VIII

Mit einem leisen Knurren zog Lysander sich aus dem Dunkel zwischen den Marktbuden zurück. Er blieb einen Moment stehen und sog die eisige Winterluft tief in seine Lunge ein. Ein Seufzer entfuhr ihm, als er einen letzten Blick in Rileys Richtung warf, dann drehte er sich um und verließ den Marktplatz, verließ die Stadt.

Der Schneefall war stärker geworden und wieder einmal war der junge Mann froh, seinen Geländewagen zu haben, der sicher wie auf Schienen lief, selbst auf den Wegen abseits der Hauptstraße.

Lysander lenkte den Q5 durch das verschneite Gelände und seine Gedanken schweiften immer wieder zurück nach Jarlaheim ... zu Riley. Hätte er sich doch bemerkbar machen sollen? Ihn einfach ansprechen? Er schüttelte den Kopf. Nein, das wäre vermutlich gehörig schief gegangen. Die Nähe Rileys hatte ihm auch so schon genug zugesetzt. Rye war ihm so nah gewesen, dass Lysander dessen Herzschlag hatte hören können. Das Rauschen von Rileys Blut hatte ihn fast wahnsinnig gemacht.

Mit einem ungehaltenen Grollen lenkte er kurze Zeit später den Wagen auf das Gelände seines Hofes. Er stellte das Auto in die kleine Scheune, die unter anderem als Garage diente und machte sich auf den Weg zu seinem Wohnhaus. Als er die Tür aufschloss, schlug ihm eine angenehme Wärme entgegen - Louis hatte während seiner Abwesenheit gut durchgeheizt. Lysander seufzte. Wahrscheinlich lag sein Freund schon längst im Bett und schlief, dabei hätte er gerne noch ein paar Worte mit ihm über den heutigen Abend gewechselt. Nun, dann musste das eben bis morgen warten. Er hängte seine Jacke an die Garderobe im Flur, stellte seine Schuhe darunter und ging schließlich in sein Schlafzimmer im ersten Stock, zog sich um und machte sich dann wieder auf den Weg hinunter, ins Wohnzimmer. Immer noch nachdenklich, betrat er den Raum, setzte sich in den schwarzen Ledersessel direkt am Kamin und starrt einen Augenblick lang in die Flammen, die sich langsam durch die Holzscheite fraßen. Lysander war so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht merkte, wie sich die Tür öffnete und Louis das Zimmer betrat.

Dieser war, nachdem er das Feuer im Kamin angezündet hatte, erst noch mal zum Stall hinüber gegangen, um die Pferde für die Nacht zu versorgen. Als er sich auf den Rückweg machte, sah er, dass das Auto seines Freundes und Chefs auf seinem Platz stand. Louis schloss das Tor der kleinen Scheune und lief dann weiter zum Haus.

Gespannt, was der Ausflug Lysanders ergeben hatte, betrat er den Flur, hängte seine Jacke weg und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer.

„Schon zurück?! Hast du was erreichen können?“, fragte er leise und blieb neben dem Kamin stehen, um sich aufzuwärmen.

Louis beobachtete den jungen Mann, der vor ihm in dem schwarzen Sessel saß und die Flammen niederstarrte.

 

Nach einem kurzen Moment hob Lysander schließlich den Blick und sah sein Gegenüber aus rot schimmernden Augen an. Noch immer hatte er sich nicht ganz beruhigen können und der Herzschlag seines Freundes dröhnte in seinen Ohren. Er versuchte, sich nicht darauf zu konzentrieren, aber das wollte ihm nicht so recht gelingen, was wohl auch daran lag, dass er hungrig war. Sehr hungrig.

Es wäre ein Leichtes gewesen, aufzustehen und sich in der Küche etwas aus dem Kühlschrank zu holen, aber darin gab es nichts, was den Hunger des jungen Mannes im Augenblick hätte stillen können. So saß er da und das Rauschen des Blutes seines Freundes wurde immer unerträglicher in seinen Ohren.

 

Louis erwiderte den Blick und ohne eine Antwort auf seine erste Frage abzuwarten, stellte er die nächste. „So schlimm? Hast du ...?“, doch weiter kam er nicht, denn Lysander stand im Bruchteil einer Sekunde vor ihm und drückte ihn gegen die Wand.

„Frag mich nicht so viel unnötiges Zeug, Louis. Du siehst doch, wie es mir geht und du weißt, was ich jetzt haben muss“, knurrte er seinem Stallburschen ins Ohr.

Dieser nickte zögerlich. Natürlich wusste er, was Lysander jetzt brauchte.

~

Auf dem Weihnachtsmarkt hatten Riley und seine Schwester in aller Ruhe ihre Crêpes gegessen und dabei das Treiben um sich herum beobachtet. Mittlerweile schneite es ziemlich heftig, sodass Lily ihren Bruder ansah und meinte: „Ich glaube, wir sollten uns langsam mal auf den Weg zurück zum Stall machen. Ich werde Johanna wohl um eine Unterkunft für die Nacht bitten müssen, wenn ich mir das so ansehe.“ Sie schaute hinauf in den Abendhimmel, aus dem ohne Unterlass dicke Flocken fielen, die einen dünnen, weißen Teppich auf dem Kopfsteinpflaster bildeten.

Riley nickte: „Ja, ich denke auch, dass das besser wäre. Jetzt noch nach Hause zu fahren ist für dich viel zu riskant. Dann lass uns mal abhauen, damit wir noch heil zum Hof kommen. Besser wird das Wetter wohl nicht mehr werden.“

Sie bezahlten und machten sich auf den Weg zu Lilys Auto, welches sie vor dem westlichen Stadttor geparkt hatte ... in die Stadt durften halt nur Menschen und Pferde. Alles Motorisierte musste draußen bleiben.

 

Etwa eine Viertelstunde später fuhren sie auf den Hof des Jorvik Stalls. Als sie ausstiegen, öffnete sich die Tür des Hauptwohnhauses und Johanna kam zu ihnen herübergelaufen.

„Du wirst bei dem Wetter aber jetzt nicht nach Hause fahren, oder? Ich kann dir das Gästezimmer fertig machen, wenn du magst“, sagte die Stallbesitzerin und sah Lily fragend an.

Diese nickte lächelnd. „Ja, das wäre toll. Ich wollte dich sowieso bitten mal zu schauen, ob du mich irgendwo unterbringen kannst. Nach Hause fahren würde ich sehr ungern.“

„Es wäre einfach zu gefährlich, denke ich“, gab Johanna zurück, „gut, dann mach ich alles für dich fertig. Kommt ihr mit rein? Auf ‘nen Kaffee oder Tee?“

„Später! Ich wollte noch etwas mit Riley besprechen und das würde ich gerne mit ihm alleine tun. Wenn das für dich okay ist. Ich würde dann danach rüberkommen. Wir beide haben uns ja auch schon ewig nicht mehr richtig unterhalten. Das Wetter hat auch was Gutes“, grinste Lily und hakte sich bei ihrem Bruder unter. Ryes Chefin nickte und machte sich mit einem „Dann bis später“ auf den Rückweg zum Haus.

„Was ...“, begann Riley, aber seine Schwester winkte ab.

„Nicht hier draußen. Lass uns ins Warme gehen“, damit stapften sie durch den Schnee zu dem kleinen Häuschen an anderen Ende des Geländes.

 

Zum Glück hatte Eric zwischendurch nach dem Kaminofen geschaut und so war die Unterkunft nicht so kalt, wie Rye befürchtet hatte. Trotzdem versorgte er den Ofen erst einmal mit Holz und Briketts. Dann ging er in die Küchenecke und kochte Tee für seine Schwester und sich. Anschließend setzte er sich zu ihr an den Tisch und sah sie fragend an. „Nun?“

An ihrem Tee nippend, erwiderte Lily den Blick. „Ich wohne ja seit einem halben Jahr im Westkap, bei meinem Freund Chris. Und nein, wir sind kein Paar, wir wohnen nur in Wohngemeinschaft. Jetzt ist das Haus, in dem ich vorher gelebt habe, oberhalb der Sunfield Farm, unbewohnt. Da es mein Eigentum ist und ich es nicht leer stehen lassen möchte, dachte ich, dass du dort einziehen könntest ... vielleicht mit Eric, wenn er mag. Diese Unterkunft hier ist ja auf Dauer keine Lösung. Du kannst ihm das ja mal sagen und ihr könnt euch das in Ruhe überlegen, aber ich denke, das wäre allemal besser als hier.“

„Also ich find die Idee genial. Ich denke auch, dass das hier nur ne Übergangslösung sein kann. Wir könnten rüber in Erics Werkstatt gehen, dann kannst du es ihm selbst vorschlagen“, erwiderte der Jüngere, aber Lily schüttelte den Kopf: „Überleg du dir erst mal in Ruhe, ob du es willst, dann rede mit Eric und dann sehen wir weiter. Ich will nicht, dass ihr das übers Knie brecht.

Einen Zweitschlüssel hab ich euch mitgebracht. Ihr könntet es euch also anschauen, wann immer ihr wollt. Nur denk dran: Es gibt keinen Strom. Ihr solltet es also tagsüber einplanen.“

Riley nahm den Schlüssel von seiner Schwester entgegen und bedankte sich.

 

Nachdem sie ihren Tee getrunken und noch etwas Smalltalk gehalten hatten, wobei Rye ganz nebenbei erfuhr, dass seine Schwester und Johanna sich schon einige Zeit kannten, erhob sich Lily und machte sich auf den Weg über den verschneiten Hof zum Haus der Stall Chefin.

Riley nahm den Laptop und checkte seine E-Mails. Zum zweiten Mal in dieser Woche stolperte er dabei über eine Nachricht von Jeremy. „Was zum ...“, knurrte Rye, während er diese las. Er hatte Jer doch eine klare Absage erteilt, warum fragte dieser schon wieder nach einem Treffen? Was zum Teufel tat er überhaupt auf Jorvik? Dann fiel Riley ein, dass Jeremy einen Onkel auf der Insel hatte, das hatte er mal irgendwann erwähnt. Seufzend tippte Rye eine Antwort. Er hatte zwar überhaupt keine Lust sich mit dem Älteren zu treffen, aber er wusste aus Erfahrung, dass dieser nicht locker lassen würde.

 

Ich sehe zwar keinen Grund für ein Treffen mit dir und verstehe auch nicht den Sinn dahinter, aber da ich weiß, dass du keine Ruhe geben wirst, schlage ich dir folgendes vor: Wir treffen uns am Dienstag gegen 14 Uhr auf dem Weihnachtsmarkt in Jarlaheim ... am Brunnen.

 

Riley schickte die Nachricht ab und klappte den Laptop dann wieder zu, um ihn erst einmal zu laden. Die Antwort auf seine Mail würde er noch früh genug zu Gesicht bekommen. Ihm graute vor einem Wiedersehen mit seinem ehemaligen Kumpel. Zuviel war zwischen ihnen vorgefallen, was Riley dem anderen nicht verzeihen konnte. Unter anderem hatte Jeremy Tyler verführt und es so beinahe geschafft, ihn und Rye auseinander zu bringen. Seufzend stand der Dunkelhaarige auf und verschwand im Badezimmer. Er war müde und zu tun gab es auch nichts mehr, also konnte er sich genauso gut bettfertig machen und schlafen gehen. Außerdem schmerzte sein Rücken wieder ... der Tag war wohl doch zu anstrengend gewesen.

Als er circa dreißig Minuten später auf seinem Bett lag, ließ er die letzten Stunden noch einmal Revue passieren. Es war schön gewesen, mal wieder etwas mit Lily zu unternehmen, aber auch der Ausritt mit Eric hatte Spaß gemacht und dann war da noch ... ein Lächeln huschte über das Gesicht des jungen Mannes, als das Bild des Fremden vor ihm auftauchte, den er am Brunnen von Jarla getroffen hatte. Riley hatte gehofft, ihn vielleicht noch mal zu sehen, als er mit Lily dort umher spazierte, aber das wäre doch ein zu großer Zufall gewesen. Nun, vielleicht würde sich die nächsten Tage ja etwas ergeben, bis Weihnachten war es noch eine Weile und so lange war der Markt ja an Ort und Stelle. Vielleicht würde der Fremde sich ja dort noch einmal blicken lassen. Ansonsten konnte Riley auch mal bei seiner Chefin nachfragen, denn einem Mann mit so auffälliger Haar - und Augenfarbe begegnete man schließlich nicht so oft. Eventuell hatte Rye Glück und Johanna wusste, wer der Fremde war. Mit diesem Gedanken zog der Dunkelhaarige die Bettdecke über sich und schloss die Augen.

~

 

Ein paar Kilometer entfernt stand Louis mit dem Rücken an der Wand und sah in Lysanders dunkelrote Augen. Er hörte die geknurrten Worte seines Freundes und wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis dieser sich nicht mehr beherrschen konnte.

Diese Spielchen kannte Louis schon seit Ewigkeiten und normalerweise war es auch kein Problem, seinem Freund einen halben Liter Blut zu spenden - damit wurde immerhin verhindert, dass irgendjemand fremdes Lysander zum Opfer fiel. Aber irgendetwas war anders an diesem Abend. Der Vampir war in einem Maße erregt, das Louis selten bei ihm erlebt hatte. Lysander zitterte und als er sich an seinen Freund drängte, spürte dieser wie extrem diese Erregung war. Das würde eine lange Nacht werden, fuhr es Louis durch den Kopf und er seufzte leise. Energisch schob er den Vampir von sich weg: „Nicht hier! Lass uns wenigstens nach oben gehen.“ Als Antwort erhielt er nur ein unwilliges Knurren, aber Lysander fügte sich schließlich und folgte seinem Freund die Treppe hinauf.

Kaum, dass die Schlafzimmertüre hinter ihnen ins Schloss gefallen war, fand sich Louis nackt auf dem breiten Bett wieder.

Lysander hatte ihm und sich selbst in Bruchteilen von Sekunden die Klamotten vom Leib gerissen und diese achtlos auf den Boden geworfen. Anschließend hatte der Vampir Louis rückwärts auf die Matratze gedrängt, wo dieser nun lag und den Unsterblichen nicht aus den Augen ließ, als der sich ihm nun langsam näherte, zu ihm ins Bett stieg.

Louis schloss die Augen, als Lysander anfing seinen Körper mit Küssen zu bedecken und als der Vampir das erste Mal zubiss, stöhnte der Dunkelhaarige leise. Allerdings nicht vor Schmerz, denn Lysander ging mit seinem Freund sehr sanft um ...

Dass dies hier nur Spielerei für den Älteren war, wusste Louis sehr wohl, aber ihm war auch klar, was noch kommen würde. So hielt er die Augen geschlossen und genoss die Berührungen des anderen, solange das möglich war.

 

Am Hals des jungen Mannes beginnend, arbeitete Lysander sich langsam immer weiter nach unten, wobei er überall kleine Bissmale hinterließ und überall ein wenig Blut leckte. Dass sein Opfer sich unter ihm wand, erregte ihn noch mehr als er ohnehin schon war.

Als der Vampir an der Haut in Louis’ Leistengegend zu saugen begann, keuchte dieser und drängte sich ihm entgegen. Für einen Moment verweilte Lysander dort, saugte, knabberte und brachte den Jüngeren damit fast an den Rand des Wahnsinns.

Schließlich aber zeigte der Ältere Gnade, schob sich langsam über Louis und als er vom Körper seines Freundes Besitz ergriff, stöhnte dieser auf.

Ein Lächeln umspielte die Lippen des Vampirs, als er kurz darauf die Zähne in den Hals seines Opfers schlug, sich nun das holte, um was es ihm eigentlich ging und was er so dringend brauchte: Louis Blut.

 

 

 

 

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