35. Ein roter Fluss

 

Sie sitzt am Fenster,

lauschend ihren Gespenstern.

„Mein Kind! Mein Kind!“

Ein dunkler Trauer Wind.

Ihr Schmerz unheilbar,

in ihren Gefühlen unerreichbar.

Es war des Krieges Zorn,

an den sie ihr Kind hat verlor’n

Unaufhaltsame Grausamkeit,

brechend jedes Mannes Eid.

Es ist des Krieges Lied

 

Aus dem zwillingsreichlichen Lied „Die Klagen der Frauen“

 

 

Die Zwillingsreichler feierten gerne und viel und zu allen möglichen Anlässen. Selbst jetzt, wo sie einen Abschied feierten, unterschied sich dieses kaum von Alsras Willkommensfest. Es gab keine feste Reihenfolge der Tätigkeiten, kein Aufstehen, wenn die Königin vorbeiging.

Rivadier, der am nächsten Morgen losziehen würde, tanzte fröhlich mit seiner Frau Jiadrahm, wobei diese mit ihrem dicken Bauch eher watschelte.

Musiker mit Flöten tanzten durch die Reihen, während zwei Fidelspieler ihre Instrumente auf der großen Tafel anstimmten. Königin Indifau saß direkt unter ihnen und klatschte fröhlich im Takt der Musik.

Wie konnten sie nur so fröhlich sein? Wie konnten sie lachen, wenn sie wussten, dass Rivadier die Artherger, die Winterflucht belagerten, niemals würde schlagen können. Alsra hatte die Banner gesehen, das ferne Aufblitzen der roten Stiere vernommen. Der weiße Schwan von Nintoris versammelte sich neben den beiden Speeren hinter dem Wagenrad des Geschlechts Avindo und der Schlange von Tijoska. Die Fürsten von Scheeru waren, geführt von Herzog Alemet gekommen, um ihre Fürstin zu befreien. Alsra ballte ihre Fäuste so fest, dass die Nägel in ihr Fleisch schnitten. Verstanden sie denn nicht, dass sie hier glücklich war? Die Wahrheit war wohl, dass es sie nicht interessierte. Sie wollten alleine die Macht, die Alsra durch ihre Geburt mit sich brachte. Sicher mochte es einige Adelige Scheerus geben, die ihrem Vater loyal ergeben waren und auch ihr folgen würden, doch sie waren eine Seltenheit. Wie wilde Hunde, die Fleisch rochen, stürzten sie sich auf sie und das Mädchen verspürte ihre Bisse fast körperlich. Was war nur mit ihrer Heimat geschehen? Wie hatte es geschehen können, dass ein gesichertes und standhaftes Herzogtum so plötzlich auseinanderbrach? Ihren Vater. Wie sehr wünschte sie sich, dass er jetzt bei ihr wäre. Havinon würde wissen, was zu tun sei. Er würde nicht hier sitzen und abwarten, sondern etwas tun, etwas verändern. Doch er war nicht da und so musste sie etwas tun. Nur was?

„Alsra! Komm und feiere mit uns!“.

Ruckartig sah sie auf und begegnete Rivadiers Blick, der ihr auffordernd zuwinkte.

Sie schüttelte stumm den Blick und goss sich mit zitternder Hand etwas Bier ein.

Zähflüssig rang ihr das Getränk die Kehle hinab. Elieser wie er lächelte, während er ihr nachschenkte und von seiner Heimat erzählte. Elieser.

Der Becher entglitt ihrer Hand und zersprang auf dem Steinboden.

„Es ist schwer, nicht wahr?“, fragte jemand neben ihr.

Zitternd wandte Alsra sich um und erkannte Jetur, Eliesers Drillingsbruder. Ähnlich wie sie hatte er sich kaum an dem Fest beteiligt, sondern still und nachdenklich auf seinen Teller gestarrt.

 „Zu wissen dass das Kommende unvermeidlich ist und es dir nicht möglich ist, etwas daran zu verändern. Diese ohnmächtige Wut und Verzweiflung zu empfinden, der nicht zu entrinnen ist.“.

„Ja.“, nickte sie.

Er prostete ihr zu. „Manchmal müssen schwere Entscheidungen getroffen werden, um der Allgemeinheit zugunsten Einzelner zu helfen.“.

Alsra blickte in diese grauen Augen, die denen von Elieser so ähnlich waren. Nur diese Kälte, die sie fand, schreckte sie ab und erinnerte sie schmerzlich an die verloren gegangene Freundlichkeit ihres Mannes.

„Ent..entschuldige mich.“, flüsterte sie und sprang auf. Sie unternahm nicht den geringsten Versuch, ihre Würde zu wahren, sondern stürzte mit Yra, die ihrer Herrin kläffend folgte, durch die Halle nach draußen.

Ihr Atem dampfte in der Luft und die Kälte ließ sie in ihrem bunt gefärbten Wollkleid erzittern.

 

 

 

 

Winterflucht, in das sich die Bevölkerung Zwillingsstadts nach der Evakuierung geflüchtet hatte, war keine große Burg, doch sie war alles, was Alsra verblieben war. Ihre Mauern erhoben sich auf einem steilen Hügel inmitten einer Ebene, doch ihre Befestigungen waren für eine Arthergerin lachhaft. Die Mauern waren nicht mehr als Wälle, auf die man feste Palisaden errichtet hatte, die Gebäude allesamt aus Holz. Das Einzige, was Alemet tun musste, war einige Fackeln hineinzuschmeißen. Die Wassereimer, die überall aufgestellt worden waren, waren nicht mehr als die letzten verzweifelten Hoffnungen eines Volkes.

Alsra schritt zu den Wällen hinauf und stellte sich hinter die Palisade.

Ein sturmartiger Regen durchpeitschte ihre Kleidung und die Soldaten musterten sie überrascht. Ihre Zöpfe hatten sich gelöst und nasse Haarsträhnen wirbelten um sie herum.

Sie blickte auf das Heerlager hinab, das sich knapp außerhalb der Bogenschussweite erstreckte. Nicht mehr als blasse Schemen und die ferne Andeutung der Wachfeuer. Sie erschienen so unbedeutend und gering, doch konnten sie dieses Volk, ihr Volk vernichten.

Jemand trat neben sie. Alsra wandte sich um und erkannte Niandos, ihren Bibliothekar und Schreiber.

„Dein Fürst ist da draußen.“, meinte sie leise.

„Mein Fürst ist er schon lange nicht mehr.“, erwiderte dieser mit erstarrter Miene, von der der Regen tropfte.

„Du bist ein seltsamer Mann, Niandos.“.

Besagter lächelte. „Sind wir das nicht alle auf eine gewisse Weise?“.

„Stimmt. Aber wer bist du wirklich? Ich habe mich immer für eine gute Menschenkennerin gehalten, doch bei dir versagt meine Kenntnis. Es ist, als ob du eine Maske trägst, hinter die ich nicht blicken kann.“.

Niandos schwieg einen Moment und blickte auf das feindliche Lager hinab.

„Hat dir schon mal jemand sagt, dass du für dein Alter ziemlich erwachsen bist?“.

„Ich muss die Aufgaben und Pflichten eines Erwachsenen übernehmen, wie könnte ich dann ein Kind sein?“.

„Und was ist deine Pflicht, Alsra von Scheeru?“.

„Meine Pflicht ist es, das Geschlecht meiner Vorväter am Leben zu erhalten, indem ich meinem Mann einen Sohn schenke.“.

„Nein, das glaube ich nicht.“.

„Wie?“. Verwirrt blickte sie ihn an.

„Ich glaube, dass deine Aufgabe weitaus größer ist.“, erläuterte Niandos. Er deutete auf das Lager. „Sieh dir die Fürsten deines Herzogtums an. Sie sind gespalten und uneinig. Ich glaube dagegen, dass du sie vereinen kannst.“.

„Ich?“. Alsra lachte auf. „Ich bin ein Mädchen von dreizehn Wintern.“.

„Wer sagt, dass das etwas zu bedeuteten hat? Ich bin weit herum gereist, Alsra. Ich habe Königen und Kurfürsten gedient. Ich kenne Männer, die sich mit einem Kleid der Ehre schmücken und innerlich nach Macht gieren. Ich dir dagegen sehe ich die Stärke, die auch dein Vater besaß. Eine Stärke, die vereinen kann.“.

„Das ändert nichts daran, dass ich jung und weiblich bin.“.

„Und was hat das mit deinen Fähigkeiten zu tun?“, erwiderte er. „Denke an Kinya, die Unbezwungene. Eine Frau auf arthergischem Thron, die das Land einte. Und Indiyas, den jungen Weisen, der mit fünfzehn faktisch regierte.“.

„Doch Indiyas starb mit nur siebenundzwanzig in einem Bürgerkrieg, den er nicht beenden konnte und ebenso wie Kinya war er vom Geschlecht Asiliem, in welchem bis heute Frauen regieren können. Ich dagegen bin kein Teil dieses Geschlechtes, sondern aus Scheeru.“. Sie lächelte, doch in ihrem Inneren kamen all die Träume wieder an die Oberfläche, die sie sich schon seit langem, nicht mehr zu träumen getraute.

Niandos’ Augen blitzten. „Dann wird es Zeit, dies zu ändern.“.

Alsra runzelte die Stirn. Dafür, dass er ein Untergebener war, ging er nun ziemlich weit.

„Nein.“, murmelte sie dennoch, „Ich kann nichts mehr ändern, dafür habe ich zuviel zerstört.“.

„Dies ist nicht deine Schuld.“, entgegnete der Gelehrte ruhig. „Es geschehen Dinge, auf die wir – du und ich – keinen Einfluss haben, doch dann gibt es wieder Geschehnisse, die wir verändern können. Jetzt magst du dich machtlos fühlen, herumgereicht von all jenen, die sich Einfluss von dir versprechen, doch kommen andere Tage. Es werden Tage kommen, an denen du die Möglichkeit ergreifen kannst, zu verändern.“.

Er legte ihr die Hand auf die Schulter und obwohl es eine empörende Geste war, unterband sie es nicht. Dafür hatte er zu wahr gesprochen.

Sie seufzte, blickte noch einen Moment in den Regen hinaus, dann kehrte sie in die Halle zurück.

 

Drinnen hatten die Dichter angefangen, ihre Werke vorzutragen. Wie Alsra festgestellt hatten, waren die Zwillingsreichler auch von dieser Kunst begeistert, so stark, dass sie alles andere dafür unterließen. Ein Künstler verließ grade die provisorische Bühne, welche die Tafel bildete, und wurde mit lautem Getöse gelobt.

Alsra ließ sich auf ihre Bank zurück gleiten, von welcher Jetur in der Zwischenzeit verschwunden war, und kraulte gedankenverloren ihre Hündin.

Ein weiterer Dichter kam herbei und stellte sich auf den Tisch. Es war ein junger Kerl, vielleicht drei, vier Jahre älter als sie.

Er räusperte sich und begann dann vorzutragen:

 

 

Splitternd Speere sangen

Von der großen Heeresmisserfolg

Doch die Rufe erklangen

Auf! Auf! Mein Volk!

Flammenzeichen rauchen

Auf! Auf! Mein Volk!

Wutentbrannte fauchen.

Auf! Auf! Mein Volk!

Lasst sein die Zeiten der Klage!

Denn ein schön’rer Morgen tage!

Tage der Freiheit,

anbrechend in Ewigkeit!

Auf! Auf! Mein Volk!

Zu wilder Jagd

In den Sieg gewagt!

Auf! Auf! Mein Volk!

 

 

 

Unter lautem Applaus verließ auch dieser Künstler die Bühne, doch dann öffneten sich die Tore und ein Mann in der Uniform der Boten stolperte herein.

Sogleich unterbrachen die Musiker, die im Hintergrund weiterhin gespielt hatten, ihre Musik und alle richteten sich auf.

„Ich überbringe eine Botschaft von Prinz Elieser!“.

Alsra sprang auf und ihr Herz pochte heftig hinter den Rippen. Er war nicht tot! Sicherlich nicht, er hatte es versprochen.

Wenn es dich beruhigt, werde ich versprechen, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um zu dir zurückzukehren.

Seine Worte und er würde sein Wort nicht brechen, oder? Mit Furcht in den Augen blickte sie den Boten an.

„Verzeihung, Herrin.“. Er verneigte sich vor Indifau. „Doch zunächst habe ich den Auftrag erhalten, der Dame Alsra eine Nachricht zu überbringen.“.

Er ging zu ihr hinüber und beugte sich zu ihr.

„Ich soll dir von deinem Gemahl die Nachricht überbringen, dass alles gut wird.“.

Alles wird gut! Alsra schluckte und setzte sich wieder. Alles wird gut! Er hatte es versprochen und er würde zu ihr zurückkehren. Denn alles wird gut!

 

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war der Himmel draußen rot. Müde rieb Alsra sich den Schlaf aus den Augen und stolperte zu dem Fenster des Bergfriedes. Yra schleckte ihr die Hand ab, doch Alsra hatte alleine Augen für den Himmel.

Eine rote Flut ergoss sich über das blasse blaugrau. Sie war nicht sonderlich abergläubisch, aber ein roter Himmel? Was konnte ein roter Himmel am Tag einer Schlacht schon Gutes bedeuten?

Sie hob eine Handklingel und rief so nach ihrer Zofe. Das Mädchen eilte rasch herbei und knickste vor ihr.

„Herrin?“.

Alsra wandte sich von dem Anblick ab und blickte ihre Zofe an. Normalerweise rief sie diese nicht am Morgen, da die zwillingsreichlichen Kleider einfach gehalten waren und es hierzulande nicht üblich war, sich von Dienern umsorgen zu lassen.

„Niyandra! Am heutigen Tag wünsche ich mein Diadem zu tragen.“.

„Welches Kleid wünscht Ihr dazu zu tragen, Hoheit?“.

„Das Kleid, das mir Königin Indifau schenkte.“, meinte sie geistesabwesend.

Nyandra nickte und suchte das Gewünschte aus der Kleidertruhe ihrer Herrin hervor.

„Wünscht Ihr zu baden, Herrin?“.

„Nein.“, entgegnete Alsra ruhig, doch innerlich zitterte sie, „Ich wünsche schnell fertig zu sein.“.

Mit ruhigen und geübten Bewegungen entkleidete Nyandra sie und zog ihr daraufhin das Geschenk von Indifau an.

Es war ein schönes Kleid. Anstatt aus der gewöhnlichen Schafswolle war dieses aus Leinen gewebt, von heller Farbe und mit einzelnen goldenen Stickereien verziert, die sich in bunten Mustern durch den ganzen Stoff schlängelten. Wenn man diese Stickereien zu lesen vermochte, konnte man darin die Geschichte der Zwillingsreiche finden, die Vereinung von Riphor und Athilan zu den Zwillingsreichen, Föreliers und Indifaus Großvater, Derudir den Hammerfürsten und viele weitere Geschichten, die nur darauf warteten, entdeckt zu werden.

Mit geübten Fingern steckte sie Alsras Haar hoch, bis nur noch eine dicke, gelockte Strähne ihr auf die Schulter fiel. Zwei weitere lockten sich an ihrem Gesicht vorbei. Dann befestigte Nyandra das Diadem in ihrem Haar fest. Einzelne Perlenschnüre wanden sich durch ihre Frisur und Silber blitzte auf.

Alsra hatte es früher gehasst, sich zu schmücken, doch am heutigen Tag musste sie eine Prinzessin Scheerus ebenso sein wie eine der Zwillingsreiche.

„Ich danke dir, Nyandra.“, meinte sie, als die Dienerin fertig war.

„Yra. Bei Fuß.“.

Die Hündin sprang von ihrem Platz auf und schleckte Alsra die Hand ab. Diese lächelte vorsichtig, dann schritt sie die Treppe des Bergfrieds hinab. Einige Krieger begegneten ihr, doch diese nickten ihr nur zu.

Sie verließ den Bergfried und trat auf den Burghof hinaus. Es war ein klarer und heller Morgen, der Regen vom gestrigen Abend war der Sonne gewichen.

Zaumzeuge klirrten und Sattelleder knirschte, als sich Reiter auf die Pferderücken schwangen. Speere wurden prüfend gemustert und gegebenenfalls geschärft. Offiziere wiesen ihre Mannschaften ein und Männer unterhielten sich lachend, als würden sie keine Nervosität empfinden.

Rivadier, der diese Armee gegen Alemet führen würde, stand neben seiner hochschwangeren Frau und seiner Mutter und unterhielt sich leise mit ihnen. Indifau hatte sicherlich in der Nacht geweint, denn hatten sie am gestrigen Abend von dem Tod oder der Gefangennahme von König Förelier und Prinz Derudir gehört, doch am heutigen Tag war sie personifizierte Stärke.

Alsra trat auf sie zu.

„Ich würde gerne alleine mit dir sprechen.“, meinte sie zu der Königin.

Diese nickte und ging mit ihr die Palisade entlang, bis sie einen ungestörten Platz erreichten.

„Es freut mich, dass du dieses Kleid trägst.“, eröffnete Indifau das Gespräch.

Verwirrt blickte Alsra sie an, blickte an sich hinab und nickte dann.

„Ich möchte dich um etwas bitten.“. Flehend blickte sie ihre Schwiegermutter an.

Als diese ihr aufmunternd zu nickte, überbrachte sie ihre Bitte.

Indifau runzelte die Stirn.

„Es ist gefährlich.“.

„Bitte.“. Alsra legte all ihren Zorn, ihre Verzweiflung und Angst in ihre Stimme. „Ich weiß, dass du dir ebenso wie ich wünschst, dass dies nicht geschehen wird.“. Sie deutete auf die Männer, die sich für die Schlacht bereit machten.

„Also gut.“, stimmte Eliesers Mutter zu. Und in diesem Moment war sie nicht mehr eine Königin, sondern eine Mutter, die ihre Familie zerbrechen sah. „Jegliche Möglichkeit, das kommende Blutvergießen zu vermeiden, ist eine gute und erwägenswerte.“.

Die Prinzessin von Scheeru wandte sich um und wollte wieder hinab steigen, als sie Indifau leise ihren Namen sagen hörte.

„Alsra.“. Indifau seufzte. „Das was geschehen ist, tut mir leid. Verzeih mir, wenn ich dir anfangs vielleicht abweisend erschien. Jetzt in dem Moment unserer größten Schwäche erkenne ich deine Stärke. Ich freue mich für meinen Sohn, dass er eine trotz ihres Alters so tapfere Frau gefunden hat.“.

„Ich danke dir.“, entgegnete Alsra leise und ein sanftes Lächeln benetzte ihre Mundwinkel, doch ihr Innerstes war erstarrt.

 

 

„Warum greifen wir nicht an? Ein Sturmangriff und die Burg ist unser.“. Ikayas, der Erbe des Grafen von Nintoris, hieb auf den Tisch. Er war ein impulsiver, junger Mann, der mit seinem Oberbefehl über die dritte Division heillos überfordert war, auch wenn er dies niemals zugeben würde.

„Doch würde dies viele zivile Opfer zur Folge haben und da wir dieses Land zu beherrschen gedenken, wäre dies ein höchst unkluger Schritt.“, gab Zivafinus, der Graf von Avindo, zu bedenken. „Ich glaube, dass sie sich zur Schlacht bereitstellen lassen.“.

„Und wieso sollten sie das?“. Ikayas brüllte nun fast, „Immerhin sitzen wir hier rum und…“.

Alemet lehnte sich zurück und ließ die Diskussion vorbeiziehen. Er hatte durchaus ein Interesse daran, dass kein Sturmangriff auf Winterflucht erfolgte und dies hing nicht im Geringsten mit den vielen Toten zusammen, die ein solcher Angriff gewöhnlich erforderte.

Eine Schlacht dagegen schenkte ihm immerhin Schlacht. Außerdem musste er den Zwillingsreichlern noch dafür denken, dass sie ihm Jasreel auf eine solch schöne Weise aus dem Weg geräumt hatten. Wenn der Kronprinz sterben sollte, würde dies seinen Plänen durchaus dienlich sein und wenn er es nicht tun sollte, war er immer noch gelähmt, was seine Pläne noch besser unterstützen sollte.

„Meine Herren.“. Seine Finger trommelten auf der Tischplatte und die Gespräche verstummten. „Wir sollten uns der Tatsache bewusst werden, dass diese Reitermenschen unseren Kronprinzen feige verwundet haben und sie ihm höchstwahrscheinlich ein Todesurteil geschenkt haben.“.

„Richtig!“, rief Ikayas, „Dafür müssen sie bestraft werden!“.

Dagegen konnten die anderen Grafen und Generäle schwerlich etwas einwenden, doch nun brandete die Diskussion um das Wie auf.

„Hoheit?“. Ein Bote hatte sich ihm unbemerkt genähert und der Herzog von Keriso setzte sich auf.

„Ja?“.

Nervös blinzelte der Mann. „Mein Herr. Das Wappen Scheerus erhebt sich über den Zinnen der Festung.“.

Alemet stand auf, gemächlich um nicht zu viel Misstrauen zu erwecken, doch schnell genug, um keine unnötige Zeit zu verschenken.

„Entschuldigt mich. Ich muss etwas an meinen Karten überprüfen.“.

„Sicherlich.“, murmelte ein General, dann wandten sie sich wieder ihrer Diskussion zu.

Er trat aus seinem Zelt und blinzelte in die helle Sonne.

Mit der Hand beschattete er seine Augen, um etwas erkennen zu können. Richtig. Neben den Zwillingsthronen erhob sich jetzt auch der steigende Schimmel Scheerus.

„Tapferes Mädchen.“, murmelte er und beobachtete wie ein Reiter die Festung verließ.

Nur wenige Minuten später wurde ihm die Nachricht überbracht, das Alsra von Scheeru eine persönliche Unterredung mit ihm forderte. Alemet sandte die Botschaft seines Einverständnisses zurück und beobachtete erneut, wie eine Gruppe Reiter aus dem Tor von Winterflucht ritt. Unter ihnen war unbestreitbar ein Mädchen, dessen Kleid sich im Wind bauschte.

Von einem Knappen ließ er sich auf ein Pferd helfen. Alemet nahm die Zügel in die Hand und trieb den Wallach an.

Er musterte das Mädchen, das mit jedem Schritt seines Pferdes näher heran kam.

Ohne Zweifel hatte sie die Tapferkeit seines Vaters geerbt, doch ebenso seine Dummheit und Naivität. Und das würde die Sache für ihn einfach machen.

Er schnalze und trieb sein Tier noch einmal an, um diese Angelegenheit sobald wie möglich hinter sich zu haben.

 

 

Alsra beobachtete wie der einsame Reiter näher kam. Nervös strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und straffte ihren Rücken. Nun musste sie die Stärke zeigen, von der sowohl Niandos als auch Indifau gesprochen hatte. Das Gesicht der Angst hatte zu verschwinden unter undurchdringlicher Stärke.

„Assur.“.

Der Oleoner trieb sein Pferd näher an das ihre heran.

„Hoheit?“.

Sie blickte ihn an und fand Bestätigung in der Entschlossenheit, die sie dort fand.

„Ihr werdet mich begleiten.“, befahl sie, „Der Rest wartet hier.“.

Assur nickte nur und die wenigen Zweifler verstummten nach einem raschen Blick ihres Generals.

Die drei begegneten sich in der Mitte zwischen Burg und Lager.

Alemet war vom Pferd gestiegen und erwartete sie scheinbar gelassen gegen einen Felsbrocken gelehnt.

Alsra zügelte ihr Pferd und glitt mit einer Gewandtheit aus dem Sattel, die sie selbst überraschte.

„Herzog Alemet.“, erklärte sie mit kühler Stimme und hoffte beinahe, dass er den Hass in ihren Augen erkannte.

„Kurprinzessin Alsra.“, begrüßte auch sie und musterte sie. „Geht es Euch gut, meine Dame?“.

Alsra ignorierte ihn.

„Ich bin gekommen, um für den Abzug Eures Heeres zu bitten. Im Gegensatz dazu bin ich bereit das Volk meines Mannes zu verlassen und nach Scheeru zurückzukehren. Die Zwillingsreiche haben sich bereit erklärt, Tribut zuzahlen, jedoch bleibt ihre Souveränität bestehen.“.

„Ich will es nicht leugnen, Alsra, doch Ihr und Euer Angebot fasziniert mich. Ihr seid ein Mädchen, fast ein Kind, und versteht mehr von Politik als viele meiner Begleiter.“.

Amüsiert betrachtete er sie. „Ich muss gestehen, dass ich durchaus dazu geneigt bin, Euer Angebot anzunehmen, denn bin ich des Blutvergießens müde.“.

Alsra gelang es grade noch ein abfälliges Schnauben zu unterdrücken. Alemet waren die Toten egal, die seine Kriege mit sich brachten, ihn interessierten nur die Machtspiele in Mearis, auf die er im Moment keinen Einfluss hatte.

„Doch leider muss ich ablehnen.“.

Ihre Miene der Stärke entglitt ihr und machte Entsetzen Platz. Mit einer so offenen Ablehnung hatte sie nicht gerechnet.

„So gerne ich es auch will, kann ich Euer Angebot nicht annehmen, Prinzessin.“. Bedauernd blickte er sie an. „Denn wenn ich dies tun würde, würde ich mein Gesicht verlieren. Meine Fürsten fordern Rache, versteht ihr? Euer Mann, Prinzessin, hat sich mit Kronprinz Jasreel duelliert und ihn dabei tödlich verwundet.“.

Fassungslos blickte sie ihn an. Dummer Elieser. Was war mit dem sanften Mann geschehen, der sie in Zwillingsstadt verlassen hatte? Und ihren Cousin, sie hatte Jasreel gemocht, denn hatte er sie nicht mit Missachtung gestraft wie viele Männer, sondern mit Hochachtung und Freundlichkeit behandelt. In diesem Moment wusste sie nicht, um welchen sie mehr trauern sollte. Ihren Mann oder ihren Blutsverwandten? Beide liebte sie und beide hassten sich. Noch nie hatte sie diesen Zwiespalt so deutlich vernommen. Wer war sie? Durch Geburt Arthergerin, durch Heirat Zwillingsreichlerin. Wohin gehörte sie? Sie wusste es nicht.

Alsra hob ihren Kopf und blickte Alemet in die Augen.

„Mit diesen Worten habt Ihr Euch eine Feindin geschaffen.“, erklärte sie leise.

Alemet brach in ein dröhnendes Lachen aus.

„Es ist Politik, Mädchen, und nichts Persönliches. Und wie wollt Ihr diesen Hass leben? Ihr seid eine Frau und auch wenn Frauen Waffen führen, hat man von Euch nie Geschichten gehört, wie sie über Naarai von Noriom existieren.“.

„Glaubt mir, Alemet.“, zischte sie, „Den Zorn der Alsra von Scheeru sollt Ihr nicht vergessen!“.

Sie schwang sich in den Sattel ihres Pferdes und trieb es an, um Alemet ihre Tränen nicht sehen zu lassen.

Die Banner von Scheeru flatterten hinter ihr im Wind und der weiße Hengst lief über ihr. Wer war sie?

Das Tor der Festung wurde aufgestoßen und die Gruppe hineingelassen.

Indifau und Rivadier standen in der vordersten Reihe und blickten sie erwartungsvoll an.

Alsra parierte ihr Pferd und holte tief Luft.

„In höchster Feigheit hat Alemet mein Angebot abgelehnt.“. Sie war erstaunt wie fest ihre Stimme trotz der Tränen war, die ihr über die Wange liefen. Sie nickte Rivadier zu. „Verzeih mir.“.

Dieser lächelte kurz, bevor seine Miene wieder erstarrte.

„Männer! Lasst uns reiten!“.

Es war keine große Ansprache, vielleicht, weil dem Kronprinzen die Kraft für große Worte fehlte. Jemand schluchzte auf und Alsra wusste, dass es Jiadrahm war, die um ihren Mann trauerte.

Hörner bliesen, die Tore wurden erneut aufgezogen und das Heer verließ die Festung. Reiter, die Speere über den Köpfen, Pferde, deren Hufe über den Boden trommelten. Zwillingsreichler. Hunderte von ihnen. Als sie an Alsra vorbei ritten, erschienen sie so mächtig und unantastbar, doch wusste sie, dass es zu wenige waren. Es waren nur diejenigen, die zurückgeblieben waren, um das Volk zu schützen. Jungen, nicht viel älter als sie selbst und Männer, die zu viele Winter zählten.

Als das Heer vorbei gezogen war, lief sie zu den Palisaden und beobachtete die sich anbahnende Schlacht.

 

Es erschien alles so harmlos, als wäre es nichts als ein Ausritt, den Rivadier mit seinen Männern unternahm. Das Lager der Artherger schien zu schlafen, doch dann traten die gerüsteten und formierten Soldaten hervor, ordentlich aufgereiht.

„Willst du wirklich zusehen?“, fragte Indifau mit erstickter Stimme.

„Ich muss.“, entgegnete sie leise.

Die Königin nickte nur, bevor sie sich umdrehte und davon schritt, mit den langsamen Schritten einer gebrochenen und mutlosen Frau.

„Es ist richtig, dass ihr hier steht. Nur wenn wir zusehen und uns nicht verstecken, können wir lernen.“. Niandos blickte sie an. Seit dem gestrigen Abend hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

„Und was soll ich hieran lernen?“, fragte sie verbittert und deutete auf das Gemetzel unter ihr. „Wie viel Blut Menschen vergießen, wenn sie sterben?“.

„Es ist schwer, ich weiß. Ich habe schon viele Schlachten gesehen, doch habe ich mich nie daran gewöhnt.“.

„Ihr ward ein Soldat.“, stellte Alsra fest, in der Hoffnung sich von dem Schrecken unter ihr ablenken zu können.

„Nein.“. Niandos lächelte, „Ich war Kartograph. Mit Pinsel und Feder kann ich hervorragend umgehen, doch solltet Ihr mir keine Waffe in die Hand drücken.“.

Erneut blickte sie auf das Schlachtfeld. Sie sah Männer, die sich in ihren eigenen Gedärmen verstrickten. Ein Pferd mit gebrochenen Hinterbeinen, das verzweifelt versuchte wieder auf die Beine zu kommen. Arthergische Trommlerjungen, die an ihrem eigenen Blut erstickten, ohne, dass ihnen jemand zur Hilfe eilte.

„Und auch wenn Ihr nur ein Kartograph ward, müsst Ihr Euch dennoch mit Schlachten auskennen. So sagt mir, Niandos aus Nintoris, was hättet Ihr anders getan an Rivadiers Stelle?“.

„Ich hätte einen anderen Ort zum Kämpfen gesucht.“, entgegnete ihr Schreiber ohne Zögern, „Diese offene Ebene nahe dem Fluss, in welchem die Artherger ihre Formation mühelos beibehalten können, ist denkbar ungeeignet für einen großflächigen Kavallerieangriff. Ich hätte mir einen Ort gesucht, der von der natürlichen Vegetation so beschaffen ist, dass die Artherger ihre Truppen hätten teilen können. Merkt Euch, wenn ihr die Artherger brechen wollt, brecht ihre Formationen.“.

„Ich werde es mir merken.“, versprach sie, auch wenn sie nicht wusste wofür. In wenigen Tagen wäre sie wieder eine Geisel in Alemets Händen und nur für den wichtig, der sie heiraten würde.

So schwieg sie und blickte auf das Gemetzel hinab.

Einzelne Männer waren in den Goldenen Fluss getrieben wurden, dessen gemächlich fließendes Wasser nun Leichen mit sich trug. Rot floss der Fluss an diesem Tag, so grässlich war diese Schlacht, die diesen Namen nicht einmal verdiente. Die Zwillingsreichler wurden niedergemacht. Sie waren zu wenige, um die hervorragend ausgebildeten Artherger großflächig nieder zu reiten und ihre Formation brach an den Linien auseinander. Sie wurden zerstreut und einzeln geschlagen. Mann und Tier schrieen vor Schmerzen und in der Luft lag der Geruch von Erbrochenem und Blut.

Rivadier, über dem noch immer das Banner der Zwillingsthrone stand, wurde umringt und aus dem Sattel geschmissen. Mit ihm fiel auch das Banner, die blutige Fahne sank hinab und verschwand in dem Gewirr aus Leibern von Tier und Mensch.

„Und so fiel die Hoffnung der Zwillingsreiche.“, stellte Niandos leise fest und Trauer lag in seiner Stimme.

Alsra blickte zum Fluss, der nun rotes Wasser führte. Die Sonne warf ein glänzendes Abbild auf das Wasser, während zugleich ein feiner Nieselregen einsetze. Vielleicht würde bald ein Regenbogen am Himmel entstehen, doch war dies nicht länger von Bedeutung.

Die Zwillingsreiche waren geschlagen, Rivadier vernichtet, jegliche Bemühung Alsras zunichte gemacht und die Hoffnung verloren.

Tränen benetzten Alsras Wangen, ein unaufhörlicher Strom von Hoffnungen, die für immer verloren waren.

Wer war sie? Es war nicht länger von Bedeutung, ob sie Zwillingsreichlerin oder Arthergerin war, denn ihre Identität war nur die einer Gefangenen, die keine Hoffnung auf ein Entkommen mehr besaß.

Es verblieb allein ein roter Fluss.

 

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beta
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