Vertrauen

"Ihr denkt also, es kann Frieden geben", meinte Krul gerade. Es war keine Frage, mehr eine Feststellung. "In der Tat Mylady", antwortete das sternenübersäte Wesen, welches vor ihrem Thron stand. Es waren fünfhundert Jahre vergangen und aus dem kleinen Mädchen war ein mächtiger Vampir geworden. Zwar hatte sie sich, wie alle Vampire, körperlich nicht verändert, doch ihr Geist war erfahren, ihre Sinne scharf und ihre Kräfte schier endlos. "Ihr behauptet, dass in fünfhundert Jahren eine große Katastrophe geschehen wird, die die Menschen auslöschen wird?" "Nicht auslöschen. Dezimieren. Stark dezimieren", antwortete Omnix ihr. "Ihr werdet von ihnen abhängig sein und ihr müsst ihre Leben schützen, wenn ihr überleben wollt." "Ich danke Euch vielmals für Euren Bericht", meinte Krul, dann wandte sie sich den anderen adeligen Vampiren zu, die ebenfalls an dem Treffen teilgenommen hatten. "Diese Sitzung ist beendet. Ich wünsche mit Omnix alleine gelassen zu werden." Die Vampire nickten und verließen den Thronsaal. "Also...", begann Krul, "...wie wäre es mit Abendessen? Auch wenn ich dir nicht viel anbieten kann." Omnix Augen leuchteten belustigt auf. "In einer unterirdischen Stadt voll von deinesgleichen ist das kein Wunder", antwortete er. "Aber keine Sorge, ich habe etwas mitgebracht." Krul kicherte. "Du denkst wirklich an alles, oder?", fragte sie und der Reinkarnitor leuchtete auf, als er seine menschliche Gestalt annahm. "Man tut was man kann", meinte er und sie führte ihn in den Speisesaal des Palastes.
Die Vampirin saß dem Jungen gegenüber am Tisch und sie lachten gemeinsam. "Wie ernst du gewirkt hast, als ich hereingekommen bin", meinte John grinsend. "Als Königin von Sanguinem muss ich Erwartungen erfüllen", antwortete sie ihm und nahm übertrieben vornehm ihr Glas in die Hand, was dazu führte, dass John vor Lachen fast seinen Apfel wieder ausgespuckt hätte. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatten wurde es eine Weile still zwischen den beiden, bis Krul schließlich fragte: "Denkst du wirklich, dass es zwischen uns und den Menschen Frieden geben kann?" John sah sie nachdenklich an. "Ich arbeite seit Jahrhunderten darauf hin. Wenn es so weit ist, dann müsst ihr mit Bedacht voran gehen und mit einem großen Maß an Charme", meinte er schließlich. "Also bin ich nur ein Teil deines Planes?", neckte sie ihn. "Du weißt, dass das nicht wahr ist", antwortete er ihr. "Warum sollten wir die Menschen nett behandeln? Sie sind es, die die Welt vernichten werden, sie sind es, die unsereinen immer schlecht behandelten." John überlegte kurz, dann antwortete er mit der Gegenfrage: "Also möchtest du genau so sein wie sie?" "Ich möchte stärker sein, als sie!", antwortete Krul. "Dann sei stark. Sei ihnen ein Vorbild." Das Mädchen sah den Jungen mit gemischten Gefühlen an. John war der einzige Mensch, von dem sie noch nie Blut getrunken hatte. Zwar war die Lust immer da, wenn sie ihn in seiner menschlichen Gestalt sah, doch sie hielt sich immer zurück. "Du denkst schon wieder an mein Blut, habe ich recht?", fragte er sie und riss sie damit aus ihren Gedanken. "Nein, wo denkst du hin?", fragte sie ihn grinsend und entblößte ihre scharfen Eckzähne. "Vergiss nicht, dass das der Grundpfeiler unseres Vertrauens ist. Du trinkst mein Blut nicht und ich helfe dir, die kommende Katastrophe so zu meistern, dass es Frieden auf der Welt geben wird und beide Rassen in Harmonie nebeneinander in Symbiose leben können." Krul sah zu Boden. Dieser Junge könnte nichts tun, sollte sie sich dazu entschließen ihn jetzt anzugreifen. Sie wusste als einzige von dieser menschlichen Seite und dass Omnix nur ein Teil von John war. Nutzte er seine übernatürlichen Fähigkeiten nicht, so war er nur ein normaler Mensch. Und doch vertraute er ihr genug, um mit ihr in dieser Gestalt zu Abend zu essen. Seltsam. Äußerst seltsam. "Warum vertraust du mir eigentlich so sehr?", wagte sie die Frage. "Warum hast du mich damals wirklich gerettet?" John ließ seine Gabel sinken und schüttelte ungläubig den Kopf. "Das habe ich dir doch schon damals erzählt", antwortete er ihr. "Und ich kann es bis heute nicht glauben. Du wusstest schon damals, was passieren würde, hab ich recht?" "Ich kann zwar viel, aber in die Zukunft blicken gehört nicht dazu. Was ich dir heute Abend erzählt habe, das habe ich erst vor Kurzem herausgefunden und daraus geschlossen, wann es zu der Katastrophe kommen wird." Krul sah ihn skeptisch an. "Die Menschen haben sich immer vor meinesgleichen gefürchtet. Sie haben alle Vampire, die sich jemals zeigten gehasst und getötet", meinte sie. "Du bist keiner von diesen Vampiren. Es spielt keine Rolle, was früher geschehen ist. Du lebst im Jetzt, also hör endlich auf, dich mit Vampiren zu vergleichen , die vor Jahrhunderten getötet wurden", erwiderte John. "Du willst wissen, warum ich dich gerettet habe? Ich habe dich gerettet, weil ich an dich geglaubt habe. Weil ich daran glaube, dass sich Dinge ändern können. Weil ich Vertrauen in dich hatte. Nicht in die Vergangenheit deiner Rasse, sondern in Krul Tepes."

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