Die Freundlichkeit eines Todessers

Als wäre sie und nicht Lucius Malfoy bei einer ungehörigen Handlung ertappt worden, trat Hermine reflexhaft einen Schritt zurück. Egal wann, egal wo – Draco Malfoy schaffte es immer, ihr binnen Sekunden die Angst in alle Glieder fahren zu lassen. Doch diesmal richtete sich seine Aufmerksamkeit zu ihrer Erleichterung auf seinen Vater, der äußerlich ungerührt auf seinen Sohn schaute.

„Du störst, Draco", sagte dieser schlicht. Es war ihm nicht anzumerken, dass ihm die Situation, in der ihn sein eigener Sohn gefunden hatte, unangenehm gewesen wäre oder dass er das Gefühl empfunden hätte, sich rechtfertigen zu müssen. Entsprechend schockiert zeigte sich der jüngere Malfoy ob der groben Behandlung. Angespannt ballte er die Fäuste, doch obwohl es Lucius Malfoy sichtlich irritierte, dass sein Sohn so extreme Emotionen in Anbetracht einer solchen Kleinigkeit zeigen würde, blieb er weiterhin ruhig.

Der hasserfüllte Blick war auch Hermine nicht entgangen. Der Hass war ihr nicht neu, wohl aber, dass er sich auch gegen den eigenen Vater zu richten schien. Oder war es einfach nur Entsetzen darüber, dass Lucius Malfoy sich ihr auf diese Weise näherte? Warum aber trafen die ungläubigen Blicke dann sie und nicht seinen Vater? Sie konnte zwar selbst nicht glauben, dass sie hier vollkommen entblößt vor den beiden Malfoys stand, doch eine wirkliche Überraschung war das angesichts ihres Sklavenstatus' nicht. Warum also Unglaube? Und wieso Hass gegen Lucius Malfoy?

Über ihre Gedankenversunkenheit war Hermine entgangen, dass Draco Malfoy das Bad verlassen hatte. Erst das genervte Seufzen des Hausherren ließ sie in die Wirklichkeit zurückkehren.

„Dahinten ist die Dusche", sagte Lucius Malfoy, „du findest in der Wand eingelassen diverse Lotionen für Haar und Körper. Mach dich anständig sauber."

Wenn Hermine mit allem gerechnet hätte – diese knappe Ansage hatte sie nicht erwartet. War sie wirklich nur hier, um sich zu waschen? Zögerlich trat sie einige Schritte auf die große Kabine zu, wandte sich jedoch misstrauisch erneut um. Lucius Malfoy schien allerdings jedes Interesse an ihr verloren zu haben, denn er hatte sich auf einem luxuriösen Sessel in einer Ecke des Badezimmers niedergelassen und zum Tagespropheten gegriffen. Stirnrunzelnd – Warum steht im Badezimmer ein Sessel? – drehte sie sich wieder um, betrat die Duschkabine und schloss die milchig-undurchsichtigen Glastüren hinter sich.

So bizarr ihr die ganze Situation gerade auch erschien, Hermine hatte beschlossen, diese heiße Dusche zu genießen. Die kurzen Bäder in den Waschkübeln der Küche machten sie zwar sauber, aber der Entspannungseffekt von Bad oder Dusche, der für ihr Sauberkeitsgefühl auch sehr wichtig war, entfiel vollständig. Kaum hatte sie die Türen hinter sich geschlossen, begann ein angenehm heißer, sanfter regen auf die zu fallen. Für einige Minuten genoss Hermine einfach nur das Gefühl, zum ersten Mal seit Wochen wieder richtige, wohlige Wärme zu spüren.

„Magie ist wirklich großartig." murmelte sie leise. Sofort bereute sie jedoch, diese Worte ausgesprochen zu haben. Sie bliebe vor ihr in der Luft hängen, dehnten sich aus und schienen sie zu erdrücken. Das Wasser prasselte weiter auf sie herab, doch es war nicht mehr tröstlich und angenehm.

Magie.

Als Hermine nach Hogwarts gekommen war, hatte Magie für sie für Freiheit gestanden. Neue Welten voller Wissen, neue Möglichkeiten hatten ihr auf getan. Sie hatte all das Gute mit ihr verbunden.

Das Gefühl, nicht atmen zu können, bemächtigte sich ihr. Es war Magie, welche Harry getötet und einen Wahnsinnigen zum zweiten Mal zur Macht verholfen hatte. Sie selbst hatte den Zugang zur Magie verloren – für immer. Von der zentralen Akteurin an der Seite von Harry und Ron war sie zur hilflosen Zuschauerin verdammt worden. Noch immer floss das Wasser und schien sie zu Boden drücken zu wollen. In einer Ecke ihres Bewusstseins verfluchte sie sich noch dafür, dass so harmlose Gedanken sie in einen derart negativen Strudel reißen konnten, ehe ihr schwarz vor Augen wurde.

oOoOoOo

Als Hermine wieder aufwachte, war sie in einen weißen, weichen Bademantel gehüllt und lauf auf dem auf magische Weise zu einem Sofa verwandelten Sessel. Verwirrt setzte sie sich auf und schaute sich um. Sie war wider Erwarten nicht alleine: Lucius Malfoy stand an die Wand gelehnt vor ihr. Für einen kurzen Moment schauten sich beide wortlos an, dann senkte Malfoy kopfschüttelnd den Blick.

„Hast du verlernt zu duschen, oder machen Schlammblüter das einfach nie?", fragte er mit kaltem Tonfall, „Du hättest mir ruhig sagen können, dass dich Duschen überfordert …"

Hermine verbiss sich eine scharfe Antwort auf diese Beleidigung. Zu bewusst war sie sich, dass Lucius Malfoy ihre Schwäche nicht ausgenutzt, sondern ihr im Gegenteil offensichtlich geholfen hatte. Zudem hatte sie in den letzten Wochen gelernt, dass sie ihn mit Schweigen stärker reizen konnte als mit hitzigen Erwiderungen.

Die sich ausdehnende Stille im Badezimmer wurde jäh von dem ploppenden Geräusch eines apparierenden Hauselfen unterbrochen: „Das Mittagessen ist serviert, Herr!"

Lucius Malfoy zuckte sichtlich zusammen und warf dem störenden Hauselfen einen bösen Blick zu, worauf dieser mit einem erschrockenen Quietschen wieder verschwand. Für einen kurzen Moment musterte Malfoy Hermine, dann befahl er knapp: „Zieh dich an und komm mit."

Rasch folgte sie der Aufforderung und ging dann zur Tür. Zu ihrer Verwunderung war diese verschlossen. Fragend drehte sie sich zu Malfoy um, erhielt jedoch diesmal selbst keine Antwort. Stattdessen schwenkte der Hausherr schlicht seinen Zauberstab und öffnete die Tür. Kurz wartete Hermine noch auf eine Erklärung, doch als sie keine bekam, wandte sie sich zum Gehen. Dabei fiel ihr Blick erneut auf den Bademantel, den sie auf dem Sofa abgelegt hatte, und einem plötzlichen Gedanken folgend schaute sie lächelnd zu Malfoy auf: „Danke"

Dieses Mal absichtlich keine Reaktion abwartend verließ sie endgültig das Bad, ein triumphierendes Grinsen auf den Lippen. Doch weit kam sie nicht: Schon nach wenigen Schritten wurde sie gepackt und mit Gewalt an die Wand gepresst.

„Treib keine Spielchen mit mir!", herrschte Malfoy sie an, „Du bist in keiner Position, mich zu verarschen!"

Hermine, die mit so einem Ausbruch schon gerechnet hatte, zuckte mit keiner Wimper: „Womit wollt Ihr mir drohen? Meinen Körper habt Ihr schon verkauft, meine Magie wurde mir schon lange genommen … Was wollt Ihr noch tun?"

„Du weißt gar nicht, wie gut du es hier hast. Es könnte dir wesentlich schlechter gehen. Statt mich zu verarschen, solltest du ein bisschen Dankbarkeit zeigen!"

Hermine lachte trocken auf: „Ich habe doch Danke gesagt!"

Der Griff auf ihrer Schuler verhärtete sich und Lucius Malfoy trat noch dichter an sie heran: „Was meinst du, was passiert wäre, wenn du vor den Augen eines anderen ohnmächtig geworden wärst? Ich versuche freundlich zu sein …"

„Warum?", fiel Hermine ihm ins Wort, „Warum tut Ihr das? Glaub Ihr wirklich, ich nehme Euch ab, dass Ihr ein Menschenfreund seid und freundlich zu einem Schlammblut wie mir sein wollt? Warum also tut ihr das alles? Ihr plant etwas!"

Zu ihrer Überraschung blieb der Mann vor ihr nicht nur stumm, er erstarrte regelrecht. Misstrauisch hob sie den Kopf und suchte nach einer Reaktion in seinen Augen. Er erwiderte den Blick, doch mit dem Ausdruck darin konnte Hermine nichts anfangen.

„Das Schweigen deute ich mal als Bestätigung, dass ich voll ins Schwarze getroffen habe!", meinte sie schließlich. Ärger trat in Malfoys Augen.

„Schön", presste er hervor und ließ von ihr ab. Wortlos machte er sich auf dem Weg zum Speisesaal, ohne sich zu vergewissern, dass Hermine ihm folgte.

oOoOoOo

Seufzend ließ Hermine sich auf ihre Matratze fallen. Der Tag war deutlich anstrengender gewesen, als ihr lieb war. Nicht unbedingt körperlich, aber sie fühlte sich emotional ausgelaugt. Der Mahlstrom der Verzweiflung, der sie unter der Dusche in die Ohnmacht gerissen hatte, war ihr inzwischen genauso vertraut wie verhasst. Sie wollte nicht mehr so über die Situation nachdenken, sie wollte nicht mehr verzweifeln. Vielleicht hatte sie auch deswegen die Konfrontation mit Lucius Malfoy gesucht – um sich abzulenken und ihre eigene Hilflosigkeit zu überdecken. Doch das Ergebnis gefiel ihr nicht. Sie hatte wie gewohnt am Mittagstisch gedient, doch der Hausherr hatte sie angeschwiegen, ebenso wie zum Abendessen. Unbewegt hatte er den Schikanen seitens seiner Frau zugeschaut, Gewalt und Beleidigungen gegen Hermine scheinbar übersehen. Offenbar hatte sie wirklich genau ins Schwarze getroffen, Malfoy sah ganz offensichtlich keine Notwendigkeit mehr, eine freundliche Maske aufzusetzen.

Langsam zog sie die schwarze Uniform über den Kopf und griff nach dem Leinensack, den sie aus der Küche mitgenommen und zu einem Nachthemd umfunktioniert hatte. Gerade wollte sie sich endgültig zum Schlafen niederlegen, da ging schlagartig die Tür zu ihrem Kabuff auf. Ehe Hermine sich on ihrem Schock erholen konnte, sah sie sich auf ihre Matratze gedrückt und das blasse Gesicht Draco Malfoys über ihr.

„Na, gab es einen kleinen Streit unter Liebenden?", hisste er ihr leise zu, „Konntest du die Wünsche meines Vaters heute nicht … befriedigen?"

Verzweifelt kämpfte Hermine gegen die Hände, die ihre Arme fest zu Boden drückten, und die Knie, die ihre Schenkel auseinander schoben.

„Lass mich in Ruhe, Malfoy!", schleuderte sie ihm mit zittriger Stimme entgegen.

„Hat wohl nicht geklappt, dass du dich bei meinem Vater einschleimst, was?", ätzte er ungerührt weiter, „Macht es dir Spaß, die Beine für deine Feinde breit zu machen?"

Wie um seinen Worten mehr Macht zu verleihen, packte er ihre beiden Arme mit einer Hand und ließ die freigewordene auf die Innenseite ihres Schenkels gleiten.

„Es ist doch genau dein Vater, der mich einfach verkauft!", entgegnete Hermine, „Ich habe meine Beine noch nie breit gemacht – und werde es freiwillig sicher auch nie für einen von euch tun!"

„Tu nicht so unschuldig!", herrschte Draco sie an, „Ich habe doch selbst gesehen, wie du Snape um den Finger wickeln wolltest und wie du Vater heute dazu gebracht hast, das Familienbad nutze zu dürfen!"

„Was willst du eigentlich von mir?", fragte Hermine entnervt. Der Tag war lang gewesen und sie spürte, wie sie sogar zu müde war, um ernsthaft Angst haben zu können. Ihr Unverständnis über Draco Malfoys Verhalten brach sich dafür umso heftig Bahn: „Hast du Angst, ich könnte deinem Vater schaden? Harry ist tot, Draco! Wir haben verloren, unumkehrbar. Welche Gefahr sollte von mir ausgehen?"

„Das scheint dich ja wenig zu kratzen. Gefällt dir die neue Weltordnung? Bist du gerne die Schlampe für Todesser?"

„Was laberst du für eine Scheiße? Meinst du, ich fand es toll, dass mein bester Freund vor meinen Augen ermordet wurde? Denkst du wirklich, dass ich als Schlammblut den Sieg Voldemorts begrüße?"

Kurz meinte Hermine, so etwas wie Erleichterung in den Augen Dracos lesen zu können, doch sofort war dort nur noch Misstrauen zu erkennen. Wortlos begegnete sie dem misstrauischen Starren – bis sie plötzlich eine reibende Bewegung der Hand auf ihrem Schenkel bemerkte. Entsetzt schaute sie an sich herab und erst jetzt wurde ihr klar, dass ihre Beine weit gespreizt waren, dass Malfoys Hand sich ihren Weg zwischen ihre Schenkel suchte. Unwillkürlich entfuhr ihr ein Wimmern.

„Na, gefällt dir das, kleine Schlampe?"

„Malfoy, bitte … bitte lass mich einfach in Ruhe!"

„Aber warum denn? Warum soll nur mein Vater seinen Spaß an dir haben?"

„Weil sie nicht dein Hab und Gut ist!"

Zwei Paar Augen flogen überrascht zur Tür und musterten den Schatten, der dort erkennbar war.

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