Die Pfeiler des Lichts (35)

«Wollt ihr auch mal einen Blick auf unsere neue Welt erhaschen?» rief Ashali enthusiastisch. «Ja, das wollen wir. Es interessiert uns irgendwie doch, was dort auf uns warten würde,» erwiderte Dinael, während er seinen Arm liebevoll um seine Liebste Dinaila legte. Die beiden waren sehr glücklich, ebenso wie die anderen Paare. Und in Eintracht vereint, betraten sie den regenbogenfarbenen Säulengang! Ein wundersamer Schein umhüllte sie, nahm sie sanft in seine warmen Arme. Tief bewegt und ohne ein Wort zu sprechen, gingen sie weiter, auf das gleissend helle Licht, am Ende der Säulenallee, zu. Sie spürten Spannung und eine unglaubliche Aufregung, welche durch ihren ganzen Körper pulsierte und dann… waren sie am Ende der Allee angekommen und vor ihnen öffnete sich eine mächtige, golden schimmernde Pforte. Hinter dieser Pforte erblickten sie eine Welt, welche überhaupt nicht finster war. Sie war durchdrungen von Licht, einem Licht, welches zwar nicht ganz an das Licht von Eden herankam, aber dennoch es war Licht und dieses Licht, kam von einem riesigen, hellen Ball an einem azurblauen Himmel. Es gab Pflanzen, Tiere, Mineralien und genug Wasser hier. Alles war da, was es zum Leben brauchte. Dinaila sprach: «Wir haben auch Meere, Berge, Wälder, genau wie in Eden. Einst waren die finsteren Lande, tatsächlich finster und ohne wirkliches Leben. Wir haben neues Leben hierhergebracht, mit Hilfe von uraltem Wissen, aus der alten Heimat und mit Hilfe dessen, was wir an Urmaterie, mit auf unseren Weg bekommen haben. Darauf sind wir sehr stolz. Wir bewirtschaften Land, bauen unsere eigenen Esswaren an, denn unsere neuen Gefässe, brauchen Nahrung und vieles mehr, um zu funktionieren. Es war und ist harte Arbeit, aber es lohnt sich und wir haben einen wirklichen Lebenszweck. Wir arbeiteten gemeinsam und halfen einander wo nötig. Das förderte unseren Zusammenhalt. Ich glaube wirkliche es könnte euch dort drüben gefallen!»

Hanael schaute voller Staunen, was für eine wundervolle Welt ihre Geschwister doch erschaffen hatten. Er musste ihnen für diese unglaubliche Leistung wahrlich Respekt zollen. Dennoch, irgendetwas in ihm hatte noch immer stille Zweifel.

Was dort in den einst finsteren Landen entstanden ist, ist wahrlich unglaublich. Unsere Geschwister haben da Enormes geleistet. Es hat Himmelskörper, die alles im Gleichgewicht halten, hat eine gänzlich neue Atmosphäre, gereinigt vom Gifte der Finsternis. Es hat wundervolle Vegetation, wenn auch nicht ganz so herrlich, wie in Eden. Ist dieses neue Land tatsächlich das, wovon Hanania eine Vision hatte, das Land, dass es uns ermöglicht, wieder Kinder zu haben? Aber für welchen Preis? Ist es klug unsere Seelen, in so ein sterbliches Gefäss einzusperren? Ist das Vergessen wirklich die Lösung? Was wenn wir dann die Verbindung zum Göttlichen ganz verlieren, wenn wir uns eines Tages gar nicht mehr, an unseren Ursprung erinnern? Wir werden uns eigentlich in eine niedrigere Existenz begeben, eine Existenz von der wir noch gar nicht wissen, ob wir unser Potenzia,l dann auch wirklich noch so leben können, wie es sein sollte. Wäre es nicht unsere Aufgabe wieder zurückzukehren in unsere himmlische Heimat?

Wie auch immer, viel hält uns eigentlich nicht mehr viel. Unsere Entwicklung kommt so oder so zu einem Stillstand, nichts gibt es mehr, wofür es sich in Eden, wirklich zu leben lohnt. Ich sehe das Strahlen in Hananias Augen, wenn sie hinüberblickt, in diese neue Welt, ich sehe Dinael und all die anderen, welche wieder vereint sein könnten, mit ihren einstigen Liebsten und so unendlich glücklich sind. Alle schauen mich nun erwartungsvoll an. Sie sehen mich noch immer als ihren Führer, obwohl ich eigentlich die Führerschaft schon so lange abgegeben haben, sie eigentlich auch nicht mehr verdiene und auch nicht mehr will. Ich kann sie nicht mehr führen, ich muss sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen. Die göttlichen Eltern sprechen schon so lange nicht mehr mit mir. Der Kontakt zu ihnen, ist mir schon lange abhanden gekommen, warum und weshalb genau, ich kann es nur erahnen. Ich habe keinen wirklichen Richtungsweiser mehr.

Die Gesetzestafeln, sie sind alt und verstaubt, alles hat sich geändert, ändert sich noch immer. Vielleicht ist es ja wirklich der richtige Weg, dort herüber zu gehen, weil wir die Rückkehr in unsere einstige Heimat wohl sowieso nicht mehr schaffen werden. Zu viel haben wir schon vergessen, zu viel von unseren Fähigkeiten verloren und doch der Schmerz ist geblieben, er ist sogar noch stärker geworden. Wir alle leiden oft so sehr und doch schaffen wir den Schritt zurück in die himmlische Welt nicht mehr. Unsere Schwingung ist schon so tief gesunken, sonst könnten wir gar nicht hier sein, wir könnten gar nicht dort rüber schauen, in die finsteren Lande, die doch gar nicht mehr so finster sind.»

«Hanael!» riess Dinael den jungen Arienes aus seinen Gedanken: «Was denkst du, sollen wir tun. Du bist der grosse Führer, was du uns sagst werden wir machen.» «Ach Dinael!» seufzte Hanael. «Wenn wir ehrlich sind, bin ich schon längst nicht mehr euer Führer, ich habe das Recht auf Führerschaft schon längst verwirkt. Ich müsst selbst entscheiden, was ihr tun wollt, was eure Herzen euch sagen. Ich will auch nicht mehr die Verantwortung für euch alle übernehmen, denn ich weiss wirklich selbst nicht genau, was der richtige Weg ist.»

Hanael schaute hilfesuchend zu Hanania herüber. «Du willst gehen, habe ich recht?» «Ja, ich will gehen, hier in Eden hält mich nichts mehr und die Hoffnung, irgendwann wieder ein lebendiges Kind in meinen Armen zu halten, ist für mich Grund genug, diesen Schritt zu wagen. Ausserdem ich hatte doch diese Vision, erinnerst du dich?» «Ja, wie könnte ich das auch vergessen. Ich verstehe dich Hanania, doch ich möchte schon noch ein wenig darüber nachdenken. Es ist ein sehr grosser Schritt, den wir da machen würden. Und wir würden uns für das Vergessen entscheiden und in einem sterblichen, ziemlich grobstofflichen Gefäss gefangen sein.» «Aber wir könnten wieder Eltern sein!» «Ja schon. Trotzdem, es gibt kein Zurück, wenn wir das wagen. Die Schwingung in den finsteren Landen, wird uns sogleich in Beschlag nehmen und… ich weiss nicht ob ich das will.»

«Aber es ist gar nicht schlimm,» sprach Dinaila «es wird wie ein Einschlafen sein und dann werdet ihr drüben, sanft wieder erwachen. Wir haben alles vorbereitet. Die Gefässe stehen bereit, wir haben sie alle passend zu euch und eurem Wesen geschaffen. Es ist wie ein Avatar, den ihr einfach bezieht. Wir haben es ja auch gemacht und es war wirklich eine positive Erfahrung!»

Das war auch anders, ihr hattet schon eine tiefere Schwingung als wir, geht es mir durch den Kopf. Aber das kann ich ihnen doch nicht sagen. Sie würden sich dann herabgewürdigt fühlen. Doch leider entspricht es der Tatsache. Sie hatten sicher keine Probleme mit dem neuen Körper, weil sie schon so energielos waren und die finsteren Lande, sie in ihren Fängen gehabt haben. Ach was soll ich nur machen?

«Also gut,» meinte Hanania, als sie die ernste, nachdenkliche Mine ihres Liebsten sah. «Wir werden noch ein wenig darüber nachdenken und es nochmals besprechen.» Ashali meinte ernst: «Aber beeilt euch etwas mit der Entscheidung! Ihr wisst, die Zeit ist begrenzt. Es bedurfte grosser Anstrengungen für uns, in dieser Form hierher zu kommen. Wir müssen schon bald in unsere Gefässe zurück!» «Aber wir müssen doch auch noch unsere Stämme informieren!» protestierte Hanael. «Sie müssen doch wissen, wohin wir gehen!» «Früher oder später, werden sich vermutlich sowieso die meisten von ihnen entscheiden, zu uns zu kommen. Die Zeit ist reif. Eden ist schon längst nicht mehr das, was es einst war, habe ich recht? Machtkämpfe, Zwietracht, sie verbreiten sich immer mehr. Unsere Ebene mag grobstofflicher sein, doch wir helfen einander, die Not hat uns zusammengeschweisst und nicht auseinanderdriften lassen, wie es bei euch mittlerweile der Fall ist. Wie du richtig sagst Hanael, eure Führerschaft hat ausgedient und Eden wird so oder so, eine immer niedrigere Schwingung erhalten. Die Veränderung ist schon voll im Gange, sonst wären wir niemals alle zusammen hier. Was dachtet ihr denn, dass ihr hier wieder die Verbindung zu den göttlichen Eltern findet, dass euer Kummer einfach aufhört, ihr so einfach zurückkönnt, in die alte Heimat, dass an diesem Ort die perfekte Lösung auf euch wartet? Vergebt mir…, da habt ihr euch wirklich etwas eingebildet. Ihr habt eure Rückreise schon längst selbst verbaut.» «Ashali!» rief Ashalia tadelnd. «Du gehst zu weit! Das hier sind immer noch die grossen Führer, die einst mit den göttlichen Eltern in Verbindung standen.» «Ja, doch sie haben die Verbindung auch verloren, worin seid ihr also noch besser als wir Hanael? Sag mir das!» Hanael nickte traurig und dachte bei sich:

«Die Worte von Ashali treffen mich schon sehr, doch eigentlich spricht er ja die Wahrheit. Wir sind wirklich nicht besser als er, oder die anderen, aus den finsteren Landen. Wir haben auch keinen Kontakt mehr zu unseren göttlichen Eltern. Ausserdem, was haben wir schon in all den Äonen zustande gebracht? Wahrlich nicht sehr viel. Ashali uns seine Leute jedoch, haben aus einer lebensfeindlichen Umgebung, wieder eine Umgebung gemacht, in der das Leben gar nicht so schlecht zu sein scheint.»

Hanael schaute Ashali fest in die Augen und sprach: «Ja, damit hast du nicht unrecht Ashali, wir haben wirklich nicht mehr sehr viel vorzuweisen. Dennoch… es gibt einen Grund, warum wir in Eden leben. Wir müssen deshalb ganz genau überlegen, ob sich ein Schritt hinüber in eure Welt, wirklich lohnen würde, oder ob dort nicht noch viel mehr Not auf uns wartet. Noch wissen wir ganz genau, woher wir kommen und haben gewisse Fähigkeiten, die wir im Laufe der Zeit und mit diesen neuen Hüllen, vermutlich mehr und mehr verlieren würden. Auch wenn es manchmal unglaublich schmerzt, den göttlichen Eltern so fern zu sein, stets vor Augen zu haben, dass wir ihnen aus freien Stücken, einst den Rücken kehrten, so ist die Verbindung zu ihnen und unseren einstigen Brüdern und Schwestern in den hohen Himmeln, immer noch sehr eng. Darum lasst uns noch etwas darüber nachdenken!»

Comments

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    Also ich finde es einen ganz wichtigen Punkt, dass jemand die anderen informieren muss, was es mit den Säulen des Lichts auf sich hat, und wer den Weg gewählt hat.

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