Ein kurzer Moment Ehrlichkeit

„Dorian“, rief Josh erleichtert und rannte fast an das Bettgestell seines Cousins. Dorians Bein war verbunden und auf mehrere Kissen gebettet, er sah gut aus, vielleicht ein wenig blass um die Nase, aber nicht wie jemand, der vor kaum einer Stunde angeschossen worden war. Er grinste breit, als er Josh sah und schüttelte automatisch die Hand seiner Mutter ab. Risha verzog pikiert den Mund, ließ ihren Sohn aber gewähren. Sie widmete sich stattdessen ihrer Schwester und erwiderte erleichtert ihre Umarmung. Ihren Neffen begrüßte sie mit einem erschöpften Lächeln.
„Du siehst gar nicht gut aus“, spottete Dorian und schlug in Joshs Handschlag ein. Typisch, dass er selbst in dieser Situation seinen Sarkasmus nicht verlor.
„Wie geht es dir?“, überging Josh die Stichelei und sah besorgt an seinem Cousin hinab. Dorian verdrehte de Augen und schnaubte belustigt.
„Nur ein Kratzer“, protze er und winkte ab. Josh hob skeptische eine Braue, aber Risha nahm ihm die Antwort ab.
„Du wurdest angeschossen. Angeschossen, Dorian! Ihr schuldet mit eine Erklärung, ihr beide!“, sie sah Josh mit einem scharfen Blick an. Ihr Haar stand in alle Richtungen, so oft hatte sie es voll Sorge zerwühlt und in der Hand hielt sie mit verkrampften Fingern einen Becher. Dorian stöhnte und sah Josh vielsagend an, es konnte nicht das erste Mal sein, dass Risha nach einer Antwort verlangte.
„Wir bekommen unsere Erklärungen, keine Sorge, aber lass uns die Jungs einen Moment allein lassen und dir einen neuen und frischen Kaffee besorgen. Josh hat sich schreckliche Sorgen gemacht und die beiden haben sich sicher viel zu erzählen“, trat Rebecca, Joshs Mutter, dazwischen und legte behutsam den Arm um ihre Schwester. Risha sträubte sich zunächst und wollte nicht von Dorians Seite weichen, aber schließlich lenkte sie ein.
Josh lächelte seiner Mutter dankbar, aber auch verwundert nach. Sie hatte auf der Autofahrt kein Wort mehr gesagt und war tief in ihrer Besorgnis versunken.

Sobald sie mit Risha den Raum verlassen hatte setzte sich Dorain auf und beugte sich zu Josh hinüber. Er senkte die Stimme und raunte: „Was hast du der Polizei gesagt?“
„Nichts, meine Mutter ging dazwischen und verhinderte ein umfassendes Verhör“, erklärte Josh und sah seinen Cousin mit schräg gelegtem Kopf an.
„Und hast du irgendetwas herausgefunden?“
„Die Namen deiner Entführer, aber die beiden wurden von der Polizei abgeführt. Ich weiß nicht was mit Cedrik ist, er hat am ganzen Leib gezittert und tat mir unendlich leid. All die Narben in seiner Aura, kein Wunder, dass er so zerstreut wirkt“, antwortete Josh ebenso leise und sah zu Boden, als sich bedrücktes Schweigen zwischen ihnen ausbreitete. „Wollen wir darüber reden?“, fragte er schließlich und sah zögern auf. Dorian hatte sich wieder in seine Kissen gekuschelt und vermied seinen Blick. Er starrte konzentriert auf das Karomuster seiner Decke und runzelte nachdenklich die Stirn.

„Du warst im Keller unglaublich, um ehrlich zu sein, erschreckend“, gab er nach ein paar Minuten zu und sah Josh unsicher an. Er ließ seine übliche Fassade fallen und präsentierte sich für diesen einen Moment so wie er war: verletzlich, ängstlich, eifersüchtig … Es war eine Sache die gleichen Emotionen in seiner Aura zu erkennen, eine andere, wenn er sie offen zeigte.
Josh schluckte schwer: „Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Ich weiß selbst nicht was dort mit mir geschehen ist, geschweige denn, was ich getan habe. Es war ein Reflex.“
„Du hättest dein Lächeln sehen sollen, als du dem armen Kerl alles Leben ausgesaugt hast. Ich dachte für eine Sekunde, dass du dich gleich umdrehst und das Gleiche mit mir machst.“
„Ich würde dich nie verletzten!“, versicherte Josh erschrocken und erschauderte allein bei dem Gedanken.
Dorian schnaubte und verzog spöttisch die Lippen: „Als ob du das könntest. Weißt du noch unsere Kämpfe im Kindergarten? Du hast immer verloren. Und auch während der Grundschule, der Gesamtschule, den Feriencamps … Hast du eigentlich je etwas gewonnen?“ Josh seufze und erwiderte schwach Dorians Grinsen. Der Moment der Offenheit war verflogen.

„Was ist mit dir? Willst du mir erklären, weshalb du dich allein mit einem Kunden verabredet hast ohne mir vorher Bescheid zu geben? Nicht nur, dass du dein Versprechen bezüglich der Pause gebrochen hast, du hast mir auch versprochen nichts Dummes zu tun, ohne es zuvor mit mir abzusprechen.“ Josh versuchte möglichst neutral zu klingen, aber der beleidigte Unterton der mit seinen Worten mitschwang entging Dorian nicht. Sein Cousin seufzte genervt und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Zunächst mal: Ich wollte den Kerl beruhigen, am Ende hätte er etwas Dummes getan, außerdem haben wir immer von einer Pause gesprochen, nicht davon für immer aufzuhören. Ich hatte Sorge einen wichtigen Kunden zu verlieren und was das andere betrifft, es erschien mir nicht als dumm. Wer hätte diesen ganzen Mist ahnen können?“ Dorian klang ebenso schnippisch wie Josh und verschränkte gegen Ende die Arme vor der Brust. Josh musste unwillkürlich grinsen und nun konnte auch Dorian den Anschein von Wut nicht mehr aufrechterhalten. Er fiel in das Lachen seines Cousins ein und zuckte mit den Achseln. „Es tut mir leid.“
„Das muss es nicht, ich bin einfach froh, dass wir beide mehr oder weniger heil den Keller verlassen haben, aber jetzt sag schon! Was genau ist passiert?“, fraget Josh und lehnte sich an die Gitterstäbe des Bettes. Er warf einen schnellen Blick zur Tür, seine Mutter musste bald mit Risha zurückkehren.

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