Zuhause bei Severus Snape

Hermine saß erstarrt am Küchentisch. Die Nacht und das merkwürdige Frühstück steckten ihr in den Knochen. Sie konnte noch immer nicht begreifen, warum ihr ehemaliger Professor sie gekauft hatte. Eigentlich wollte sie gar nicht an die Nacht denken, aber jede Sekunde, in der sie nicht beschäftigt war, kehrten ihre Gedanken ganz von alleine dahin zurück. Die Folter, die sie durch Bellatrix Lestrange erfahren hatte, war weit schmerzhafter gewesen, doch sie hatte sich nicht so schmutzig gefühlt danach. Und hinzu kam jetzt die Angst. Der zweifelhafte Schutz durch Lucius Malfoy war mit der gestrigen Nacht hinfällig geworden. Wenn es Fenrir Greyback in den Sinn kam, konnte er jederzeit über sie herfallen. Ebenso Draco Malfoy – sein Hass verhieß nichts Gutes.

Das leise Rascheln von Stoff ließ Hermine aufschauen: Lucius Malfoy hatte unbemerkt neben ihr auf der Bank Platz genommen.

„Bist du fertig mit deinem Frühstück?"

Hermine nickte langsam. Sie hatte am Morgen keinen Appetit verspürt, und so bestand ihr Frühstück nur aus einem heißen Tee.

„Gut. Ich habe eine neue Aufgabe für dich!", sagte Malfoy, „Komm mit. Aber wasch dir vorher gründlich die Hände."

Misstrauisch stand Hermine auf und griff nach dem Schwamm aus dem Geschirrkübel. Nachdem sie sich zur Zufriedenheit ihres Herrn gesäubert hatte, folgte sie ihm aus der Küche. Zu ihrem Erstaunen gingen sie nicht in den ersten Stock, sondern blieben im Erdgeschoss. Verwirrt lief sie durch lange Gänge ohne Fenster, bog mehrfach ab und stellte sehr bald fest, dass sie jegliche Orientierung verloren hatte. Außer der Küche, dem Speisesaal, dem herrschaftlichen Badezimmer und ihrer Unterkunft hatte sie bisher nichts vom Anwesen gesehen. Der letzte Gang, auf den sie einbogen, endete schließlich in einer großen, schweren Doppelfügeltür aus massivem Holz.

„Kein Hauself oder sonstiges dreckiges Wesen hat diesen Ort bisher jemals betreten", erklärte Malfoy mit ernster Stimme, „ich werde dich die nächsten Tage immer hierhin begleiten und beobachten. Wenn mir dein Verhalten nicht gefällt, wirst auch du hier nie wieder einen Fuß reinsetzen!"

oOoOoOo

Ginny Weasley stand in der kleinen Küche in der Wohnung von Severus Snape und kochte Tee. Ihr Herr war über Nacht fort gewesen und hatte sich via Patronus zum 5-Uhr-Tee angekündigt. Ginny wusste inzwischen, dass diesem undurchsichtigen Mann diese alte, britische Tradition sehr wichtig war und er ihr huldigte, wann immer sich die Gelegenheit bot. Derzeit waren Sommerferien in Hogwarts, so dass Snape den Tag über zu Hause war, falls er keinen anderen Geschäften nachgehen musste.

Hogwarts. Mit einem sehnsuchtsvollen Seufzen dachte Ginny an ihre alte Schule zurück. Es schien so lange her zu sein, dass sie dort gegen Voldemort und seine Armee gekämpft hatten, und doch lag es erst einige wenige Wochen zurück. Seit diesem Tag hatte sie keinen Menschen mehr zu Gesicht bekommen außer Severus Snape. Sie wusste nicht, wie es Ron ging oder einem ihrer anderen Brüder. Sie wusste nicht, wie es Hermine ging, denn alles, was sie auf Nachfrage aus Snape heraus quetschen konnte, war ein schlichtes „gut". Und dass es ihrer besten Freundin in den Fängen der Malfoy-Familie wirklich gut gehen konnte, das bezweifelte sie.

Nachdenklich betrachtete sie die Scones, die langsam im Ofen eine goldbraune Farbe annahmen. Sie hatte viel geweint in der ersten Zeit nach Harrys Tod. Für die Zaubererwelt war die große, einzige Hoffnung gestorben, doch für sie war auch der Mann gegangen, den sie mehr als alles andere geliebt hatte. Und dennoch … nachdem sie viele Tage geweint hatte, hatte sie für sich beschlossen, nicht länger zu verzweifeln. Voldemort hatte nur Harry getötet. Der Rest des Ordens lebte noch – und das musste irgendeine Bedeutung haben. Sie war sich sicher, dass das letzte Wort in diesem Krieg noch nicht gesprochen war. Wenn sie irgend konnte, würde sie vollenden, was Harry begonnen hatte. Das hatte sie sich geschworen und jeden Abend wiederholte sie diesen Schwur.

Ein leises Klingeln verkündete, dass das Gebäck im Ofen fertig war. Vorsichtig holte sie das heiße Blech heraus und ordnete die Scones sorgsam auf einer großen, geblümten Platte an. Zusammen mit einer Kanne Tee, zwei Tassen, Milch, Marmelade sowie der clotted cream brachte sie alles in das kleine Wohnzimmer und stellte es auf den runden Tisch vor dem Kamin, auf welchem bereits kleine Löffel und Messer bereitlagen. Gerade brachte sie das Tablett in die Küche zurück, da meinte sie, Schritte auf der Treppe zu hören. Und noch ehe sie sich dessen vergewissern konnte, stand der Hausherr hinter ihr.

Bevor sie zu einer Begrüßung ansetzen konnte, hatte er sie gepackt und mit Gewalt gegen den Türrahmen gedrückt. Eine Hand an ihrem Hals, die anderen über ihrem Kopf abgestützt, starrte Severus Snape sie aus nächster Nähe an. Ginnys Herzschlag beschleunigte sich. Das Verhalten war ihr neu, denn bisher hatte Snape sich nie gewalttätig gezeigt. Irgendetwas musste in der Nacht geschehen sein, irgendetwas, das er nun an ihr auslassen würde. Angst machte sich in ihr breit.

„Hast du Angst vor mir?", kam sogleich die kalte Frage. Zögerlich nickte sie. Der Griff um ihren Hals spannte sich und das Gesicht des dunkel gewandten Mannes kam ihrem nur noch näher. Unwillkürlich griffen ihre Hände nach seinem Arm, versuchten den Druck zu lockern, doch vergebens. Die Angst wich Panik, als Ginny merkte, dass sie keine Luft mehr bekam. Der Mann vor ihr zeigte keine Regung, er starrte sie nur undurchdringlich an – und was auch immer er sah, es gefiel ihm nicht.

Mit einem Stirnrunzeln schleuderte Snape seine ehemalige Schülerin in die Küche. Ohne ihr einen weiteren Blick zu schenken, wandte er sich ab und begab sich in sein Wohnzimmer, wo er vor dem Kamin Platz nahm. Als er merkte, dass Ginny ihm nicht folgte, wurde sein Blick noch wütender.

„Worauf wartest du? Der Tee wird kalt!", herrschte er sie an. Verängstigt rappelte sie sich vom Boden auf und folgte ihm. Mit leicht zittrigen Händen griff sie nach dem Kännchen Milch und goss zuerst für ihn und dann für sich einen Schluck in die Tassen, ehe sie den heißen, schwarzen Tee hinzufügte. Der Hausherr wartete bis seine Sklavin sich gesetzt hatte, dann nahm er seine Tasse, rührte einmal sorgfältig um, trank einen tiefen Schluck und schloss entspannt die Augen. Sofort entspannte sich auch Ginny. Sie wusste, dass diese Geste bedeutete, dass alles, was zuvor am Tag geschehen war, von Snape abfiel und er in einen Zustand der Zufriedenheit und Ausgeglichenheit zurückkehrte. Und so begegnete sie seinem Blick ohne Angst, als er seine Augen wieder öffnete und sie direkt ansah.

„Alle haben Angst vor mir. Selbst du, Ginevra, obwohl ich dich gut behandle", kommentierte er seufzend. Verwirrt schaute Ginny ihn an. Es stimmte, er behandelte sie gut, eher wie ein Hausmädchen, das mit ihm zusammen lebte, denn wie eine Sklavin. Aber dennoch war es zu viel verlangt zu erwarten, dass sie keine Angst vor einem Todesser, noch dazu dem größten Verräter überhaupt, verspürte. Das musste ihm doch klar sein.

„Ich kann mich tatsächlich nicht beklagen", erwiderte sie daher ernst, „doch Sie dürfen nicht vergessen, wer Sie sind. Und wer ich bin."

Schweigen breitete sich zwischen beiden aus und um die Stille zu überbrücken, griffen beide nach einem Messer und schmierten sich ein wenig Marmelade auf eines der goldbraunen Gebäckstücke. Nach einem kurzen Moment setzte Snape erneut zum Sprechen an.

„Ich weiß, was du sagen willst. Es ist normal, vor seinem Feind Angst zu haben. Es ist normal, eine Verräter zu hassen, einen Mörder … einen …", kurz stockte Severus Snape, dann beendete er den Satz mit: „Vergewaltiger."

Ginnys Mund wurde trocken. Sie wusste, dass Snape ein Mörder und Verräter war, ein Todesser ersten Ranges. Und sie wusste, welche Verbrechen Todesser üblicherweise noch so begingen. Dennoch wurde ihr übel, als sie sich klar machte, dass auch er Frauen vergewaltigt hatte. Dieser ruhige, Bücher liebende, Tee trinkende Mensch, den sie in den letzten Wochen kennen gelernt hatte, dem sie dankbar war für seine Freundlichkeit ihr gegenüber … er hatte scheußlichste Verbrechen begangen.

„Ich wollte dir nicht den Appetit verderben", sagte Snape beinahe entschuldigend, als er sah, wie sie ihr halb angebissenes Scone sinken ließ. Nach einem weiteren Moment der Stille tat er es ihr nach.

„Ich habe mir selbst den Appetit verdorben. Der beste Tee der Welt kann nicht wieder gut machen, was heute Nacht geschehen ist. Es tut mir leid!", flüsterte er beinah unhörbar.

Heute Nacht!, schoss es Ginny durch den Kopf, Hatte er nicht gestern gesagt, er würde die Nacht bei den Malfoys verbringen? Was um Merlins Willen …

„Was haben Sie gesagt?", fragte sie langsam. Snape schaute auf und erkannte, was diese Reaktion bedeutete.

„Du bist ziemlich schnell, Ginevra", kommentierte er ebenso langsam. Erneut breitete sich Stille zwischen ihnen aus, während sie sich gegenseitig anstarrten. Dann, ohne Vorwarnung, durchbrach Ginny das Schweigen mit einer schallenden Ohrfeige.

„Sie Schwein! Wie können Sie nur?", schleuderte sie ihm anklagend entgegen, „Was gibt Ihnen das Recht, mit anderen Menschen zu tun, was Ihnen beliebt? Ich dachte …"

Ginny brach ab. Was hatte sie denn eigentlich gedacht? Dass er ein guter Mensch ist? Dass ich ihm vertrauen kann? Dass er anders ist als die anderen Todesser? Merlin … war ich wirklich so naiv?

Eine Träne rollte ihre Wange hinab. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie tatsächlich angefangen hatte, ihm zu vertrauen. Dass sie die Hoffnung gewonnen hatte, ihn umdrehen zu können. Ihn für den Orden wieder zu gewinnen. Er hatte sie mit seiner Freundlichkeit eingelullt und ihr ein falsches Gefühl der Sicherheit gegeben. Sein Ausbruch vorhin in der Küche, die Gewalt – DAS war sein wahres Gesicht.

Ungläubig starrte sie ihn an. Wieder kroch Angst in ihr hoch, doch diesmal war sie viel umfassender. Sie war alleine mit einem Mann, dem sie nichts entgegen zu setzen hatte, der mit seiner Magie alles anstellen konnte, was er wollte – und der gerade erst offensichtlich ihre beste Freundin vergewaltigt hatte. Am liebsten wäre sie davon gelaufen, doch es gab in diesem Haus kein Zimmer, in dem sie sich vor ihm hätte verstecken können. Keine der Türen hatte einen Schlüssel, und selbst wenn – er hatte Magie.

„Da ist sie wieder, die Angst", hörte sie Snape sagen. Ohne auf eine Reaktion ihrerseits zu warten, trank er seine Tasse Tee aus, goss sich eine zweite samt Milch ein, nahm sie und verschwand ohne ein weiteres Wort in sein Arbeitszimmer. Ginny blieb alleine, verwirrt und verängstigt, vor dem Kamin zurück.

Obwohl das Feuer brannte, war ihr mit einem Mal eiskalt.

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