Der Morgen danach

Michael fuhr ein paar Minuten später auf die Autobahn auf. Im morgendlichen Arbeitsverkehr brachte der knapp dreihundert Kilowatt starke Elektroantrieb gar nichts. Er musste sich brav dem Verkehrsstrom unterwerfen und konnte mit mindestens zwei Stunden Fahrzeit rechnen. Er war mit seinen dreißig Jahren besonnen genug, gefährliche Situationen zu vermeiden, Er hasste diese Drängler und Nötiger. Zwar war er auch gern schnell unterwegs, aber nur mit kleinstmöglichem Risiko. Sowie andere Verkehrsteilnehmer ins Spiel kamen, besann er sich darauf, dass Gesundheit wertvoller ist als Geschwindigkeit.
Wahnsinn, war das eine Nacht gewesen! Diese Silvia hatte es ihm angetan. Er hatte überhaupt nicht damit gerechnet, mit ihr im Bett zu landen. Noch nicht. Er war eigentlich davon ausgegangen, dass sich das in den nächsten Wochen, wenn man sich ausgiebig beschnuppert hatte, schon ergeben würde.  Und er vermutete richtig, dass Silvie das ursprünglich genauso gesehen hatte. Ihr Verlangen hatte sich aber bei seinem Überraschungsbesuch derart aufgeschaukelt, dass sie sich nicht mehr im Griff gehabt hatte. Es war süß gewesen, wie sie sich nachher im Bett zu  rechtfertigen versucht hatte. "Weißt du, du darfst jetzt nicht glauben, dass ich sowas jemals zuvor gemacht hab... ich meine so bald! Weißt du was ich meine?" Er wusste es ganz genau und es war das schönste Kompliment für ihn. Er hatte ihr den Finger auf die Lippen gelegt und sie anschließend zärtlich geküsst. Nach der ersten Wildheit hatten sie eine sehr zärtliche Nacht gehabt. Michael musste scharf abbremsen, man hatte ihn eben brutal geschnitten. Er musste sich besser konzentrieren. Seine Gedanken nicht immer an diese Nacht hängen, sondern auf den Verkehr achten...
Er würde heute noch in die Staaten fliegen und hatte in den nächsten Wochen genug damit zu tun, die Pläne für seinen Antrieb und seine Energiegewinnungsform samt Speichermedium für das Patentamt fertig zu machen. Es war ihm gelungen ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man ohne fossile Brennstoffe genügend Energie kostengünstig gewinnen und in speziellen Akkumulatoren  speichern konnte. Das Boot und sein Sportwagen waren praktisch Testfahrzeuge für seinen Antrieb. Es wäre die Krönung seiner bisherigen Karriere und es wäre schön, dazu passend auch endlich privat glücklich zu werden. Silvia und Tommy würden gut zu ihm passen. Es spielte für ihn keine Rolle, wer der Vater des Kindes gewesen sein mochte. Er war immer schon der Ansicht gewesen, dass es eine Frage des Charakters ist, die Kinder eines Partners zu akzeptieren. Wer das nicht konnte, hatte so einen Partner auch nicht verdient. Und er hatte diesen Jungen sofort gemocht! Sollte sich diese frische Liebe bewähren und das käme ihm sehr entgegen, würde er dem Jungen gerne ein Vater sein. Und zwar mit Sicherheit ein besserer, als so mancher leiblicher Vater es war.
Hundert Kilometer südöstlich saß ein kleiner Junge am Frühstückstisch und freute sich riesig. "Du hast schon geschlafen, als er uns besucht hat, aber er hat dir das hier mitgebracht, Tommy und ich soll dich recht schön von ihm grüßen." Er fummelte das Modell aus seiner Verpackung. "Schau  Mami, das ist genau der selbe wie der von Michael!" Er musste den kleinen Porsche leider zu Hause lassen, aber er freute sich schon darauf, am Abend damit zu spielen.

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