14. Der vergessene Prinz

Die Servina-Revolution war die größte Gefahr für Artherg in jüngerer Zeit und hätte fast in seiner Niederlage geendet. Allein durch die Gefangennahme des Oberbefehlshaber des servinischen Heeres, Ìsiven, durch Herzog Doeros von Tarea konnte die Waage zu Gunsten Arthergs geneigt werden und innerhalb eines Jahres wurde der Widerstand endgültig gebrochen.

Aus „Eine Chronik Arthergs“ von Machir

 

 

Mit schwungvollen Schritten ging Elieser auf die Ratshalle zu, als er im Schatten der Tür seine Frau stehen sah. Seine Frau. Sie war ein Kind, noch nicht zur Frau erblüht und doch waren sie verheiratet. Elieser verstand sehr wohl die Dringlichkeit, die hinter dieser Ehe stand, schließlich war diese Hochzeit doch teilweise seine Idee gewesen und dennoch war Alsra so jung. Sie war ohne Zweifel ein gutes Mädchen und versuchte sich so gut sie konnte den hiesigen Bräuchen anzupassen und alle Erwartungen, die an sie gestellt worden, zu erfüllen. Doch sah Elieser sie mehr wie eine neue Schwester, nicht wie die Frau, die ihm eines Tages seine Söhne gebären würde.

Sie hatte gelauscht, doch ihr Gesichtsausdruck war nichts sagend und angefüllt mit leerer Höflichkeit.

„Sie streiten sich wegen mir.“, meinte sie leise.

Elieser nickte. „Komm.“, bat er und die Kurprinzessin folgte ihm. Sie traten vor die Tore und schritten in das Dunkel des Morgens die Treppe hinab. Ein kalter Nebel hing über dem Goldenen Fluss und durch die Dunkelheit blitzten alleine die Laternen der Wächter.

Sie traten auf die eine Brücke und beugten sich über das tosende Wasser, heute war der Fluss unruhig und wehrte sich wie ein ungestümer Hengst, der das erste Mal einen Sattel tragen sollte, gegen seinen Lauf.

„Sie haben Angst wie unsere anderen Nachtbarländer auf diese Heirat und die damit klare Stellungsnahme in Richtung Artherg reagieren.“, erklärte der Prinz.

„Es geht um Madruk, nicht wahr?“. Überrascht sah Elieser das Mädchen an, auch wenn er ihr Gesicht kaum erkennen konnte. Vielleicht war sie doch klüger, als er gedacht hatte.

„Ja.“, stimmte er ihr zu. „Wir sind mit den Jorohnen verbündet, doch ist dieses Bündnis nur eine Illusion. Wenn Artherg Madruk angreifen sollte, haben wir keine Möglichkeit ihnen zur Hilfe zu kommen und wenn sie sich uns zu wenden sollten, müssten die Jorohne ihre Flotte vor den Eiswüsten ankern lassen, um sie dann zu durchqueren, damit sie uns zur Hilfe kommen können. Artherg liegt zwischen uns und trennt uns, das Einzige, was die Jorohne nun tun können, wenn sie sich beleidigt fühlen, ist das Bündnis aufzulösen. Sicherlich werden sie uns nicht angreifen, ein Krieg ist nicht in ihrem Interesse.“.

„Dennoch hätten sie die Macht gegen Artherg zu bestehen, nicht wahr?“.

 „Auf der See, ja.“, räumte Elieser ein, „Und das Schattengebirge schützt ihre Grenzen nach Artherg und Tjarol und der Strom Husai grenzt sie nach Nor ab, während das Meer im Osten liegt. Die wenigen Pässe sind dagegen durch mächtige Festungen geschützt. Allerdings weiß ich nicht, ob sie Artherg auch in offenen Feldschlachten besiegen können.“.

„Und ansonsten gibt es keine großen Mächte, mit denen ihr euch verbünden könntet.“. Alsra verstand, ohne Zweifel war ihr Vater ihr ein guter Lehrer gewesen.

Der Prinz seufzte und seine Hände umfassten das Brückengeländer. „Richtig. Wenn wir uns mit Varyny verbünden würden, würden wir Ikantjey unnötig reizen und keiner möchte die Löwen zum Feind haben. Mit Ikantjey dagegen…Nun sagen wir, sie sind kein einfacher wenn auch ein sehr mächtiger Bündnisgenosse. Sie würden Bündnisse nur im Kriegsfall schließen, wenn überhaupt. Die Zwergenreiche sind zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig zu bekriegen und ein Bündnis mit ihnen würde keinen Sinn machen. Oleon und Morliv sind von Artherg besetzte Staaten und Awith ist ebenso wie Madruk zu weit entfernt.“.

„Außerdem konkurrieren Madruk und Awith miteinander um die Vorherrschaft auf See.“, fügte Alsra leise hinzu.

„Richtig.“. Erneut starrte Elieser sie überrascht an.

„Das Inselkönigreich ist in den letzten Jahrzehnten zu einer beeindruckenden Seemacht herangewachsen und bald werden ihre Schiffe auch auf den von Madruk beherrschten Handelsrouten fahren und nicht mehr nur im Norden. Dann wird es zwischen den Beiden zum offenen Krieg kommen.“.

„Eine Annäherung an Artherg war deshalb nur logisch.“, erkannte die Kurprinzessin, doch dann beharrte sie: „Und dennoch bin ich eine Gefahr für euch.“.

„Und wieso meinst du das?“, fragte er seine Frau.

„Mein Vater ist nur ein Herzog.“, erklärte sie anfangs zögernd, doch dann zunehmend selbstbewusst. „Die anderen Herzöge mögen etwas dagegen haben und die Heirat als unrechtsmäßig erklären.“. Mit Überzeugung in den Augen sah sie ihn an.

Elieser lachte leise, doch nicht abwertend, sondern weil er dieses junge Mädchen bewunderte.

„Eine Heirat, die einmal geschlossen wurde, darf und kann alleine der Tod wieder trennen.“.

Alsra erwiderte zunächst nichts, doch sah er, dass er sie nicht vollkommen überzeugt hatte.

„Es mag sein, dass dies in deinem und nun auch meinem Volk so ist, doch in Artherg zählt allein der Griff nach der Macht. Ich bin die Erbin meines Vaters und ich glaube nicht, dass sie es akzeptieren werden, wenn die Söhne eines fremden Prinzen den Thron der Herzöge von Scheeru und einen Platz als Kurfürst im Rat des Königs erben.“.

War es Angst, die in ihren Augen schimmerte?

Er nahm ihre Hände mit den seinen und kniete sich auf ihre Höhe. Es zählte nicht, dass seine Hose in Dreck und Unrat geriet, es galt alleine dieses Mädchen vor ihm.

„Meine Dame. Ich verspreche dir, dass dir nichts geschehen wird, solange ich über deinen Schlaf und deine Schritte am Tag wache. Ich werde dich beschützen, egal was geschieht.“.

 

 

 

„Wir können nach Madruk fliehen.“, meinte Kesaj leise, während er mit den Fingern durch Jismayigs langes Haar fuhr. Sie hob den Kopf von seiner Brust und sah ihn an, zwar konnte er es aufgrund der Dunkelheit nicht sehen, doch wusste er, dass ein Ausdruck des Entsetzens auf ihrem Gesicht lag. „Hast du gesehen, was mit den beiden Oleonern passiert ist, die vor drei Tagen versucht haben zu fliehen? Ich sage dir, wir fliehen nirgends wo hin.“.

Kesaj richtete sich ebenfalls auf und stützte den Kopf auf den Ellenbogen. Es war dunkel in der Hütte, die ihrer Gruppe von Minenarbeitern als Schlafplatz für die Nacht diente. Es war eng, doch immerhin waren den Arthergern ihre Arbeitskräfte so wichtig, dass sie einfache Stockbetten errichtet hatten, um zu vermeiden, dass diese sich Krankheiten holten. Der Vorteil der beiden Tjaroler war jedoch, dass sie in eine Gruppe von Ástilos, also Menschen aus Servina, gesteckt worden waren, von denen niemand ihre Sprache sprach. Ihre Verständigung untereinander bestand somit aus wenigen einfachen Vokabeln und Zeichen.

„Was tun wir dann?“, fragte der einstige Soldat und nun Gefangener.

„Abwarten.“, entgegnete sie und jetzt wusste Kesaj, dass sie lächelte.

„Abwarten?“. Nun war er es, der entsetzt war. Sie waren jetzt seit eineinhalb Monaten hier und seit fünf Monaten war er in Kriegsgefangenschaft. Fünf Monate. Er wollte nach Hause.

„Jetzt sind wir die Neuen. Wir werden hart bewacht, weil sie die Hoffnung und Rebellion in unseren Augen sehen. Sie bemerken den Stolz in der Haltung unserer Köpfe. Wenn jedoch eine neue Gruppe Kriegsgefangene kommt, werden wir unwichtig, vor allem, wenn unser Haar stumpf wird und unsere Augen matt, wenn wir schlurfen anstatt zu gehen und unser Kopf seine stolze Haltung vergisst, dann können wir darüber nachdenken zu fliehen.“.

Sie hatte Recht musste Kesaj sich eingestehen.

„Ja.“, gab er widerwillig zu.

„Vergiss deinen Stolz.“, meinte sie und er spürte wie sie begann seine schmerzenden Schultern zu massieren. Ihre Finger waren rau, mit Hornhaut bedeckt, ihre Fingernägel rissig und schwarz vor Dreck.

„Hier, hilft dir alleine Demut weiter.“.

„Ich werde mich nicht den Knechtern meines Volkes unterwerfen.“. Seine Stimme wurde lauter als er es beabsichtigt hatte und einer ihrer Mitbewohner herrschte sie in dem sanften Singsang seiner Sprache an, vermutlich um ihnen zu bedeuten, leiser zu sein.

„Du musst.“. Jismayig nahm seine Hand. „Sonst wirst du sterben.“.

Er drehte sich auf der schmalen Pritsche um, um ihr Gesicht zu sehen, doch konnte er im Dunkel nur Schemen erkennen.

„Was planst du?“. In den fünf Monaten, seit denen er ihr das erste Mal begegnet war, hatte er sie gut kennen gelernt und er wusste genau, dass die Tjarolerin etwas im Schilde führte.

„Keine Flucht.“.

Kesaj wollte aufbegehren, doch legte sie ihm den Finger auf die Lippen und vollendete ihren Satz: „Sondern einen Aufstand.“.

 

 

 

Die Fackeln warfen lange Schatten in der dunklen Höhle und füllten die Luft mit wispernden Stimmen, die ihre Geschichten mit flackernden Bildern lebendig machten. Doch waren es Geschichten der Stille und der Nachdenklichkeit und Asahel mochte weder das eine noch das andere.

Sein ganzes Leben war geprägt von Stille, Einsamkeit und Geheimnissen. Nicht, dass er den Grund nicht einsah, aber es war ermüdend.

Es war ermüdend ständig auf der Flucht zu sein und von einem Ort zum Anderen zu ziehen, immer die Furcht im Nacken, verraten und gefunden zu werden. Seit fünfzehn Jahren ging das nun so und wenn es nach Asahels Begleiter gehen würde, würde es noch länger dauern.

„Tarear!“, rief er erneut.

Es brauchte noch einen weiteren Ruf, bis Tarear erschien. Einst war er ein starker Mann gewesen, doch die Zeit und die Jahre auf der Flucht hatte seine Stärke vergehen lassen. Nun war der einstige Generalleutnant nur noch alt. Sein Haar war grau wie der Stahl, den er an seiner Seite trug und obwohl er es nicht zugab, ließ seine Sehkraft deutlich nach. Er hinkte, was Tarear einer einstigen Schwertwunde zu verdanken hatte. Sein Gesicht war ernst, doch lag in seinem verbliebenen Auge ein freundliches Lächeln, das dennoch mit Traurigkeit angefüllt war. Das andere Auge war von einer Schwertnarbe zerstört. Die Reste des Augenliedes klebten noch über dem hellen Grün und Narbengewebe. Die Narbe zog sich noch über einen Teil der Stirn und seiner linken Wange, rotes und wulstiges Narbengewebe bedeckte sein Gesicht und erinnerte Asahel bei jeder Begegnung daran, in wessen Dienst Tarear einst sein Leben gestellt hatte.

Im Gegensatz zu ihm stand Asahel in der vollen Blüte seiner Jugend. Sein Gesicht war nicht von Narben verunstaltet, seine Haut jung und straff. Er hatte ein hübsches Gesicht mit langen Wimpern, die seine hellgrünen Augen umrahmten, vollen Lippen und rotbraunem Haar, das im Licht der Fackeln glänzte. Es war ein Gesicht, das Mädchen gefallen würde, nur gab es hier keine Mädchen. Das einzige weibliche Wesen, das Asahel persönlich kannte, war seine Mutter und die war bei seiner Geburt gestorben.

Asahels Vater war tot, vor fünfzehn Jahren war er auf den Befehl des arthergischen Königs mit Asahels beiden Brüdern hingerichtet worden. Ein Rebell war sein Vater gewesen und der rechtmäßige König von Servina. Doch hatte die Königin fliehen können und sie hatte dabei den Samen der Rache in sich getragen. Sie hatte ihr Leben für ihren einzigen Sohn und den Gedanken, das er eines Tages das Werk vollenden würde, welches ihr Gemahl begonnen hatte, gegeben: Die endgültige Souveränität Servinas von Artherg.

Servina war ein junger Staat, doch der Gedanke der Freiheit war älter als Artherg existierte und reichte bis zu dem Beginn Ciyens. Ciyen war vergangen, ebenso wie die Reiche nach ihm, nur träumte das Volk der Ástilos immer noch von ihrer Freiheit. Vor genau einundneunzig Jahren hatte König Jaakan von Artherg dem Volk der Ástilos ein kleines Stück Land an der Ostgrenze seines Reiches geschenkt, weil ein ástilosischer Arzt sein Leben gerettet hatte. Nun trug Servina den Namen des Arztes, doch hatten die Artherger seine Tat bald vergessen. Als Jaakans Sohn ein fünfjähriges Kind auf dem Thron hinterließ, holten sich die arthergischen Herzöge ihr Land zurück. Servina wurde eine arthergische Provinz und die Ástilos hatten nur dreiunddreißig Jahre Souveränität und Freiheit gelebt. Einunddreißig Jahre Knechtschaft folgten, bis endlich ein Mann es wagte, das Schwert gegen Artherg zu erheben: Ìsiven. Er scharte den Widerstand um sich, kämpfte zunächst im Verborgenen, bis sich König Rasidos von Servina, der bis dahin nur eine Marionette in den Händen Arthergs gewesen war, sich auf seine Seite stellte. Innerhalb von elf Jahren schaffte es der geniale Oberbefehlshaber Ìsiven, Artherg von einer Niederlage in die nächste zu treiben, bis er im zwölftem Jahr von Herzog Doeros von Tarea gefangen genommen wurde. Das Heer leistete noch eine Zeit lang Widerstand, doch ohne ihren Anführer zerfiel es. Es gab zu viele verschiedene Meinungen im Generalstab, als dass eine gute Führung bestehen konnte. Generalleutnant Tarear, der ein Korps angeführt hatte, war noch ein großer Sieg gelungen, doch es blieb der letzte. Am Ende kapitulierte Servina, König Rasidos und seine beiden Söhne wurden ausgeliefert und ebenso wie Ìsiven hingerichtet.

Es folgten drei Jahre mit Sanktionen, Massenhinrichtungen, Ausbeutung und Plünderungen, durch welche die Revolution fast wieder ausgebrochen war, wenn nicht dem Herzog von Scheeru die Provinz vom Thron als Lehen gegeben worden wäre. Herzog Havinon schaffte eine relativ sichere Währung, öffnete die Handelsstraßen nach Madruk wieder, schränkte die Hinrichtungen ein, beendete die Plünderungen ganz und gewann so die Herzen der Menschen, sowie den Frieden für nun zwölf Jahre.

Doch war Herzog Havinon ein Artherger und hatte kein Recht über Servina zu herrschen und so würde Asahel ihn ebenso bekämpfen wie jeden anderen Mann seines Volkes. Ihm stand der Thron rechtmäßig zu und eines Tages würde er diesen auch bekommen, wenn es nach ihm ginge schon bald.

Er betrachtete Tarear erneut. Der Mann war eindeutig zu alt und lebte allein in der Vergangenheit. Er sah in Asahel immer noch den kleinen Jungen, den er schon lange nicht mehr war.

„Es ist Zeit.“, begann er, doch Tarear schüttelte bereits unwillig den Kopf.

„Es ist viel zu früh.“, protestierte er.

Asahel seufze. Konnte dieser Mann nicht warten, bis er fertig gesprochen hatte? Immerhin war er sein zukünftiger König.

„Es ist Zeit, auch wenn Ihr es noch nicht wahrhaben wollt. Ich bin alt genug, wir müssen…“.

„Mein Prinz.“, unterbrach Tarear ihn, „Wartet noch. Artherg ist jetzt so gut auf eine Revolution vorbereitet wie nie. Tjarol wurde erneut niedergeworfen, an den Grenzen ist es ruhig, es gab letzten Sommer eine sehr gute Ernte und der Winter war in Artherg vergleichsweise mild. Wartet einige Jahre bis Herzog Havinon stirbt. Er hat keinen Sohn und ist zu alt, um noch einen zu zeugen. Wenn er stirbt, wird in seinem Herzogtum ein Erbfolgestreit ausbrechen, das bedeutet, dass die Truppen aus unserem Land abgezogen werden, um dort für Frieden zu sorgen. Außerdem wird die Unsicherheit und all die Fürsten, die mit Gewalt versuchen, unser Land unter ihrer Herrschaft zu bringen, das Volk bereitwillig in deine Arme treiben. Ich flehe Euch an, Eure Hoheit, wartet noch.“.

Sein Prinz schnaubte nur. „Havinon ist jetzt wie alt? Ende vierzig? Er ist robust und vollkommen gesund. Es dauert noch Jahre, bis der stirbt. Das dauert zu lange.“.

„Ihr habt fünfzehn Jahre gewartet, Hoheit. Euer Blut ist jung, Ihr könnt noch weitere Jahre warten.“.

„Warum sollte ich?“. Asahel begann in dem einstigen Bergwerk hin und her zu gehen. „Ich sehe nicht ein, was das bewirken sollte.“.

Er hatte dieses Gespräch schon so oft geführt und jedes Mal hatte Tarear ihn mit einem „Nächstes Jahr“ vertröstet. Dieses Mal würde er es nicht zulassen, dieses Mal würde er seine Rache bekommen.

„Euer Vater wartete zweiunddreißig Jahre, bis er endlich die Freiheit bekam.“.

„Die Freiheit des Henkerschwertes?“. Zornig sah er den alten Mann an. Sein Vater war immerhin noch in den letzten Tagen der Freiheit geboren worden, bevor Servina erneut eine arthergische Provinz geworden war. Er selbst dagegen kannte nur die Knechtschaft und er – allein er - würde sein Volk aus seinen Fesseln leiten.

„Ìsiven war nur vier Jahre älter als ich, als er in den Widerstand ging.“.

„Vier Jahre sind eine Menge Zeit, mein Prinz.“, entgegnete Tarear sanft, „Lasst diese vier Jahre vergehen, damit Ihr ein noch größeres Werk als Ìsiven vollbringen könnt.“.

Dennoch sah Asahel es nicht ein. Immerhin war Ìsiven trotz seiner Erfolge als Feldherr angeblich ein Bastard gewesen, er dagegen war von königlichem Blut. Es war schließlich allgemein bekannt, dass Bastarde weniger intelligent als eheliche Kinder waren. Und wenn selbst ein ehelicher Bauerntrampel intelligenter als der größte Feldherr Servinas war, wie viel besser musste dann ein Königssohn sein!

Asahel konnte es kaum erwarten, Männer in die Schlacht zu führen, das Glänzen der Rüstungen zu sehen und über die gewaltigen Reihen zu blicken, während über ihm die Banner seines Reiches flatterten.

„Tarear? Warum führte mein Vater eigentlich keine Schlachten?“, fragte er.

„König Rasidos überließ das Führen der Armeen lieber seinen Generälen, doch war er jedes Mal bei ihnen, sprach den Soldaten Mut zu und ritt an der Seite Ìsivens.“, erklärte der alte Krieger.

Was für eine unbefriedigende Antwort, empfand Asahel, die Ehre eine Armee zu führen, oblag dem König. Kein Mann hatte das Recht, dass sein Name bekannter war und mit mehr Ehrfurcht ausgesprochen wurde als der des Königs. Er würde seine Armee selbst anführen, beschloss er, und seine Generäle konnten froh sein, dass sie die Ehre hatten, unter ihm zu dienen.

„Mein Prinz? Wollt Ihr es Euch noch einmal überlegen?“, fragte Tarear vorsichtig.

„Nein.“, erklärte er selbstbewusst. Er hatte es satt. Das ewige Weglaufen, Tarears ewige Vorsicht.

Jetzt war die Zeit, umzukehren und dem Feind den Dolch in den Rücken zu stoßen.

„Ich will einen Krieg.“. Er dachte an seinen Vater, seine ermordeten Brüder, seine Mutter

„Ich will Rache.“. Er sah sein Volk vor sich, die Toten, die es zu beklagen hatte. All das Leid.

„Und.“. Er ballte die Hand zur Faust und spürte wie die Fingernägel ihm ins Fleisch schnitten. „Ich will Freiheit und Souveränität.“.

 

 

 

 

Es war ein dunkler und regnerischer Tag, als der Reiter am Palast von Zwillingsstadt auftauchte. Dunkel wie die Nachrichten, die er brachte. Es war einer von Heleds Reitern, ein junger Mann, dessen Pferd blutig geritten war und dessen Gesicht ausgezehrt und müde wirkte.

Elieser befand sich grade im Gespräch mit einer seiner älteren Schwestern, die mit einem Kinde ging, in der großen Halle, als sich die Tür öffnete und der Soldat hereinstürzte.

Der Prinz sprang auf, stieß einen Becher mit Bier um und lief dem Mann entgegen. Seine Schwester folgte ihm mit einem besorgten Gesichtsausdruck langsam.

„Was ist passiert?“, fragte er in der Sprache Arthergs. Er sah aus den Augenwinkeln, dass sich die Türen zu Seitengängen öffneten und weitere seiner Geschwister herein traten.

„Wir wurden angegriffen.“, begann der Mann und nickte Eliesers Schwester dankbar zu, als sie ihm einen Becher mit Wasser reichte. „Es waren mindestens zweihundert Mann, eher dreihundert. Wir waren umzingelt und Heled schickte mich zurück, um Eure Stadt zu warnen. Mir gelang es zu entkommen und hier bin ich nun.“.

„Was ist mit dem Herzog?“, wollte Elieser wissen. Er dachte an seine kleine Frau, ihre Sorgen, die sie ihm erst heute Morgen geäußert hatte.

„Ich weiß es nicht.“, entgegnete der Krieger, „Ich floh bevor, der Kampf an sein Ende gekommen war. Allerdings muss ich Euch sagen, dass ich – soweit meine wenigen Erfahrungen es erlauben, mir ein Urteil zu bilden – wenig Hoffnung hab. Heled ist ein wirklich sehr guter Rittmeister, doch selbst er wird es nicht schaffen, sich einer dreifachen Übermacht zu erwehren.“. Er senkte den Kopf. „Es tut mir leid, Prinz Elieser. Es waren gute Männer und sie haben tapfer gekämpft.“.

Nein, wollte er am liebsten schreien. Es ging um viel mehr als den Tod guter Männer, es ging um die Zukunft von Nationen. Herzog Havinon war auf dem Gebiet der Zwillingsreiche gefallen, wenn er denn tot war, was aber nicht unwahrscheinlich war, und Artherg…Nun, was würde Artherg tun?

Es schien, als hätte seine Frau mit ihrem Szenario an diesem Morgen Recht behalten, seine kleine kluge Frau. Fast wagte er es nicht, den Gedanken überhaupt zu Ende zu denken, doch musste er es auch gar nicht, denn sein Drillingsbruder Jetur kam ihm zuvor. Scheinbar gelassen lehnte er an dem Holz der Halle, doch kannte Elieser ihn gut genug, um zu wissen, dass in seinen Augen der Zorn glühte.

„War es das, was du wolltest, als du meintest, die Tochter und Erbin eines Herzogs und Kurfürsten ehelichen zu müssen? Einen Krieg?!“.

Die kalte Luft, die den Raum füllte, als Jetur die Halle nach draußen verließ und das Tor in das Schloss knallte, ließ Elieser erzittern. Auf einmal war tiefster Winter über die Zwillingsreiche gekommen, obwohl eben noch das Erwachen des Frühlings begonnen hatte.

 

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beta
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