Blutigige Seidenwäsche

Der folgende Kampf, sowie ihre Angreifer, verschwammen vor Alice Augen und wurde zu einem schier endlosen Strudel aus schwarze Augen, brüllenden Kehlen, blitzenden Klingen, Feuer und Pfeilen. Es war unmöglich zu sagen, wer von ihnen, wie viele Angreifer getötet hatte, zu viele Feinde stürzten sich brüllend auf sie.
Ihr Überleben führte Alice später, darauf zurück, dass sich viele der Feinde gegenseitig behinderten, sie unterschätzt hatten oder sie aus keinem Hinterhalt mehr attackieren konnten. Auch Keedas Pfeilhagel, den sie präzise nieder regnen ließ, der leuchtende Boden unter ihren Füßen, der ihnen Kraft und Ausdauer gab und ihre Schnelligkeit retteten ihnen das Leben.

Alice hob den Blick von dem Ork zu ihren Füßen, der noch im Tot seine Axt umklammerte und angsterfüllt das Gesicht verzog, und blickte zu Keeda, die den letzten, fliehenden Ork mit einem Pfeil in den Hinterkopf zur Strecke brachte. Sie verzog angewidert den Mund und suchte im Gesicht der Drow nach einem Zeichen des Bedauerns, doch diese zog ungerührt den Pfeil aus dem Totenschädel und überprüfte die Schärfe der Spitze, bevor sie ihn erneut in ihren Köcher steckte.
„Ich wusste, dass es eine Falle war“, wiederholte sie vorwurfsvoll und sah sie beide mit hochgezogenen Brauen an. Harbek verdrehte die Augen und ging auf der Suche nach Überlebenden durch die Reihen der Toten.
„Du hattest Recht, zufrieden?“, erwiderte Alice genervt und sah sich die Halle genauer an. Keeda zuckte mit den Schultern. „Nicht sehr. Ich wäre es, wenn auch Vasil unter den Toten wäre. Apropos, habt ihr gesehen wo sie sich versteckt hat?“
Alice schüttelte fassungslos den Kopf und widmete sich wieder ihrer Beobachtung, doch soweit sie erkennen konnte, gab es nur den Eingang über die Treppe.
„Alice, Keeda, kommt her!“, Harbek sah erstaunt auf und winkte sie eilig zu sich. Er kniete sich behutsam neben einen auf dem Boden liegenden Ork, dessen Brust sich noch stockend hob.
„Lasst mich am Leben, ich bitte euch.“ Müde öffnete der Verwundete die Augen und hustete gehetzt auf. Seine Stimme klang kehlig und im Bauch konnte man eine hässliche Schnittwunde erkennen. Alice schaute schuldbewusst drein, doch Keeda kniete sich forsch neben Harbek und griff nach dem breiten Kinn des Orks, dessen Augen langsam zufielen. Sie rüttelte ihn unsanft wach und sah ihn eindringlich an. „Du willst leben? Wohin ist die Kommandantin verschwunden?“
„Bitte, ich habe eine Familie, Kinder“, jammerte der Ork und es traten tatsächlich Tränen in seine Augenwinkel. Keeda seufzte auf und zog bedrohlich langsam ihren Dolch. Nachdenklich drehte sie den Griff zwischen ihren Händen und sah den Verwundeten kaltherzig an.
„Bitte, ich will nicht sterben!“
„Das sagtest du bereits, doch wenn deine nächsten Worte nicht mit Die Kommandantin ist … beginnen, kann ich nichts mehr für dich tun.“
„Keeda?“, Alice griff bestürzt nach ihrer Hand und zog den Dolch zurück, „Er ist verletzt!“
„Er ist ein Feind! Ich habe ihn nicht ausgeweidet, soweit ich mich erinnere.“ Keeda sah Alice vorwurfsvoll an und befreite sich ruckartig aus ihrem Griff. Alice öffnete den Mund, doch die Stimme versagte ihr.
„Die Kommandantin ist … “, röchelte der Ork müde und sah hilfesuchend zu Harbek auf, der ihm eine behandschuhte Hand auf die Schnittwunde legte. Erleichtert seufzte der Ork auf und krächzte, „Sie ist durch die Geheimtür hinter der Statue verschwunden, dort liegen ihre persönlichen Räume.“
„Wir danken dir!“, flüsterte Alice und legte dem Ork tröstend eine Hand auf die Wange. Er schloss erschöpft die Augen und sein Atem wurde flach. Fragend sah sie zu Harbek auf, der sein Siegel über die Verletzung hielt und leise murmelnd einen Heilzauber wirkte.
Die Wunde hörte auf zu bluten, doch das Fleisch wollte sich nicht schließen. Harbek ließ sein Siegel sinken und stand mit schweren Gliedern auf. Seine Schultern hingen tief hinab und schwarze Ringe machten sich unter seinen Augen bemerkbar. Er zuckte die Schultern und sah schweigend auf den Ork hinab, dessen Atmung langsam stärker wurde.
„Kannst du nicht mehr für ihn tun?“, fragte Alice enttäuscht und stand ebenfalls auf. Harbek schüttelte den Kopf und zog die Drow auf die Beine.
„Ich sehe das wie Keeda. Er ist der Feind, noch vor ein paar Minuten wollte er uns tot sehen, und seine Auskunft gab er uns nicht wegen eines plötzlichen Meinungswechsels. Er tat es, um zu überleben, und wenn er wieder gesund ist, wird er allen die er hören wollen, von den drei Boten Neverwinters erzählen die in Frieden kamen, aber alle abgeschlachtet haben.“
Alice sah fassungslos auf ihn hinab. „Du lässt ihn sterben?“
„Er wird leben, doch seine Wunden werde ich nicht für ihn schließen“, beendete Harbek die Diskussion und ging entschlossen zu einer der Statuen, die am Ende der Halle thronten. Sie zeigten eine Mann und eine Frau, beide in Roben gekleidet, und mit einem Stern in den ausgestreckten Händen.


Alice war es, die die geheime Trittplatte entdeckte, mit deren Hilfe ein Stück des dicken Mauerwerks knirschend einsackte. Mit vereinten Kräften, drückten sie das Stück Wand nach außen, bis die Spalten an der Seiten, groß genug waren, um sich hindurch zu quetschen.
Mit gezogenen Waffen betraten sie den geheimen Raum, der sich dahinter öffnete, fanden ihn aber zu ihrer gleichzeitigen Enttäuschung und Freude leer vor.
„Sie muss sich in einem der anderen Räume verstecken“, flüsterte Keeda und schlich lautlos an der mit Gemälden behangenen Wand entlang.
„Danke für den Hinweis“, knurrte Alice und sah der Drow zornig nach. Harbek beobachtete sie prüfend, doch sie erwiderte seinen Blick abweisend und schlich eilig Keeda hinterher.

Keeda blieb wie erstarrt stehen, als sie die Türschwelle des nächsten Raumes betrat, der nur von einigen Kerzen beleuchtet wurde. Die Wände waren auch hier mit kunstvollen Gemälden geschmückt, Sessel, deren Sitzflächen durchgebrochen waren, standen in den Ecken und in der Mitte des Raumes stand ein großes, rosafarbenes Himmelbett, auf dessen seidene Rückfläche jemand mit blutroter Farbe das Zeichen des Vielpfeil-Stammes gemalt hatte. Ein Kreis, mit sechs nach außen zeigenden Pfeilen und einem menschlichen Totenschädel in der Mitte.
Doch die Ironie nahm bei diesem abstrusen Bild kein Ende, denn zwischen den Seidendecken lag breit ausgestreckt und laut schnarchend die Kommandantin der Orks.
„Sie muss angenommen haben, dass ihre Orks uns zur Strecke bringen“, stellte Keeda flüsternd fest und beobachtete erstaunt wie der Speichel der Orkkommandantin auf die edlen Kissen tropfte.
„Danke auch für diese offensichtliche Feststellung!“ zischte Alice und sah fragend zu Harbek. „Was sollen wir jetzt tun? Wir können sie doch nicht im Schlaf töten?“
Harbek fuhr sich nachdenklich über das stoppelige Kinn und starrte sprachlos auf die sich bietende Szenerie. „Es wäre nicht rechtens, sie im Schlaf zu töten“, stimmte er ihr schließlich zu.
„Sie hat unseren Tod befohlen und uns eindeutig versichert, dass sie zu keinem Friedensvertrag bereit ist, wenn ihr mich fragt, hat sie den Tod verdient, auch im Schlaf“, entgegnete Keeda aufgebracht und deutete fordernd in Richtung des Himmelbettes.
„Dich fragt aber niemand!“, fauchte Alice, „Einen Unbewaffneten im Schlaf töten? Das willst du?“
„Unbewaffnet? Neben ihr liegen zwei riesige Äxte! Was ist dein Problem?“ fragte Keeda und verschränkte zornig die Arme vor der Brust.
„Du! Du und deine Skrupellosigkeit!“ schrie Alice wutentbrannt auf und stellte sich drohend zwischen die Drow und die Kommandantin.
„Beruhigt euch. Das ist nicht der richtige Ort hierfür.“, zischte Harbek zornig und hob sein Siegel.
„Nein!“ fauchte Alice auch Harbek an und baute sich drohend vor ihnen auf.
„Runter!“, brüllte Harbek und es war allein ihrem langen Training zu verdanken, dass sie sich bei diesem Wort ohne zu Zögern fallen ließ.

Eine breite, doppelseitige Axt schlug nur knapp über ihr in der Mitte des, an der Wand hängenden, Gemäldes ein. Erschrocken wand sich Alice zum Inneren des Raumes und duckte sich erneut, als ein Nachtisch auf sie zuflog und krachend gegen die Wand knallte.
„Mich im Schlaf töten? Das wolltet ihr? Ihr hättet es besser getan, denn jetzt werdet ihr qualvoll sterben, ihr Feiglinge!“ Vasil stand breitbeinig auf den seidenen Decken, in den Händen, ihre verbliebene Axt und schnaubte vor Wut.

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Fairy Dust

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