Eine kalte Sommernacht

„Bereit?‟ fragte Dorian aufgekratzt und stieß Josh immer wieder von der Seite an.
„Ja bin ich und hör auf damit‟; grinste er und wehrte einen weiteren Schlag ab, „Du brauchst dich nicht wie ein Kleinkind zu benehmen, dass zum ersten Mal, keine Ahnung, ins Trampolini darf. Das ist keine große Sache.‟
Dorian lachte fassungslos auf und schüttelte den Kopf. Wieder stieß er seinen Cousin an. „Seit zwei Wochen rede ich täglich auf dich ein, dass du mitkommen sollst. Jeden Tag hast du gesagt, Nein Dorian, Ein anderes Mal Dorian, und heute ist der Tag endlich gekommen. Der große Josh verlässt sein Eremitendasein und stickiges Zimmer, um mich zu begleiten und sein Versprechen einzulösen. Das ist ist sehr wohl eine große Sache.‟
Josh lachte auf und griff sich die Kiste, die auf Dorians Schreibtisch bereit stand. „Ist es nicht und du weißt, ich stehe immer zu meinem Wort.‟
„Ja, aber ich dachte du würdest bis zum letzten Moment damit warten.‟
„Wie schmeichelhaft, danke‟, murmelte Josh mit hochgezogenen Brauen und folgte seinem Cousin die Treppen hinunter und aus dem Haus. „Wann fährt der Bus?‟, fragte er und war bereits dabei die Straße Richtung Haltestelle entlang zu gehen.
„Der Bus?‟, schnaubte Dorian belustigt, „Mach dich nicht lächerlich. Ich fahre natürlich.‟ Er ging zum Auto seines Vaters und öffnete den Kofferraum. „Stell die Kiste rein.‟

Josh bleib ungläubig stehen und starrte seinen Cousin zweifelnd an. „Du fährst?‟; wiederholte er skeptisch und sah sich unauffällig um. „Du kannst nicht fahren.‟
„Rede keinen Unsinn, ich habe einen Führerschein, selbstverständlich kann ich fahren‟, widersprach er ihm pikiert und nahm Josh ungeduldig die Kiste aus den Händen, um sie selbst in das Auto zu verfrachten.
„Kann schon sein, aber du darfst nicht fahren, jedenfalls nicht allein‟, entgegnete Josh stur und machte noch immer keine Anstalten einzusteigen. Genervt verdrehte Dorian die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Willst du ernsthaft darüber wie ein Feigling streiten oder endlich in das verdammte Auto steigen?‟
„Was wenn uns sie Polizei anhält?‟
Dorian hob die Hände über den Kopf und schüttelte fassungslos den Kopf, „Du weißt doch in welch winzigem Ort wir wohnen. In meinem ganzen Leben, hab ich hier noch keinen Polizeiwagen gesehen und es ist ja nicht so als ob wir etliche Kilometer weit fahren müssen. Die Fahrt dauert nicht lange und jetzt steig endlich ein!‟ Entschlossen wandte sich Dorian von ihm ab und setzte sich an Steuer. Er legte bereits den Rückwärtsgang ein, als Josh stirnrunzelnd die Beifahrertür öffnete und einen letzten Blick zum Haus warf, bevor er einstieg.
„Deine Mutter wird dich umbringen‟, stellte er nüchtern fest und ballte die Hände zu Fäusten.
„Nur wenn sie es erfährt‟, zwinkerte Dorian ihm zu und gab Gas.


„Es ist kalt geworden‟; stellte Josh fest und sah sich alle paar Schritte um. Dorian verdrehte die Augen und schnaubte.
„Reiß dich zusammen‟; verlangte er genervt und blieb endlich stehen, um sich betont lässig an einen Baum zu lehnen. Dorian hatte sie zu einem nahegelegene Park gefahren, in eine Umgebung, die nicht zwielichtiger sein könnte. Die Sonne war bereits unter gegangen und unter dem lückenlosem Blätterdach herrschte absolute Dunkelheit. Lediglich die schmalen Wege wurden sporadisch von flimmernden Laternen beleuchtet und hie und da stand eine Parkbank. Sie selbst warteten ein wenig abseits des Pfades im Schatten einer gewaltigen Buche und Dorian sah sich erwartungsvoll um. Von ihrem Platz aus hatten sie eine gute Sicht auf das Eingangstor des Parks, doch warteten bisher vergebens.
„Sicher das wir hier richtig sind?‟, fragte Josh zweifelnd und konnte sich nicht davon abhalten erneut in alle Richtungen zu spähen.
„Ich bin mir sicher‟, antwortete Dorian knapp und ließ das im Wind quietschende Tor nicht aus den Augen.
„Zu wie viel Prozent?‟, hakte er nach und strich sich unablässig durch das mittlerweile strähnige Haar. Dorian warf ihm einen düsteren Blick zu und Josh nickte hektisch. „Selbstverständlich bist du 100% sicher‟, murmelte er mehr zu sich selbst und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.

Im Auto war es ihm gelungen ruhig zu bleiben, aber sobald sie den Park betreten hatten, befielen ihn tiefe Unsicherheit und Zweifel. Mit jeder Sekunde die verstrich sehnte er sich mehr nach seinem warmen, hellen Zimmer und verfluchte sich für die leichtsinnige Entscheidung Dorian begleitet zu haben.
Er stöhnte auf und schämte sich für seine Feigheit, es war das erste Mal, dass er ihn zum Verkauf begleitete, was bedeutete, dass sein Cousin die letzten Eineinhalbjahre allein bei tiefster Finsternis und jedem Wetter hier gewartete haben musste. Die Schuld schnürte ihm beinah die Kehle zu und Josh konzentrierte sich wieder auf seine Umgebung, um den nagenden Gefühlen zu entkommen.
„Wie lang müssen wir warten?‟, fragte er schließlich zögernd, um die bedrückende Stille zu unterbrechen.
„Nicht lange‟, entgegnete Dorian knapp und richtete sich abrupt auf, als das Tor mit einem erbärmlichen Quietschen aufschwang. Eine dunkle Gestalt betrat den Park und kam zielstrebig auf sie zu. Dorian sah schnell zu Josh hinüber und sah ihn eindringlich an. „Überlasse mir das Reden und sieh nicht allzu hilflos und verschreckt drein.‟ Er musterte ihn von Kopf bis Fuß und ergänze „Versuch es zumindest.‟
Josh richtete sich beleidigt auf und bemühte sich eine grimmige Mine zu ziehen, während ihnen der Fremde immer näher kam. Er fühlte sich in einen der Thriller versetzt, die jedes Wochenende im Fernsehen liefen. Die Gestalt trug dunkle Kleidung und hatte eine Kapuze tief in das Gesicht gezogen, absolut klischeehaft. Josh fokussierte sich auf die Absurdität der Situation und tatsächlich gelang es ihm dadurch seine Besorgnis bis ins Minimum zu unterdrücken.

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