, dennoch verließ sich Heled lieber auf seine eigenen.

„Über den Winter müssen wir uns dem Heer oder einer Garnison anschließen.“, erklärte Jehiel und sah zum Himmel, als könnte er den Duft des Schnees schon wahrnehmen.

Heled nickte. Seine Männer hatten seit fünf Monaten keinen Kontakt mehr zum Hauptheer gehabt, doch niemand überlebte den Winter des nordöstlichen Tjarols ohne Schutz. War der Süden von Steppen geprägt, so schenkte die Nähe des Schattengebirges dem Nordosten einen eisigen Winter, in dem die Kräfte der Natur den Feldzug zum Erliegen lassen kommen würden. Wenn Artherg Tjarol dieses Jahr noch zum Frieden zwingen wollte, mussten sie sich beeilen, der Winter kam hier schnell und lautlos.

„Erst müssen wir sehen, wie die Schlacht ausgegangen ist.“. Er zuckte mit den Schultern, „Wer weiß, vielleicht ist der Feldzug noch vor dem Winter Einbruch zu Ende.“.

Jehiels Schnauben offenbarte, wie sehr er daran glaubte.

Heled schwieg wieder und die Dämmerung griff mit lauernden Fingern um ihn herum. Er schlang seinen Umhang um sich und Jehiel verstand die stumme Aufforderung seines Generals sofort.

„Du solltest schlafen.“, meinte er, bevor er sich selbst ein wenig entfernt einen Platz zum Schlafen suchte.

Heled reagierte nicht mit Worten, sondern indem er sich hinlegte. Mit der Zeit gewöhnte man sich selbst daran, in Rüstung zu schlafen. Und wenn er es sich Recht überlegte, hatte er eigentlich je etwas anderes getan?

 

 

 

 

Heled hatte einen leichten Schlaf und so war er wach, bevor der Soldat ihn erreicht hatte. Seine Hand fuhr automatisch zu seinem Säbel, der neben ihm lag, doch er entspannte sich, als er einen seiner Männer erkannte.

„Es kommt jemand, Rittmeister.“, erklärte dieser mit fester Stimme und fügte eilig hinzu. „Er trägt unser Wappen.“.

Das der Mann das Artherger Wappen hatte nichts zu sagen. Auch die Tjaroler hatten dazu gelernt.

„Bringt ihn her.“, befahl er, während er sich aufrichtete und sich den Schlaf aus den Augen wischte. Er versuchte nicht sein verwahrlostes Aussehen zu ändern und zu verbergen, dass er nach Schweiß, Blut und Wald stank. Fünf Monate Wildnis hatte sich bei all seinen Männern und auch bei Heled selbst bemerkbar gemacht. Schon bald hatten die Letzten aufgegeben, sich zu rasieren oder das Haar auf die vorgegebene Länge zu kürzen. Heled war es egal, solange sie ihre Ausrüstung nicht vernachlässigten und seine Befehle befolgten. Und es war ihm ebenso egal, was Herzog Alemet dachte. Er wusste genau, was seine Männer wert waren.

Er befestigte seinen Säbel an der Seite und trat an den Rand der Lichtung, wo zwei seiner Männer grade einen weiteren heranführten, der die einfache, erdfarbene Kleidung eines Boten trug. Er war vielleicht etwas jünger als zwanzig und sichtlich verunsichert. Sein Pferd war ein auf Schnelligkeit gezüchtetes Tier und trug die Anzeichen eines Tjaroler Pferdes. Was aber ebenfalls nichts zu bedeuten hatte, da das arthergische Heer viele einheimische Pferde requiriert hatte.

„Seid Ihr Rittmeister Heled?“, fragte er so leise, dass man ihn fast nicht verstehen konnte.

„Kommt darauf an, was du willst, Junge.“. Heled starrte ihn in Grund und Boden.

„Ich bin kein Junge.“, empörte sich der Bote, wurde unter Heleds Blicken aber zunehmend leiser, „Mein Vater ist…“.

„Es ist mir egal, wer dein Vater ist, Junge. Hier draußen zählst nur du selbst und es ist deine Entscheidung, wo du stehen willst.“. Der Krieger zuckte mit den Schultern und musterte den Jungen fragend. „Was wolltest du jetzt sagen?“.

„Meine Botschaft ist allein für Rittmeister Heled bestimmt.“, protestierte der Bote und bewies damit erstaunliches Selbstbewusstsein.

„Ich bin Rittmeister Heled, Junge.“, seufzte Heled, auch wenn das Misstrauen von dem Gesicht des Boten nicht verschwand.

„Die Tjaroler wurden geschlagen und die Überreste ihres Heeres haben sich in der Festung Astjiras verschanzt.“. Er reckte den Kopf stolz in die Höhe und erinnerte Heled an einen Hahn auf dem Weg zum Kochtopf. „ Allen Truppen wurde befohlen sich dort zu sammeln und auf eine Belagerung vorzubereiten.“.

Einige seiner Männer fingen an zu murren, doch auf einem Blick von Heled verstummten sie.

„Wir wissen Bescheid“. Er machte eine unmissverständliche Handbewegung, „Du kannst abschwirren, Junge.“.

Der Bote klappte den Mund auf und zu wie ein Fisch, stieg dann aber wieder auf sein Pferd und verschwand.

„Eine Belagerung?“. Der für die Rationenverteilung zuständige Soldat schnaubte verächtlich, „Wie stellt Alemet sich das vor? Bis zum Wintereinbruch dauert es höchstens drei Wochen und in Astjiras sind Massen an Vorräten eingelagert, während unser Heer nichts hat.“. Jehiel wollte ihn zu Recht weisen, doch Heled winkte ab, bevor sein Stellvertreter in einer seiner Eskapaden verfallen konnte. Es war ja so. Heled kannte keine Festung, die mit Astjiras mithalten konnte. Diese auf einer Bergspitze gelegene Festung hatte die Tjaroler jedes Mal gerettet und an ihr war bisher jeder Feldzug Arthergs in Tjarol gescheitert. Normalerweise waren die Tjaroler Nomaden und diese Festung trug eher die typische Bauweise der Zwerge zur Schau, auch wenn diese in dieser Gegend nie gelebt hatten sollten. Heled interessierte sich nicht dafür, das Geheimnis ihrer Herkunft zu ergründen, wohl aber dafür die Festung zu knacken und seine Männer heil nach Artherg zu führen.

„Ihr habt es gehört, Männer.“, rief er, „Wir brechen auf. Lasst uns die Tjaroler endgültig in die Löcher treiben, aus denen sie gekrochen sind.“.

Die Soldaten murrten nicht mehr, sondern verrichteten eilig und sorgfältig ihre Arbeit, so dass sie bald aufbrechen konnten. Bald erinnerte nicht mehr viel daran, dass hier bis vor kurzem noch Soldaten campiert hatten und nur die Hufspuren zeichneten sich im feuchten Boden ab.

Heled ritt vorne, während Jehiel die Kolonne abschloss und darauf achtete, dass keiner aus der Reihe brach. Späher wurden ausgeschickt, um möglichst frühzeitig auf Gefahren hinzuweisen und Pfadfinder suchten den am besten geeigneten Weg heraus.

 

 

Nach zwei schnellen Tagesritten nach Südosten ließen sie den Wald hinter sich und erreichten die weithin offene Steppenlandschaft. Sie blieben im Schutz des Waldes und hielten konstant auf das Schattengebirge zu, das sich dunkel gegen den Himmel abhob. Nach drei weiteren Tagesritten stieg das Gelände an und die Berge lagen links und rechts von ihnen. Die Luft kühlte sich ab, so dass es eigentlich ein Wunder war, dass kein Schnee lag. Sie folgten einer Straße, die Artherg schon im ersten Feldzug gegen Tjarol hatte bauen lassen und auf der ihnen immer wieder Posten und weiteren Soldaten begegneten, die sich oberhalb sammelten. Heled kommandierte eine Streifschar, war somit nicht wirklich Teil des eigentlichen Heeres, sondern in ein Regiment eingegliedert, das nur aus Streifscharen bestand. Dennoch leistete er mit seinen Männern einen unschätzbaren Dienst, indem er Versorgungsstrecken der Tjaroler unterbrach, Gefangenentransporte aufhielt, Boten abfing und kleinere feindliche Truppen überfiel. Sie waren beim Heer nicht sonderlich beliebt, da diese sie für Faulenzer hielten und selbst die Befehlshaber mochten die Streifscharen nicht, auch wenn sie einen wichtigen Teil des Heeres ausmachten. Doch Heled hatte sich diesen Dienst ausgesucht, weil er dadurch wesentlich unabhängig war und eine relativ freie Verfügung über seine Befehlsgewalt hatte.

 

Endlich erreichten sie das Heerlager, das sich in ein Tal gequetscht hatte. Über ihnen thronte die Festung Astjiras und schien spöttisch auf sie herab zu spucken. Sie war nur schwer zu erreichen, lag auf einem Berggipfel und es gab nur Tierpfade, wobei der Anstieg so steil war, dass schlichtweg keine Katapulte, Skorpione und Bliden in Position gebracht werden konnten. Jeder Soldat, der sich den steilen Weg erkämpfte, befand sich dagegen automatisch in Schussweite und die Tjaroler waren sehr gute Schützen, zumindest die des Nordostens gegen die Artherg momentan kämpfte. Und auch die Festung an sich war ein Geniewerk. Es gab mindestens zwei Festungsringe und da das arthergische Heer den äußeren Ring noch nie überwunden hatte, wussten sie nicht wie es dahinter aussah. Es war der letzte Zufluchtsort der Tjaroler und dementsprechend gut gerüstet.

Er meldete sich bei seinem Offizier und bekam für sich und seine Männer einen Platz am Rand des Lagers zugewiesen. Heled versorgte seine Stute und führte eine Liste der ihnen fehlenden Ausrüstungsgegenstände, damit sie diese beantragen konnten. Ebenfalls erfuhr er, dass der Oberbefehl an Prinz Jasreel gegangen war, was ihn jedoch nicht sonderlich beeindruckte. Nun würde der Thronerbe beweisen müssen, dass er nicht nur schöne Reden schwingen konnte.

Er sah zur Festung hinauf und hoffte, dass sie ihn nicht dazu zwingen würde, den Winter hier zu verbringen.

Dann legte er sich hin, um den Schlaf nachzuholen, die ihn die fünf Monate Wildnis gekostet hatten.

 

 

 

Auf einer Anhöhe in der Mitte des Lagers erhob sich Arthergs Wappen: der gekrönte Schwarzbär auf rotem Grund. In dem gewaltigen Zelt versammelte sich der Generalstab von Herzog Alemet. An seiner Seite stand Kronprinz Jasreel, der sich nun im Führen eines Feldzugs beweisen sollte. Des Königs Sohn war siebenundzwanzig, doch das jugendliche Gesicht und die dunklen Locken ließen ihn jünger erscheinen. Er trug ein dunkles Lederwams, darüber einen Schuppenpanzer, dessen feine Plättchen bei jeder Bewegung klirrten, abgeschlossen wurde die Erscheinung von den Beinschienen, dem dunkelblauen Umhang und dem mit feinen Goldarbeiten verziertes Schwert, das er an der Hüfte trug. Herzog Alemet war das komplette Gegenteil. Früher mochte er mal ebenso schlank wie der Kronprinz neben ihm gewesen sein, doch nun besaß er einen gewaltige Wanst. Sein Haar war stahlgrau und ausgedünnt, sein Gesicht aufgeschwemmt, die Nase schief und die braunen Augen saßen in tiefen Höhlen. Dennoch trug er ein prächtiges mit Gold durchwirktes Gewand, so dass der Kronprinz neben ihm zu verblassen schien. Auf einem Auge war Alemet fast erblindet, so dass er zum Lesen der Karten eine Lupe benötigte.

Neben ihnen stand Tarendor, der jüngere Bruder des Herzogs von Tarea, welcher das dritte Korps befehligte, das momentan in Tjarol kämpfte und somit neben Alemet und Jasreel den Oberbefehl ausübte. Er war ein Abbild von Stärke und Macht, die der Kronprinz im Alter einmal besitzen würde. Sein Gesicht wirkte mit den markanten Zügen erhaben und stolz, doch war seine Rüstung bis auf den eingravierten Drachen und den Ritter seines Hauses ohne Schmuck und sein Schwert einfach und zweckmäßig.

Im Hintergrund unterhielten sich die Generäle leise, während Alemet, Jasreel und Tarendor sich über die Karten beugten. Auch wenn Jasreel mit Alemets Tochter verheiratet war, war die Rivalität zwischen den beiden offen bekannt und auch dass seine Tochter Jasreel ein Mädchen geboren hatte, hatte nichts daran ändern können.

„Nun, mein Prinz, was schlagt ihr vor?“, fragte der Herzog lauernd. Er war nicht sonderlich erbaut darüber, dass der König ihm seinen Sohn zur Seite gestellt hatte und diesem an seiner statt die Befehlsgewalt für den Rest des Feldzugs übertragen hatte.

„Wir haben bisher keine Erfolge dadurch erreicht, dass wir die Männer gegen die Mauern angeführt haben. Dedan schreibt in Die Kriege Arthergs, dass die Schwierigkeit des Eroberns der Festung Astjiras hauptsächlich daran lag, dass keine Möglichkeiten gegeben sind, Katapulte einzusetzen und es somit in einem sinnlosen Anrennen der Männer gegen die Mauern ausartet.“, zitierte Jasreel einen berühmten Kriegstheoretiker Arthergs.

Alemet runzelte die Stirn, während Tarendors Mine kalt und undurchdringbar blieb. „Nennt mir eine bessere Möglichkeit und ich werde mir Dedans Werke tatsächlich einmal durchlesen.“.

Der Kronprinz lächelte. „Ich habe mir die Gegebenheiten vor Ort genauer angesehen. Es gibt dort eine kleine Anhöhe. Sie ist zu klein für Bliden, doch der Platz müsste für zwei Onager reichen.“.

„Ihr wollt zwei Onager diesen Weg heraufschleppen? Ich bezweifle, mein Prinz, dass uns dies möglich sein wird. Onager sind unhandlich und schwer zu transportieren.“. Die Generäle lauschten dem Gespräch neugierig, nicht wirklich wissend, wem sie zu gehorchen hatten.

„Dann müssen wir eine Straße bauen.“, erklärte Jasreel ruhig. „Um die Onager zu transportieren und den Soldaten den Weg zu erleichtern. Wenn wir die Katapulte oben haben, können wir die Mauern beschießen.“.

„Die Mauern Astjiras’ sind dick.“, protestierte Alemet.

Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Als diese Festung gebaut wurde, waren solche Waffen unbekannt. Wahrscheinlich haben sie die Festung nicht für unsere Zeiten umgebaut, da sie es für unmöglich halten, das Katapulte dort heran kommen.“. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Das ist eine Lücke, in der ich den Dolch anzusetzen gedenke. Meine Herren. Die Pioniere sollen sofort mit ihrer Arbeit beginnen.“.

„Ihr wollt auf einer Vermutung bauen?“, fragte der Herzog skeptisch.

„Eine Vermutung, die immer noch mehr Hoffnung in sich trägt, als ein erneutes Anrennen gegen die Mauern.“, berichtigte er Alemet. Er neigte den Kopf. „Meine Herren.“. Sein Umhang bauschte sich auf, als der eisige Wind, der schon die ersten Früchte des Winters in sich trug, bei der Öffnung des Zeltes hereinfuhr. Dann war der hoffnungsvolle Prinz verschwunden und ließ einen verbitterten und zornigen Herzog zurück.

 

 

 

Das Wirken der Pioniere blieb auch Heled nicht verborgen. Seine Gruppe lagerte am Rand des Heerlagers und konnte so das Gehen und Kommen gut im Auge behalten. Grade ritt Prinz Jasreel den Weg zur Bergspitze hinauf und beobachtete die Arbeit der Männer.

„Sie bauen eine Straße.“. Jehiel fasste Heleds Feststellung in Worte. „Doch wozu? Das Marschieren mag angenehmer sein, doch die von den feindlichen Schützen ausgehende Gefahr wird dadurch nicht im Geringsten gemindert.“. Er runzelte die Stirn und Heled bereitete seinen Fragen ein Ende, als er meinte: „Sie wollen die Onager heraufschaffen.“.

„Woher weißt du das?“. Verblüfft starrte Jehiel seinen Befehlshaber an.

„Ich weiß, dass die Mauern dieser Festung nur mit Hilfe von Katapulten zu zerstören und ohne schwer bis unmöglich einzunehmen sind. Ich weiß ebenfalls, dass der Weg zu steil ist, um sie zu transportieren. Dementsprechend muss eine Straße gebaut werden und es müssen Onager sein, weil sowohl Bliden als auch Ballisten oder Skorpione viel zu unhandlich und zu groß sind. Es findet sich dort oben nicht genügend Platz, um sie geeignet zu positionieren. Ein oder zwei von den kleinen Onagern sind jedoch perfekt geeignet.“. Er endete und zollte Jasreel für diesen Einfall stillen Respekt. Der Kronprinz war klüger als er gedacht hätte und vielleicht würde er später selbst einen für Heled akzeptablen König darbieten.

Doch bis die Straße fertig war, hatten sie Ruhe und Heled bemühte sich die benötigten Sachen für sein Schwadron zu beschaffen. Viele Pferde brauchten neue Sättel, denn die provisorischen erbeuteten Sättel, waren für kleinere Pferde gebaut und rieben die Pferderücken dementsprechend wund. Seine Männer hatten zwar geeignete, zweckmäßige Kleidung, die jedoch nicht den Regeln entsprach.

Heleds Schwadron bestand auf dem Papier aus einhundertfünfzig Mann, doch waren einhundert überhaupt nur eingetroffen und Heled hatte schon seit einem halben Jahr keine neuen Rekruten mehr gesehen, sodass seine Truppe auf sechsundsiebzig Mann geschrumpft war.

Sein Schwadron bildete mit vier weiteren Schwadronen das Eraliy-Regiment und unterstand Oberst Jair, der zwar über die einzelnen Handlungen seiner allesamt als Streifscharen dienenden Schwadrone nicht immer im Klaren war, dennoch ein guter Mann war. Jair war kalt und verteilte Lob nur selten, doch das brachte die Männer auch dazu, wie die Löwen darum zu kämpfen, einen Moment seiner Aufmerksamkeit zu erhalten.

Als dem Heer an einem Morgen befohlen wurde, Aufstellung aufzunehmen, wusste Heled, dass es so weit war.

Heleds Schwadron mochte nicht glänzen in den zusammengeflickten Kleidungs- und Rüstungsstücken, doch der Stolz sprach unverkennbar aus ihren Gesichtern. Selbst die Pferde standen still, als ob sie die Bedeutsamkeit dieses Moments erahnen würden. Links und rechts von ihnen standen drei der übrigen Schwadrone des Regiments – das letzte war vor wenigen Tagen aufgerieben worden und die Rittmeister grüßten sich gegenseitig. Dann standen sie erneut still, erwartungsvoll abwartend auf das was kommen möge.

Und dann lief ein Raunen durch die Reihen, ein Raunen von Männern, die zugleich versuchten ihren Befehlen gehorchend, sich ruhig zu verhalten und andererseits in Freudenschreie ausbrechen wollten. Denn nun wurden die Standarten heran getragen, auf Stoff gebannte Herrlichkeit des arthergischen Reiches.

Die Standarten waren der Grund, für den Soldaten bereit waren zu sterben. Jedes Regiment besaß zwei, eine Standarte, die den aufgerichteten und gekrönten Bären Arthergs zeigte, sowie das Wappen des Herzogtums, von welchem das Regiment stammte und eine zweite auf der ebenfalls das Wappen Arthergs aufgezeichnet war, jedoch trug diese Standarte ebenfalls den Namen des Regiments, der Schlachten, in denen dieses gekämpft hatte und besondere Taten. Das Eraliy-Regiment hatte nicht in vielen Schlachten mitgewirkt, da es im Hinterland eingesetzt wurde, doch dennoch gab es mehrere besondere Taten. Zum einen die Schlacht bei Manijol, wo Heleds Regiment den Rückzug des Heeres unter großen Verlusten geschützt und so die komplette Vernichtung verhindert hatte, dann die Vernichtung einer feindlichen Garnison, so dass eine der wichtigsten Städte Morlivs gefallen war, sowie einige weitere Verdienste.

Besonders stolz waren die Männer jedoch auf die beiden Flicken, die auf den ursprünglichen Stoff aufgenäht worden waren. Einer der Flicken zeigte die Zahl 27, der andere den Namen Karilo-Regiment in fremden Buchstaben, die sie doch in und auswendig kannten. Es waren Teile von den Standarten, die das Regiment von feindlichen Truppen hatte erobern können. Eine Standarte zu verlieren, war die schlimmste Schande, die einem Soldat widerfahren konnte. Männer mochten nicht für ihre Befehlshaber kämpfen, jedoch starben sie für die Sicherheit ihrer Standarten. Die Standarten waren das Symbol und der Stolz eines jeden Regiments, solange das Zeichen des Regimentes noch aufrecht stand, existierte es weiterhin und ihr Stolz war ungebrochen, auch wenn am Ende nur noch ein Mann leben mochte.

Heled selbst war bei der Eroberung der Standarten dabei gewesen und die zweite hatte er eigenhändig den Händen ihres letzten Beschützers entrissen. Er hatte gesehen, welche Kräfte verzweifelte Männer mobilisieren konnten, wenn sie sahen, dass ihre Standarte in Gefahr war. Und auch wenn Heled nicht stolz auf das arthergische Heer war und es eher noch verachtete, spürte er so etwas wie Stolz und Ehrfurcht in sich aufwallen, als er die Zeichen seines Regimentes über ihm stehen sah. Es war von Pfeilen durchlöchert und an einigen Stellen verkohlt – aber stand es noch und der Stolz seines Regiments war ungebrochen.

Oberst Jair ritt heran, das Gesicht wie immer undurchdringbar und kalt, hervorgehoben durch die stechend blauen Augen. Er hielt keine Ansprache, sprach den Männern keinen Mut zu, sondern lenkte seinen Schimmel nur stur auf seinen Platz vor das Regiment.

Der Generalstab ritt vor ihnen vorbei und Herzog Alemet kam so nahe an Heled vorbei, dass er ihm hätte auf den Kopf spucken könnte, doch er tat es nicht.

Es dauerte eine Weile, in der die Pferde unruhig hin und her tänzelten und die ehrfürchtige Stille von leisen Gesprächen unterbrochen wurde. Dann fingen die Trommler an zu spielen und in dem darauf folgendem Schweigen machte sich die Gewissheit breit, dass die Männer links und rechts von einem und vielleicht auch man selber bald in namenlosen Gräbern ruhen konnte. Und es würden viele Männer sterben, Astjiras galt nicht umsonst als uneinnehmbar.

Comments

  • Author Portrait

    Hey, das fängt vielversprechend an – und endet auch noch mit einem bösen Cliffhanger. Da lese ich gerne weiter. LG Amedod PS: Bei der wörtlichen Rede haben sich viele unnötige Punkte eingeschlichen. Das irritiert beim Lesen manchmal.

  • Author Portrait

    Ich kenne diese Geschichte bereits von WP und weiß, dass dieser Epos ein wahres Lesevergnügen darstellt. Jede gar jeder der sich vor längeren Texten nicht scheut, kommt um dieses Werk nicht umhin. Mitunter harter Tobak, dennoch immens durchdacht wie ausführlich.

beta
Fairy Dust

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