Herr der Gedanken

Es ist das letzte Mal, sagte sich Josh in Gedanken, das letzte Mal!
Begierig streckte er die Hand aus und streifte leicht den Arm der Frau, die neben ihm laut schnarchend im Bus saß. Die Fahrt dauerte bereits ewig und obwohl viele Sitze frei waren, hatte sie sich ausgerechnet neben ihn gesetzt. Dazu kam, dass er, selbst wenn es einen Unterschied gemacht hätte, nicht an ihr vorbei käme, um sich umzusetzen. Ihr massiger Körper verstopfte alle Auswege. Mehrmals hatte er sie schon geweckt und sie darauf hingewiesen dass sie ihm, jedes Mal wenn sie einschlief, auf die Schulter nickte. Natürlich hatte sie versichert, wie leid es ihr täte, dass sie sich bemühen würde wach zu bleiben, aber keine zwei Minuten später lag sie erneut laut schnarchend und sabbernd auf ihm. Ihre Aura strafte ihre Worte ebenfalls Lüge, sie leuchtete und pulsierte in einem hellen Rot, sobald er sie schüttelte und verblasste zu einem leuchtenden weiß, während sie schlief.

Josh hatte die Nase voll davon, er war selbst müde, seine Kopfschmerzen brachten ihn beinahe um und die zornig Aura seiner Sitznachbarin ließ seine Nerven kribbeln. Genervt riss er den dunstigen Schleier an sich und sie setzte sich schlagarti,g mit weit geöffneten Augen auf. Verwirrt sah sie sich um, bis ihr Blick an Josh hängen blieb und sie die Augen zu funkelnden Schlitzen verengte. Er erwiderte ihren Blick ungerührt, ignorierte das aufleuchten ihrer roten Umgebung und ließ einen Funken auf sie überspringen. Er dachte währenddessen, an ihre Müdigkeit, ihren Zorn und wie sehr er sich wünschte, beides zu unterdrücken. Das Kribbeln ließ nach und er wurde wieder Herr über seine Gedanken.
Eine violette Narbe zog sich pulsierend durch ihre strahlende Aura und schneller den je, fraßen sich die neuen Gefühle durch die Nebelschleier. Die Augen der Frau weiteten sich panisch und sie sprang von ihrem Sitz auf. Der Bus stoppte ruckartig, der Fahrer brüllte nach hinten, dass sie sich gefälligst wieder setzten solle, aber die Frau rührte sich nicht. Panisch sah sie sich um und taumelte langsam zu dem hintersten Sitz im Bus, wo sie die Knie an die Brust zog und sich auf die Unterlippe biss. Ihr Blick huschte über die leeren Stühle und wanderte zu den geschlossenen Türen und Fenstern. Sie keuchte.
Josh sah ihr triumphierend nach, auch wenn sich wie immer, wenn er jemanden beeinflusste seine Gewissen meldete. Er seufzte und streckte sich auf dem frei gewordenen Platz aus, um die Augen zu schließen, bis er in ein paar ruhigen Minuten zu Hause war.

Der Bus hielt quietschend an und die Türen öffneten sich ruckelnd. Zufrieden und ausgeruht sprang Josh aus dem Fahrzeug und sah ihm hinterher, während der Fahrer stotternd weiterfuhr. Die Frau sah ebenfalls zurück, die Augen wieder zu engen Schlitzen verengt. Josh hob spöttisch die Hand, und sie zog erschrocken den Kopf ein.
Lachend ging er die Straßen entlang und sah selbstgefällig auf seine Finger. Er hielt die Hände vor die untergehende Sonne und schloss zufrieden die Augen. Die Wärme prickelte auf seiner Haut, Vögel zwitscherten in den Bäumen und kleine, gelbe Blumen bahnten sich trotzig ihren Weg durch den schwarzen Teer. Es war ein fabelhafter Abend und dazu der Letzte des Monats.



„Hast du alle Flaschen verkauft?‟, fragte Josh vergnügt und sprang die Treppen zu Dorians Zimmer hinauf. Sein Cousin folgte ihm dicht auf den Fersen, jedoch nicht halb so beschwingt.
„Heute beginnt offiziell deine heiß ersehnte Pause, ich halte schließlich mein Wort. Ich habe alle spontanen Käufer abgewimmelt und den Kunden, die regelmäßiger kommen ein paar Flaschen mehr verkauft. Die meisten von ihnen waren alles andere als glücklich, als ich erklärte, dass diese auf unbestimmte Zeit genügen müssten.‟
„Ich hatte schon geglaubt der August beginnt nie‟, grinste Josh und warf sich glücklich auf Dorians Schreibtischstuhl. Sein Cousin schnaubte und sah ihn prüfend an.
„Als ob du dich die letzten zwei Wochen über das Echo gesorgt hättest, ich war es schließlich, der es verkaufen musste. Du hast doch nur Augen für die Auren, besonders seit dem du herausgefunden hast, wie du deine Kräfte anwendest. Ich hoffe du hältst dein Versprechen weder mich, noch jemand anderen in meinem Umkreis zu beeinflussen?‟
„Selbstverständlich, seit dem Abend mit meiner Mutter.‟
„Wann hast du das letzte Mal jemand anderen manipuliert?‟, fragte Dorian betont beiläufig und trat unwillkürlich einen Schritt von seinem Cousin zurück. Josh schmunzelte, als er das hell violette Aufflackern des Misstrauen in der Luft erkannte und die blauen Fäden, die sich durch Dorians Aura flochten.
„Seit Tagen verhalte ich mich ruhig‟, versicherte er seinem Cousin, aber Dorian sah ihn abschätzig an, seine Aura begann violett zu pulsieren.
„Du elender Lügner‟, wies er ihn entnervt zurecht und zog eine Braue hoch, „Du bist nicht der einzige, der einen Menschen lesen und beobachten kann. Womöglich sehe ich nicht deine Aura, aber ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du nur nach einem deiner kleinen Zaubertricks derart gut gelaunt bist. Wer war es? Ein Verkäufer, der Fahrer?‟ Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an seine Zimmertür.
Josh schmunzelte und gab sich geheimnisvoll. „Niemand den du kennst.‟
„Ich kenne dich, das reicht mir, um die Wahrheit wissen zu wollen‟, entgegnete Dorian scharf.
„Es war Mitfahrerin‟, seufzte Josh nachgiebig, „ Aber bevor du wieder stöhnst und die Augen verdrehst, sie hatte es verdient und außerdem war es das letzte Mal.‟
„Du sagst immer, es sei das letzte Mal.‟ Dorian schnaufte und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht mehr, wer du bist. Der alte Josh wollte seine Gefühle nie auf andere übertragen, er hat mich sogar dazu gebracht ein äußerst lukratives Geschäft aufzugeben, nur weil er der Meinung war, es sei für alle das Beste. War das, was du der armen Frau angetan hast, das Beste für sie?‟
Josh ächzte und verdrehte die Augen. „Ich erkenne dich auch nicht wieder. Dem alten Dorian wäre es egal gewesen.‟

„Dem alten Dorian wäre auch nicht egal gewesen, wenn sein Cousin zu einem herzlosen Puppenspieler wird‟; faucht Dorian zornig und seine Aura wechselte schlagartig zu einem dunkel pulsierenden rot. Die Farbschleier verloren ihre Transparenz und sahen fast greifbar echt und fest aus. Josh schluckte bei der Wesensänderung schwer und erhob sich zaghaft. Dorian baute sich zornig vor ihm auf, so nah, dass Josh seinen Atem im Gesicht spüren konnte, so nah, dass er nicht einmal die Hand ausstrecken müsste, um seine Haut zu berühren und dem Zorn ein Ende zu bereiten. Langsam, wie in Trance zuckten seine Finger und er biss sich auf die Lippe. Alles in ihm schrie zurück zu treten, sein Versprechen zu halten und nach Hause zu gehen, bevor er etwas unglaublich dummes tat.
„Du hast Schuldgefühle? Sehr gut‟; zischte Dorian und kam ihm noch näher, „Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für dich.‟
Josh schüttelte den Kopf, um die trüben Gedanken los zu werden. Sein Sichtfeld verschwamm vor Begierde und er ballte seine Hände zu Fäusten. „Spiel nicht den Moralprediger‟, murmelte er schwach, runzelte die Stirn und konzentrierte sich auf einen Riss im Holzboden. Seine Haut begann zu kribbeln, seine Hände zuckten und die Nebelschwaden strichen liebkosend, fast einladend über seine Wangen.
„Einer von uns musste diese Rolle schon immer spielen‟, fauchte Dorian zornig und schüttelte ungläubig den Kopf. Das Pulsieren seiner roten Aura nahm ab, aber dunkelgraue Fäden verzweigten sich spinnennetzartig in ihr. Er wandte sich von ihm ab und schlurfte zum Schreibtisch. „Verschwinde einfach‟, murmelte er resigniert, „Ich habe keine Lust auf diesen Streit.‟ Dorian rempelte seinen Cousin beim Vorbeigehen hart an und zerbrach den Anschein von Kontrolle, den Josh sich mühevoll aufbaut hatte.

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