Freundschaft und Liebe

Es war einige Zeit vergangen. Krul saß in einer kleinen Zelle und wusste nicht mal genau, wo sie war. Ihr Durst nach Blut war ungestillt und sie fühlte sich, als würde sie bald wahnsinnig werden. Nach dem Vorfall mit Mikas Bruder wusste jeder Vampir, dass sie nicht alle Seraphs wie versprochen vernichtet hatte. Doch da hatte sie sich noch mit einer Ausrede retten können. Nicht jedoch, als es bei ihrer nächsten Schlacht erneut geschah und der Seraph beinahe Amok gelaufen wäre. Ferid, ihr eigentlich Untergebener, hatte sie gebissen und ihr damit ihre Kraft geraubt. Sie wurde zehn Tage lang dem Licht der Sonne ausgesetzt und so bis an die Grenze ihrer Kräfte gefoltert, was sie nur überleben konnte, da sie eine Ahnin war. Normale Vampire wären dabei elendig zu Grunde gegangen. Danach hatte man sie wegen Hochverrates ins Verließ geworfen, all ihrer Macht und ihres Status beraubt. Ihr einziger Trost war, dass Mika mit seinem Bruder und dessen Freunden fliehen konnte. "Ich werde sie in Sicherheit bringen", erinnerte sie sich an Omnix Worte. "Und wenn die Zeit reif ist, werde ich sie zu dir zurückbringen, weil sie zu dir gehören." Heute war der Tag, an dem sie sich vor dem Rat der höchsten Ahnen verantworten musste. Sie konnte nichts tun, als man sie vor eben diesen zerrte. "Krul Tepes! Ist dir klar, warum du heute hier bist?", fragte einer der Vampire. Sie antwortete nicht. "Ich lese vor: Hochverrat, da die deutliche Anweisung, alle Seraphs zu vernichten, nicht befolgt wurde, ebenso wie die Tatsache, dass die Angeklagte ganz eindeutig die verbotene Magie der Seraphs studiert hat. Ein Tabu, welches wir Vampire schon vor Jahrtausenden aufgestellt haben", fuhr der Vampir fort. Krul sagte immer noch kein Wort. "Aufgestellt von eben jenem, der uns alle erschuf, der erste Ahne, der verschwunden ist, vor langer Zeit. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Krul Tepes?" Krul sagte nichts. Sie wusste, dass sie gegen das älteste Gesetz der Vampire verstoßen hatte. "Da die Angeklagte offenbar nichts zu sagen hat, erkläre ich diese Sitzung hiermit für…", begann der Vampir, doch da wurden die Türen von dem Saal aufgestoßen und unterbrachen den Vorsitzenden des Rates damit. Krul drehte sich nicht um, sie spürte nur, wie jemand hinter ihr stand. "Dann werde ich für sie sprechen", sprach der Hereingekommene und Kruls Augen wurden groß, als sie den unverwechselbaren Klang von Omnix‘ Stimme erkannte. "John?", flüsterte sie schwach und er legte seine Hand auf ihre Schulter, gegen die sie ihren Kopf lehnte. "Was fällt Euch ein, einfach diese Sitzung zu stören?", fragte einer der Vampire erbost. "Ich bin Kruls offizieller Verteidiger", antwortete Omnix und holte ein Stück Pergament hervor. "Bitte verzeiht also vielmals die Verspätung." Der Vampir sah den Reinkarnitor wütend an, doch Omnix erwiderte den Blick standhaft. "Wollt ihr mich etwa angreifen und damit gegen eben jene Gesetze verstoßen, die ihr hier angeblich so sehr vertretet?", fragte das sternenübersäte Wesen mit Nachdruck. "Ihr wagt es..." "Das reicht! Er hat recht! Zügle dich und setz dich gefälligst wieder hin, während wir uns beraten!", befahl der Vorsitzende und der Vampir sank wieder auf seinen Stuhl zurück. "Ihr habt Glück, dass wir hier in einer Sitzung ist, sonst würde ich Euch für diese Beleidigung töten", knurrte er. "Versucht es. Ihr wärt tot bevor ihr aufgestanden wärt", erwiderte Omnix und die anderen Ratsmitglieder wisperten mit ihren Kollegen und berieten sich. Ihnen war klar, dass der Reinkarnitor mit einem einzigen Fingerschnipsen alle Ahnen im Saal gleichzeitig auslöschen könnte. "Du bist zu mir zurückgekommen", flüsterte Krul leise, während sich der Rat beriet und Omnix kniete sich neben sie hin, um ihr ins Gesicht sehen zu können. "Ich habe es dir schon einmal gesagt: Sollte dir jemals etwas zustoßen, dann würde ich mir niemals vergeben", antwortete er leise. "Halte durch Krul." Seine Worte hallten in ihrem Kopf wider, so benommen war sie von ihrem Hunger. Sie erkannte nur verschwommen, wie ihr Freund wieder aufstand und sich dem Rat zuwandte, als sie ihre Entscheidung verkündeten. "Nun gut. Es sei Euch gestattet, die Angeklagte zu verteidigen", sprach der Vorsitzende und Omnix nickte dankbar. "Krul Tepes hier hat gegen ein Tabu verstoßen, gegen die älteste Regel, die je aufgestellt wurde", begann er. "Und doch ist das kein Grund, sie zu wegzusperren oder weiter zu foltern. Wohin brachte euch diese Regel denn schon? Während ihr euch daran hieltet und die verbotene Magie nicht näher erforscht habt, hat die Menschen nichts davon abgehalten. Diese Regel hat bewirkt, dass die Seraphs überhaupt existieren, weil die Menschen sie, dank ihren Forschungen, in die Kinder pflanzen konnten. Krul Tepes tat das, was für sie richtig erachtete. Sie wollte die Vampire darauf vorbereiten, was kommen würde. Sie wollte, dass ihr nicht untergeht. Die Menschen besitzen Seraphs und wissen sie zu kontrollieren, doch ihr habt nichts dagegen vorzuweisen. Wenn Krul nicht getan hätte, was sie tat, dann wärt ihr nun alle tot", schloss der Reinkarnitor. Ein Raunen ging durch den Saal, als sich die Ahnen berieten. "Eurer Meinung nach ist unsere heiligste Regel, die der Älteste von uns allen aufgestellt hat, nichts weiter als Müll", meinte der Vorsitzende. "Wenn ihr euch nach den Ältesten richten würdet, dann käme ich noch weit vor dem ersten Ahnen", antwortete Omnix düster. "Ich stelle euch nun vor die Wahl. Bestraft ihr diese Vampirin hier, die nur ihrem Volk dienen wollte und die nichts anderes im Sinn hatte, als den Vorsprung, den die Menschen hatten, zu verringern? Oder werdet ihr ihr vergeben, diese Regel endlich hinter euch lassen, aufhören an der Vergangenheit festzuhalten und ihr ihren rechtmäßigen Platz wiedergeben?", fragte das sternenübersäte Wesen. "Entscheidet euch!"
Einige Stunden später ging Krul mit Omnix gemeinsam durch das große Tor in den Thronsaal ihres Palastes. Das Mädchen hatte mehrere dutzend Reagenzgläser auf einmal ausgetrunken, so durstig war sie von ihrem langen Fasten in der Zelle. "Ich kann nicht glauben, dass ich wirklich wieder hier bin", flüsterte sie, als sie vor dem Thron stand. Sie drehte sich zu Omnix um, der die Arme hinter dem Rücken verschränkt hatte und sie aufmerksam ansah. "Warum? Warum hast du mir geholfen?", fragte sie ihn leise. "Du weißt ganz genau, dass ich die Seraphs nicht aus einem höheren Grund für mein Volk gerettet habe, sondern, damit ich meinen Bruder wiederfinde. Und du selbst warst sauer, als du von den überlebenden Seraphs erfahren hast." Omnix nickte. "Und ich bin es immer noch. Aber trotzdem ist es falsch, dich dafür auf ewig wegzusperren, oder gar der Sonnenfolter auszusetzen", antwortete er ihr. Krul war zwar nicht ganz zufrieden mit der Antwort, sagte aber nichts. "Unser nächstes Ziel ist es, Yuu und Mika zu finden", fuhr Omnix fort. "Sie haben inzwischen schon viele neue Bekanntschaften gemacht und sogar versucht dich zu retten. Als ich sie verlassen habe, um dir zu helfen, war Yuus Dämonenklinge aber schon sehr stark und inzwischen hat sich ihre Macht so sehr vergrößert, dass sie es mir unmöglich macht, ihn zu orten. Ich werde wohl auf altbekannte Art und Weise den Spuren nachgehen müssen." Er wollte gehen, da nahm Krul seine Hand. "Warte", flüsterte sie. "Ich…ich möchte die Wahrheit wissen. Warum sorgst du dich so um mich? Warum ausgerechnet ich?" Omnix sah sie traurig an. Es vergingen mehrere Minuten, in denen sie seine Hand nicht losließ und beide kein Wort sagten. Schließlich brach der Reinkarnitor die Stille. "Vor langer Zeit habe ich jemanden gekannt. Ich konnte sie nicht beschützen und verlor sie. Das habe ich mir nie vergeben", erzählte er ihr und sie sah ihn mit großen Augen an. "Du erinnerst mich an sie. Sie war genauso stur und uneinsichtig. Aber sie war auch genauso gütig, unendlich treu und schön wie du." Krul wurde rot. "John ich…", begann sie, doch er hob seine Hand und brachte sie zum Verstummen. "Ich weiß Krul. Und es tut mir leid, aber das zwischen uns kann niemals mehr als Freundschaft sein", flüsterte er. "Du bist mir sehr wichtig Krul. Aber nicht auf die Art, wie ich dir wichtig bin." Das Vampirmädchen sah ihn mit Tränen in den Augen an. "Wie…wie kannst du so etwas nur sagen?", rief sie sauer. "Nach all den Jahrhunderten, die wir gemeinsam verbracht haben, willst du mir wirklich sagen, dass du nichts fühlst in deinem schwarzen Loch von einem Herz?" "Ich sagte nie, dass ich nichts fühle. Aber es ist unmöglich", antwortete er ihr ruhig. "Warum ist es unmöglich? Weil du für immer alleine sein willst? Weil du für immer traurig sein willst?", fragte Krul sauer. "Du und ich, das würde nicht funktionieren. Früher oder später wird einer von uns sterben", meinte Omnix. "Ich bin ein Vampir…", begann sie, wurde jedoch von ihm unterbrochen: "Das heißt aber nicht, dass du unsterblich bist! Du hast unglaubliche Regeneration und kannst sogar ganze Körperteile wieder zusammenfügen, aber du bist nicht unsterblich! Und wenn du es nicht bist, dann werde ich es sein, der irgendwann stirbt!" Irgendwann während seines Ausbruches hatte er sie bei den Armen gepackt, um sie ihm gegenüber zu bringen. "Jeder stirbt irgendwann mal. Du hast meine Frage nicht beantwortet. Warum ist es nicht möglich?", fragte Krul nochmal. Omnix Auge funkelte, doch diesmal war es anders. Es war nicht das aufgeregte Funkeln, oder das Belustigte. Auch nicht das Zornige oder das Traurige. "Du hast Angst", flüsterte sie. Der Reinkarnitor sah sie kurz an, als würde er sich seine Antwort gut überlegen, dann ließ er sie los. "Ja, ich habe Angst. Ich habe Angst davor, dich zu verlieren. Ich habe Angst davor, dass du mich verlierst und so fühlen musst, wie ich es tue." Das Mädchen sah ihn fassungslos an. "Ich kann nicht noch jemanden verlieren, der mir so nahe steht", meinte er. "Du hast sie also geliebt. Darum willst du so etwas nicht nochmal beginnen", meinte Krul plötzlich, als sie erkannte, was der Reinkarnitor sagen wollte. "Du behauptest zwar, dass du ihr Andenken Ehren willst, aber in Wahrheit ist es nichts weiter, als dein eigener Egoismus." Ihr Gegenüber sagte nichts, also fuhr Krul fort: "Es gehört zum Leben dazu, manchmal etwas zu verlieren. Man muss nur lernen, die schönen Momente mehr auszukosten. Und wenn du traurig bist, dann ist das nur ein Beweis dafür, dass es wirklich schön war und dafür, dass du immer noch ein Mensch bist." "Du erzählst mir etwas von Menschen?", fragte er plötzlich und sie zuckte mit den Schultern. "Ich war auch mal ein Mensch, weißt du? Vor langer, langer Zeit." Er nickte langsam, dann beugte er sich plötzlich näher an sie heran, bis sein Kopf ihren berührte. Die Stelle, an der sein Mund gewesen wäre, lag auf ihrem und eine angenehme Wärme durchströmte Kruls Körper. Als sie sich wieder trennten sah sie ihn verwirrt, aber auch verträumt an. "Dann werde ich mich an diesen Moment erinnern", meinte der Reinkarnitor und sie schmunzelte. Er war nichts weiter als ein Kind. Egal, wie alt er war, egal wie viele Leben er schon gelebt hatte, er war auf diesem Gebiet noch so unbeholfen, als wäre es sein erstes Mal. Es war, als wäre dieser Teil seiner Menschlichkeit für immer verloren gegangen. "Aber trotzdem solltest du bei deinesgleichen bleiben", riss ihn seine Stimme aus ihren Gedanken. "Was ist mit Mika?" Krul wurde hochrot. "W-was soll mit ihm sein? Nichts ist mit ihm! Er ist meine Leibwache! Nichts weiter! Ich habe ihn nur gerettet, weil er auch ein Seraph ist!", sprudelte es aus ihr heraus. "Das mag so gewesen sein. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Deine Reaktion gerade beweist mir, dass du mich nur so gesehen hast, weil du von deinen wahren Gefühlen, die du für Mika empfindest, weglaufen wolltest, weil du Angst davor hast." Woher wusste er das? War er etwa doch nicht so unbeholfen, wie sie dachte? Krul wollte etwas erwidern, doch der Reinkarnitor war bereits auf dem Weg zur Tür. "Ich muss nun gehen", meinte er. "Lebe wohl Krul." "Lebe wohl?“, wiederholte sie. "Meinst du nicht eher, bis zum nächsten Mal?" "Ich dachte, dass es besser wäre, wenn wir uns nicht mehr sehen würden. Ich…ich möchte dich nicht verletzen", antwortete er und ihre roten Augen leuchteten auf, als sie ihn sauer anblickte. "John!", rief sie wütend und das sternenübersäte Wesen zuckte zusammen. "Du wirst wiederkommen! Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne dich weiterzumachen. Du hast mich wieder dazu gebracht, zu fühlen. Vielleicht…vielleicht habe ich ja auch schon immer gewusst, dass es nicht möglich ist, vielleicht habe ich mir etwas vorgespielt. Vielleicht hast du recht, was Mika betrifft. Aber ich will dich trotzdem nicht verlieren. Du bist mein bester Freund. Also wirst du gefälligst wiederkommen!" Omnix Auge leuchtete auf, als würde er lächeln. "Gut. Ich verspreche, zu dir zurückzukommen. Und wenn ich das tue, werde ich Mika gefunden haben. Im Gegenzug erwarte ich, dass du ihm dann deine wahren Gefühle offenbarst", meinte er und sie nickte eifrig. "Gut, dann ich verspreche es dir, also beeil dich", antwortete sie. "Das werde ich Fledermäuschen. Du hast mein Wort." Mit diesen Worten war er verschwunden und nur das warme Gefühl von ihrer Berührung bewies, dass er überhaupt dagewesen war.

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