Minerva

Marilyn saß neben Ben und fütterte ihn vorsichtig mit dem Heilmittel, welches sie zusammengemixt hatte. Warum John von ihr verlangte, dass sie diesen Menschen rettete, wusste sie nicht. Aber ein Befehl war ein Befehl und das Letzte, was sie tun würde, wäre nicht auf ihn zu hören. Also hatte sie einige Kräuter gesammelt und in aller Eile ein Heilmittel hergestellt, welches zumindest seine offenen Wunden verschließen und so die Blutung stillen würde. Ben öffnete langsam die Augen und stöhnte. Als er versuchte sich aufzurichten hielt Marilyn ihn davon ab. "Bleib liegen. Du bist noch sehr schwach", wies sie ihn an, dann gab sie ihm den nächsten Löffel. "Bin ich tot?", flüsterte er und sie sah ihn überrascht an. "Nein du bist nicht tot. Dafür kannst du dich bei meinem Meister bedanken", antwortete sie ihm. "A-aber, wenn ich nicht tot bin, wie kann es dann sein…dass…dass ein Engel bei mir sitzt?", fragte er und hustete. Marilyn wurde rot wie eine Tomate. "Red keinen Quatsch du Knallkopf", zischte sie, während sie versuchte, sich zu beruhigen. "Ich bin’s, das Werbiest, das vor zwei Tagen mit dem Magier zu euch stieß." Ben sah sie schwach an. "Ich…ich erinnere mich", flüsterte er. Sie wollte ihm schon erleichtert den nächsten Löffel geben, da nahm er ihre Hand und hielt sie so davon ab. "Du bis wunderschön", flüsterte der Junge und sie sah ihn mit großen Augen an. Das…das konnte doch nicht wahr sein, oder? Irgendwie fühlte sie sich…komisch. Unsinn! Sie hatte doch keine Gefühle für so einen Menschen! Und doch…irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. So fühlte sie sich doch sonst nur bei John. "Marilyn!" riss sie da die Stimme eben jenes Jungen aus ihren Gedanken. Hastig drehte sie sich um. „Ja?" "Wir haben einen Feuerdrache gesichtet, der in Richtung Osten flog", gab der Magier bekannt. "Ich glaube, dass du dir vorstellen kannst, wo er hinwill." "Minerva", hauchte das Mädchen. Die goldene Stadt des Ostens. "Wir brechen auf der Stelle auf. Einen Feuerdrachen lasse ich mir nicht entgehen und wenn wir nebenbei noch eine Stadt retten, dann zahlt es sich doppelt aus", erklärte John ihr. "Kann er von Tammy in die nächste Stadt gebracht werden?", fragte er dann mit einem Blick auf Ben. Sie nickte zögernd. "Ja, eigentlich schon…aber…aber…", stotterte sie. "Aber?", hakte John nach. Sie wollte ihm gerade antworten, da spürte sie, wie Bens Hand auf ihrer Schulter lag. Er hatte sich aufgerappelt und saß nun neben ihr. "Deine Pflicht ruft", meinte er und lächelte schwach. "Du musst gehen." Marilyn erwiderte seinen Blick. Ja, das musste sie. Und das würde sie. "G-gut, dann pass auf dich auf", meinte sie und stand auf. "Ich werde dich finden", versprach er plötzlich und sie sah ihn fassungslos an. Dann sank er wieder zurück auf das Fell, auf dem er gelegen hatte. Sie ging zu John und gemeinsam verabschiedeten sie sich von Tammy und den beiden Männern. Nachdem sie sie versichert hatten, dass sie keine Belohnung wollten, brachen sie auf in Richtung Osten. "Du würdest ihn gerne wiedersehen", meinte John plötzlich und Marilyn sah ihn überrascht an. "Ich…naja…vielleicht", murmelte sie und der Junge grinste. "Dann wirst du ihn auch wiedersehen", meinte er und lief los. Marilyn rannte ihm hinterher und gemeinsam durchbrachen sie die Schallmauer.
Es dauerte nicht lange, bis sie bei Minerva angekommen waren. Sie standen auf der Hügelkuppe, die die Stadt umgab und es so aussehen ließ, als würde sie in einem Krater liegen. Die goldenen Dächer der Stadt aus weißem Marmor glänzten im Licht der untergehenden Sonne. "Kein Drache zu sehen", murmelte Marilyn nachdenklich. "Stimmt. Komm wir gehen in die Stadt, dort kann man uns sicher mehr erzählen." Und so machten sie sich auf dem Weg zum berühmten silbernen Tor mit den tausend goldenen Knäufen. Sobald sie dieses jedoch passiert hatten, fiel ihnen etwas ungewöhnliches auf. "Die Leute sind sehr unruhig Meister", flüsterte Marilyn und der Junge stimmte ihr zu. "Irgendetwas ist hier definitiv faul", meinte er. Kurzentschlossen trat er zu einem Ramschladen und winkte den Verkäufer herbei. "Seid gegrüßt mein Freund. Wie mir scheint liegt etwas Bedrückendes auf der Stadt", begann er. "Ist etwas vorgefallen?" Der Verkäufer nickte und sah dabei vollkommen fertig aus. "Ihr seid gerade erst angekommen, sonst wüsstet Ihr schon davon, oder mein Herr? Vor zirka sechs Stunden ist ein Feuerdrache mitten auf dem Marktplatz gelandet. Die Ritter des Königs hat er mit einem einzigen Schweifhieb getötet. Dann verlangte er, dass wir innerhalb von sieben Tagen sämtliche Goldschätze vor die Stadt bringen, damit er sie seiner Sammlung hinzufügen kann. Anderenfalls würde er Minerva zerstören." John hatte der Erzählung aufmerksam zugehört. "Und der König? Was tut er?", fragte er nach. "Er ist vollkommen ratlos. Sieben Tage reichen niemals, um alle Reichtümer vor die Stadt zu bringen. Was können wir schon gegen einen Feuerdrachen, einen Gott der Zerstörung ausrichten?" John nickte. "Danke für die Information", meinte er. "Marilyn, wir gehen zum Schloss!", rief er und das Mädchen nickte.
"Verzeiht mein König, aber zwei Abenteurer möchten Euch sprechen", meinte einer der Leibwächter des Königs, der mitten in die Beratung der Adeligen geplatzt war. "Abenteurer. Genau das, was wir brauchen. Ihre Erfahrung übersteigt die von Rittern oft um ein Vielfaches. Lasst sie rein!" Der Leibwächter nickte und gleich darauf traten ein Magier und ein etwas jüngeres Mädchen in die große Halle. Sie wirkten nicht besonders stark, doch irgendetwas an ihnen sagte dem König, dass sie es wert waren, angehört zu werden. Der Magier verbeugte sich und das Mädchen machte einen leichten Knicks. "Seid gegrüßt König des östlichen Königreiches und verzeiht bitte die Störung. Wir kommen, um Euch bei dem Drachenproblem zu helfen", meinte er. "Nun gut. Ich werde mir anhören, was Ihr zu sagen habt junger Mann." "Ich danke Euch. Ich will Eure Zeit nicht verschwenden, also komme ich gleich zur Sache. Ich werde für Euch vor den Toren Minervas gegen den Drachen kämpfen." Es wurde still in der Halle, dann brachen die Adeligen in schallendes Gelächter aus. "Der Neid muss Euch lassen, dass Ihr Sinn für Humor habt mein Freund", rief einer der Männer. "Es trifft wohl eher zu, ihn verrückt zu nennen", besserte ihn ein weiterer aus. Der König sagte nichts. Er lachte auch nicht, sondern brachte die anderen mit einer Handbewegung zum Schweigen. "Ich nehme nicht an, dass ihr erwartet, gegen diesen Zerstörungsgott zu gewinnen, oder?", fragte er und der Magier schüttelte den Kopf, woraufhin das Mädchen ihn kurz überrascht ansah, was dem König zwar etwas komisch vorkam, doch dann von ihm ignoriert wurde. "Ihr habt recht, dass ich ihn wahrscheinlich nicht besiegen kann, doch aufhalten kann ich ihn. Mit Worten vermag ich umzugehen und so würde ich Euch genug Zeit erkaufen, um die Stadt vollständig zu evakuieren", erklärte er ihm. "Ein kluger Gedanke", murmelte der König. "Wenn wir jetzt damit anfangen, dann können wir so alle in Sicherheit bringen. Doch Ihr werdet sicher sterben." "Ich habe vor dem Tod keine Angst. Mein Lebensziel, mit einem Drachen zu sprechen, hätte sich erfüllt und ich könnte in Frieden gehen", meinte der Magier. "Ihr seid vielleicht wirklich etwas verrückt, aber wenn es Euer Wunsch ist und es Euch wirklich nichts ausmacht, dann sei es so. Schreiber! Schreibe den Plan auf und lasse ihn von Boten in der Stadt verkünden! Die Evakuierung beginnt jetzt!", befahl der König. "Was Euch betrifft, so genießt Eure letzten sieben Tage und möget ihr an einen besseren Ort als diesen hier gelangen, wenn Euch das Feuer des Drachen das Fleisch von den Knochen schmilzt." "Ihr seid zu gütig", bedankte sich der Magier, dann verließen er und das Mädchen die große Halle.
"Warum stellt Ihr Euch so schwach? Natürlich könnt ihr diesen lächerlichen Feuerspucker besiegen. Es ist eine Frechheit, dass sie Euch auslachen, warum lasst Ihr Euch das gefallen?", fragte Marilyn. "Sie hätten mir kein Wort geglaubt. Sollen sie mich meinetwegen für einen Verrückten halten, so erhalten wir die Chance, dem Drachen gegenüberzustehen", meinte John. "Der König muss wirklich sehr verzweifelt sein, wenn er zwei dahergelaufenen Fremden einfach blind vertraut", murmelte das Mädchen. "Da hast du recht", stimmte John ihr zu. "Aber das ist nur gut für uns. Und jetzt komm, ich habe tierischen Hunger und möchte vor dem Schlafengehen noch etwas zwischen die Zähne bekommen."

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