VII

Riley sah noch eine Weile in die Richtung, in die der Fremde verschwunden war.

„Wo starrst du denn hin?“ Erics Stimme holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück.

„Ehm … nicht so wichtig. Hat alles geklappt?“

„Ja, ich kann ab Montag einen Stand hier haben“, grinste der Blonde und nahm seinem Kollegen Wintersongs Zügel aus der Hand, „Herman hat sich echt für mich eingesetzt. Ich brauchte gar nicht mehr viel reden. Morgens um zehn wird der Markt geöffnet und geht bis 20 Uhr. Es sei denn, du bist ausverkauft, dann kannst du auch früher dicht machen.“

„Hört sich gut an“, murmelte Riley und schwang sich auf Flames Rücken, „dann können wir ja zurück nach Hause reiten. Meine Schwester kommt in ‘ner Stunde und bringt meine Klamotten vorbei. Ich müsste trotzdem mal waschen. Gibt es ‘ne Waschmaschine am Stall, die wir benutzen können? Weißt du da was?“

Eric saß ebenfalls auf und drehte sein Pferd. „Ja, gibt es. Ich zeig’s dir gleich.“ Damit trieb er den Nordschweden in einen leichten Trab und verließ Seite an Seite mit Riley die Stadt.

 

Zurück am Stall versorgten sie ihre Tiere und brachten sie runter zu den Paddocks. Es sah zwar schon wieder nach Schnee aus, aber mit etwas Glück würde das Wetter sich noch zwei Stunden halten, dann mussten sie die Pferde sowieso rein holen. Als sie die beiden auf die Ausläufe sortiert hatten, zeigte Eric seinem Mitbewohner die Waschküche des Jorvik Stalls und die Maschine, die sie benutzen durften.

„Hinten in der Ecke steht ein Trockner zu unserer Verfügung. Zum Aufhängen haben wir ja kaum Platz, wie wir ja letztes Mal gesehen haben, als mein Zeug da hing, und draußen würde es ewig trocknen. Na ja, ich verschwinde wieder in meine Werkstatt. Hab noch eine Menge zu tun.“

„Mach das. Bis später“, gab Riley zurück und verließ mit Eric den Raum um die Wäsche aus der Unterkunft zu holen.

 

Eine halbe Stunde später lief die Waschmaschine und Riley kehrte zurück zur Hütte und heizte den Ofen an. Anschließend setzte er sich an den kleinen Esstisch und kramte sein Handy aus der Hosentasche. Er las noch einmal die Nachricht seiner Schwester.

Lily wollte ihm neben seinen Sachen auch ihren Laptop mitbringen, damit er zwischendurch nach Plätzen für ein eventuelles Fernstudium schauen oder zumindest in der Freizeit seinem Hobby, dem Schreiben, nachgehen konnte.

Er legte das Telefon auf den Tisch, stand auf und ging hinüber in die Kochnische, um Wasser aufzusetzen, als es an der Tür klopfte und Johanna die Unterkunft der Jungs betrat.

„Hey“, sagte sie, „hast du mal ‘ne Minute für mich?“

„Sicher“, erwiderte Riley und schaltete den Wasserkocher ein, „auch ‘nen Tee? Oder was anderes?“ Er deutete In Richtung Tisch: „Setz dich.“

Seine Chefin ließ sich auf einen der Stühle fallen. „Tee wäre toll. Ich kann mal ‘nen Moment Pause gebrauchen. Ich hab gerade bei mir im Haus alles geschrubbt. Das ist ganz schön viel Arbeit.“

„Warum besorgst du dir keine Putzfrau? Du hast doch mit den Pferden wahrlich genug zu tun.“

„Stimmt schon, aber ich hab nicht gerne fremde Leute im Haus. Da tret ich lieber im Stall etwas kürzer. Wofür hab ich euch denn?“ antwortete sie grinsend.

„Dann halt dich auch zurück“, sagte der Dunkelhaarige lächelnd, übergoss die Teebeutel in den Tassen mit dem heißen Wasser und brachte diese hinüber an den Tisch.

„Danke“, sagte Johanna, „aber warum ich hier bin: Morgen kommen ein paar Mädels zum Reiten. Die brauchen zwar keinen Unterricht, aber ich hätte gerne, dass du da ein Auge drauf wirfst. Wenn das Wetter mitspielt, kannst du gerne mit ihnen einen Ausritt rund um Jarla machen. Ansonsten müssen sie eben in der Halle bleiben. Ich werde dir morgen früh eine Liste geben, wo die Namen der Mädchen drauf stehen und welches der Schulpferde ich ihnen zugedacht habe. Es sind keine Anfängerinnen mehr, keine Sorge. Sie werden dir im Normalfall wenig Arbeit machen.“

Riley nippte an seinem Tee. „Okay, dann mach ich das. Gehört zu meinem Job, oder nicht?“

„Irgendwie schon, ja“, erwiderte seine Chefin.

 

Nachdem Johanna ausgetrunken hatte, stand sie auf und sagte: „So, ich werd mich mal wieder verabschieden. Was tust du jetzt? Sagtest du nicht, dass deine Schwester heute kommt?“

„Ja, die müsste auch jeden Moment hier sein“, erwiderte Riley und sah auf die Uhr, „in ‘ner Stunde können wir auch die Pferde rein holen. Da ist es doch praktisch, wenn Lily hier ist. Die wird direkt mit eingespannt.“

Seine Chefin lachte: „Yep, das ist wahr. Gut, dann bis später.“ Damit verließ sie die Hütte.

 

Kurz darauf klopfte es erneut an der Tür und diesmal stand seine Schwester vor ihm, als Riley öffnete. Vollgepackt mit der Wäsche ihres Bruders und dem versprochenen Laptop betrat sie die Hütte und stellte erst mal alles auf den Tisch. Dann nahm sie Riley in den Arm und setzte sich anschließend.

„Alles gut bei dir? Was macht dein Rücken?“

„Geht schon wieder“, gab ihr Bruder zurück und bot ihr etwas zu trinken an, was sie dankend annahm.

„Den Laptop kannst du behalten. Das ist mein alter und wir haben noch ‘nen PC zu hause. Ich denke, hier in der Pampa kannst du den bestimmt gut brauchen. Hast du dir schon was überlegt, wegen des Studiums? Willst du weitermachen?“

Die Schultern zuckend erwiderte Riley: „Weiß ich noch nicht. Werden wir sehen. Im Moment hab ich hier ‘nen Job und ich muss Geld verdienen, das ist wichtiger. Aber ich kann wenigstens wieder schreiben oder mal chatten, wenn ich frei hab.“

Lily nickte: „Wahrscheinlich hast du Recht und das ist erst mal das Beste.“ Sie überlegte einen Moment, dann fuhr sie fort: „Meinst du, Johanna gibt dir den Rest des Tages frei? Ich würde gerne mal auf den Weihnachtsmarkt hier.“

„Keine Ahnung, aber das können wir ganz einfach herausfinden - indem wir sie fragen.“ Riley verschwand im Bad, um sich umzuziehen, und seine Schwester räumte währenddessen seine Sachen in den Schrank.

 

Kurz darauf waren sie mit Lilys Auto auf dem Weg nach Jarlaheim. Johanna hatte eingewilligt und Riley den Rest des Tages frei gegeben. Es lag sowieso nur das Reinholen der Pferde an, für die Abendfütterung war alles vorbereitet, und das würden sie zu dritt genauso gut bewältigen.

 

~~

 

Ein paar Kilometer weiter lehnte Lysander Moreau auf der Umzäunung des Paddocks und beobachtete seine beiden Pferde, die sich dort im Schnee die Beine vertraten. Sein Stallbursche und eigentlich „Mädchen für Alles“, Louis Dubois, stand in der Mitte des Platzes und trieb die Tiere vorwärts.

Lysander hatte den jungen Mann mit auf die Insel genommen, als er vor sechs Monaten beschlossen hatte, von Frankreich hierher zu ziehen. Er war die letzten Jahre regelmäßig in den Sommermonaten hier gewesen und irgendwann war ihm der Gedanke gekommen, sich an diesem Ort niederzulassen.

Jorvik war eine schöne Insel, rau und teilweise unberührt, aber mit einem unglaublichen Charme.

Neben dem Anwesen hier und einem Haus in seiner Heimat Frankreich, besaß Lysander auch noch ein Cottage in England, aber im Moment stand ihm der Sinn nicht nach Regen und Nässe, die einem in die Knochen kroch. Da waren ihm der Schnee und die trockene Kälte auf der schwedischen Insel lieber.

 

Den Kragen seiner Lederjacke hochschlagend drehte er sich um und ließ seinen Blick über das Gelände schweifen.

Lysander hatte Glück gehabt, diesen leer stehenden Hof zu finden.

Hier hatte der junge Mann alles, was er brauchte. Ein kleines Wohnhaus, einen Stall und Wiesen für die Pferde und sogar ein alter Silo und ein Windrad befanden sich auf dem Grundstück. Das Gelände war von hohen Steinmauern umgeben, wie sie hier in der Gegend üblich waren. Diese waren sehr massiv, sodass sie nebenbei auch ungebetene Gäste fernhielten.

Des Weiteren standen auf dem Anwesen etliche Bäume, die trotz des Winters herbstliches Laubwerk trugen, welches orange und rot leuchtete. Der junge Mann schmunzelte. Das war die Magie Jorviks … hier war alles etwas anders.

Aber das passte zu ihm, denn auch er war in mancherlei Hinsicht „anders“.

Zu dem weitläufigen Grundstück gehörte sogar ein Stück Privatstrand. Und das Wichtigste: Das Ganze lag abseits von jeglichem Trubel.

In der Nähe gab es zwar ein kleines Örtchen mit fünf Häusern und einem Lebensmittelladen, aber die nächste größere Stadt war Jarlaheim und mit dem Auto war es bis dorthin etwa eine halbe Stunde Fahrt.
Ansonsten gab es nichts weiter in der näheren Umgebung des Hofes, was die Gefahr, dass sich jemand dorthin verirrte, auf ein Minimum reduzierte.

 

Lysanders Blick schweifte weiter und blieb an der Stadtmauer Jarlaheims hängen, die in der Ferne noch gut zu erkennen war. Dort fand ja der alljährliche Weihnachtsmarkt statt und der junge Mann verspürte einen inneren Drang, dort hinzufahren – noch einmal.

Am frühen Nachmittag war Lyander bereits da gewesen, um unter anderem ein paar Besorgungen zu machen, aber das war nicht dasselbe wie Abends.

Bei Dunkelheit hatten diese Plätze einen ganz besonderen Charme, den der junge Mann liebte. Die ganzen Lichter und dazu die verschiedenen Gerüche, machten das Ganze so besonders. Tagsüber fehlte einfach diese Magie. Aber da war noch etwas anderes, das ihn unruhig werden ließ, ihn hinüber zu der mittelalterlichen Stadt zog – er war sich nur nicht sicher, was.

 

Die Sonne versank am Horizont und tauchte alles in ein warmes, orange–lilafarbenes Licht.

Lysander beobachtete das Schauspiel eine Weile, bevor er sich leise seufzend wieder umdrehte. Er strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte: „Louis, ich werde noch mal nach Jarlaheim fahren. Ich muss wissen, ob meine Unruhe dort ihren Ursprung hat und was zum Teufel sie auslöst.“

Der Angesprochene schaute ihn aus grau-blauen Augen an und erwiderte: „Gut! Ich werde mich derweil um die Tiere kümmern und auch alles Weitere.“ Lysander nickte und wandte sich um, um zu gehen.

Louis sah ihm hinterher. Eigentlich war er nur für die Pflege und Versorgung der Pferde vorgesehen, aber er half überall, wo es nötig war. Nicht, dass sein Boss sich zu fein wäre, um etwas selbst zu tun, aber Louis machte das gerne, waren sie doch seit Jahren befreundet.

Aus dieser Freundschaft heraus hatte der Dunkelhaarige angefangen, für Lysander zu arbeiten. Und dieser war froh, die Gesellschaft des jungen Mannes zu haben, auch wenn er es meistens vorzog, alleine zu sein.

 

Der junge Franzose fing die beiden Pferde ein und machte sich mit ihnen auf dem Weg zum Stallgebäude, während sein Freund und Boss in den schwarzen Q5 stieg und den Hof in Richtung Jarlaheim verließ.

 

Mittlerweile war es dunkel und es hatte angefangen zu schneien. Zwar rieselten nur wenige Flocken auf den jungen Mann herab, als dieser sein Auto vor der Stadtmauer parkte und durch das südliche Tor den Ort betrat, aber die Wolken, die schwer und grau am Himmel hingen, verhießen mehr.

Im Gegensatz zum frühen Nachmittag, war der Weihnachtsmarkt jetzt gut besucht und Lysander war es fast schon zu voll. Der junge Mann schob sich durch die Menschen und lief von einem Stand zum anderen. Er schaute sich die dargebotenen Sachen genauestens an, als plötzlich eine Stimme an seine Ohren drang, die ihm bekannt vorkam. Er schloss die Augen und konzentrierte sich einen Moment nur auf diese Stimme, filterte sie aus dem Gewirr der anderen heraus und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er öffnete die Augen wieder und ließ den Blick suchend umherschweifen.

Und dann sah Lysander ihn. Er hatte sich nicht getäuscht. Es war der junge Mann, der am Nachmittag hier am Brunnen mit seinen Pferden auf jemanden gewartet hatte. Neben dem Dunkelhaarigen lief eine Frau mit langen, schwarzen Haaren und auffallend grünen Augen.

Lysander stand regungslos da und beobachtete die beiden, in seinem Magen kribbelte es.

Er hatte sich also nicht getäuscht. Seine Unruhe, die er verspürte, wurde von dem Fremden ausgelöst.

Die beiden kamen langsam auf ihn zu und Lysander zog sich in die Dunkelheit zwischen zwei Marktständen zurück. Er wollte nicht, dass ihn der junge Mann bemerkte.

An einer der beiden Buden blieben er und die Frau stehen und Lysander bekam mit, wie diese sagte: „Ich wollte dir noch mal danken, Riley, dass du mit mir hergefahren bist. Wir sehen uns so selten und es ist toll, mal wieder was mit dir zu unternehmen.“

„Gerne, Schwesterherz. Ich freu mich ja auch, wenn wir mal Zeit füreinander haben.“

Die Unterhaltung der beiden ließ den jungen Mann zwischen den Marktständen schmunzeln. Nun wusste er zumindest den Namen des Fremden und dass die junge Frau an dessen Seite seine Schwester war.

Die beiden verweilten für einen Moment an dem Häuschen und die Schwarzhaarige sah sich die angebotenen Sachen genauer an, während Riley sich an die Wand des Marktstandes lehnte und geduldig wartete.

Lysander bewegte sich lautlos nach vorne, in Ryes Richtung, ohne jedoch den schützenden Schatten zu verlassen und erst wenige Zentimeter vor dem Dunkelhaarigen hielt er inne. So nah, dass er ihn fast berührte. Er schloss die Augen, während er Rileys Geruch in sich aufsog, und ein wohliger Schauer lief durch seinen Körper.

Einen Moment später fragte er sich, was er hier eigentlich machte. War er noch bei klarem Verstand?

Dieser Gedanke jagte durch Lysanders Kopf, aber er schaffte es nicht, sich von dem jungen Mann abzuwenden und einfach zu gehen ...

~~

 

Als sie auf dem Weihnachtsmarkt angekommen waren, war es schon recht düster gewesen. Jetzt war es komplett dunkel und der Platz war nur durch die zahlreichen Lichterketten an den Marktbuden und vereinzelte Fackeln, die hier überall verteilt standen, erleuchtet. Langsam schlenderte Riley mit seiner Schwester über das Gelände und Lily schaute sich jeden Stand in Ruhe an. Sie begutachtete die Sachen, die dort feilgeboten wurden, während der Blick ihres Bruders immer wieder über den Platz schweifte, als suche er nach etwas. Und genau das tat er - er hielt Ausschau nach dem Typ mit den silbernen Haaren, den er eher am Tag hier getroffen hatte.

Auch wenn Riley wusste, dass das schon ein riesengroßer Zufall sein würde, ihn jetzt hier noch einmal zu sehen, so hoffte er doch darauf.

„Sag mal, suchst du was?“ Lily stupste ihn an.

Der Angesprochene senkte den Blick und sah seiner Schwester in die Augen: „Nein, ich schau einfach nur.“

Lily musterte ihn skeptisch. Sie kannte ihren Bruder gut genug und glaubte ihm nicht so recht, dass er „einfach so schaute“, aber sie nahm es erst mal hin. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig und außerdem wollte sie die Zeit hier nicht mit unnötigen Diskussionen verschwenden. Eigentlich ging es sie ja auch nichts an. Riley war schließlich alt genug.

So nickte sie nur, hakte sich bei ihm unter und während sie den Weg über den Markt fortsetzten, bedankte sie sich bei ihrem Bruder dafür, dass er sich die Zeit genommen und mit ihr hergefahren war.

Viel zu lange hatten sie sich nur zu besonderen Anlässen sehen können, weil die Entfernung zwischen ihren Wohnorten einfach zu groß gewesen war. So genoss Lily die Nähe des Jüngeren jetzt umso mehr. Nach einer Weile entdeckte sie einen Stand, der Kerzen und selbstgemalte Bilder verkaufte, und zog Riley hinter sich her. Während Lily sich die Sachen genauestens ansah, lehnte Rye an der Wand des kleinen Häuschen und rief sich das Bild des Fremden wieder vor Augen. Er hatte keine Ahnung, wer er war und wo er wohnte ... wie sollte er ihn finden, wenn nicht durch einen Zufall?

„So, ich hab alles, was ich brauche“, riss die Stimme seiner Schwester ihn aus den Gedanken, „brauchst du was Bestimmtes? Sonst könnten wir was essen, ich hab Hunger.“

„Ich brauch nix“, murmelte der junge Mann, „und ja, essen wär ‘ne Idee.“ Damit stieß er sich von der Wand des Markthäuschens ab und folgte Lily, die zu einem Stand hinüber ging, der Crepês verkaufte.

 

Die rot leuchtenden Augen, die jeder seiner Bewegungen folgten, sah er nicht ...

 


Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media