Flucht und Gegenwehr

»Schaff mir Alric, den Jäger, herbei.«
Angesprochener nickte und entfernte sich ohne Wort zu äußern. Noch bevor seine ausgestreckte Rechte die Tür zu öffnen vermochte, wurde er widererwartend aufgehalten. »Hauptmann?« Jemand rekelte sich hinter seinem Rücken und lüsterne Laute drangen ungewollt an sein Ohr. Die Stimme Bestlins klang schmatzend, so als sauge man an reifen Früchten.
»Mein Lord?« Er wendete nicht einmal den Kopf, wusste er doch längst, was er hätte zu sehen bekommen. Er war seinem Ziel, diese Räumlichkeit auf schnellem Wege zu verlassen schon so nah.
»Ihr habt noch Vertraute? Welche, die noch nicht unbedachten Unfällen zum Opfer fielen?«
Zu Schlitzen gleich verengten sich seine Augen und der Brustkorb schwoll an, als er tief Luft einsog. Verdammt, ja er hatte Verluste in den Reihen Getreuer zu beklagen. Leute, die ihm durchweg Gehör schenkten und niemals Fragen stellten. Soldaten, die auf sein Wort ihr Leben ließen. Die Anspielung galt ihm als Person. Ihm als Hauptmann und dessen Loyalität. Er wusste diese zu deuten und nickte bestimmend. »Ja mein Lord. Ich verfüge nach wie vor über Vertrauenswürdige, auch wenn die Liste derer sich ungeklärt dezimiert.« Er behielt Verdächtigungen stets für sich, wolle er selbst nicht in Ungnade fallen. Der Tag stünde bevor, das war gewiss, an welchem er den Mörder seiner Männer auf Knien vor dem Henker schleifen würde. Ein Hauch, ein winziger Funke stahl sich auf seinem linken Auge. Eigenhändig, bei nächster Gelegenheit, würde er die Klinge führen. So schwor er sich. Eine Vermutung, wer für die Verluste und Attentate Schuld trug war ihm nahezu gewiss. Grundlegende Beweise blieben allenfalls aus, um seinen Verdacht glaubhaft vorzutragen. Es dürfte Bestlin nicht behagen, seit jeher auf den Falschen gesetzt zu haben.
»Gut. Sehr gut.«
»Mein Lord?«
»Ich verlange, dass mir eure Männer den Jüngling beschaffen. Noch bevor die Nacht vorüber ist und ...«
Weitere Worte vernahm er nicht mehr, zogen pervertierte Bilder an seinem inneren Auge vorbei und entrückten seine Aufmerksamkeit. Vorstellungen, in welcher junge Burschen benebelt und entkleidet neben diesem Mann lagen und sich seiner krankhaften Gier nach jugendlichem Fleisch ergaben. Er erinnerte sich noch genauestens an seiner ersten Beobachtung solcher Vergehen, die dieser sich schuldig machte. Er hasste ihn dafür.
Es waren jeweils sechs verschieden geschliffene und handgroße Klingen, die fein säuberlich sortiert unter der Bettstatt bereitlagen. Tönerne Schälchen standen daneben.
Immer wieder wurden ihm junge Knaben dargeboten. Entlaufene, Familienlose und jene, die besseren Wissens ihr Sold verdingen wollten. Es gab auch Gesinde, die aus niederen Gründen ihre Töchter hergaben, um irgendeine erlassene Schuld zu begleichen. Zumeist eine derer, die sich Bestlin frei erdachte, um von seinem wirklichen Verlangen nach Knaben abzulenken. Es kursierten Gerüchte, dass er an weiblichen Rundungen keinen Gefallen fand. Seine Begierde galt nicht der Scham eines Mädchens oder jungen Frau.
Um seinen Opfern die Nervosität zu nehmen und ruhigzustellen, wurden sie zu einem Becher Wein geladen. Was ihnen verheimlicht blieb, war das seltsame gräuliche Pulver, welches zuvor untergerührte wurde. Ihrer geistigen Sinne beraubt, mussten, sofern bereits vorhanden, Eingeweihte derer Scham enthaaren. Es beliebte dem Lord, an diesen Örtlichkeiten keinerlei vorzufinden.
Ebenfalls entblößt und erigiert glitt seine Zunge an allen möglichen Stellen jener jungen Leiber. Sein Körper erzitterte frivol, wenn seine ölig triefenden Hände in den Körperöffnungen der Leidtragenden fingerten. Oftmals wechselte er seine Finger mit ...
»... werde mich in seinem Blut und seinen Innereien suhlen. Hauptmann, hast du verstanden, was ich verlange?«, grollte der Sprecher nuschelnd.
Kaum merklich schüttelte er den Kopf und die entsetzlichen Bilder verblassten, gerade in diesem Moment, als Bestlin lüstern seinen offenen Mund in den Schoss des Jungen wog. Angewidert marschierte er aus der Tür. »Ich werde mich darum kümmern, mein Lord.«
Hinter der verschlossenen Tür sackte er gegen jene, schluckte und sog tief Luft in seine beklemmenden Lungen. Er war Soldat, zum Hauptmann berufen und hemmte auch nicht zu töten. Er verweigerte sich ebenso wenig seine Klinge in Unschuldige zu stoßen oder einer Frau seinen eigenen lüsternen Willen aufzuzwingen aber eines tat er gewiss nicht - sich an Kindern vergehen.

***

»Brrrr«, raunte Klarich und zog an den Zügeln.
»Da seid ihr ja endlich.« Alnas Blick erstarrte, als sie den seinen bemerkte. »Was ist passiert?«, wollte sie ohne Umschweife erfahren, als sie von dem Wohnhaus kommend hinüber zum Karren schritt. Ihre Miene heftete sich auf derer ihres Geliebten.
»Es war ein Fehler sie mitzunehmen«, gestand er ohne seine Jungs dabei eines Blickes zu würdigen. »Vom ersten Moment an waren sie Hohn und Spott ausgesetzt.« Er schnaufte und drosch mit der Faust auf den Rand des Karrenaufbaus. Seine Finger zitterten, als er sie spreizte. Eine Hand legte sich auf die Seine und hielt sie fest an Ort und Stelle. Mit der anderen streichelte sie seine Wange.
»Sprich nicht darüber. Behaltet es für euch.«
Sie nickte, hob die Brauen und schenkte ihm ein keckes Lächeln. »Doch, das werde ich.«
Er dreht sich ihr zu, nahm ihr Gesicht in beide Hände und sein Kopf nährte sich dem ihren. »Du hast es vorhergesehen und ich wollte nicht auf dich hören.« Er gab ihr einen Kuss auf die Lippen.
»Pa' wohin soll das viele Werkzeug?«
Kayden klopfte seinem Bruder auf die Schulter und deutete voraus, in jene Richtung, aus welcher sie selbst kürzlich fuhren. »Pa'? Da kommen Reiter.«
Seine Augen fixierten die seiner geliebten und die Brauen verengten sich zum Nasenansatz. Er sah in erschrockene, sich trübende Seen. »Ich will nicht, das sie uns die Kinder nehmen«, flüsterte sie benommen.
Der vorderste Reiter pfiff zum Erkennen ein Klarich bekanntes Signal, der sogleich begann, sich sichtlich zu entspannen. Seine Züge wurden weicher und seine verzerrten Mundwinkel erschlafften. Er war spürbar erleichtert. »Alric. Er kommt spät und in Begleitung.« Dass sie ihn bereits bei der Burg Bestlins zu sehen bekamen, behielt er für sich. Was er dort oben zu suchen hatte hingegen, blieb noch in Erfahrung zu bringen. Er erinnerte sich daran, ihn danach fragen zu wollen. Glücklicherweise enthielten sich die Brüder auch jedweden Kommentars.
Alna sah auf und erblickte nur eine sich stetig nähernde Staubwolke, aufgetrieben von Pferden im Galopp.
Sie traute ihrem Mann und verließ sich auf seine Sinne, wusste oder vielmehr ahnte sie, dass ihr Geliebter mehr war, als er vorgab zu sein. Ein unausgesprochenes Geheimnis rankte um ihn, hatte bisweilen jedoch nie darüber nachgedacht, ihn in dieser Angelegenheit zu bedrängen. Der Tag würde kommen, an welchem er sie einweihte.
Es waren sechs Reiter, die ihre Pferde auf dem Vorplatz des Hofes zügelten. Bekleidet allesamt in lederner Montur, an derer findige Handwerker kleine metallene Plättchen anbrachten. An den Hüften trugen sie zur Linken wie zur Rechten jeweils ein leicht gekrümmtes Schwert, wobei das Zweite kürzer schien. Ein jeder führte an seinem Sattel einen gefüllten Köcher und einen Reflexbogen, gefertigt in den Westländern. Woher die Reiter diese Waffen haben mochten? Diese galten als berüchtigt unter den Berittenen. Man nannte diese Bogen auch Reiterbogen, da diese leichter zu verwenden waren als die hiesig benutzten Langbogen. Kürzer aber aufgrund ihrer Überspannung und einfacher Handhabung zu Fuß wie zu Pferd deutlich effektiver. Grundvoraussetzung, man war mit dem Umgang einer solchen Waffe ausgebildet. Klarich hielt es für grundlos, an ihrem Können zu zweifeln, ebenso das wirken mit den Klingen, die ebenfalls aus den Feuern westlicher Schmieden entstammten. Dort wo man diese Art Schneide fertigte, gab man diesen den Namen Scimitar und beides waren hierzulande nahezu unbezahlbare Gegenstände.
»Alric was hat dieser Auftritt zu bedeuten?« Er schob seinen Kopf ganz nah an den seinen, während er die losen Zügel straff heranzog. »Du und die Schattenjäger?«
Angesprochener sah sich um und nestelte mit seiner in braunen Handschuhen steckenden Fingern der rechten, zügellosen Hand. Er verteilte sprachlose Befehle, die seine Begleiter ebenso kommentarlos befolgten. Er selbst saß ab, klatschte auf die Flanke seines Pferdes, welches sogleich außerhalb der Sichtweite des Hofs trabte, um mit den Schatten der Bäume zu verschmelzen. Er schien gehetzt und musste den gesamten Weg über angespannt geritten sein. »Sie müssen weg, sofort. Ist der Proviant noch so, wie wir es besprochen haben?«
Nacheinander wechselte sein Augenmerk von Klarich zu Alna und hinüber zu den dastehenden Jungs. Ihre Blicke straften ihn mit Verständnislosigkeit, war er doch ein einfacher Händler und kein Waffenmann.
»Pa'? Ma'? Was ist los und wieso trägt Onkel Alric Waffen?«
»Sch. Nicht jetzt Kay«, schalt sein Vater und hob seine Linke. »Verdammt Alric, sprich endlich.«
Angesprochener mahnte sich zu Ruhe und atmete bewusst ruhig und gleichmäßig. Der Ritt und die begleitende Furcht und das was bevorstand, nahm ihn mit. »Bestlin weiß von dem Mal. Er will ihn, noch heute Nacht. Seine Soldaten werden ihn holen kommen.« Er griff seinem Vetter an die Schulter und sein Blick suchte den seinen. »Bitte Klarich, uns bleibt nicht viel Zeit.«
Alna trat zurück zu ihren Jungs und umklammerte sie schützend. »Was hat das alles zu bedeuten? Klarich, Alric, was geht hier vor?«
Es war Alric, der sich zuerst bewegte. Er kam Näher und kniete sich vor Veyed und Kayden. Einen jeden beschenkte er mit einem Lächeln und fasste beiden an den Oberarmen. »Erinnert ihr euch an den Weg hinab zu den Sandsteingruben und hinüber zum Rabengehölz?«
Kayes Augen hoben sich und ein unbestimmter Glanz stahl sich auf dessen Züge. »Du meinst den alten Wasserlauf. Der, der uns unter die Wurzeln des großen Baumes führt?« Sein Onkel nickte zustimmend.
»Ihr habt auch nicht vergessen, wie man geräuschlos läuft und sich in den Schatten bewegt?«
»Nein, haben wir nicht.«
Alrics rechte Hand ruhte auf Veyeds Kopf und glitt in dessen Nacken. Sein linker Mundwinkel zuckte und sein Adamsapfel hüpfte einmal auf und ab, als er begann zu sprechen. »Du bist der Ältere und musst auf deinen Bruder aufpassen, versprich mir das.«
Eisige Wehen krochen ihren Hals entlang und zogen sich hinab bis zum Steiß. Härchen richteten sich auf ihren Armen und ein bitterer Geschmack entstand unter ihren Zungen.
»Die Soldaten des Lords werden nach euch suchen und sollten sie euch finden«, er stockte und senkte den Kopf. »Wisset. Ihr habt nichts Unrechtes getan. Ihr lebt in einer unrechten Zeit. Lauft, flieht so lange wir sie aufhalten können.«
»Aber ...«
Es wurde beängstigend ruhig, kein Tier ging dem seinem nach und selbst der laue Wind hielt den Atem an, um das noch ferne Gebell von Hunden hören zu lassen. Der Ruf eines einsamen Kauzes rückte die beklemmende Zeit des bevorstehenden Abschieds wieder ins Lot.
Alric richtete auf. »Nichts aber. Flieht und blickt nicht zurück. Wenn nötig wagt den Schritt in den ›flüsternden Wald‹.« Eine einzelne Träne rann ihm aus dem linken Auge. Stockend atmete er tief ein, drückte beide Jungs an sich und schubste sie dann voran. Alna weinte, wusste sich nicht anders zu helfen und klammerte sich Halt suchend an seine Arme. Sie sah bittend wie fordernd zu ihm auf. »Ich hasse dich und deine verfluchten Geschichten.«
»Lauft verdammt!« Alric zog beide Klingen Blank und verschmolz mit den Schatten, die das große Lager auf dem Hof spendete.

***

Aus der Ferne drang mehrstimmiges und lautstarkes Gebell, in welchem sich wiederkehrende Rufe mischten. Treiber führten ihre Meute und riefen Befehle. Es war nicht zu bestimmen, wie viele Tiere es sein würden, die ihre Fährte aufnahmen und sich an ihre Fersen hefteten. Bei dem Getöse jedoch musste es sich nicht um unzählige handeln, sie konnten auch ungleich größer sein.
In Kaydens Gedanken entstanden Bilder, die ihm kalte Schauer, schmerzhafte wie kleine Nadelstiche, in den Nacken stießen. Seine Beine trugen ihn immer schneller und kaum merklich ließ er Veyed bereits nach wenigen Atemzügen weit hinter sich. Riesige zottelige Bestien mit Geifer fletschenden Zähnen jagten ihnen nach. Mit gnadenloser Verachtung und schierer Gier nach Blut hetzten sie mit rot unterlaufenden Augen, um ihrer Beute gewiss zu werden. Sie würden ihre Fänge erst in ihre Waden, dann in Hände und Arme graben, um sie sodann im Rudel zu zerreißen. Niemand, auch nicht ihrer Treiber vermochten sie vor dem qualvollen Tod bewahren.
Unentwegt waren sie den gesamten Weg vom Hof bis hinab zu den Gruben gelaufen. »Warte Kay, so warte doch«, japste Veyed, bereits außer Atem. Seine Arme ruderten Halt suchend voraus, bestrebt etwas zu greifen, um seinen Bruder zum Stehenbleiben zu zwingen.
Kayden hingegen sah sich erst nach dem dritten Zuruf um und verharrte nur so lange, bis sein Bruder endlich aufholte. »Beeil dich doch, die Hunde ... sie kommen«, schnaufte er hinter aufeinanderhaltenden Zähnen.
Veyed kniff vornübergebeugt die Augen zusammen und sah zurück. Bäume die eigentlich feststehen sollten, tanzten einen Reigen. Schweiß lief ihm von der Stirn und seine Atmung klang rasselnd. Er deutete voraus und zeigte auf einen Vorsprung. Dort begannen die Gruben, in welchen vor vielen Jahren leicht zu verarbeitender Stein gebrochen wurde. Aus diesem arbeiteten Metze Friese und skulpturähnliche Gegenstände. Andere errichteten aus selben Materialien Außenwände für Gebäude. Unbestätigten Gerüchten zu urteilen, ließ eine der damaligen Adelsfamilien Unmengen dieses Gesteins abtransportieren, um daraus eine komplette Burgenanlage zu errichten.
»Moment noch. Da vorn ... Schon der Spalt. Bin nicht so schnell ... wie du.«
»Sie werden uns finden, auch den Spalt«, drängte nunmehr der Jüngere zu Eile.
Veyed besann sich als der Ältere und erinnerte sich der übertragenen Last. Er nickte. »Hast Recht. Immer noch besser, als hier erwischt zu werden. Da drin kommen wir womöglich bis zum ...«
Kayden wartete nicht und wollte auch nicht hören, wohin dieser Weg sie führte. Nur wenige Schritte und er verschwand.
Unmittelbar hinter der Kuppe verbarg sich unterhalb einer abgestorbenen Wurzel ein Sims, der einst als Zulauf eines alten Gerinnes diente.

***

»Komm, wir müssen das Werkzeug in die Scheune schaffen. Alric wird wissen, was er tut ... das tat er bisher immer.«
Als Alna keinerlei Anstalten hegte sich zu rühren, berührte er sie liebevoll an der Schulter. »Wenn wir sie schützen wollen, müssen wir mitspielen, hörst du.« Er verlor sich in ihren trauernden Augen und blickte in tiefe bodenlose Seen. »Sie schaffen das und kommen wohlbehalten zu uns zurück. Komm, sie sind nicht mehr fern.«
Sie sah auf und schenkte ihm ein aufgesetztes Lächeln. »Wie kannst du nur so berechnend sein? Sie kommen, um unsere Kinder zu holen. Was werden wir ihnen sagen?«

***

Hunde waren die Ersten, die den Hof bestürmten und sogleich begannen die vielen, scheinbar, unbekannten Gerüche aufzunehmen. Nicht zottig, nicht riesig, nicht geifernd, ja womöglich nicht einmal boshaft. Jagd- und Treibhunde mittlerer Größe liefen wie aufgescheucht hin und her. Neugierig wie Ermittler beschnüffelten sie alles, was mit ihren feinen Nasen erreichbar war, sogar die tiefer werdenden Schatten. Sie suchten etwas ohne eine konkrete Spur zu verfolgen. Einer von ihnen, offensichtlich der Jüngste, schnupperte am Rad des Karren, hob instinktiv den Kopf, schnüffelte erneut und rannte mit wedelnder Rute davon. Ein gellender Pfiff erscholl und von dem Rudel auf dem Hof verblieben noch zwei. Bedächtig hielten sich Alna und Klarich Rücken an Rücken bewaffnet mit einer Sense und einem Flegel.
»Zu je Dreien. Sucht sie. Ihr, zu mir«, brüllte ein hochgewachsener Mann, den zu jeder Seite ein weiterer flankierte. Angriffslustig und überheblich blickten sie von ihren Pferden herab.
Klarich schnaubte, verengte die Augen und senkte die Sense. Er kannte, nein, erkannte den Anführer, welcher hier unerwartet Männer wie Hunde zu seinem Heim führte. Ein bleischwerer Kloß rutschte nur widerwillig seinem Hals abwärts.
Jener in der Mitte, Kopf dieser Meute, beugte sich vor und legte seine Hände selbstsicher und übereinandergehalten auf den Sattelknauf.
»Bauer Klarich.« Der Mann nickte wissend. »Wir sehen uns zu oft.« Er hob seine linke Hand und zeigte zwei Finger. Rechnen konnte der Kerl demnach auch. Der nächste Finger folgte sogleich. »Zum dritten Mal, in so kurzer Zeit?« Trotz seiner unbestreitbaren Abstammung sprach dieser die gemeine Zunge gut verständlich. Mancher würde vielleicht sogar so weit gehen zu behaupten, seine Aussprache klinge treffender, als die so manchen Landarbeiters.
»Was zum Henker soll das hier werden?« Die Sense hob er mahnend und verdeutlichte, diese nach Bedarf einzusetzen. Sein Blick orientierte sich nach allen Seiten, auch jenen, die er nur im Augenwinkel erfassen konnte. Hinter ihm hielt Alna hingegen die ihren offen. »Drei in der Scheune, drei im Lagerhaus«, raunte sie mit geneigtem Kopf.
Unmöglich können das alle gewesen sein, die bellende Meute und die Befehle klangen nach mehreren. Klarichs Gedanken überschlugen sich.
Alrics unerwarteter Auftritt bei der Burg dann als Schattenjäger begleitet von fünf weiteren hier auf dem Hof - er ihre Leitperson. Die Hektik und Angst um die Jungs. Unbestritten begründet aber dennoch der schiere Anblick war ihm zuwider. Jetzt der Wachposten, ebenfalls aus Besatzung Bestlins. Gleichermaßen beanspruchte auch dieser sich als Anführer eines Trupps, wohingegen dessen Absichten deutlich schienen.
»Mhm. Lasst mich überlegen.« Abermals nutzte er seine Linke. Der Zeigefinger tippte gedankenversunken an seine Nasenspitze, während seine Rechte für andere unbemerkt an dem Schaft seines Schwertes glitt. »Beim ersten Treffen musste ich jemanden ... entsorgen. Sagt man das so?«
Seine Begleiter wechselten fragende Blicke und einer von ihnen hob die Brauen. »Beim zweiten Mal, nun, ich kann nicht überall wachen. Tut mir leid, ich war nicht stürmisch genug.«
»Was sagt er da?«, raunte Alna mit kaum erkennbar geöffnetem Mund.
»Sch.«
»Bauer Klarich. Der Lord hat sein Angebot überlegt. Er will euren Sohn jetzt schon in Sold nehmen. Wo ist er? Übergebt ihn und wir gehen.«
Klarichs Knöchel der rechten Hand knackten, als er seinen Griff um die Sense lockerte, um sie sogleich fester zu greifen wie noch zuvor. Sein Gesicht zeigte Entschlossenheit und seine Worte forderte sie heraus. »Andererseits? Lasst ihr euch auch auf die andere Schulter scheißen?«
Er zuckte mit vorgeschobenem Kin auf besagte Stelle, auf welcher ein milchig weißgrauer Tropfen sich abzeichnete. Er wendete seinen Blick, verzog grienend die Mundwinkel und zwinkerte ihm zu. »Wer weiß.«
»Serfem! Wir haben was«, rief einer der Männer, die das Wohnhaus durchsuchten. Er stand auf der Veranda des Vorbaus, nestelte an etwas herum und zuckte fluchend.
Angesprochener sah auf und in seinem Blick spiegelte sich Unsicherheit und Unglaube. Jener, der der Anführer zu sein schien und auf dem Namen Serfem reagierte, stieg in seinen Steigbügel auf und seufzte. »Das ist nicht der Junge. Sucht weiter.«
»Nein verdammt, aber mehr als eine beschissene Feder unter einem der Kissen und dieses Schwert ...«, er hielt es mit der Linken hoch. Von der Rechten löste sich ein einzelner roter Tropfen und viel herab. »... gibt es hier nichts Brauchbares. Schon gar keine Jungs.«
Ihr Anführer stieg ab und bedeutete seinen Begleitern zu folgen. Mürrisch hielten diese Klarich und Alna im Blick. Aufmerksam musterte Serfem zuerst das Gefieder, danach die dargebotene Klinge.
»Eine Feder und ein prächtiges Schwert? Ich frage nicht, woher ein Diener, zu so etwas kommt.« Seine Finger fuhren den Stilisierungen des Blattes entlang, die eigenartigerweise nur auf einer der Seiten eingelassen waren. Ein Greifvogel zierte als Wappenbild die Mitte der Parierstange, welche wiederum als Flügel aufgearbeitet schienen. Er wog es in der Rechten, verzog die Mundwinkel und gab es zurück. Aus Richtung der Scheune polterte und wieherte es beklagenswert, grimmige Ausflüchte und Gelächter folgten.
»Scheiße Serfem, lass uns die Pissbude abfackeln und zurückreiten. Mit der Schlampe da können wir ja noch Spa...« Er kam nicht mehr dazu, seinen unbedachten Satz zu vollenden, stattdessen röchelte er und fasste sich fassungslos an den Hals. Lautlos und wie aus dem Nichts suchte sich ein noch an der Befiederung nachvibrierender Pfeil Bahn. Das Geschoss traf mit solcher Wucht sein Ziel, dass die geschärfte Spitze auf der einen Seite des Halses eindrang und an der Gegenüberliegenden austrat. Blut lief ihm am Hals herab und besudelte nebst Rüstzeugs nun auch die hölzernen Dielen. Das entwendete Schwert glitt ihm klappernd aus der Hand. Schuld zuweisend sah er sich um, während sich sein Blick trübte und er schlussendlich zu Boden ging. Er sackte nicht einfach in sich zusammen, er stürzte vornüber und mit dem Gesicht voran.
Serfems Rechte glitt hinab, er trat einen Schritt zurück und entging so dem Hauch des Todes. In Form eines weiteren Pfeiles schoss dieser keine handbreit an ihm vorbei und fand ein ebenso passendes Ziel in der Brust eines seiner Begleiter. Der Schütze beherrschte den Bogen wie kaum ein anderer, dessen Hände und Augen mussten die eines brillanten Jägers sein. Vier Finger beginnend des Sodaplexus hinauf und weitere vier zur Linken. Mitten ins Herz. Sein Kamerad starb ohne den Hauch einer Chance zur Gegenwehr.
Alna verbarg sich unter den Karren und Klarich schwang seine Sense. Kampflos gab er weder sich, seine Frau, seine Kinder noch den Hof auf. Die verbliebenen zwei Hunde hoben die trainierten Nasen. Sie rochen Blut.
»Schattenjäger! Such! Fass!«
»Legt das Schwein und die Schlampe um.«
Während die zwei übrigen Soldaten neben Serfem begannen ihre Klingen zu ziehen, rannten jene, die die Scheune durchsuchten und womöglich auch verwüsteten heraus. Rauch stieg auf und bahnte sich durch Tor wie Fenster einen Weg ins Freie. Noch im Laufen zogen die Männer Blank und suchten einen unbekannten Feind, um diesen in Klarich zu erkennen.
Zwei weitere Pfeile sausten heran und richteten einen Angreifer, der sich dem Bauern von hinten näherte. Serfem hingegen behielt Ruhe. Er warf sich nicht unbedacht ins offene Messer, ohne zuvor zu sondieren, was er tat. Anstatt einem offenkundigen Widersacher entgegenzutreten, schwang er sein Schwert in hohem Boden. Klarich stand mit seiner Sense gegen Dreien, bewaffnet mit Waffen aus gehärtetem Stahl. Sein Blick zuckte unstet von Links nach rechts und sein primitiver Behelf folgte diesem. Alna wimmerte vor Angst und ihr Mann spielte auf Zeit, wusste jedoch nicht, wie lange sich seine Kontrahent auf so plumpe Art aufhalten ließen. Würden die übrigen Soldaten eintreffen oder auch nur jene aus dem Lager hinzueilen, wäre die Misere in wenigen Atemzügen beendet.
Sie trieben sie weg vom Karren und in Richtung des Lagers, aus welcher klirrende wir knurrende Laute drangen. Sie lachten höhnisch, wussten sie, dass der Pfeilbote in dieser zu suchen war und ihresgleichen dort jeden Winkel mit der Klinge auseinandernahmen.
Serfems stand mit einem weiteren Begleiter wie jenem, der das Wohnhaus mit durchsuchte auf der Veranda. Fassungslos weiteten sich dessen Augen. Er versuchte dem Unheil, mit bloßen Händen, entgegenzutreten, war seine Schwerthand zu nah am Vorbau, um damit wirksam sich zur Wehr zu setzten. Die nahende Klinge fuhr durch Haut, Fleisch und Knochen. Er fühlte nicht einmal den Schmerz. Jede vergehende Sekunde dehnte sich zu Minuten, in welchen er miterlebte, was geschah. Beginnend am kleinen Finger durchtrennte das kalte, geschliffene, stück Stahl vom Handansatz her oberhalb des ersten Gelenks das Glied. Es war ein durchweg glatter Schnitt und endete an der Kuppe des Daumens. Seine Gliedmaßen flogen wie geworfene Dominosteine und winzige pulsierende Springbrunnen seines Blutes spritzten im Takt seines Herzschlages aus den Wunden.
Der Getroffene stand nur einen halben Fuß zu weit von dem Schwertführer entfernt. Das Schwert fuhr somit nicht wie gewollt zur Gänze durch sein Ziel, sondern durchtrennte lediglich etwas mehr als die Hälfte dessen Halses. Ein Schwall Blut schoss einer Fontäne gleich über den Platz, als die Klinge aus ihrem Opfer trat. Hinsichtlich der zuvor eingenommenen Abwehrhaltung wie der geführten Wucht des Hiebes klaffte die verursachte Wunde weiter auf, als ihm der Kopf in den Nacken fiel. Rücklings gesellte sich der Rest seines toten Körpers in dieselbe Richtung.
»Sollen wir dem Bauern helfen?«
Serfem hielt den Blick starr auf den vor ihm liegende sterbliche Hülle. Blut lief dieser aus Fingern und Hals und vereinte sich zu einer Lache. Er trat einen angewiderten Schritt zurück, als sich diese seinem Schuhwerk nährte. »Mhm, aber haltet die Köpfe unten.«
»Du traust ihnen nicht?«
Er sah über seine Schulter hinweg und grunzte mit erhobener Braue amüsiert. »Ihnen schon, aber euren Dickschädeln ...« Er nickte hinüber zu Klarich. »... und dem da, weniger.« Er säuberte seine blutige Klinge an der Hose des Erschlagenen. »Macht schon, bevor er es lustig findet, und bringt das Schwert zurück. Leiser fügte er hinzu: »Es wird noch nicht gebraucht.« Er vermochte kaum auszusprechen, als die Sichel des Bauern endlich tat, wofür sich geschaffen wurde.
Alric trat mit rot besprenkeltem Gesicht und einem entzweigerissenen linken Oberärmel aus dem Tor des Lagers. Er atmete angestrengt und beobachtete seinen Vetter. Begleitet wurde er von einem der Soldaten, der einen der zwei Hunde an einer kurzen Leine hielt. Auch bei diesem war ein milchig weißgrauer Farbtropfen auf der Schulter ersichtlich.

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beta
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