Kapitel 2

Nichts wird sich ändern
 

Xander



An diesem Morgen erwacht er noch vor den ersten Sonnenstrahlen des Tages. Der heftige Regenerguss, der ihn geweckt hat, scheint kein Ende nehmen zu wollen und es ist ungewiss, ob er die Sonne heute überhaupt zu Gesicht bekommen wird. Eigentlich hätte ihn der Regen nicht so erschrecken dürfen. Es ist schließlich Mitte November, nicht? Es ist Herbst. Dennoch, er hatte gehofft, dass die richtigen Herbstregenschauer noch etwas auf sich warten lassen würden. Bis jetzt ist der Herbst in diesem Jahr nämlich recht mild gewesen.

Die Straßenlaternen brennen noch. Er schätzt, dass es so gegen fünf Uhr in der Früh sein muss, andererseits sind die Straßen nicht sonderlich befahren. Genau genommen, sieht er nicht ein einziges Fahrzeug. Natürlich kann das daran liegen, dass er sich hier auf keiner wichtigen Straße befindet, aber Baby, das hier ist New York. Wahrscheinlicher ist es also, dass er mit seiner Zeiteinschätzung nicht ganz richtig liegt. Vielleicht ist es erst vier. In jedem Fall bedeutet es, dass er kaum zwei Stunden geschlafen hat und das lässt ihn sein Körper auch deutlich spüren. Entweder das, oder er braucht dringend Stoff. Beides trägt nicht sonderlich dazu bei, seine Laune zu bessern. Sein gesamter Körper zittert unaufhörlich und er vermag nicht zu sagen, ob nun wegen der Kälte ist oder weil sein letzter Schuss auch schon wieder ‘ne Weile her ist.

In der Häusernische, die er sich in dieser Nacht zum Schlafen gesucht hat, kann er jedenfalls nicht bleiben - zumindest nicht, wenn er nicht aussehen möchte, wie ein begossener Pudel – denn der Wind steht so ungünstig, dass es unweigerlich hinein regnet. Er schüttelt sich und fährt mit seiner Hand durch sein nasses und bereits wieder leicht verfilztes, kohlrabenschwarzes Haar. Vermutlich sieht er bereits furchtbar scheiße aus. Nicht, dass er besonders eitel wäre, wie auch, wo er nicht einmal die Möglichkeit hat, sich regelmäßig zu waschen. Aber was soll er sagen? Es vergrault nun einmal ziemlich die Freier. Wieder einmal dreht sich ihm nur bei dem Gedanken der Magen um und er fühlt sich noch schmutziger als er sowieso schon ist. Tja, aber irgendwo muss das Geld ja her kommen. Ohne Geld, kein Stoff und ohne Stoff könnte er nicht leben. Zumindest heute nicht mehr. Gott, welch widerliches Klischee er doch abgibt. Er erinnert sich vage, dass es einmal eine Zeit gab, wo das ging. Aber wann? Er weiß es nicht mehr, es scheint Ewigkeiten her zu sein. Die Erinnerung ist längst verblasst. Leise meldet sich diese Stimme in seinem Kopf, die ihm die pure Ironie seiner eigenen Gedanken vor Augen hält; Leben ist unmöglich, wenn man sich reines Gift durch die Venen jagt, aber er ignoriert sie gewissenhaft. So wie jedes Mal. Zurück zu seinem, doch langsam sehr nassen, Problem. Er muss aus diesen Regen raus! Eine Sekunde überlegt er, ob er sich Richtung Hauptstraße auf den Weg machen soll, verwirft diesen Gedanken allerdings wieder schnell, da die Wahrscheinlichkeit jemanden zu treffen, den er nicht treffen möchte, ziemlich hoch ist. Das ist ihm klar. Auch wenn er bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Schule immer gepennt hat, aber dafür braucht er nun wirklich nicht rechnen. Nach einigen Minuten, die er damit verbringt durch die schlammigen Nebengassen zu warten, beginnt er diesen Entschluss jedoch zu bereuen. Durch seine abgetragenen schwarzen Chucks dringt das schlammige Wasser und selbst seine Socken saugen sich damit voll. Ein echt unangenehmes Gefühl. Aber das war ja zu erwarten, so früh am Morgen arbeitet sein Hirn eben noch nicht richtig. Zugegeben, es sei dahingestellt, ob sein Hirn je wirklich arbeitet, doch das ist eine andere Geschichte.

Als er nach geraumer Zeit aus der Gasse tritt, die der Siebzehnjährige bis gerade eben noch entlang gelaufen ist, findet er sich erneut auf einer Nebenstraße wieder. Dieses Mal jedoch einen Block weiter. Für einen kurzen Moment hat er die Orientierung verloren. Einen Blick nach links, einen Blick nach rechts und er meint sich an diese Straße erinnern zu können. Die Orientierung kommt langsam wieder. Malcom Street- Wenn er sich nicht irrt, dann …

„Xander, hey… dich habe ich ja ewig nicht mehr gesehen. Warst schon ‘ne Weile nicht mehr am Bahnhof.“ Sie ist voll breit, ein Tütchen Stoff und die Spritze hat sie noch in der Hand. Eine Zitrone, sowie ein Löffel und das Feuerzeug liegen neben ihr. Das übliche Besteck eben. Die blonden Haare fallen ihr wirr ins Gesicht, aber sie lebt. Sie lebt!

„Angel, hey, was geht?“, frage er sie, während er sich grinsend neben sie auf die Treppe des Hauseinganges fallen lässt. Hatte er wohl richtig in Erinnerung, sie sitzen hier vor Angels Wohnblock. Selten, dass man sie hier antrifft. Dennoch kommt es manchmal vor. So wie heute. Er ist sich nicht sicher, ob er nicht sogar unbewusst damit gerechnet hat. Überall liegt Müll herum und auch das spärliche Licht der Straßenlaternen dringt nur schwach bis zu ihnen vor. Aber um ‘ne Vene zu finden reicht es. Offen gestanden wundert es ihn ja doch, dass sie ihn in ihrem Zustand überhaupt noch erkannt hat. Sie sieht ziemlich weggetreten aus. Wenn er voll drauf ist, fällt ihm das zumindest nicht so leicht. Meistens erkennt er dann gar nicht mehr richtig, was um ihn herum geschieht. Oder zumindest braucht er eine Ewigkeit, bevor er eine neue oder veränderte Situation einordnen kann.

Sie erzählt ihm, dass Mr. King gestorben ist. Ihm gehörte ein kleiner Supermarkt, ein paar Blocks weiter. Er war ganz okay. Hat ihm manchmal Kaffee raus gebracht, aus seinem kleinen Büro. An besonders kalten Tagen eben, wenn das ganze Gesindel sich hinter seinem Laden versammelt hatte. Er mochte ihn und irgendwie zieht ihn das jetzt furchtbar runter. So ein Scheiß. Immer die Guten. Der war doch gar nicht wirklich alt, oder? Aber was bedeutet das schon. Angel sagt irgendwas davon, dass sie ja heute Nacht mal dort einsteigen könnten und er nickt, ohne wirklich zuzuhören. „Auch?“, perplex wird er aus seiner Gedankenwelt gerissen. Sie hält ihm das kleine Tütchen Stoff und die Spritze hin. „Danke“, murmelt er und greift schnell nach dem Besteck und dem Heroin. Er kann es sich nicht verkneifen, erleichtert aufzuatmen. Das bedeutet erst einmal kein Freier in den nächsten fünf bis sechs Stunden. Während er so vorsichtig wie möglich mit Löffel und Feuerzeug hantiert - seine Hände wollen sich nicht unter Kontrolle bringen lassen - bemerkt er, wie sich auf Angels Gesicht ein Grinsen ausbreitet.

Kritisch zieht er eine Augenbraue in die Höhe.

„Ist was?“.

„Du siehst verdammt scheiße aus“.

Das mochte stimmen, tat aber dennoch ganz schön weh.

„Du sahst auch schon mal besser aus“, erwidert er nur und lässt sich seinen Unmut nicht anmerken. Aus ihrem Grinsen wird ein nachsichtiges Lächeln
„Mag sein, Süßer, aber ich bin ja auch schon länger dabei als du“.

Damit scheint für sie das Thema beendet, denn sie wird still und er geht nicht weiter darauf ein. Zittrig versucht er den Stoff in die Spritze einzufüllen und bemerkt ganz nebenbei, dass er völlig am Abdrehen ist. Ein weiterer Versuch scheitert ebenfalls und es fällt ihm verdammt schwer ruhig zu bleiben. Keine Chance. Er kriegt’s nicht hin. Sein Kopf beginnt zu dröhnen und auch der schlammige Boden vor seinen Augen beginnt zu verschwimmen.

Erschrocken zieht er die Luft ein, als er Angels kalte Hand an seinem Arm spürt. „Pscht…ruhig bleiben“, sie kniet sich vor ihm hin und greift nach der Spritze in seiner Hand. Dann schiebt sie vorsichtig den Ärmel seines viel zu großen T-Shirts am rechten Arm, in die Höhe. Betastet kurz seine Armbeuge, löst den Gürtel ihrer Hot Pants und surrt ihn dort fest und im nächsten Moment spürt er schon den Einstich der Nadel. Doch noch ehe er auch nur die Andeutung eines Satzes machen kann, fühlt er, wie die Flüssigkeit durch seine Venen gepresst wird. Der Flash und dann die wohlbekannte Ruhe, die ihn komplett durchdringt.

„Besser?“  Ihre Stimme klingt belustigt, aber das ist ihm eher egal. Er bringt gerade nur ein Nicken zustande.

„Woah, du kriegst noch mal richtig Schwierigkeiten, Kleiner“.

Dieses Mal ist es an ihm, müde zu lächeln.

„Was heißt hier bitte ‚ich kriege‘?“  
Wenn er eines weiß dann, dass er richtig in der Scheiße steckt. Er ist nicht dämlich, er ist siebzehn, sitzt auf der Straße und ist das, was man im Wörterbuch unter Junkie nachschlagen kann und von Würde und Stolz will er gar nicht erst anfangen. Das Problem ist, die Leute sagen für ein Leben auf der Straße entscheidet man sich. Das sieht er anders. Man wird dazu getrieben. In seinem Kopf ist wieder diese Stimme, die nun leise murmelt, dass auch das nicht stimmt. Sie flüstert ihm zu, dass man auf der Straße nicht lebt sondern nur stirbt. Genervt stöhnt er auf, schließt seine Augen und lehnt sich gegen die Hauswand. Nicht denken, einfach nicht denken. Und das klappt dann auch. Er ist frei von allen Gedanken.

„Xander?“  

„Hhmmm…“, langsam öffnet er seine Augen wieder und wundere sich darüber, wie nah Angel ihm plötzlich gekommen ist. Ihre Nasenspitzen berühren sich fast.

„Weißt du… “. Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern und er kann ihren warmen Atem in seinem Gesicht spüren.

Ihre Lippen sind sich so nah und im nächsten Moment liegen sie bereits aufeinander. Irgendwas in ihm protestiert, doch da ist auch dieser Reflex, sie einfach machen zu lassen und der gewinnt. Sie verschränkt ihre Hände in seinem Nacken. Zögerlich schließt er seine Augen, versucht sich auf die neue Situation einzulassen. Seine linke Hand ruht auf ihrer Hüfte, seine rechte Hand hat er in ihren langen blonden Haaren vergraben. Er kann nicht sagen wieso, aber er weiß, dass auch sie ihre Augen geschlossen hat. Trotzdem hat er das Gefühl, sie beide machen etwas völlig Falsches. Ob es Angel ähnlich geht, vermag er nicht zu sagen. Dann - ganz unvermittelt - spürt er ihre Tränen an seinen Wangen hinab laufen. Er kann seine Augen nicht öffnen, weiß er doch, wie verzweifelt sie ist. Ihr unterdrücktes Schluchzen ist zu hören, dann überrascht sie ihn erneut.

„Du … du gehörst hier absolut nicht her … und … scheiße, Leute wie ich sind’s, die dich runterziehen … und … und … irgendwann, irgendwann da wirst du nicht wieder aufstehen, verstehst du?“ Sie vergräbt ihren Kopf an seiner Brust und krallt sich in seinem Shirt fest. Er schiebt es auf die Drogen. Hält sie aber dennoch fest, vielleicht um ihr Trost zu spenden. Trost spenden, obgleich er weiß, dass sich nichts ändern wird.

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