Die Herausforderung

Erschöpft sanken wir in die Kissen zurück. Selina hatte wohl Gefallen daran gefunden mit dem Kopf auf meiner Schulter zu liegen, denn genauso wie vorher schmiegte sie sich eng an mich. Ich hatte mich schon ewig nicht mehr so wohl gefühlt. Ihre Körperwärme an meiner Seite zu spüren, die Art wie sie mich nur ein ganz klein wenig, ganz sachte streichelte, wie um mir mitzuteilen, das sie da ist; mir ganz nah ist. Ihre Finger strichen durch meine Brusthaare, zupften das eine oder andere mal ein Wenig daran und so, wie ich es mir am Abend zuvor vorgestellt hatte, fuhr sie mit ihren schlanken Fingern alle meine Narben entlang, welche sie in der Stunde zuvor auch mehrmals fast unspürbar geküsst hatte. Sie hatte mir wohl gerade die schönste Stunde meines Lebens geschenkt.

"Ich hab lange nach meinem Traummann gesucht, Michael! Ich muß dich warnen. Ich suche mir immer genau aus, was ich will, aber wenn ich es einmal habe, geb ich es nicht mehr her!" - "Das mußt du nicht, Kleines!" - "Dann ist es gut, denn ich täte es auch nicht!" Wir lagen noch eine Weile so da. "Wir haben noch einen Krieg zu gewinnen Selina." - "Ich weiß!" In diesem Moment ging der Alarm los.

Blitzartig verließen wir das Bett und suchten unsere Kleider zusammen. Der Monitor war angegangen, das war im Alarmfall immer so, doch leider war nichts zu sehn. Ich sprang förmlich in meine Jeans und fragte alle Kameras ab. Das Herz schlug uns bis zum Hals und endlich stellte sich heraus, das es nur ein Rehbock gewesen war, der einen Bewegungsmelder ausgelöst hatte. Erleichtert nahm ich Selina in den Arm und hielt sie ganz fest. "Wir haben noch Einiges auszustehen mein Engel." flüsterte ich, "Ja, aber wir sind zusammen. Und zusammen schaffen wir das!" Die Zuversicht und Einstellung dieser zierlichen Person hatte etwas Ansteckendes und das war auch gut so! Wir mussten uns langsam etwas einfallen lassen, was wir gegen Viktor unternehmen sollten. Ohne Beweise bei der Polizei einen Mann zu beschuldigen, der im Fernsehen als Security hinter Staatspräsidenten zu sehen ist, kommt nicht besonders gut. Die Kameraaufnahmen aus meinem Haus konnten wir auch nicht gut verwenden. Was Dimitri passiert war, hätte man mir zumindest als Totschlag anrechnen können. Da wir zu dem Zeitpunkt nicht im Haus waren, war unser Leben nicht bedroht und Notwehr kam hier nicht in Frage. Ausserdem weiß ich keinen "normalen" Polizisten, der es mit Viktor hätte aufnehmen können... Es gibt einfach Situationen, und zwar gar nicht wenige, in denen das Gesetz den Verbrecher besser schützt als sein Opfer. Schade, das ich nicht wusste, was Viktor mit der Leiche getan hatte. Oder aber, ob er sich ihrer schon entledigt hatte. Ein anonymer Anruf über die sichere Leitung hätte ihm vielleicht Erklärungsbedarf beschert... "Erinnerst du dich an den Wagen der beiden?" - "War ein amerikanisches SUV, ein Chevy glaub ich, mit Nummer aus der Ukraine." - "Tolles Mädchen! Das hatt ich übersehn. Würde mich wundern, wenn da viele davon bei uns herumfahrn. Weißt du was? Den schwärzen wir jetzt an! Und zwar über die sichere Internetleitung. Auch wenn er die Leiche nicht mehr an Bord hat, Hauptsache er ist mal aufgefallen." - "Ich habe eine Idee Michael! Nimm nur die Szene, wo Viktor die Leiche ins Auto zerrt. Nur von der Kamera, die von der Haustür weg filmt. Der, die er dann zerschossen hat. Und die stellst du dann auf Youtube. Samt dem Ende, wo der Idiot auch noch in die Kamera schaut, bevor er sie demoliert..." - "Du bist gut! Du bist ja eine kleine Kröte!" - "Deine kleine Kröte... Du hast mich gelehrt, das Gewissen stecken zu lassen, wenn es um diesen Herren geht."

Ich holte mir die kleine Bluetoth-Tastaur aus dem Eckschrank und wir setzten uns vor den Bildschirm. Nach knapp einer halben Stunde hatten wir unser Werk getan: Unter dem Titel: "Viktor Lejbosz, der Saubermann mit der (blutbefleckten) weißen Weste" war die bewusste Szene für jedermann auf Youtube zu sehen...


Comments

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    Ein Rehbock? Oh Gott...ich hab fast einen Herzinfarkt bekommen...Geniale Story!!!

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    meeeehr :D

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    Kapitel zwei und drei gelesen, mein Leserherz schreit nach mehr; weiter so. :)

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