Vernunft und Instinkt

"Ein Hoch auf die Bezwinger des Drachen!" Die Menschen jubelten, als die Kutsche durch die Straßen der Stadt gefahren wurde. John war heilfroh, dass das Gefährt ein Dach hatte und machte sich so klein wie möglich. "Sag mir einfach, wenn es vorbei ist", grummelte er und Marilyn, die begeistert aus dem Fenster winkte, lachte. "Sehr wohl Meister", versprach sie. Nachdem sie siegreich zurückgekehrt waren, hatte der König für sie einen Triumphzug vorbereitet, um den Sieg zu feiern. John hatte ihm erzählt, dass der Drache freiwillig abgezogen war, nachdem er ihm mit einem Level achtzig Seelenstein gedroht hatte. Diese Steine konnten auch von Menschen benutzt werden, obwohl sie weitaus mächtigere Zauber als Level vierzig beinhalteten. Dank dieser Lüge machte John ihren Sieg glaubhaft, ohne ihre Identität preiszugeben. Der ganze darauf folgende Trubel war für den Jungen aber eher nervig und so war er heilfroh, als sie endlich wieder beim Schloss ankamen.
"Ich kann einfach nicht verstehen, was Ihr gegen diese Aufmerksamkeit habt. Ich finde es toll, wenn alle meine Stärke bewundern", lachte Marilyn, als sie wieder ins Schloss zurückgekommen waren. Sie ließ sich in das große Bett fallen, welches in der Mitte ihres Zimmers stand, das sie zugeteilt bekommen hatten. "Deine Stärke, hm?", fragte John, der in einem großen Ohrensessel am Fenster saß und auf die Straßen blickte. "Soweit ich mich erinnern kann, war ich es alleine, der den Drachen besiegt hat." Marilyn sprang auf, rannte zu ihm und sah ihn mit hochrotem Gesicht an. "M-meister, bitte verzeiht mein Verhalten. Ich hätte mich nicht in Eurem Ruhm sonnen sollen", rief sie und fiel vor ihm auf die Knie. "Hm, soll ich dir verzeihen?", fragte John und rieb sich das Kinn. "Ich würde verstehen, wenn Ihr es nicht tätet", meinte Marilyn verzweifelt. John versuchte, sie streng anzusehen, doch dann konnte er sich nicht mehr halten. Er brach in schallendes Gelächter aus. "Denkst du wirklich, dass ich sauer auf dich bin?", fragte er und sie sah ihn verwirrt an. "Warum lacht Ihr?" "Marilyn, ich habe nur einen Scherz gemacht. Du weißt ganz genau, dass ich mir aus Ruhm nichts mache. Womit wir wieder zu deiner ursprünglichen Frage zurückkommen. Ich mag die Aufmerksamkeit deshalb nicht, weil es mir zu stressig ist." Marilyn sah ihn mit großen Augen an. Er hatte all diese Macht, so dass ihm sogar schon bei Drachen langweilig wurde und trotzdem wollte er keine Aufmerksamkeit. Sie hatte sich ihm vor drei Jahren angeschlossen, nachdem er sie gerettet hatte und obwohl schon so viel Zeit vergangen war konnte sie ihn immer noch nicht verstehen. Vielleicht war es ja auch unmöglich jemanden wie ihn zu verstehen. Jemand, der laut einem Drachen den alten Göttern gleichkam. Sie senkte betrübt den Kopf. "Ist alles in Ordnung?", fragte John sie und Marilyn lächelte schwach. "Alles ist okay. Ich…ich war nur in Gedanken versunken", murmelte sie. "Du denkst, dass du schwach bist", meinte John plötzlich und sie sah ihn überrascht an. Der Junge schmunzelte und klopfte auf seinen Schoß, woraufhin sie sich auf ihn setzte. "Marilyn, du machst dir zu viele Gedanken", begann er und kraulte sie bei den Ohren. "Ich weiß, dass ich anders bin und neben mir fühlt man sich manchmal…nun ja…schwach. Aber das bist du nicht." Sie seufzte, als sie sich langsam entspannte. "Es ist wahr, mir ist oft langweilig und trotzdem möchte ich keine Aufmerksamkeit erregen. Paradox, oder? Aber jetzt, wo du mich endlich dazu überredet hast, die jungen Götter herauszufordern, werde ich der Aufmerksamkeit wohl nicht mehr entgehen." Sie nickte langsam. "Was werdet Ihr jetzt tun?", fragte sie leise. "WIR Marilyn", besserte er sie aus. "Wir werden erst mal abwarten, wie sich die Dinge jetzt entwickeln. Dann sehen wir weiter. In der Zwischenzeit möchte ich dich um einen Gefallen bitten." "Alles, was Ihr wollt", antwortete das Mädchen. "Ich will, dass du aufhörst zu versuchen, mich zu verstehen. Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin seltsam und das gebe ich auch gerne zu." Marilyn kicherte leise. "Vielleicht seid Ihr weniger seltsam und mehr weise", meinte sie. "Vielleicht tut Ihr einfach das, was Ihr als richtig erachtet, ohne es selbst zu bemerken. Darum wollt Ihr keine Aufmerksamkeit, weil Ihr es als falsch erachtet, dass Leute Euch für etwas feiern, das ihr Euch eigentlich gar nicht erarbeitet habt. Und trotzdem ist Euch natürlich langweilig, weil es jedem mit Euren Fähigkeiten irgendwann so ergehen würde. Eure Vernunft arbeitet gegen Euren Instinkt, darum seid Ihr auch so zerrissen." John sah sie beeindruckt an. Sie hatte tatsächlich eine gute Erklärung gefunden. "Du bist sehr schlau Marilyn und ich bin sehr stolz auf dich", meinte er und sie schmiegte sich an ihn. "Ihr seid auch ein guter Lehrer. Auch wenn Ihr das selber nicht denkt", antwortete sie und gähnte. Langsam fielen ihr die Augen zu und schlussendlich schlief sie ein. John schmunzelte. "Na großartig. Jetzt kann ich nicht aufstehen, weil eine Katze auf meinem Schoß schläft", meinte er. Vorsichtig beugte er sich vor und griff nach dem Buch, das auf dem Fensterbrett lag. Als er es endlich erreicht hatte lehnte er sich zurück und begann zu lesen, wobei er den Moment, in dem er sich gerade befand, in vollen Zügen genoss.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media