Kapitel 11

Blutrote Augen starrten mir hungrig entgegen. Erschrocken trat ich einen Schritt zurück und prallte auf einen Körper. Das Tier setzte zum Sprung an. Blitzschnell ließ Tristan die Tür wieder in das Schloss fallen und band flink ein Zentimeter dickes Tau um die Türklinken.

Ein lautes Krachen ertönte als der Körper des Tieres gegen die Tür krachte. Ein verärgertes Jaulen ertönte jenseits der Tür. Scharfe Krallen kratzten über das dicke Holz. Ein kalter Schauer kroch mir über den Rücken.

„Höllenhunde werden sie genannt. Lucifers Haustiere haben die gefallenen Engel nach Westen getrieben, damit sie seiner Armee beitreten. Hässliche Viecher,“ erklärte Tristan schulterzuckend. Mit einem sorgenvollen Blick wandte er sich schließlich an mich. „Alles in Ordnung Raven? Du siehst ein wenig blass um die Nase aus.“

Ich bemerkte erst jetzt das ich zitterte wie Espenlaub. Schwerfällig bemühte ich es zu verbergen. „K..klar. A..alles in Ordnung,“ brachte ich stotternd hervor und quälte mich zu einem Lächeln was wohl eher einer Grimasse ähnelte. Meine Begleiter wirkten wenig überzeugt, bohrten aber gnädiger Weise nicht nach. Ich habe ja bloß dem Tod ins Auge geschaut! Meldete sich eine gehässige Stimme in mir. Was soll also dabei sein?  

„Wie kommen wir an den Viechern vorbei?“ erklang die Stimme von Magnus direkt hinter mir. Verlegen versteifte ich mich und versuchte unbemerkt einen Schritt von ihm weg zu gehen. Ich hatte gar nicht bemerkt das ich schon wieder auf in geprallt war.

„Sie werden träge und faul sobald sie etwas gefressen haben,“ klärte uns Tristan auf wobei sein Blick immer wieder zwischen Magnus und mir wanderte. Eifersucht lag darin.

„Sag mir bitte das diese Viecher Karotten fressen,“ jammerte Andrew.

„Da muss ich dich enttäuschen: Sie fressen nur Fleisch. Ob roh oder gebraten ist ihnen egal.“ Seufzte Tristan und gab uns mit einem wink seiner Hand zu verstehen das wir ihm folgen sollten. „Das heißt wir müssen zur Metzgerei.“

„Klar. Diese Kreaturen haben natürlich einen eigenen Metzger im Haus, wer versorgt sie sonst mit Delikatessen?“ witzelte Taylor leise. Schnell folgten wir Tristan zwei schäbige Gänge entlang bis wir vor einer weißen Schwingtür mit Fenstern standen.

„Das ist eine Küche,“ stellte Taylor nüchtern fest. Tristan überging den Kommentar und trat zielstrebig durch die Schwingtür und verschwand.

„Eine sehr schmutzige Küche, wen ich das anmerken darf. Der Koch hat es wohl nicht so mit Hygiene,“ Taylor verzog angewidert das Gesicht.

„Jetzt geh schon endlich rein, Tay. Auf was wartest du denn noch? Auf eine schriftliche Einladung?“ maulte Magnus hinter mir und funkelte Taylor wütend an. Maulend trat Taylor schließlich durch die Schwingtür. Es war wirklich eine Küche, oder besser gesagt es war mal eine gewesen. Auf den Arbeitsplatten aus Edelstahl lag fingerdicker Staub. In der Spüle türmte sich das schmutzige Geschirr. Der Geruch nach verfaultem Essen drang an meine Nase und ließ mich würgen.

„Tristan!“ rief Magnus während wir angestrengt versuchten nicht zu atmen. „Verdammt wo steckst du schon wieder?“

Eine schwere Tür öffnete sich und eisige Kälte schwappte durch den Raum und ließ mich erzittern. Der Geruch von Blut drang an meine Nase. Vor uns stand der Gesuchte. In der Hand hielt er ein Beil.

„Was hast du vor?“ wollte Magnus wissen und blickte neugierig über die Schulter seines alten Freundes. Ich folgte seinem Blick. Tristan stand in der Tür eines Kühlraumes. Im inneren des Raumes standen Kisten und Flaschen auf Regale und dazwischen hingen von der Decke…

„Tierkadaver?“ stellte ich fassungslos fest als ich es erkannte. Etwa zehn tiefgefrorene und geöffnete Kadaver hingen in dem rechteckigen Raum.

„Es sind Schweine, Raven, und keine Sorge: Nicht ich habe sie umgebracht. Sie hingen schon hier und werden heute ihren Nutzen erfüllen,“ erläuterte Tristan uns seinen Plan.

„Die sind tiefgefroren. Wie sollen sie uns da nützen?“ verwirrt starrte Magnus auf die toten Körper der Tiere. Frostkristalle glänzten auf ihrer Oberfläche.

„Wir braten sie.“ Tristan grinste von einem Ohr zu nächsten.

Verwirrt starrten wir auf unseren Gefährten. Hatte er jetzt vollkommen den Verstand verloren?

„Hast du den Verstand verloren?“ sprach schließlich Magnus meine Gedanken laut aus.

„Ach, jetzt komm schon Mag. Wann hat ein Plan von mir je nicht funktioniert?“

„Lass mich nachdenken… Ach da war doch was! Wie wäre es mit dem dämlichen Plan vor zwei Jahren, als du hier gelandet bist?“ schnauzte Magnus ihn sofort an.

„Jetzt fängt das schon wieder an,“ murmelte Taylor neben mir und verdrehte genervt die Augen.

„Hört auf zu streiten. Wir können uns seinen Plan ja mal anhören,“ mischte sich Andrew ein.

„Habt ihr mal auf die Uhr geschaut? Wir haben bis jetzt eine Stunde mit diesem Schwachsinn vertrödelt. Das heißt uns bleiben nur noch zwei Stunden oder wir sitzen hier mit Luzifers Schoßhunden fest! Für immer,“ warnte uns Magnus.

„Wenn wir ihm nicht zuhören sind wir der Imbiss dieser Viecher. Also hör auf hier rum zu schreien und lass Tristan aussprechen,“ stellte ich ruhig und bestimmt fest.

Magnus Augen glitzerten angriffslustig doch er widersprach mir nicht. Mit einem kurzen Nicken bat er Tristan mit seiner Erklärung fortzufahren.

„Vielen Dank, Raven. Nun, wie ich schon sagte fressen diese Viecher gerne Fleisch. Hier in diesem Kühlraum haben wir tiefgefrorene Schweine die die Bewohner bei ihrer übereilten Abreise zurückgelassen haben. Tiefgefroren fressen sie die Viecher nicht. Also müssen wir sie braten,“ begann er seine Erklärung.

„Und wie um der Erzengels Namen sollen wir sie braten? Willst du ein Barbecue veranstalten? Oder ein Grillfest?“ murrte Magnus.

Auf Tristans Gesicht erschien ein breites Grinsen. „So ungefähr.“

„Was heißt hier so ungefähr? Hast du einen übergroßen Grill mitgebracht?“ wollte Taylor wissen.

„Nun ja, nein und wir werden hier auf die Schnelle auch  keinen geeignet großen Grill finden. Also müssen wir uns was anderes einfallen lassen, aber ich habe schon eine Idee mit der wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“

„Was hast du geplant, Tristan?“ erkundigte sich Magnus langsam.

„Ein Lagerfeuer.“

„Was?“ entfuhr es Taylor.

„Diese Viecher sind wie Hühner. Sie sehen erstens nicht gut und spüren Hitze und Kälte nicht so schnell, haben aber einen guten Geruchssinn, wenn es um Fleisch und Blut geht. So ist es die Sicherste Art sie zu töten: Wir verbrennen sie.“

„In dem wir ein Lagerfeuer machen und warten das sie von allein hineinspringen?“ fragte Andrew ungläubig.

„Wir machen einen Haufen aus den Möbeln in diesem Haus in der Eingangshalle. Oben auf dem Haufen platzieren wir die Schweinekadaver. Dann öffnen wir die Tür und sobald die Hunde das Fleisch riechen werden sie kommen,“ erläuterte Tristan seinen Plan.

„Und dann?“ wollte Taylor wissen.

„Dann setzen wir das Ganze in Brand,“ schloss Magnus die Erklärung.

Tristan nickte. „Genau.“

„Der Plan hört sich vollkommen verrückt an. Da kann einiges schiefgehen,“ Murmelte Andrew sorgenvoll.

„Er ist vollkommen hirnriesig, aber einen anderen Plan haben wir nicht,“ stellte Taylor fest.

„Wir müssen es probieren. Eine andere Wahl haben wir nicht,“ knurrte Magnus.

„Dann lasst uns anfangen. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit,“ schloss ich die Diskussion.

Tristan nickte. „Gut. Dann beginnen wir. Hoffentlich ist das Glück auf unserer Seite.“

„Das hoffe ich auch,“ pflichtete ich ihn sorgenvoll bei den ich hatte das unangenehme Gefühl das dieser Plan nicht gut enden wird. Ich schüttelte es ab und hoffte mich zu irren.

Schnell machten wir uns auf die Suche nach Möbel die wir verbrennen konnten und trugen sie in der Eingangshalle zu einem großen Haufen zusammen.

„Ich glaube jetzt haben wir genug,“ stellte Tristan nach einer halben Stunde, mit einem zufriedenen Blick auf den drei Meter hohen Haufen fest. An mir nagte immer noch das unangenehme Gefühl.

„Dann fehlen nur noch die Schweine,“ erinnerte uns Taylor und durchbrach damit mein Grübeln.

„Und das Feuer,“ fügte ich nachdenklich hinzu.

„Das Feuer kommt ganz zum Schluss wenn die Höllenhunde auf dem Haufen sind. Zuvor brauchen wir noch Benzin damit alles schnell brennt. Raven und ich machen uns auf die Suche, ihr holt inzwischen die Schweine,“ erklärte Tristan mit einem Blick auf mich.

Widerwillig machten sich die anderen drei auf den Weg zur Küche während ich nervös Tristan durch den schlecht beleuchteten Flur folgte. Angestrengt versuchte ich mit ihm Schritt zu halten während wir durch ein Labyrinth von Gängen und Treppen liefen.

„Glaubst du wir finden hier Benzin?“ fragte ich ihn schließlich, um die unangenehme Stille zwischen uns zu durchbrechen.

„Wenn ich nicht wüsste das wir hier Benzin finden würden, hätte ich es nicht vorgeschlagen,“ lachte er ohne sich umzudrehen. „Ich kenne dieses Haus so gut wie meine Westentasche.“ Stille umfing uns wieder als ich nicht darauf antwortete. Er hielt konsequent sein Tempo während ich hinter ihm her hechtete.

„Warum hast du mich ausgewählt?“ brach es aus mir hervor als ich die Stille nicht mir aushielt.

Doch Tristan murmelte nur vor sich her und ging zielstrebig weiter ohne mich zu beachten. Das Gefühl das er uns etwas verschwieg machte sich wieder in mir breit. Das ist deine Chance ihn zur Rede zu stellen! Ergreif sie! Schrie eine Stimme in mir. Ich entschied mich dafür ihn zur Rede zu stellen da in mir mit der Zeit die Erkenntnis wuchs das ich aus diesem Labyrinth von Haus ohne seine Hilfe nicht mehr rausfand. Schande über mich. Mit allem Mut und Kraft die ich aufbringen konnte packte ich seinen Arm und zog in zu mir. Verwirrt drehte sich Tristan zu mir.

„Was ist?“

„Hör mir gefälligst zu wen ich mit dir rede,“ fuhr ich ihn verärgert an.

„Ich habe dir doch zugehört,“ rechtfertigte er sich stirnrunzelnd.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet,“ fuhr ich fort ohne seine Einwände zu beachten.

Nervös strich Tristan mit seiner Hand durch seine Haare.

„Da gibt’s nichts zu sagen, Raven. Ich dachte mir nur das dein Magen den Gestank der Schweine vielleicht nicht vertragen könnte,“ erklärte er mir mit gesenktem Blick und räusperte sich.

Meine Finger umklammerten immer noch seinen Arm. Eine Zeit lang ließ ich seine Erklärung auf mich wirken. Sie klang plausibel, ohne Frage. Doch es war nicht die Wahrheit, dessen war ich mir sicher. Seufzend ließ ich seinen Arm los. Erlöst atmete Tristan durch.

„Ich glaube dir nicht.“

„Warum?“ perplex sah er mich an.

„Ich weiß nicht aus welchem Grund du mich mit hier runter geschleppt hast, aber es war nicht aus diesem Grund. Aber mich ärgert es, dass du scheinbar etwas vor uns verheimlichst. Sag mir also, warum hast du mich gewählt, Tristan?“

Tristans braune Augen glänzten im dämmrigen Licht des Treppenhauses auf. Trauer und Wut waren darin zu erkennen.

„Weil ich es nicht aushielt. Ist das Erklärung genug für dich Raven? Ich hielt es nicht mehr aus. Darum bin ich hier. Aber zu wissen das… Es macht es nur schwieriger. Es war eine dämliche Idee, es tut mir leid,“ rang er nach Fassung und trat näher. „Ich kann es dir nicht sagen. Aber ich muss. Ich halte es nicht mehr aus.“

„Ich versteh nicht…“ stammelte ich verwirrt während ich einen Schritt zurück trat und mit dem Rücken an die Wand prallte. Nervös zog ich die Luft ein als sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter vor meinem war und sein heißer Atem meine Haut streifte. Instinktiv schloss ich die Augen.

„Ich liebe dich, Raven.“ hauchte er und schon berührten seine Lippen meine und die Welt stand still.

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Fairy Dust

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