Stockholm-Syndrom

Es hatte Hermine sehr viel innerliche Überwindung gekostet, endgültig in den Raum zu treten, die Tür hinter sich zu schließen und die Situation so gelassen wie möglich zu nehmen – zumindest nach außen. Wenn es nicht so vollkommen unwahrscheinlich gewesen wäre, hätte sie beinahe gedacht, ein winziges anerkennendes Lächeln über die Lippen von Snape huschen zu sehen, doch es war sofort wieder verschwunden, wenn es jemals da gewesen war. Nun lag sie in ihrem Sklavenkleid auf der Kante des Bettes, so weit wie möglich von dem großen Mann entfernt, dankbar über die eigene Decke und das eigene Kissen. An seinem regelmäßigen, tiefen Atem konnte sie erkennen, dass er inzwischen eingeschlafen war, und so war es ihr nun endlich möglich, sich zu entspannen. Bis zuletzt hatte sie die Unsicherheit gequält, ob er sich nicht doch zu ihr rüber rollen würde, um zu wiederholen, was er vor Wochen schon einmal getan hatte.

Jetzt, wo die unmittelbare Gefahr verschwunden war, kehrten ihre Gedanken zu dem Patronus zurück, den er ihr gezeigt hatte. Sie wusste, dass jeder Patronus einzigartig war und dass höchstens bei sich liebenden Menschen der eine die Gestalt des anderen annehmen würde. Es konnte also damals nur der Patronus von Snape gewesen sein, der Harry den Weg gezeigt hatte – denn dass ihr ehemaliger Lehrer einen anderen Menschen lieben könnte oder umgekehrt, jemand ihn liebte, war ein mehr als absurder Gedanke.

Doch warum? Sie waren damals in einer verzweifelten Lage gewesen, keinen Schritt waren sie voran gekommen, Ron hatte sie nach einem Streit verlassen – wenn nicht dieses kleine Wunder geschehen wäre, wäre damals ihr ganzer Plan zerfallen und mit ihm jede Chance, Voldemort endgültig zu vernichten. Dass ausgerechnet Snape, der treueste Anhänger des Dunklen Lords, sich nun als zentrale Figur für ihren zeitweiligen Erfolg herausstellte, überforderte Hermine.

Ihre Gedanken wanderten durch die Jahre zurück. Im ersten Schuljahr hatten sie Snape verdächtigt, den Stein der Weisen stehlen zu wollen, sie selbst hatte seinen Umhang in Brand gesteckt, weil sie dachte, Snape habe Harrys Besen verhext. Das Gegenteil war der Fall gewesen. Warum sollte ein Mensch jenen schützen, der zum Untergang seines Herrn und Meisters geführt hatte? War die Anwesenheit Dumbledores und Snapes Lage, dass er dessen Vertrauen behalten musste, ausreichende Erklärung? Und im dritten Schuljahr, da hatte er sie vor dem Werwolf zu schützen versucht. War das ein Reflex seiner Lehrerrolle, die sogar seinen Hass auf Harry übertraf? Damals hatte sie gelernt, die offizielle Geschichtsschreibung immer zu hinterfragen, hatte sich doch der Mörder und Verräter Sirius Black als treuer Freund erwiesen. Jahr für Jahr waren mal kleine, mal große Dinge geschehen, die Snapes Hass auf Harry deutlich gemacht haben, aber auch immer wieder zeigten, dass er ihn nicht tot sehen wollte. Warum?

Und nun? Da war dieses beinahe fürsorglich zu nennende Verhalten, mit dem er sie gesund gepflegt hatte, nachdem Narzissa Malfoy sie ausgesperrt hatte. Da war die Tatsache, dass er Ginny offensichtlich gut behandelte. Sie wusste nicht, was sie aus all diesen Verhaltensweisen machen sollte, doch eines war spätestens seit dem heutigen Tag klar: Severus Snape war ein Mann voller Widersprüche, der offensichtlich nicht so leicht in eine einzige Schublade zu stecken war.

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In einem Zimmer am anderen Ende des Flügels lag der Hausherr wach und starrte die Decke über seinem Bett an. Dass ihn nicht nur sein Sohn, sondern auch Severus selbst mehr oder weniger auf frischer Tat ertappten hatten, war mehr, als er zu wetten gewagt hatte. Es erleichterte ihm einiges, immerhin musste er sich nun nicht mehr darauf verlassen, dass die kleine Weasley ihrem Besitzer von dem Vorfall erzählte. Dass Severus nachts Hermine mit auf sein Zimmer nehmen wollte, störte ihn hingegen sehr – er hätte damit rechnen müssen. Es überraschte ihn immer wieder, dass sein alter Freund tatsächlich so etwas wie körperliches Verlangen verspüren konnte. Die Vorstellung von dem, was in seinem Gästezimmer vermutlich gerade vor sich ging, ließ seinen Blutdruck zornig hochschnellen. Wenn seine Position eine andere gewesen wäre, hätte er einfach jedem Mann verboten, Hermine anzurühren. Doch so, wie die Dinge standen – und insbesondere im Moment, wo Bellatrix ihn des Blutverrats verdächtigte –, konnte er es sich einfach nicht leisten. Die Reaktion, die die kleine, braunhaarige Frau ihm gegenüber gezeigt hatte, als er sich ihr gegen ihren Willen aufgedrängt hatte, war vermutlich deutlich weniger heftig gewesen als Snape gegenüber, der ihr Trauma immerhin ausgelöst hatte.

Wütend setzte Lucius sich auf. Bilder von Hermine, die mit angsterfülltem Gesicht und völlig erstarrt dalag, die schreien und um sich schlagend dem Bett entkommen wollte, bevölkerten seine Gedanken. Er wusste, dass diese Gedanken wirklich nahe am Blutsverrat waren, doch es kümmerte ihn nicht. Er hatte mit Hermine einen Anker in seinem Leben gefunden, den er nicht bereit war aufzugeben. Ihre Ehrlichkeit, ihr Temperament, ihr junger, zarter Körper – das gehörte ihm, er war ihr Besitzer, und er war nicht bereit zu teilen oder es sich kaputt machen zu lassen. Wenn ihn Severus, seine Frau oder gar sein Sohn für einen perversen, alten Mann hielten, konnte ihm das nur recht sein.

Mit seinem Seufzen ließ er sich wieder zurück auf sein Kissen sinken. Er vermisste die Zeit, in der er seinen Stolz nicht nur nach außen gezeigt, sondern auch innerlich gespürt hatte. Seine Familie vor ihm und er selbst hatten wahrlich genug geleistet, um stolz sein zu können. Es war beinahe lachhaft, dass ausgerechnet der Mann, der seine Lebenseinstellung bis ins Extreme führte, nun für seinen miserablen Zustand verantwortlich war.

Unwirsch rief sich Lucius in Gedanken zur Ordnung. Er war nicht geboren, um zu jammern, er würde sich nicht selbst bemitleiden. Er würde ertragen, was das Leben ihm im Moment bot, und daran arbeiten, dass wieder bessere Zeiten kamen. Es war noch genug von seinem Stolz vorhanden, um ihn zum Handeln zu bewegen. Der Tag, an dem er, Lucius Malfoy, aufhörte, um sein Leben und seinen Luxus zu kämpfen, war noch fern!

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„Es ist wirklich nichts passiert?"

Der Unglaube in der Stimme ihrer Freundin überraschte Hermine keineswegs. Sie hatte damit gerechnet, dass Ginny sie sofort besorgt überfallen würde, sobald sie zur Frühstücksvorbereitung in der Küche eingetroffen war.

„Nein, wirklich nicht", erwiderte Hermine mit einem Lächeln.

„Ich habe mir die ganze Nacht Sorgen um dich gemacht. Da lag ich, wohl behütet im Bett von Malfoy – der übrigens selbst ganz anständig auf einem Sofa geschlafen hat – und habe mich um dich gesorgt. Dabei war gar nichts los. Himmel, bin ich erleichtert!"

„Ich bin froh, dass Draco dich mitgenommen hat", gab Hermine mit gleicher Erleichterung zurück, „ich hatte selbst Angst, dass Lu … dass der alte Malfoy dich ins Bett zerrt."

„Wolltest du ihn gerade beim Vornamen nennen?", bohrte Ginny misstrauisch nach, der nicht entgangen war, wie Hermine errötend über den Namen gestolpert war.

„Ach, Ginny. Es ist so viel passiert hier. Ich fange an, an meinem Verstand zu zweifeln. So viele Menschen, die ich für durch und durch kalt und böse gehalten habe, haben in den letzten Wochen … Menschlichkeit gezeigt. Selbst Lucius Malfoy."

Erregt putzte Ginny das Gemüse heftiger als nötig: „Haben sie dich einer Gehirnwäsche unterzogen? Mag ja sein, dass Draco fehlgeleitet war und das bereut – aber du kannst mir nicht erzählen, dass erwachsene Männer wie Malfoy plötzlich einen Sinneswandel haben und menschlich werden!"

Seufzend legte Hermine das Gemüse, welches sie gerade putzte, beiseite: „Ich bin doch selbst verwirrt. Ich kann nur auf das reagieren, was ich sehe und wie man mich behandelt – und anders als gut, höflich und freundlich kann ich das bei Malfoy einfach nicht beschreiben. Sicher, er rastet auch oft genug aus, beschimpft mich und so."

Sie sehnte sich danach, Ginny zu erzählen, dass sie freiwillig mit ihm geschlafen hatte, dass sie entdeckt hatte, dass dieser Mann sie brauchte und sich nach ihrer Nähe sehnte. Aber sie traute sich nicht. Insbesondere nach dem Vorfall gestern hatte sie das Gefühl, als hätte sie Ginny betrogen. Zumal sie selbst erst sicher gehen wollte, was Lucius sich dabei gedacht hatte, Ginny anfassen zu wollen, ehe sie weitere Loblieder auf ihn sang. Von Schuldgefühlen gepackt wechselte sie das Thema: „Und außerdem – gib doch zu, dass du selbst Snape ganz anders erlebst als du gedacht hast."

„Ja, sicher! Aber das ist nur ein Gesicht, dass er Merlin weiß warum aufsetzt. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich vergessen oder verzeihen könnte, was er dir angetan hat!", kam es heftig von Ginny. Dann stockte sie mitten in der Bewegung: „Hast DU es vergessen?"

„Bitte?"

Entsetzt starrte Hermine ihre jüngere Freundin an – hatte sie sich verhört?

„Du hast mich schon richtig verstanden. Was meinst du, wie das auf mich wirkt, mh? Da bist du gestern alleine mit ihm in der Bibliothek und kommst mit ihm zusammen wieder, als sei gar nichts los gewesen. Setzt dich selbstverständlich neben Lucius. Dann begleitest du Snape seelenruhig in sein Zimmer und tauchst heute Morgen ausgeschlafen auf, als hätte dich die nächtliche Nähe nicht gestört. Was soll ich denn deiner Meinung nach davon halten?"

„Verlangst du von mir, dass ich mich dafür rechtfertige, dass weder Malfoy noch Snape mich schlecht behandeln in letzter Zeit? Dass ich langsam aber sicher verarbeite, was geschehen ist, und anstatt zurück nach vorne schauen will? Dass ich zumindest Lucius Malfoy zugestehe, ein Mensch und kein Monster zu sein?"

„Merlin, Hermine! Hörst du dich reden? Hat Malfoy dir erfolgreich eingeredet, du müsstest dankbar sein, dass er so gütig ist, dich nicht wie eine Sklavin zu behandeln?"

Erregt schnappte Hermine nach Luft. Sie wusste, worauf Ginny anspielte, obwohl sie bezweifelte, dass ihre Freundin den Muggel-Fachbegriff Stockholm-Syndrom kannte. Sie fühlte sich missverstanden und ungerecht behandelt von ausgerechnet der Person, die ihr am nächsten stand.

„Ginny, ich bin kein psychologisches Opfer meines Besitzers", sagte sie entsprechend mit fester Stimme, „ich bin durchaus in der Lage, meine Situation zu verstehen. Weder verzeihe ich Snape irgendetwas noch bin ich Malfoy dankbar – höchstens dafür, dass er mich zu euch gebracht hat, als ich kurz vor dem Erfrieren war. Aber so, wie du mit Snape ein geruhsames Leben geführt hast, in dem vermutlich nicht Hass das erste Gefühl war – zumindest, ehe das mit mir passiert ist –, so führe auch ich hier ein inzwischen halbwegs aushaltbares Leben. Ich weigere mich, mich nur als Opfer zu sehen. Ich bin immer noch Hermine und ich habe immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass die Welt eines Tages wieder ins Lot gerückt wird – am besten durch aktives Handeln von mir. Aber wenn ich etwas ändern will, dann muss ich anfangen, mich von alten Vorurteilen zu trennen und die Welt so, wie sie jetzt ist, nehmen, erkunden und begreifen. Und wer weiß, vielleicht gibt es noch mehr Dracos da draußen – aber wie soll ich das herausfinden, wenn ich alle partout nur als böse abstempele?"

Sie sah, wie Ginny am Ende ihres kurzen Vortrages die Tränen in die Augen traten, und umarmte sie stürmisch: „Wir beide sind die letzten, die streiten sollten. Wir müssen zusammen halten!"

„Es tut mir leid", flüsterte Ginny, während sie gegen die Tränen ankämpfte, die sich rücksichtslos ihren Weg über ihre Wangen suchten: „Ich war nur so schockiert von all den Veränderungen in dir. Ich weiß auch nicht, was ich dir da unterstellen wollte …"

„Du hattest Angst, ich könne umgedreht und in eine hörige Sklavin verwandelt werden!", stellte Hermine sachlich fest, während sie sich aus Ginnys Umarmung löste, um ein Tuch für ihre laufende Nase zu suchen. Nachdem sie eines gefunden und ihr gereicht hatte, fuhr sie fort: „Verstehe ich, wirklich. Das ist kein unwahrscheinliches Szenario. Aber glaub mir, das passiert hier nicht. Dazu habe ich noch zu viel Gewalt über meine fünf Sinne."

Ehe die beiden ihr Gespräch fortsetzen konnten, kamen die Hauselfen in die Küche gestürmt, um mir einem Schnipsen das gewaschene Obst und Gemüse für das Frühstück anzurichten. Wie jeden Morgen kam Hermine sich lächerlich vor, dass sie von Hand Arbeit in der Küche erledigte, die für die Hauselfen mit einem Funken Magie sofort zu schaffen waren. Sie vermutete, dass es in Wahrheit nur dazu diente, ihr ihren Stand auf Niveau der Hauselfen unter die Nase zu reiben – oder die Hausherren waren einfach zu einfallslos …

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