Der Rest der Nacht

"Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann mein Freund! Bis wann kann ich mit den neuen Papieren rechnen." Viktor hatte sich verändert. Dort, wo seit über 20 Jahren ein kurzgeschnittener dunkler Oberlippen- und Kinnbart gewesen war, war jetzt glattrasierte Haut. Ebenso war die dunkle Stoppelglatze einer Spiegelglatze gewichen. Dazu kam eine Hornbrille mit Fensterglas. Die eben gemachten Passfotos zeigten einen anderen Viktor. Sie zeigten den zweiundvierzigjärigen Handelsreisenden "Eduard Kavcec". 
"Morgen Abend, Edi! Gewöhn dich an deinen Namen! Mein Sohn wird dir noch ein Auto besorgen. Was möchtest du den ungefähr? Du weißt ja, wegen der Papiere, die machen wir gleich mit. Wie wärs mit einem Mercedes. Der kommt immer gut."
"Ja, Mercedes ist gut. Aber ein älteres Modell. Waffen hab ich. Ich brauch noch Munition für meine Walter. Die kleine PPK ist handlich, aber tödlich. 9 Millimeter!" Die beiden Brünner M 75 sind auch 9 Millimeter aber die kannst du nicht so gut verstecken. Zu groß. Ich schenk dir eine. Aber Vorsicht, sind beide heiß! Hab sie ein paar dummen Landbullen abgenommen, musst die Nummer rausätzen!" - "Danke dir mein Freund. Und nun sei mein Gast!"
Tja, so läuft das in diesen Kreisen. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft...

Durst. Trockener Mund. Helles Licht, Eisengeschmack. Wuähh..! Stimmen! Ich schlug die Augen auf. "Da bist du ja wieder, mein Schatz!" - "War ich fort?" wollte ich fragen, doch ich konnte mich nicht wirklich artikulieren - "Weggetreten, ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst." 
Erst jetzt merkte ich, dass ich im OP lag. "Sel..." Ich brachte kein Wort zustande mit dem ausgetrockneten Mund. "Pst, Michael, streng dich nicht an. Es ist alles gut. Ich bin bei dir. Im Hintergrund sah ich Ines das blutige Besteck wegtragen. "I.. Ines" _ "Sie ist auf meine Bitte zurückgekommen um mir zu assistieren. Halt jetzt bitte den Mund, Liebling und hör auf dich aufzuregen. das ist furchtbar schlecht für dich. Ich werde dir alles erklären und es gibt überhaupt keinen Grund, dir Sorgen zu machen."
Bei meiner Reflexbewegung war eine der inneren (Muskel-)Nähte gerissen. Sowas kann man von außen nicht sehen, eigentlich nur mit den neuen Bildgebenden Diagnoseverfahren. Selina hatte sowas aufgrund der starken Schmerzen vermutet, konnte aber nicht auf ein MRT warten. Also hatte sie mich betäubt und Ines angerufen. Dann hatten sie auf Verdacht meine Wunde wieder geöffnet und gesehen, dass sie richtig lag. Ich weiss nicht, wieviel Glück man haben muss, dass einem so etwas im Bett neben seiner Ärztin passiert und dass die das dann auch noch richtig diagnostiziert. Aber ich wusste, dass jetzt bald kein Glück mehr im Talon sein konnte, bei meinem "Verbrauch". Die beiden brachten mich zurück in die Wohnung. Die Nachtschwester brachte einen Infusionsständer und die Durchstichflaschen für einen Schmerzkoctail, aber ich konnte wenigstens bei Selina in der Wohnung bleiben. Selina gab mir nur ein ganz klein Wenig Wasser. Sie hielt mir den Kopf und führte den Becher an meine Lippen. Ines verklebte währendessen die Dauernadel. Als sie damit fertig war, griff ich ihre Hand und drückte sie ein Wenig, unfähig etwas zu sagen, während ich spürte wie eine Träne aus meinem Augenwinkel lief. "Sie brauchen sich nicht zu bedanken, Michael. Für Sie würde ich zu jeder Tages und Nachtzeit wiederkommen!" Sie legte ihre zweite Hand auf meine und ich wusste, dass sie mich verstanden hatte...

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