Superheld des Jahres

„Du willst lernen Gefühle bewusst zu kontrollieren?‟; wiederholte Dorian am Ende von Joshs Erläuterungen irritiert und sah seinen Cousin zweifelnd an, „Ich hätte nie geglaubt, dass diese Worte eines Tages aus meinem Mund kommen, aber ich habe einige Bedenken.‟
„Ernsthaft? Da ist eine fantastische Idee‟, widersprach Josh verdutzt, aber Dorian schüttelte den Kopf.
„Du, der bereits moralische Gewissensbisse bei der ganzen Echo-Geschichte hat, will lernen in das Gefühlsleben und die Privatsphäre seiner Mitmenschen einzugreifen?‟, fragte er skeptisch und schob seinen Stuhl zurück zum Schreibtisch, „Ich bestreite nicht, dass die Idee verdammt cool und praktisch ist, ich sage nur, dass du es ohnehin nicht über dein weiches Weiberherz bringen würdest.‟ Josh öffnete sprachlos den Mund und hob fassungslos die Hände.
„Und ob ich mich trauen würde!‟
„Ach ja?‟
„Ja!‟
„Gut, dann beeinflusse mich‟, verlangte Dorian und verschränkte erwartungsvoll die Arme vor der Brust. Josh verschlug es erneut die Sprache und er sah seinen Cousin irritiert an.
„Ich warte‟, ergänzte Dorian und verdrehte die Augen, „Siehst du, selbst wenn sich dir die Gelegenheit bietet, traust du dich nicht. Weiberherz, sagte ich doch.‟

Josh keuchte beleidigt auf und runzelte konzentriert die Stirn. Er starrte Dorian entschlossen an, der bei bei seiner angestrengten Mine grinsen musste. Dem wird bald das Grinsen vergehen, dachte Josh pikiert und versuchte die Emotionen seines Cousins zu erraten, besser gesagt, zu erfühlen. Er vergaß vor Anstrengung zu atmen und schnappte nach nach ein paar Minuten keuchend nach Luft. Dorian brach in schallendes Gelächter aus und Tränen traten in seine Augen. „Ich sollte dich filmen. Diesen Gesichtsausdruck darf man der Welt nicht vorenthalten!‟
Josh biss sich auf die Lippen und überlegte, wie er sonst die Gefühle seiner Mitmenschen beeinflusste. Meist geschah dies ohne seine Kenntnis, besonders wenn seine Emotionen außergewöhnlich stark waren, wie zum Beispiel in der Silvesternacht, in der er eine nie gekannte Freiheit verspürt hatte, oder gestern, als ihm vor Furcht die Knie gezittert hatten. Vielleicht musste er sich in diesen Moment hinein versetzten?
Josh schloss die Augen und entspannte die verkrampften Schultern. Dorians Lachen erstarb und er seufzte gelangweilt auf, wobei er lustlos nach seinem Handy griff. Er beobachtete seinen Cousin, während sein Gesicht von angestrengtem rot in die üblich käsige Farbe wechselte. Josh hatte die Lider fest geschlossen und war in seiner sitzenden Position erstarrt. Keine Gefühlsregung zeigte sich auf seinen Zügen und Dorian blickte müde auf sein Display.

Josh ging verbissen seine Erinnerungen durch, die meisten waren bruchstückhaft, lediglich Bilder waren von ihnen geblieben und schwirrten chaotisch durcheinander. Genervt beendete er seine Suche nach einer besonders starken Emotion und dachte beschämt an den gestrigen Abend. Seine Beine hatten gezittert, seine Haut war schlagartig erkaltet und die Augen hatten sich vor Schreck geweitet. Es war keine seiner Glanzstunden gewesen, die Angst hatte ihn überwältigt und die Kontrolle übernommen. Eigenartig, dass seine Kräfte in diesem Moment nicht aktiviert worden waren, fand Josh, und versetzte sich erneut in das Gefühl der lähmenden Furcht.
Hätte er es verewigen wollen wäre die Rauchfarbe schwarz gewesen, womöglich mit einem blauem Schimmer. Der Dunst hätte sich langsam bewegt, träge, wie in Zeitlupe und sich in der gleichen Geschwindigkeit aufgelöst. Auf den ersten Blick hätten die Nebelschwaden wie feste Materie gewirkt, schwarzer Gelee in einem seiner Marmeladengläser.
Josh legte den Kopf schräg und bekam bei der Erinnerung eine Gänsehaut. Zittrig atmete er aus und konnte die Nebelschwaden beinah vor seinen geschlossenen Lidern sehen. Zögernd öffnete er die Augen und krallte sich an dem lähmendem Gefühl der Furcht fest. Es wurde schwächer, sobald ihm das helle Sonnenlicht ins Gesicht schien, doch noch immer konnte er die eisige Kälte spüren.
Vorsichtig blickte er zu seinem Cousin hinüber. Dorian war in eines seiner Spiele vertiefst und drückte hektisch auf den fettigen Bildschirm, seine Lippen bewegten sich lautlos. Unschlüssig betrachtete ihn Josh und konzentrierte sich auf dessen angespanntes Gesicht. Die Kälte ließ allmählich seine Finger steif werden und langsam beugte er sich in tiefer Konzentration nach vorne. Er streckte seine Hand nach Dorian aus, zögerte und berührte vorsichtig den Unterarm seines Cousins.

Dorian schreckte auf und erschauderte, wobei Josh augenblicklich die Hand zurück zog. Sein Cousin runzelte die Stirn und grinste ihn unsicher an.
„Es ist Sommer und deine Hände sind eiskalt‟, stelle er argwöhnisch fest. Josh beobachtete seine Reaktion erwartungsvoll und rieb sich die klammen Finger.
„Hast du etwas gespürt?‟, fragte er zögernd, unwissend auf welche Antwort er hoffen sollte. Dorians Grinsen wurde selbstsicherer und nahm spöttische Züge an.
„Du meinst außer deinem eigenartigen und leicht inzestuösen Annäherungsversuch? Ich will dir nicht dein kleines, zartes Herz brechen, aber muss dir an dieser Stelle einen Korb geben.‟
Er verdrehte die Augen, „Kannst du wenigstens ein paar Sekunden Ernst bleiben?‟
„Bedaure‟, erwiderte Dorian feixend. Josh sah ihn weiterhin streng an, bis er genervt aufstöhnte. „Na gut, mir war kalt.‟
„Kalt?‟, wiederholte Josh nachdenklich und blickte enttäuscht auf seine bleichen Hände.
„Und‟, ergänzte Dorian zerknirscht, „Für höchstens eine Sekunde, war ich … besorgt. Jetzt weiß ich wie du dich den ganzen Tag fühlst.‟ Josh richtete sich abrupt auf und seine Augen begannen triumphierend zu strahlen. Dorian seufzte und schüttelte spöttisch den Kopf. „Ich gratuliere, du hast kalte Hände und kannst Menschen besorgt stimmen. Der Preis des Superhelden des Jahres ist dir mit dieser Fähigkeit sicher.‟
Josh überging die Bemerkung seines Cousins und ging in Gedanken die letzten Minuten erneut durch. War es die Kälte gewesen, die Dorian beeinflusst hatte, seine Vorstellung von dem Nebel oder doch seine Konzentration auf das eigentliche Gefühl? Aber weshalb hatte er nur Sorge hervor gerufen, keine Furcht?

Dorian schnippte vor Joshs Gesicht mit den Fingern. „Bist du noch da?‟, fragte er spöttisch, „Oder ist dir deine Auszeichnung bereits zu Kopf gestiegen?‟ Josh schlug Dorians Hand beiseite und grinste seinen Cousin schief an.
„Dorian, ich schätze in der nächsten Zeit werden deine Gefühlsschwankungen größer den je ausfallen.‟
„Sag nicht ich bin dein Versuchskaninchen.‟
„Nicht direkt, jeder Superheld braucht einen Sidekick‟, antwortete er mit vorfreudigem Grinsen.

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