Das kristallene Medaillon (Teil 3)

„Tja,“ seufzte Benjamin ergeben. „Dann machen wir uns also auf den Weg. Was sagte sie noch? Wir sollen mit dem Schein der Morgensonne gehen. Also weiter nach Westen. Was meinst du?“ „Ja. Mein Gefühl sagt mir das jedenfalls.“ „Da dein Gefühl ja meist untrüglich ist Schwesterlein, werden wir also gen Westen weiterziehen und hoffentlich dieses Gasthaus zum goldenen Gral bald finden.“

Sie überquerten eine ähnliche Steinmauer die es auch in ihrer Heimat England gab und suchten nach einem Weg. Bald fanden sie einen. Es war ein schmaler Pfad, der im Laufe der Jahre durch verschiedene Reisende gebildet wurde. Immer wieder kamen sie an kleinen Baumhainen und Monolithen- Gebilden vorbei. Sie mussten sich hier in der dunkelsten Provinz von Irland befinden. Die Mystik uralter Druiden- Kulte, lag noch in der Luft. Die Druiden waren ja die heiligen Männer der Kelten gewesen. Die erzählten sie seien einst aus der Welt der Götter gekommen, um den Menschen ihre Weisheit zu lehren. Als das Christentum sich ausbreitete, verschwanden die Druiden immer mehr. Viele des alten Volkes nahmen den christlichen Glauben an und schließlich ging das jahrhundertealte Wissen der Druiden, die aus Prinzip nichts aufschrieben, verloren. Viele Menschen der heutigen Zeit, entdeckten dieses Wissen nun wieder, begannen wieder mehr auf die Sprache der Natur zu hören und ihre Geheimnisse zu erschließen. Viele Baumhaine, die auf dem Weg der Turner Kinder auftauchten, mussten einst heilige Stätten gewesen sein, denn man spürte immer noch eine ganz besondere Kraft von ihnen ausgehen. Während die Geschwister so still dahin gingen, fühlten sie tiefe Verbundenheit mit allem Leben. Alles schien auf einmal vom selben großen Geist beseelt zu sein, dem Geist der Ewigkeit, für den es fast so viele Namen gab, wie es Menschen auf Erden gab. Und doch...blieb er immer derselbe, liebende Geist, dem Gewalt und Unfrieden zuwider war...

Auf einmal schraken die Geschwister aus ihren tiefschürfenden Gedanken auf. Sie glaubten etwas gehört zu haben: Rasselnde, dumpfe Schritte hinter ihnen. Einem unbestimmten Impuls folgend verließen sie den Weg und versteckten sich hinter einigen Büschen. „Still!“ befahl Benjamin scharf. Doch das wäre nicht nötig gewesen, denn Pia starrte, mit schreckgeweiteten Augen, schweigend auf den Weg. Auf einmal erschien dort eine Truppe von etwa sechs Mann. Sie trugen dunkle Kutten, deren Kapuzen tief ins Gesicht gezogen waren.

Eigentlich sahen sie aus wie ganz normale Menschen, doch ihre Ausstrahlung war so negativ, als läge sie wie eine dunkle Wolke über den Kapuzenmännern. Sie veranlasste die Geschwister dazu noch weiter hinein ins Dickicht zu kriechen. Auf einmal war es den beiden einen Moment lang, als sähen sie schreckliche Füße unter dem Kuttensaum hervor blitzen. Einige sahen aus wie die Klauen eines Raubtieres, einige wie große Pranken, wieder andere wie Krähen- oder Ziegen- Füße. Doch sogleich verschwand die Vision wieder und sie sahen nur normale Menschen- Füße. Das Rasseln, welches deren Schritte begleitete, kam von den verschiedensten Waffen die sie bei sich trugen. Noch niemals hatten die Jugendlichen solche Waffen gesehen. Es waren entsetzliche Schwerter mit mehreren Klingen, Äxte, Hellebarden und Speere mit Widerhaken daran. Waren das diese Schatten des Bösen, von denen Isobia gesprochen hatte? Es konnte gut sein. Hoffentlich wurden sie nicht entdeckt!

Sie warteten sehnlichst darauf, bis die furchbare Truppe endlich vorbei war. Doch stattdessen blieb sie fast neben ihnen stehen und blickte auf einmal unverwandt auf den Zwischenraum zweier Bäume, die den Weg säumten. Fassungslos sahen Pia und Benjamin, wie ein verschwommenes Gesicht, aus Schatten entstanden, dort plötzlich auftauchte. Es war nicht deutlich zu erkennen, doch seine Augen wirkten etwas wie die eines Reptils. Eine herrische Stimme sprach zu den Kuttenträgern: „Ihr müsst euch jetzt besondere Mühe geben! Ich weiß, dass die beiden Jugendlichen hier in Irland sind. Sie werden vermutlich einen Helfer haben, der um mich und euch weiß. Lasst nicht zu, dass sie ihn jemals treffen!“ „Wie du befiehlst Herr,“ sprach der Anführer der Männer. „Wir kämmen alles durch und werden sie irgendwann finden.“ „Irgendwann ist nicht genug!“ war die unwirsche Antwort. „Also strengt euch gefälligst an!“ Die Angesprochenen senkten respektvoll den Kopf, was einer Zustimmung gleichkam. Dann...verschwand das seltsame Antlitz wieder und die finsteren Gestalten, gingen endlich weiter.

Pia und Benjamin verließen ihr Versteck erst, als sie sich vollkommen in Sicherheit wähnten. Dann setzten sie ihren Weg fort. Schließlich kamen sie an eine Kreuzung. Erleichtert stellten sie fest, dass die Spuren der dunklen Armee in die andere Richtung wiesen, als die die sie einzuschlagen gedachten. Doch nun waren sie noch mehr auf der Hut.

Schließlich erblickten sie in der Ferne einige Häuser. Sie mussten uralt sein, etwa so, wie das Haus der Kräuterfrau, die sie im heimatlichen Wald angetroffen hatten, aus Steinen und Lehm gebaut und mit Stroh überdacht.

Als sie näher kamen sahen sie, dass es vier Häuser waren, die sich um ein größeres Gebäude herum formierten. Eine Tafel mit einem goldenen Kelch hing über dessen Tür und darauf stand Gasthaus zum goldenen Gral! Sie waren am Ziel angekommen!

 

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