17. Zerbrochener Frieden

Magie ist eines der größten Mysterien der Geschichte. War sie den Menschen über Jahrtausende vorenthalten, tauchte sie im 42 Jahrtausend elbischer Rechnung urplötzlich auch bei Menschen auf. Wie es geschah und warum zu diesem Zeitpunkt sind Fragen, die bis heute ungeklärt sind.

Aus „Eine Studie der Magie“

 

 

 

Das Singende Tal war ein schöner Ort und umso weiter Heled an Linovèns Seite schritt, desto mehr nahm in dieser Ort für sich ein.

Sie stiegen den Abhang hinab und folgten einem mit Schotter befestigten Weg, der sie an das Ufer des Flusses führte. Es war ein schneller, kleiner Fluss, an dessen Ufern Eisstücke hingen. Einige Vögel krächzten über ihnen, schwebend in dem klaren, blauen Frühjahrshimmel.

„Im Winter friert er häufiger ganz zu.“, erklärte Linovèn, „Doch dieses Jahr…Es war ein ungewöhnlich milder Winter.“. Sie runzelte die Stirn und murmelte erneut. „Ein wirklich milder Winter.“.

Heled nickte nur knapp. Es war ein milder und kurzer Winter gewesen und da der Rittmeister diesen in der Bergfestung Astjiras  in Tjarol verbracht hatte, war er froh darüber. Vielleicht würde die Milde und Kürze den Bauern eine weitere Ernte ermöglichen. Es schien ein gutes Jahr zu werden.

Die Felder, die sich zu beiden Seiten des Flusses ausbreiteten, waren noch mit Resten von Schnee bedeckt, doch streckten die ersten Blumen ihre Köpfe dem Licht entgegen.

Sie erreichten den Wall, der mit Gras bewachsen war und folgten dem Pfad durch das Dorf. Die Häuser waren aus einfachem grauem Stein erbaut und mit aus Ton gebrannten Schindeln wurde das Spitzdach vor Nässe geschützt. Einige waren mit Bemalungen verziert und aus den Türen ragten vielfältige Schnitzwerke hervor. Und überall sah man das Wappen des alten Elbenkönigreiches Ciyens, dessen Macht vor etwa zweitausendfünfhundert Jahren zerbrochen war und dessen Glanz nur noch in den Träumen dieser Elben existierte. Heute fand man nur noch Ruinen an der Stelle großer Städte, vereinzelte Schriftstücke, die über die Jahrhunderte sorgfältig gehütet worden waren, seitdem der Großteil elbischer Schriften von König Harendis vernichtet worden war. Selbst die elbische Sprache, die in den ersten Jahren Arthergs die Sprache der Gelehrten und des Adels gewesen war, wurde nicht einmal mehr gelehrt.

Die Elben mochten hoffen, doch war ihre Zeit vorbei und nun herrschten die Menschen. Und dennoch konnte Heled nicht verleugnen, dass den Elben etwas Majestätisches und Mächtiges anhaftete. Einige Elben kamen ihnen entgegen, lachende und erzählende Frauen, die Wasserkrüge auf den Köpfen balancierten und den Fremden, der so plötzlich in ihr Zuhause eingebrochen war, neugierig und erstaunt musterten. Doch keine von ihnen wirkte ängstlich, es schien, als vertrauten sie Linovèn, dass sie das Richtige tat.

Linovèn hielt vor einem Haus an, dessen Tür mit Muscheln geschmückt war, die im Licht der Sonne funkelten. Sie stieß die Tür auf, lächelte ihn entschuldigend an und winkte ihn herein. Es war ein helles Esszimmer mitsamt einer Küche. Durch große Fenster fiel Licht herein, das von den Fensterscheiben geprägt, einen leichten Grünstich besaß. Das Licht beleuchtete die unzähligen Kräuterbündel, die von der Decke hingen, Töpfe und Tiegel, hölzerne Schränke standen an den Wänden und in dem Herd glühte noch schwach die Glut. Ein großer Tisch aus Eichenholz stand in der Raummitte, doch bis auf zwei Kerzenständer war er leer, die vielen Kerben zeugten von der großzügigen Nutzung des Tisches. Es gab zwei Türen, die eine führte vermutlich in die Speisekammer oder – wenn es so etwas hier gab – in den Keller. Eine weitere würde nach hinten oder in das nächste Stockwerk führen. Es roch nach Rosmarin, Basilikum, Majoran, Dill, Kümmel und Minze, sowie kaltem Essen, dessen Duft sich jedoch schon weit verflüchtet hatte.

Linovèn öffnete eine weitere Tür und führte ihn über eine Treppe ins Obergeschoss hinauf. Zwei Türen gingen von dem Gang ab und die Elbe öffnete die Linke von ihnen. Es war kein großer Raum, der von der Schräge unter dem Dach zusätzlich verkleinert wurde, doch war es ein gemütlicher und schöner Ort. Den größten Platz nahm ein Bett ein, das mit Fellen und Wolldecken ausgelegt war, an den Seiten standen mehrere Schränke und zwei Regale, in denen sich die Bücher und Schriftrollen stapelten, sowie ein kleiner Schreibtisch. Auch in diesem Raum roch es nach Kräutern, doch lagen diese sorgfältig geordnet und beschriftet in den Regalen.

Mit einer Handbewegung gebot sie ihm, sich auf das Bett zu legen. Er zog sein Wams aus und erschauderte, als die kühle Luft seine nackte und empfindliche Haut berührte. Linovèn löste seinen Verband und untersuchte seine Wunde vorsichtig und dennoch zuckte Heled vor Schmerz zusammen, als ihre Finger die Verletzung berührten.

„Warte hier.“, bat sie und verließ den Raum. Als sie zurückkehrte, trug sie eine Schale mit Wasser bei sich. Wenig später wusch sie die Verletzung aus.

„Lebst du alleine hier?“, fragte Heled, um sich vor den Schmerzen abzulenken.

„Nein. Mein Vater Jesaja wohnt mit mir hier, allerdings ist er der erste Wächter des Tals und dementsprechend häufig auf Patrouillen oder in den Bergfesten unterwegs.“.

Liebe klang aus ihrer Stimme – eine Liebe, die Heled für seinen Vater nie hatte empfinden können, davon abgesehen, dass er den Mann, der ihn gezeugt hatte, nie Vater genannt hatte.

Er fragte nicht nach ihrer Mutter, doch hing die Frage wie unsichtbar zwischen ihnen und er spürte wie ihre Finger sich verhärteten, als sie irgendeine Creme in die Wunde einrieb, welche zuerst wie Feuer schmerzte, dann aber nur einen angenehme Kühle hinterließ.

„Wusstest du, dass du der Magie fähig bist?“.

Ein Schauer lief dem Rittmeister über den Rücken, als er erkannte, wie viel diese Elbe, die ihm immer noch eine Fremde war, über ihn wusste. Zu viel.

„Ja.“, antwortete er, „Doch nur wenig. Ich nutze sie nur in äußeren Notsituationen.“.

„Wenig?“. Sie lachte leise in sich hinein. „Du hast Recht, in einem Punkt besitzt du wenig Kraft und das ist der aktive Kampf, aber in der Defensive...Herausragend müsstest du im Feld des Illusionismus sein.“.

Sie lachte erneut, als sie sein verdutztes Gesicht bemerkte.

„Ihr Menschen denkt immer an das Schleudern von Feuerbällen, gewaltigen Wasserwänden, Erdbeben und das Fliegen wenn ihr an Magie denkt. Doch ist dies die einfachste Form der Magie, weil sie als Magie erkennbar ist. Die gefährlicheren Formen sind die, welche man nicht als Magie erkennen kann, die, bei denen die Grenzen zwischen Realität und Schein verschwinden.“.

Sie hielt kurz inne, um einige Kräuter aus dem Regal zu suchen, dann kehrte sie wieder zurück.

„Ich dachte deswegen zuerst, dass du so dein wahres Gesicht verbirgst, aber nutzt du dabei keine Magie.“.

Linovèn nahm ein Buch aus dem Regal, schlug es auf und las etwas nach. Als sie es zurückstellte, meinte sie: „Ich hätte gleich darauf kommen müssen, dass du die Gabe eines Iaskans nutzt.“.

Heled kannte das Wort nicht, das sie nutzte, doch wusste er die Bedeutung und es gefiel ihm überhaupt nicht, dass sie es wusste.

„Ich weiß nicht, wie du sie dazu gebracht hast, ihre Magie mit dir zu teilen, doch bin ich beeindruckt. Die Wenigsten wissen überhaupt, dass sie existieren.“.

Er erwiderte nichts, doch fuhr sie schon fort: „Bei euch Menschen ist allgemein die Meinung verbreitet, dass Magie nur die Verstärkung der vorhandenen Charaktereigenschaften einer Person ist, doch ist dies nicht die Wahrheit. Zu einem Zeitpunkt in deiner Linie muss ein Elb aufgetaucht sein und dessen Gaben sind vorherrschend in deiner Familie. Die Gaben dieses Elben wurden auf dich weitervererbt und wer auch immer es war, muss sehr mächtig gewesen sein.“.

Heled schwieg, doch davon hatte er noch nichts gewusst.

„Kommt das Blut von der Seite deines Vaters oder deiner Mutter?“, bohrte sie weiter nach und er brummte in ein Kissen als Antwort. „Von der Familie meiner Mutter.“.

Er konnte nicht ausschließen, dass sein Vater ebenfalls Elbenblut in seinen Adern getragen hatte, doch kam es mindestens von seiner Mutter.

„Wer war sie?“.

„Das geht dich nichts an.“. Dieses Mal war seine Stimme zornig. Diese Elbe war eindeutig zu neugierig und Fragen über seine Familie durfte niemand stellen.

„Du hast sie geliebt.“, stellte sie fest, doch hörte sie auf, Fragen zu stellen und berichtete stattdessen von sich selbst: „Meine Mutter ist gestorben als ich noch ein Kleinkind war. Ich erinnere mich kaum an sie und das Wertvollste, was ich von ihr besitze, ist ein Armband, das allein durch seine Geschichte wertvoll ist.“.

Sie schob den Ärmel ihres Gewandes hoch und zeigte ein Armband, das aus Pflanzenfasern und Fell zu bestehen schien, allein verziert durch einige Muschen.

Sie zuckte mit den Schultern und verbarg das Erbstück wieder, bevor sie damit begann, den Verband wieder umzulegen.

„Wahrscheinlich wirst du noch wütender auf mich sein, wenn ich dir das jetzt auch noch erzähle, aber hast du ein Recht, es zu erfahren.“.

Sie machte eine kurze Pause, bevor sie verkündete: „Als ich dich wieder ins Leben zurückholte, zumindest dein Bewusstsein, habe ich entdeckt, dass einige deiner Erinnerungen mit Magie gelöscht worden sind.“.

Abrupt richtete Heled sich auf, ignorierte das schmerzhafte Pochen in seiner Schulter uns starrte die Elbe an.

„Meine Erinnerungen gelöscht?“, wiederholte er leise.

„Nicht gelöscht.“, verbesserte sie rasch, „Wenn man etwas löscht, fällt es auf. Es ist eher so, dass deine wahren Erinnerungen geschickt überspielt worden sind, jedoch nur ein Teil, so dass sich Lüge und Wahrheit abwechseln.

„Welchen Teil meiner Erinnerungen betrifft es?“, fragte er, mühsam darauf bedacht, die Kontrolle zu behalten.

„Die Erinnerungen betreffen Ereignisse im Zeitraum vor siebenundzwanzig Jahren bis vor fünfzehn Jahren. Mehr konnte ich auch nicht erkennen.“. Sie lächelte entschuldigend.

Heled dagegen beachtete sie nicht, sondern ballte die Faust. Zwölf Jahre seines Lebens waren verändert, gestohlen. Was wenn seine Familie eine Lüge gewesen war? Sein Sohn war schon früher geboren worden, doch war seine Tochter in diesem Zeitraum geboren worden. Und sein Weib und seine Kinder waren in dieser Zeit gestorben? Bedeutete das, das sie noch lebten?

Wie konnte er sich jemals wieder auf etwas verlassen?

Heled ließ sich ins Kissen zurücksinken und starrte die Decke an.

 

 

 

Die Stimmen wüteten durch den Saal, so dass Elieser nur einzelne Satzfetzen verstand. Schatzmeister Avvin und der Hausmeier Jirossin schrieen sich über den ganzen Saal hinweg an und gestikulierten dabei wild. Avvin sprang auf und stampfte mit den Füßen auf den Boden, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen.

„Ruhe!“. König Föreliers Stimme war nicht laut genug, um alle zu übertönen, doch erreichte sie seine Nachbarn und diese trugen die sich ausbreitende Ruhe weiter, bis alle schwiegen.

„Streit bringt uns nicht weiter.“, erklärte er und deutete auf den Brief, der vor ihnen lag, die Ursache der Streitereien. „Stattdessen müssen wir überleben, wie wir die Sache handhaben können.“.

„Wir müssen das Mädchen zurückgeben.“, erklärte Eliesers ältester Bruder und Thronerbe Rivadier. Er blickte zu Elieser und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Es tut mir Leid, Bruder. Aber wir können einen Krieg gegen Artherg nicht gewinnen und wenn wir uns weigern ihrer Forderung nachzukommen, wird es zwangsläufig dazu kommen.“.

„Und was ändert das?“, fragte Elieser. Er dachte an Alsra, ihre leuchtenden Augen, als sie von ihrer Heimat erzählt hatte, ihre unfassbare Klugheit, ihre Liebe gegenüber ihrem Vater. Sie würde sich der Entscheidung des Rates unterordnen, seine Frau war pflichtbewusst und zu klug, um offenen Widerstand zu leisen, doch würde er es schaffen, den Blick ihrer Augen zu entgegnen? Oder würde die Trauer, die er dort finden würde, ihn brechen?

Elieser sah seinen Vater an und seine Mutter, seine Geschwister und die restlichen Höflinge.

„Was ändert es?“, fragte er erneut. „Wir haben doch schon immer gewusst, dass es früher oder später zum Konflikt mit Artherg kommen wird. Was macht es für einen Unterschied, wenn wir ihn einige Jahre früher führen? Jetzt können wir uns darauf vorbereiten, aber wer kann uns garantieren, dass sie in ein, zwei Jahren nicht einfach über unsere Grenzen marschieren?“.

„Ein jetziger Frieden wäre noch immer de…“, begann Rivadier, doch unterbrach Elieser ihn: „Ungewissheit vorzuziehen? Ich will keinen Krieg, doch haben wir keinen Frieden, nicht mit einem Nachbarn wie Artherg.“.

„Es besteht immer noch die Hoffnung, dass Artherg in einem Krieg mit einem anderen Land zerfällt.“, äußerte sich Avvin.

„Hoffnung? Und wer soll dies sein? Die Provinzen mögen vielleicht die Macht haben, arthergische Truppen aus ihrem Land zu vertreiben, doch werden sie niemals die Möglichkeit haben, Artherg auf eigenem Boden zu besiegen. Ikantjey mag die arthergischen Armeen zerschmettern, doch werden sie das Land in Frieden lassen. Vielleicht plündern sie ein wenig, möglicherweise fällt ein Teil des Südens an sie, doch sind sie nicht diejenigen, die dauerhaft fremdes Gebiet beherrschen und der größte Teil Arthergs ist von den klimatischen Bedingungen her für sie uninteressant. Sie werden Artherg nicht daran hindern, sich wieder zu erheben, solange sie sphinxisches Gebiet in Frieden lassen. Die Zwergenreiche und Awith haben nicht die Stärke gegen Artherg zu bestehen und Madruk…Madruk ist die einzige Macht auf die wir hoffen könnten, doch werden sie selbst Artherg nicht zuerst angreifen. Artherg dagegen wird zuerst gegen unser Land ziehen, bevor sie sich der weitaus größeren Gefahr, die von Madruk ausgeht, zuwenden werden. Worauf also, Avvin, willst du hoffen?“.

„Wir haben ein Bündnis mit den Jorohnen.“, empörte sich der Hausmeier.

„Ein Bündnis, das uns nichts nützen wird, wie wir alle wissen.“, verteidigte Elieser seine Meinung.

Beistand erhielt er ausgerechnet von seinem Drillingsbruder Jetur, der sich in die Diskussion bisher nicht eingemischt hatte.

„Er hat Recht.“, erklärte Jetur und musterte seinen Bruder mit einem schiefen und nicht besonders freundlichen Blick. „Mein Bruder hat Prinzessin Alsra rechtmäßig und dem Gesetz nach zum Weib genommen, wenn wir sie dagegen ausliefern, erklären wir diese Gesetze – unsere Gesetze – als unrechtmäßig. Was würde das Volk denken? Alsra mag nur wenige Wochen hier sein, doch wird sie schon vom Volk geliebt. Wir würden unsere gesamte Glaubwürdigkeit verlieren und das Volk wird beginnen, uns als negativ zu sehen. Das bisschen Frieden, dass ihr – verehrte Eltern – in den letzten Dekaden ausgebaut habt, würde zerbrechen und der alte Bürgerkrieg wieder ausbrechen. In beiden Fällen werden wir fallen, doch die Frage nach dem wie bleibt bestehen. Wir können uns im Bürgerkrieg aufreiben, als Verräter beschimpft werden, oder wir können unter der arthergischen Macht zerbrechen und als Bewahrer der Ehre vom Volk verehrt werden. Die zweite Möglichkeit bietet einen Wiederaufbau, einen Neuanfang, die Erste, ein Reich aus Kleinstaaten, so wie es schon zu Zeiten von König Riphozik geschah.“.

Elieser war nicht immer gut mit seinem Bruder ausgekommen, doch seine Redefähigkeit musste man ihm zugestehen.

Zustimmendes Gemurmel ertönte von einigen Sitzen und was Eliesers Argumente nicht vermocht hatten zu tun, hatten Jeturs erreicht: Zweifel.

„Wir können nicht zurück.“, stimmte jemand von der anderen Seite des Tisches zu, „Wir haben unser Todesurteil unterschrieben, als wir dieser Hochzeit zustimmten, doch wenn wir es jetzt zurücknehmen, verschlimmern wir alles nur noch.“.

Elieser bemerkte wie er angestarrt wurde und er empfand stark das Gefühl der Schuld. Immerhin war die Hochzeit mit Alsra seine Idee gewesen, somit trug er indirekt die Schuld an diesem Schlamassel. Doch bereuen tat er es nicht. Wie hatte er ahnen können, dass Herzog Havinon auf dem Gebiet der Zwillingsreiche einem Überfall zum Opfer fiel? Und Alsra…Er mochte dieses Mädchen, er bewunderte ihren wachen Geist, ihre Zielstrebigkeit. Und hatte Jetur Recht, früher oder später wäre es zum Krieg gekommen, nun hatte Artherg nur eine Rechtfertigung bekommen. Und wer wusste es schon, doch vielleicht würden sie dennoch in den Krieg ziehen, nachdem sie Alsra hatten, um Herzog Havinon zu rächen.

Es schien, als ob König Förelier zum demselben Schluss gekommen war. Er sackte in sich zusammen und Resignation breitete sich auf seinem Gesicht aus. Seine Frau legte ihm die Hand auf die Schulter, doch beachtete er sie nicht. Erneut fiel Elieser auf, wie viel Stärke seinem Vater fehlte, die seine Mutter besaß. Ein König hatte nicht schwach zu sein und doch war Förelier es.

Es war also Königin Indifau, welche die Kraft fand die Worte auszusprechen, die unsichtbar als dunkler Schemen über ihnen hingen.

„Dann herrscht also Krieg.“.

Der Frieden zerbrach wie das Glas in der Hand von Rivadier. Die Scherben schnitten in die Handflächen von Eliesers Bruder und Blut tropfte dunkel auf seine Kleidung. Dunkles Blut, das die aufgenähten Zwillingsthrone bedeckte und scheinbar die Form eines aufgerichteten Bären annahm. Ein Bär, der sich über die Zwillingsthrone erhob. Zerbrochener Frieden und ein zerbrochenes Reich.

Elieser ballte die Hand zur Faust und Tränen glitzerten in seinen Augen.

 

 

Kesaj hatte die Minen kennen gelernt, ihre Gefräßigkeit, der immer wieder Menschen zum Opfer fielen und die Arbeiter, die versuchten sich vor eben dieser zu schützen. Er hatte gelernt, jene Aufseher zu erkennen, denen alles egal war, solange man nur seine Arbeit machte und jene, denen es Spaß machte, die Kriegsgefangenen leiden zu sehen. Und er hatte sich auch mit den Arbeitern auseinandergesetzt. Der größte Teil der Arbeiter stammte aus Tjarol und Servina, doch gab es auch kleinere Gruppen aus Oleon und sogar ein halbes Dutzend Morliver. Er filterte heraus, welchen Menschen alles egal war, solange man sie nur in Ruhe ließ, welche schmutzige Ratten waren, die für ein Stückchen Brot und einen Teller mehr Suppe jegliche Information an die Aufseher verrieten, die Frauen, die bereitwillig die Lager der Aufseher teilten und die, welche versuchten, sich zu entziehen. Dann gab es auch Menschen wie ihn und Jismayig, in deren Augen noch versteckter Kampfeswille lauerte und deren Blick noch von Hoffnung sprach.

Er führte Gespräche, viele Gespräche und fand heraus, wem er trauen konnte und wem nicht. Doch sorgte er sich, um die Möglichkeiten eines Aufstandes. Es gab keine Einheit der Gefangenen und schon gar keine Freundschaft zwischen den einzelnen Gruppen. Sorge machten Kesaj nicht die Morliver, die sich mit den Herren arrangiert hatten und zum gehobenen Stand der Gefangenen gehörten. Auch die zähen und kampfeswilligen Oleoner waren es nicht, die ihn länger beschäftigten. Die Ástilos aus Servina blieben zwar unter sich und betrieben keinen Kontakt mit den anderen Gruppen, doch waren sie nichts im Vergleich zu Kesajs eigenem Volk – wenn man es denn so nennen konnte. Denn das, was die Artherger als Tjarol bezeichneten, war allein ein Gebiet, auf dem verschiedene Völker und Stämme lebten, die häufig verfeindet waren. Es existierte keine Freundschaft zwischen den Stämmen in Tjarol und so war es auch bei den Menschen. Nicht selten kam es zu Kämpfen zwischen den Tjarolern und meistens starb jemand dabei. Es wurden Tote gefunden, die den äußeren Verletzungen nach an einem Sturz oder Steinschlag gestorben waren, von denen aber jeder wusste, dass sie einer internen Streiterei der Tjaroler zum Opfer gefallen waren.

Kesaj stammte aus dem Schattengebirge, dem Nordosten Tjarols, und empfand dementsprechend einen ausgesprochenen Hass gegenüber den südlichen Wüstenvölkern, den nördlichen Waldvölkern und den Menschen der südlichen Flussländer. Doch war er bereit diesen Hass zugunsten seiner Freiheit niederzulegen – um ihn in Tjarol wieder aufzunehmen. Es konnte keine dauerhafte Einheit in Tjarol geben, zu verschieden waren die einzelnen Völker in ihrer Geschichte und ihrer Lebensart, doch solange die arthergische Gefahr bestand, würde er sich eben zusammenreißen müssen.

Der Pickel glitt Kesaj aus und nur im letzten Moment konnte er die Spitze an seinem Finger vorbeilenken. Das Metall traf auf das Gestein und glitt daran ab. Ein Geräusch ertönte hinter ihm im Stollen, doch wandte er sich nicht um. Er konnte den feuchtwarmen Atem des Aufsehers in seinem Nacken spüren, ließ sich jedoch daran nicht ablenken und arbeitete sorgfältig weiter. Eisenerz war es, das hier gefördert hatte und mit jedem Brocken, der in den Karren fiel, wusste Kesaj, dass damit eine neue Waffe geschmiedet werden würde, die sich gegen seine Brüder und Schwestern richten würde. Wenn sie doch nur schon geschmiedet wären, dann würde er die Klinge hinter den Aufseher hinter sich führen. Doch war es nur ein Wunschtraum und sein Ziel war es nun, diesen zur Realität werden zu lassen.

Der Aufseher ging weiter und wandte sich dem Streit zu, der zwischen zwei Tjarolern einer benachbarten Gruppe ausgebrochen war.

In diesem einen Moment, in dem sie unbeobachtet waren, beugte sich Kesajs Nebenmann zu ihm herüber und tat, als ob er den Stützbalken zwischen ihnen untersuchen würde. Es war ein Ástilos, dessen Körper von Narben übersäht war und dessen Zähne entweder fehlten oder faul waren. Sein Haar war in Büscheln ausgefallen und nur noch vereinzeltes, schmutziges Haar war an einigen Stellen zurückgeblieben.

„Du solltest vorsichtiger sein.“, erklärte er leise in Kesajs Sprache.

Kesaj erstarrte. Dieser Mann war einer, mit dem er die Hütte teilte. Bedeutete das, dass er alles gehört hatte? All die Pläne, die Jismayig und er in den letzen Tagen und Wochen geschmiedet hatten?

Der Ástilos kicherte, als ob er seine Gedanken gehört hatte.

„Wenn man so viele Gefangene und Wächter erlebt wie ich, könnte es in der Tat sinnvoll sein, ihre Sprachen zu kennen, um ihre Geheimnisse zu erfahren. Du meinst nicht wie viele Fluchtpläne ich schon gehört habe. Einer wahnwitziger als der Nächste.

Die Idee deiner Frau jedoch, sie gefällt mir und scheint für mich tatsächlich eine gewisse…hm…Zukunftschance zu haben. Ich habe mich entschlossen, euch zu helfen, doch zuerst bitte ich euch: Wartet noch einige Wochen, vielleicht auch Monate.“.

„Wieso?“, fragte Kesaj leise und sah zu der Streiterei hinüber, die in der Zwischenzeit zu einem Gemetzel ausgeartet war.

„Weil dann die Revolution in Servina wieder ausbricht.“, entgegnete der Alte mit völlig fester Stimme.

 

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media