18. Das Schwert des Bären

Das Zeichen des Krieges wurde umgelegt, der Prinz bestieg sein Pferd und setzte sein Heer in Marsch – um die Welt niederzuwerfen und die Träume von arthergischer Größe und Macht zu erfüllen.

Beginn eines Berichts aus Deans „Die Kriege Arthergs“ über den Krieg Arthergs gegen ihr Nachtbarland Iranhi

 

 

Zwei Wochen verblieb Heled im Singenden Tal. Es war eine angenehme Zeit, doch desto länger er zur Untätigkeit verdammt war, desto unruhiger wurde er. Linovèn, die ihn im Bett festhielt, war sein einziger Kontakt zur Außenwelt. Einmal hatte er auch ihren Vater Jesaja getroffen, einen ernstem und pflichtbewusstem Elben, der jedoch kurz darauf wieder aufbrach.

Seine Wunde verheilte, jedoch zu langsam. Von einer Entzündung war er verschont geblieben und dennoch hatte Linovèn die Wunde mit dem Gift von irgendwelchen Pilzen betäuben müssen, damit er in der Nacht Schlaf fand. Was jedoch fiel schlimmer war, war der Gedanke, dass er beim Kämpfen in Zukunft extrem eingeschränkt sein würde. Wie die Elbe ihm erklärt hatte, würde er den Arm nie mehr über seine Schulter heben können, was bedeutete, dass er den Säbel nun mit der linken Hand führen würde. Für Heled war das relativ egal, da er mit beiden Händen gleich gut kämpfte, doch würde es ihn im Kampf mit zwei Schwertern einschränken. Es gefiel ihm nicht, diese Verletzung hier haben und hier festzusitzen, während anderswo wichtige Dinge geschahen.

Auch als Linovèn ihn nach zwölf Tagen aufstehen ließ, hatte er nach wenigen Tagen alles gesehen, was dieses Tal zu bieten hatte. Es mochte ein Zufluchtsort sein, doch war es zugleich ein Gefängnis.

Immerhin hatte seine Begleiterin das erkannt, denn wie sie Heled anvertraute, hatte sie das Tal verlassen wollen, um zu einer anderen Gruppe Elben zu gehen.

„Im Schattengebirge.“, meinte sie an einem Abend, an dem sie ihm Gesellschaft leistete. „Dort leben die Schwester und der Bruder meiner Mutter in einem weiteren Dorf.“.

„Ihr seid weit verteilt.“, meinte Heled, „Macht es dich nicht traurig, dass Ciyen zerfallen ist?“.

Linovèn zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ciyen war nie ein friedliches Land, die ersten Jahre waren geprägt von Aufständen und Rebellionen, bis Königin Kaye das Land einte. Nach ihrem Tod ging es so weiter, Bürgerkriege, Rebellionen. Jahrtausende lang. Dann kamen die Zeit von Seuchen und Krankheiten und dann der 500jährige Krieg, der Krieg des Grauens, die sphinxisch- elbischen Kriege. Ist dir bewusst gewesen, dass es nur neun elbische Könige gab, in deren Regierungszeit vollkommener Frieden herrschte? Und vier von ihnen starben an der Windseuche und regierten nur wenige Jahre, in denen keine Zeit für Rebellionen war, weil zu viele starben.

Ich sehne mir diese Zeit nicht herbei.

Und in den letzten Jahren…Ciyen war eine Jammergestalt. Es hatte sich schon lange zuvor abgezeichnet, dass die verschiedenen Völker in unterschiedliche Richtungen abdrifteten. Das Verwaltungssystem und die Politik waren selbst Teil des Problems und ich glaube, dass der Zusammenbruch richtig war. Vielleicht werden wir eines Tages wieder die Kraft finden, unseren eigenen Staat aufzurichten – nachdem wir aus unseren Fehlern gelernt haben.“. Sie seufzte. „Das Einzige, was mich nervt, ist die ständige Angst. Die Furcht davor, entdeckt zu werden.“.

„Ich glaube nicht, dass mein Volk weiß, dass es euch gibt.“.

„Und warum verschwinden dann Elben spurlos? Einige mögen in den Bergen abstürzen, aber doch nicht alle. Meine Mutter war eine von denen, die nie zurückkamen. Irgendjemand weiß sehr wohl, dass wir existieren und er setzt alles daran, uns in die Hände zu bekommen.“.

„Ich habe keine Ahnung, ob der König Arthergs etwas von euch weiß, doch kann ich dir versichern, dass das einfache Volk eure Existenz allein aus Sagen kennt.“.

„Arthergs König?“, entgegnete sie spöttisch, „Ist es denn nicht auch dein König? Oder nur für den, dessen Gestalt du trägst?“.

„Natürlich.“, entgegnete er. „Ich bin in Artherg geboren und dementsprechend ist Jerimot auch mein König.“.

„Ist er denn auch der König deines Herzens? Denn nur weil du in seinem Gebiet geboren bist, heißt das nicht, dass du ihn auch als König akzeptiert hast.“.

„Ich kenne nur eine Königin meines Herzens.“, meinte Heled und starrte sie ausdruckslos an, „Und diese ist schon lange tot.“.

Die Elbe lachte auf, es war ein klares Lachen, hell wie Sommerregen, schön wie ein anbrechender Morgen.

„Belassen wir es dabei, Rittmeister. Deine Geheimnisse sind die deinen und meine die meinen.“.

„Wie lange lebt ihr hier schon?“, fragte er, um von den vorherigen Fragen abzulenken.

Linovèn gähnte und antwortete dann: „Seit dem Untergang Ciyens, allerdings kommt nur mein Vater von hier, meine Mutter ist eine Elbe des Schattengebirges.“.

„Eine Istrór?“.

Ihre Augen blitzten.

„Du kennst dich ja doch mit den elbischen Völkern aus.“.

„Ein wenig.“, gestand er.

„Gut und da ich überhaupt nichts über dein Volk weiß, erzähle mir von Artherg und den Menschen dort.“.

Heled erfüllte ihre Bitte gerne, im Vergleich zu ihren bisherigen Fragen war sie harmlos, doch würde er sich hüten müssen, nichts über seine persönlichen Erfahrungen verlauten zu lassen.

Also erzählte er ihr typische Volksmärchen, von dem Essen, von Mearis, und dem Leben der Bauern, den Kriegen und Gesetzen.  

Er war grade bei dem Mythos über die Entstehung Elams angelangt, als seine Erzählung Wirklichkeit zu werden schien. Grade ertönten die Hörner auf den Burgmauern, da der Drache als ferner Schemen am Horizont erschien, als auch hier der Schall der Hörner durch die Luft getragen wurde.

Süß wie Honig, so beschrieben die Chronisten immer die elbischen Hifthörner, doch stellte Heled fest, dass sie schrill und laut waren.

„Was ist das?“, fragte er leise, auch wenn er die Antwort schon aus ihren Augen und von ihren verkrampften Fingern lesen konnte.

„Wir werden angegriffen.“, antwortete sie mit einem Gesicht aus Stein.

 

 

„Sie haben abgelehnt?“. Kronprinz Jasreel starrte den eben überbrachten Brief an. Das Siegel der Zwillingsreiche war gebrochen und das Papier war zu Boden gefallen. Jasreel bückte sich danach und las es erneut. Zwar war sie höflich versteckt und hinter förmlichen Floskeln und vertrackten Formulierungen verborgen, doch war die Ablehnung klar genug zu erkennen – klar genug für einen Krieg.

Jasreel seufzte und rief mit einer Glocke nach einem Diener.

„Rufe den Rat zusammen.“, befahl er, kurz überlegte er, dann fügte er hinzu: „Und wecke meinen Vater.“.

Er verstand die Zwillingsreiche zumindest teilweise, wenn sie Alsra ausliefern würden, hätten sie ihre eigene Glaubwürdigkeit verloren, doch wäre das nicht immer noch besser als ein Krieg? Wenn sie eine Braut aus Artherg wollten, hatte er nichts dagegen, ihnen eine zu geben, Beera hatte mehr Enkelinen als er brauchen konnte und Alemet hatte ebenfalls eine verwitwete Tochter, die unter die Haube musste. Auch hätte er nichts dagegen gehabt, den Zwillingsreichen die Hand seiner eigenen Tochter anzubieten. Zwar war sie noch nicht alt genug für eine Hochzeit, doch für eine Verlobung war sie bereit. Aber konnten die Zwillingsreiche doch nicht, die Erbin eines Kurfürstentums für sich fordern, ohne zu wissen, dass es Konsequenzen mit sich ziehen würde.

Erneut fragte er sich, was Havinon mit dieser letzten Tat erreichen gewollt hatte. Doch lag diese Lösung in weiter Ferne und der drohende Krieg war wichtiger.

Und es würde einen Krieg geben, dessen war er sich bewusst. Alemet war sowieso für jeden Krieg empfänglich und Asriel und Beera waren zwar nicht übermäßig kriegswillig, doch waren sie sich der Notwendigkeit in diesem Fall durchaus bewusst. Und Davror…Davror war sich der Bedeutung dieses Moments nicht wirklich bewusst, dafür war er zu unerfahren.

Jasreel legte einen Mantel und seinen Schwertgurt um und ließ sich von seiner Leibwache hinaus begleiten.

 

Natürlich war der Rat genauso fassungslos wie er, als sie von dieser Nachricht erfuhren. Es lag Entschlossenheit in Asriels Gesicht, Zorn in Alemets und Grimmigkeit in Beeras, sowie Unsicherheit in Davrors und selbst sein Vater hatte sich für einen Moment von seinem Essen abgewandt und klappte nun den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen auf und zu. Doch als sie abstimmten, war es nur Davror von Tarea, der sich enthielt, die anderen waren für einen Krieg in Richtung der Zwillingsreiche.

„Gut.“. Jasreel blätterte in seinen Unterlagen und überflog den Brief erneut.

„Weiterhin haben sie geschrieben, dass sie vermuten, dass der Rittmeister, der Anführer von Havinons Wache überlebt hat und fliehen konnte, da sie seine Leiche nicht finden konnten.“.

„Wie hieß er? Welches Korps?“, fragte Alemet.

„Sie beschreiben ihn als Heled aus Telach, Rittmeister des ersten Schwadrons des Eraliy-Regiments, zugehörig der dritten Division des dritten Korps.“.

Alemet nickte. „Ich werde mich darum kümmern.“.

„Sie hoffen, dass wir seinen Worten Gehör schenken werden und den Krieg nicht in Betracht ziehen werden.“.

Beera schnaubte. „Nun diese Hoffnung können wir nicht erfüllen. Wir können nach diesem Rittmeister suchen, während wir die Truppen zusammenziehen, aber können wir diesen Krieg nicht verhindern. Wir würden uns selbst nur ins Lächerliche ziehen.“.

Asriel und Alemet nickten zustimmend.

„Dann kommen wir zu den Truppen. Welche Truppen sollen wir schicken? Der Großteil der regulären Truppen befindet sich noch an der Grenze nach Tjarol, weitere sind in Servina, Oleon und Morliv stationiert. Es wird Monate dauern, bis wir das reguläre Heer an die Grenze zu den Zwillingsreichen verschoben haben und ist die Lage in Tjarol zu unsicher, als das wir alle Truppen dort entbehren können. Allerdings haben wir eine gute Grundlage aufgrund der Truppen in der Grenzmark und in den Kjiros-Festungen.“.

„Wir können nicht alle Truppen von der Grenzmark nehmen, einige müssen dort verbleiben. Allerdings habt Ihr Beera doch gute Truppen in Asmawet und Jaser?“, fragte Alemet.

Beeras Augen blitzten. „Meine Männer werden dort verbleiben, wo sie stehen. Ich habe schon zu viele in Tjarol verloren. Wie ist es mit Euch Asriel? Ihr habt Eure Truppen bisher aus allen Konflikten herausgehalten?“.

„Asriels Truppen sind klein und ebenso weit entfernt wie die regulären Truppen.“, wehrte Alemet den Vorschlag ab. „Ich kann einige Truppen entbehren, jedoch nicht viele. 2000, vielleicht auch 4000 Mann, mehr nicht und das sind keine ausgebildeten Truppen, vergesst das nicht.“.

Beera schüttelte mit Unwillen den Kopf. „Wir brauchen die regulären Truppen, wozu bezahlen wir ein stehendes Heer überhaupt, wenn wir es bei einem richtigen Krieg nicht einsetzen? Es wäre sinnlos sich auf Bauern zu verlassen, denen man Waffen in die Hände gedrückt hat.“.

„Wie groß ist das Heer der Zwillingsreiche?“. Asriel stützte den Kopf auf die Hände und sah sie an.

Es war Alemet der antwortete: „Fünftausend bis siebentausend Mann. Allerdings ist zu bedenken, dass der Großteil von ihnen Kavallerie ist.“.

„Und wie viel Mann haben wir in Tjarol?“, fragte Asriel weiter.

„Das dritte Korps bestehend aus vierzigtausend Mann, unterstützt von einer Division des ersten Korps bestehend aus zehntausend Mann. Ein weiteres Korps ist in Morliv und Oleon verteilt.“.

„So viele Männer in solch unbedeutenden Ländern.“.

„Sag mir nicht, was ich zu tun habe. Im Norden brodelt es gewaltig. In Oleon ist eine Rebellengruppe unterwegs, die sich als Schwert der Eule bezeichnet. Männer verschwinden nachts und am nächsten Morgen findet man sie mit aufgeschlitzten Kehlen in Flüssen treiben, Überfälle auf Versorgungszüge, niedergebrannte Wachtürme. Ich brauche die Soldaten dort, um einen Stück Frieden zu bewahren.“. Er hob den Kopf und starrte Asriel an. „Oder wollt ihr, dass die Oleoner auf einmal beschließen, ihr Gold für sich zu behalten, anstatt es als Abgaben abzuliefern?

In Morliv ist es in soweit einfacher, das man den Feind kennt und weiß, auf wen man sich im Land stützen kann. Die Adeligen kooperieren mit uns im Gegensatz zu Oleon, das einfache Volk dagegen…kann sich nicht wehren. Doch vor wenigen Tagen erreichte mich die Nachricht, dass die Sternfeste von irgendwelchen aufständischen Bauern eingenommen worden ist. Entzieht mir nicht die Truppen dort.“.

„Was ist mit Servina?“, fragte Asriel.

Widerwillig nickte Alemet. „Meinetwegen.“, knurrte er, „In Servina ist es ruhig, von dort können wir einen Teil der Truppen abziehen, aber in Tjarol müssen Männer bleiben.“.

„Wie viele?“, forderte der Herzog von Asea weiter.

„Zwanzigtausend aus Tjarol, die Division aus dem ersten Korps und die dritte Division aus dem dritten Korps. Weitere zwanzigtausend aus Servina, die erste und zweite Division des ersten Korps. Mehr nicht.“.

Er sah ziemlich unglücklich aus, empfand Jasreel, doch war Alemet ein recht guter Heerführer und seine Aufteilung war vernünftig.

„Und aus dem Rest des Landes?“, fragte Asriel weiter.

„Vierzigtausend sind mehr als genug.“, knurrte Beera. „Und der Rest ist auf Festungen verteilt und nicht schnell zusammenzurufen, außerdem müssen insbesondere die Grenzfestungen besetzt bleiben.“.

Alemet nickte zustimmend und Asriel letztendlich auch, während Davror weiterhin unschlüssig blieb und Jerimot sich nicht dafür interessierte.

„Herzog Alemet von Keriso!“. Alemet sah seinem Kronprinzen in die Augen.

Jasreel winkte einen Diener zu sich, der ihm einen Umhang reichte. „Ich übertrage Euch den Oberbefehl über den Feldzug gegen die Zwillingsreiche zur Befreiung der Kronprinzessin Alsra von Scheeru.“.

Der Herzog stand auf und hockte sich mit dem Rücken zum Thron des Kronprinzen hin. Sein Schwiegersohn und zukünftiger König nahm ihm den Umhang ab, der die zwei miteinander kämpfenden roten Stiere und den einzelnen Stern über ihren Köpfen auf schwarzem Grund zeigte und legte ihm den schwarzen Bär Arthergs auf rotem Grund um. Doch war es nicht das reguläre Wappen, die Krone fehlte, da Alemet kein Mitglied der Königsdynastie war, war er nicht berechtigt, sie zu tragen. Doch in den Krallen hielt der Bär nun ein Schwert. Das Zeichen des Krieges war anstelle des bisherigen Friedens gerückt und jeder, der diesen Umhang sah, würde begreifen, dass die alte Zeit zu Ende ging und eine Neue angebrochen war.

„Majestät.“. Der frische ernannte Oberbefehlshaber warf sich dem König zu Füßen. „Der Tradition nach, ist es an dem König, den Feldzug zu begleiten, vor den Soldaten zu reiten und Reden vor Beginn der Schlachten zu halten. Ich bitte Euch, erweist uns die Ehre, königliche Majestät.“.

Der König blickte den Herzog überrascht an.

„Ich bitte Euch, Durchlaucht, sucht Eure Ehre bei jemand Anderen. Ich bin zu schwach und zu alt für diese Reise.“, lehnte er die Bitte ab.

Jasreel verachtete seinen Vater, er verachtete seine Schwäche und seine Ignoranz, sein ständiges Ausweichen von Problemen und seine Feigheit. Als Vater konnte er ihn immerhin so weit schätzen, dass Jerimot versucht hatte, seinem Sohn das zu ermöglichen, was ihm selbst gefehlt hatte: Wissen und gute Lehrer. Als Vater hatte er nicht vollkommen versagt, doch als König dafür umso mehr. Vielleicht hatte er einst versucht, ein guter Herrscher zu sein, doch umso mehr Probleme er gesehen hatte, umso mehr Resignation war entstanden, bis Jerimot aufgegeben hatte.

„Ich werde Euch die Ehre erweisen, Alemet von Keriso.“, erklärte der Kronprinz schließlich und stand auf. „Ich werde an der Seite des Heeres in die Schlacht reiten.“.

Alemet verneigte sich nun vor ihm. „Ich danke Euch, königliche Hoheit, es ist uns allen eine große Ehre.“.

Er lächelte freudig, doch befand sich in seinen Augen ein Ausdruck, der Jasreel nicht gefiel. Zu spät fragte er sich, ob er soeben einen Fehler gemacht hatte.

 

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