Menschlich

Um Omnix herum war es kalt. Sehr kalt. Doch das verwunderte ihn nicht, schließlich befand er sich gerade auf halbem Weg zum Mond. Sein Blick schweifte über die Kontinente und Ozeane der Erde, auf die er gerade sah. Er drehte sich um und überlegte. ‚Soll ich noch weiterfliegen?‘, fragte er sich. Er blickte auf den luftleeren Raum, der sich vor ihm erstreckte. ‚Wenn ich noch einen Schritt mache, dann bin ich so weit von der Erde entfernt, wie noch nie zuvor.‘ Dann sah er zurück auf seinen Heimatplaneten und sein Blick blieb an der Insel hängen, die vor der Küste des asiatischen Kontinents lag. "Nach all den Jahrhunderten, die wir gemeinsam verbracht haben, willst du mir wirklich sagen, dass du nichts fühlst in deinem schwarzen Loch von einem Herz?", hallte Kruls Stimme in seinem Kopf wider. Was hätte er darauf antworten sollen? Es stimmte nicht, dass er nichts fühlte. Er mochte sie. Er mochte sie sogar sehr. Doch mit einer Sache hatte er sie angelogen. Er wollte nicht mit ihr zusammenkommen, doch nicht, weil er Angst hatte sie zu verlieren, sondern weil er Angst hatte sie zu enttäuschen. Er würde Lora niemals vergessen, sie hatte ihn schließlich dazu ermutigt, denen zu helfen, die Hilfe brauchen, doch er hatte inzwischen auch gelernt, dass er sich nicht an diese Erinnerung klammern durfte. Der Reinkarnitor sah auf seine Hände, in denen kleine Sterne glitzerten und so das Universum um ihn herum widerspiegelten. ‚Seit ich dieses…dieses Ding geworden bin, fällt es mir immer häufiger schwer, meine Gefühle zu äußern. Ich will sie nicht verletzen, nur weil ich so inkompetent auf diesem Gebiet bin‘, dachte er und ballte seine Hände zu Fäusten zusammen. Es waren inzwischen fünfzig Leben vergangen und mehr Jahre, als er zu zählen vermochte. Mit den Jahren wurde er emotionsloser und unmenschlicher. ‚Wie oft habe ich neben Krul gelacht, nur um sie glücklich zu machen? Ich fand es zwar lustig, aber ich hatte eigentlich nicht das Bedürfnis zu lachen.‘ Omnix seufzte, als er sich daran erinnerte. ‚Wann habe ich verlernt, ein Mensch zu sein? Und vor allem, warum? Warum ich?‘ Diese Fragen schwirrten dem Reinkarnitor durch den Kopf, während er seinen Blick wieder auf Japan richtete. "Du hast mich wieder dazu gebracht, zu fühlen", hallte Kruls Stimme wieder durch seinen Kopf und sein Auge leuchtete auf, so wie es immer geschah, wenn er amüsiert war. ‚Wie habe ich das geschafft, obwohl ich selbst nichts mehr fühle? Ich kann nur mehr echte Gefühle zeigen, wenn ich wütend werde‘, meinte er im Stillen. Er tat einen Schritt Richtung Mond, dann sah er wieder zurück auf die Erde. Nun war er weiter entfernt von zuhause, als jemals zuvor. Omnix schüttelte den Kopf und rollte mit seinem Auge. ‚Es spielt keine Rolle. Nichts von alledem spielt eine Rolle. Ich habe sie bereits dazu ermutigt, Mika ihre Gefühle mitzuteilen. Sie wird besser dran sein, wenn wir nur Freunde bleiben.‘ Er drehte sich um und schoss in Richtung Mond davon. Die weiß schimmernde Kugel kam immer näher, bis er schließlich auf ihr aufkam. ‚Kein Krachen. Wie denn auch, ich bin im Vakuum‘, dachte Omnix und sah sich um. Eindrucksvoll war sie ja schon, die Landschaft. Aber nichts, wo er auf Dauer bleiben wollte. Also hob er ab und umrundete den Erdtrabanten. Auf der anderen Seite landete er gar nicht erst, er konnte aus der Luft sehen, dass sie sich nicht wirklich von der ersten unterschied, mal abgesehen davon, dass es mehr Krater gab. Während er in der Luft stand und nachdachte bemerkte er plötzlich etwas, was sich mit hoher Geschwindigkeit näherte. Gerade noch rechtzeitig wich er aus und ein kleiner Meteoroid raste an ihm vorbei. Omnix beobachtete, wie er in den Mond einschlug und machte sich dann auf, um ihm zu folgen. Bald hatte er den Meteorit gefunden. Er hob den faustgroßen Himmelskörper auf und wog ihn in der Hand. ‚So ein kleines Ding kann so großen Schaden anrichten‘, dachte er, während er den frischen Krater betrachtete. ‚Den nehme ich mit, als Andenken.‘ So hob er ab und machte sich auf den Weg zurück zur Erde. ‚Menschen sind schon komisch‘, schoss es ihm durch den Kopf. ‚Sie erfinden so aberwitzige Verschwörungstheorien über etwas, was eigentlich vollkommen natürlich ist.‘ Die blaue Kugel vor ihm wurde immer größer und größer, bis Omnix schließlich in die Erdatmosphäre eintrat und die Luft um ihn herum rot zu glühen begann. ‚Ich war auch mal ein Mensch‘, überlegte er weiter, während er den hohen Temperaturen trotzte. ‚Aber in meiner Welt wären wir trotzdem nie auf die Idee gekommen, so etwas anzunehmen. Oder…wären wir es und ich habe es nur vergessen? Was habe ich noch alles vergessen?‘ Er blickte auf den kleinen Meteorit, während er auf dem Boden aufkam. Was er ihm wohl erzählen könnte, wenn er sprechen könnte? Vielleicht würde er es ja irgendwann erfahren, wenn es auf dieser Version der Erde nichts mehr zu tun geben wird. Und doch wusste er, dass es für ihn nur dann nichts mehr auf dieser Welt zu tun geben würde, wenn Krul nicht mehr da sein würde. Plötzlich bewegte sich etwas zwischen ihm und dem Meteorit. Als Omnix genauer hinsah erkannte er, dass es ein kleiner Fisch war. Ein Fisch? Überrascht sah er sich um und erkannte, dass er sich unter Wasser befand. Er hatte sich so sehr auf den Meteorit konzentriert, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass er im Ozean aufgekommen und immer weiter gesunken war. Mit einem einzigen Stoß tauchte er wieder auf und blieb einen Meter über der Wasseroberfläche stehen. ‚Bin ich jetzt schon so tief gesunken, dass ich nicht mal mehr meine Umgebung wahrnehme, wenn ich in Gedanken versinke?‘, schoss es ihm durch den Kopf. Der Gedanke ließ ihn innerlich zusammenzucken. Doch bevor er noch weiter besorgt sein konnte bemerkte er etwas. ‚Ich bin besorgt. Ich sorge mich darum, nicht mehr menschlich zu sein. Nicht nur das, ich sorge mich um meine Freunde und will sie nicht verlassen. Und das bedeutet…das bedeutet, dass ich doch noch ein Mensch bin. Irgendwo tief in mir.‘ Er sah hinauf zur Sonne, die ihm entgegenlachte und lauschte den Wellen, die unter seinen Füßen rauschten. ‚Ich werde dieses bisschen Mensch beschützen, damit ich zumindest meine Freunde glücklich machen kann. Ich werde mein Bestes geben, um es niemals zu vergessen‘, dachte er und sein Auge leuchtete erneut auf. Mit diesem frohen Gedanken machte er sich auf den Weg, um sein Andenken nach Sanguinem zu bringen.

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