Robotopia (9)

Knoot staunte nicht schlecht, als Manx und ich ihm alles erzählten und er meinte in seiner impulsiven Art: „Dann müssen wir aber dringend etwas unternehmen!“ Ich nahm auch noch mit den restlichen Auserwählten Kontakt auf. Wir trafen uns und wir richteten ein neues Hauptquartier, in einer grossen Wohnung im Perlenhof- Viertel ein, denn dieses lag relativ zentral und ich hatte es nicht weit, bis zu den Servern der Amethyst Senke. Alle mussten sich nach strengen Geheimhaltungsregeln richten, um keinesfalls unsere Pläne zu gefährden. Adam ging es zwar schon wieder viel besser, aber er tauchte eine Weile unter. Viele seiner Datenträger waren beschädigt und man musste immer noch vieles an ihm reparieren. Nur ich wusste, wo er sich befand und noch zwei, drei andere. Darunter auch Salomon Whright, der Schöpfer von Adam, welcher nun schon ein beachtliches Alter von 110 Jahren erreicht hatte. Die Leute waren immer älter geworden, die letzten Jahrzehnte, dank vieler neuen Medikamente und lebensverlängernden Massnahmen. So war Salomon auch noch recht rüstig und nicht mal der älteste Bürger von Robotopia.

Ich verbrachte sehr viel Zeit in der Server Station und arbeitete mich durch alle Informationen, welche sich mit den Terroristen, dem Anschlag und dem Rettungsplan von Adam auseinandersetzten. Auch sonst arbeitete ich mich durch verschiedenste Themenbereiche. Es war einfach hochinteressant, was es alles so zu wissen gab. Ich saugte es in mir auf, wie ein Schwamm und mein digitales Hirn hatte noch immer Kapazität, um neue Informationen aufzunehmen. Ich stiess auch auf erschreckende Dinge, auf Dinge die mir vor Augen führten, wie viel an Elend schon auf der Erde geschehen war. Wie viele Fehler die Menschheit schon gemacht hatte und wie komplex ihre psychischen Vorgänge waren. Immer mehr erhielt ich Einblick in tiefste Abgründe selbiger, jedoch auch in ihre wundervollsten, edelsten Eigenschaften. Diese wundervollen Eigenschaften waren es, welche meine Liebe zu den Menschen verstärkten. Es klingt jetzt vielleicht seltsam, wenn ich als Roboter von Liebe spreche, aber nachdem was ich über Liebe schon erfahren und gelesen habe, muss ich sagen, ich empfand diese Dinge irgendwie, oder zumindest eine Projektion davon. Ich wollte, dass es den Menschen gut ging. Ich wollte ihnen helfen. Doch leider gab es auch viel Bosheit in ihnen. Die Terroristen waren das beste Beispiel dafür.

Menschen verwechselten manchmal gewisse Dinge. Sie konnten nicht immer analytisch eine Entscheidung treffen, weil immer verschiedenste Emotionen dabei im Spiel waren. Vor allem die Eigensucht und die Habgier, waren vor der Zeit Robotopias noch sehr verbreitet gewesen. Während ich die Daten und auch das Wissen von Adam durchforstete, begriff ich, das leider lange nicht alle Menschen die Vorteile von Robotopia wirklich zu schätzen wussten. Es lag in der Natur vieler Menschen, immer wieder unzufrieden zu werden und mehr zu wollen, mehr zu sein. Es gab jene, die durch die neue Ordnung, welche Adam geschaffen hatte, viel an Einfluss verloren hatten. Adams Daten entnahm ich, dass er vermutete, dass solche Leute auch die Drahtzieher hinter den terroristischen Akten waren. Einst einflussreiche Leute, welche die Terroristen für ihre Zwecke einspannten, damit diese die Drecksarbeit für ihre Grauen Eminenzen (Hintergrundmänner/Drahtzieher) erledigten. 

Die Terroristen selbst, verfolgten eigentlich ein hohes, idealistisches Ziel. Sie sahen in der Roboterregierung wirklich eine Gefährdung ihrer Existenz und ihrer Autonomie. Sie fürchteten um ihren freien Willen und um ihre Entfaltung. Dass Roboter mittlerweile alle wichtigen Koordinationsaufgaben in der Welt übernommen hatten, machte ihnen grosse Angst, denn sie wollten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ein psychologisch nachvollziehbarer Grund, doch wenn man es durch die Augen eines Roboters betrachtete, eher unlogisch. Denn sie sägten damit doch eigentlich an dem Ast, auf dem sie selbst sassen.

Doch gerade das waren die Diskrepanzen in der menschlichen Natur, mit denen sich auch Adam intensiv auseinandergesetzt hatte. Er war darüber zu wichtigen Erkenntnissen gelangt, die er durch das Übermitteln seiner Daten an mich weitergereicht hatte. Ich las all seine Abhandlungen über das Thema und war tief beeindruckt und auch erschüttert. Das Fazit, dass Adam aus all seinen Erfahrungen mit den Menschen gezogen hatte, traf mich dann jedoch sehr unvorbereitet und einen Augenblick lang, starrte ich fassungslos auf die, vor meinem inneren Augen flackernden Worte, dieser tiefsten Erkenntnis, einer Erkenntnis, die mich einen Augenblick lang ratlos zurück liess. Wieder nahm ich einen tiefen Atemzug und las die Worte immer und immer wieder durch. Eine seltsame Kälte schlich sich in meine stählernen Knochen und es schien gar, als würde das Roboterblut in meinen künstlichen Adern gefrieren... Das war also Adams Plan! Das war er schon lange gewesen! Wie nur, sollte ich damit umgehen? Ich stützte meinen Kopf, der auf einmal bleischwer geworden war, auf meine Hände und schloss die Augen. Die Gedanken des grossen Roboterführers, widerhallten in meinem Innern, wie das Vibrieren eines alten Dieselmotors, von denen es schon lange keinen mehr auf der Welt gab. Was sollte ich nur mit dieser Erkenntnis tun, irgendwann musste ich sie den andern mitteilen? Doch noch war dazu nicht der richtige Zeitpunkt. Es gab noch so viel zu erledigen.

So würde ich erstmal darüber schweigen und mich ganz dem Aufspüren der Terroristen widmen. Ich schloss die Datei, welche mich so aufgewühlt hatte und öffnete ein paar weitere Dateien über die Terroristen. Adam hatte schon eine vage Ahnung, wo sie sich aufhalten könnten, doch wir mussten noch ganz sicher gehen…


Tagebuch von Jenks (11. März 2215)

Neue Spuren/ Der grosse Erbauer

Im Laufe der kommenden Wochen, war ich damit beschäftigt, die meisten Aufgaben von Adam zu übernehmen. Es gab da so einiges zu tun. Doch ich versäumte es natürlich nicht, mich immer auf dem Laufenden halten zu lassen, wie weit die Ermittlungen gegen die Terroristen der Morgenröte fortschritten. Mit Knoot und Manx hatte ich zwei gute Leute für diese Arbeit.

Eines Tages, ich war gerade wieder in der Amethyste Senke und rief ein paar wichtige Daten auf, da vernahm ich auf einmal Manx Stimme in meinem Kopf. „Hej Jenks! Alles klar bei dir?“ „Ja und bei dir?“ fragte ich zurück. „Alles bestens. Stell dir vor, es scheint als seien wir etwas weiter gekommen bei unseren Ermittlungen!“ „Hab ihr schon den Anführer befragt?“ Ja, er heisst Filgrim Meyers, doch aus ihm haben wir sonst nichts herausgekriegt. Es ist bei ihm wie mit dem Blonden, der lieber Selbstmord begangen hat, als etwas zu verraten. Filgrim ist der noch härtere Hund. Da ist nichts zu machen. Zumindest nicht mit den Methoden, die wir zu Verfügung haben. Früher hätte man ihn vielleicht gefoltert, um etwas aus ihm heraus zu kriegen, doch das wollen wir ja vermeiden. Du weisst ja, unsere Protokolle…“ „Klar, die Protokolle stehen ausser Zweifel“, gab ich zurück und zugleich beschlich mich ein seltsames Gefühl, dass ich nur schwer einordnen konnte. Ich dachte an ein paar Worte zurück, die Adam dazu einst aufgeschrieben hatte: „ Manchmal scheint es, als wäre Gewalt unumgänglich in gewissen, spezifischen Fällen. Doch unsere Stärke besteht darin, Lösungen ohne Gewalt zu finden. Es ist nicht immer einfach, doch wir würden unsere Aufgabe verfehlen, wenn wir unseren Protokollen zuwiderhandeln würden.“ Dieser Überzeugung war ich auch und so sprach ich: „Wenn wir über ihn nichts erreichen können, dann müssen wir es anders versuchen.“ Etwas wie ein Lachen ertönte. „Das haben Knoot und ich uns auch gedacht. Obwohl Knoot war schon nahe daran, dem Terroristen eine Abreibung zu verpassen. Aber er blieb vernünftig.

 

Wir haben uns dann nochmals all die Beweismittel angesehen, welche damals nach dem Anschlag auf Adam zusammengetragen wurden und… wir entdeckten etwas, dass vielleicht eine Spur sein könnte.“ „Na los!“ rief ich etwas ungeduldig „Erzähl mir davon!“  „Jaja, schon gut,“ ertönte Manx Stimme, die wohl niemals ihre stoische Ruhe verlor. „Es wurden seltsame Teile von einem hochentwickelte Robotertypus, den wir bisher nicht kennen, sichergestellt. Er wurde in tausend Stücke gerissen und unsere Nachforschungen legen nahe, dass dieser Roboter es war, welcher vermutlich die Hauptbombe gezündet hat, die Adam und die andern so schwer verletzte, oder gar tötete. Es war also ein Roboter, der dieses Massaker angerichtet hat! Die menschlichen Terroristen halfen ihm zwar, haben die Wachen und so weiter ausgeschaltet, aber als die Bombe hochging, waren sie nicht im Raum. Sie wurden während ihrer Flucht aus dem Gebäude erwischt, von einigen unserer Leute. Aber der Haupt- Attentäter war ein Roboter! Es gibt sogar ein paar Augenzeugen, welche bestätigen, dass ein seltsamer Roboter das Gebäude kurz vorhin betreten hat. Diese Tatsache ist besonders beunruhigend, denn dieser Roboter scheint nicht an dieselben Protokolle gebunden zu sein, wie wir und das muss uns zu denken geben. Wer ist in der Lage so eine fortgeschrittene Art von Roboter zu bauen, jedoch ohne die Protokolle?“

Wieder schien die Kälte in meinen mechanischen Körper zu ziehen. Dies waren in der Tat beunruhigende Nachrichten! „Die Techniker kannten diese Art von Roboter noch nicht?“ fragte ich sicherheitshalber nochmals nach. „Nein, sie meinten zwar, dass das Ganze eine ähnlichen Handschrift trägt, wie jene von unserem grossen Erbauer Whright. Aber doch davon abweiche. Sie versuchen nun den Roboter so gut als möglich zu rekonstruieren, aber das kann sehr lange dauern. Wir müssen aber vorwärts machen. Wer weiss wann oder wo die Terroristen als Nächstes zuschlagen. Es wird viele Opfer geben, wenn wir ihre Zentrale nicht bald finden.“

 

„Ja…“ gab ich nachdenklich zurück „Natürlich, hast du Recht. Ich glaube, ich werde mal mit Whright sprechen. Vielleicht kann er mir weiterhelfen.“ „Aber wenn er selbst da mit drin steckt?“ „Das bezweifle ich. Er hat all diesen Dingen den Rücken gekehrt und ist bereits sehr alt. Adam und er hatten eine enge Bindung, das weiss ich genau und Salomon stand ihm höchstens mal in beratender Funktion zur Seite. Ausserdem… ich finde schnell heraus, sollte er mich anlügen. Das ist eine meiner neugewonnenen Fähigkeiten. Ich kann die Signale von Menschen sehr gut deuten und auswerten. Mach dir also keine Sorgen.“ „Sorgen machen?“ fragte Manx „Ich mach mir keine Sorgen. Ich werte nur alle Informationen aus, die mir zugetragen werden.“ „Ja klar…“ erwiderte ich, irgendwie mit einer leisen Traurigkeit in der Stimme. Manx war nicht wie ich, keine Roboter war wie ich und manchmal konnte das ziemlich einsam werden…

Comments

  • Author Portrait

    wieder toll geschrieben!

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