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                                                             MARIE

Die Worte hallen noch immer in meinem Kopf. Was ist mit der Frau? Mittlerweile haben die Ärzte die Polizei alarmiert um nach einer Frau zu suchen. Doch niemand hat an der Unfallstelle eine Frau gesehen. Mit Ausnahme von Tobias.

„Ich sage es dir Marie. Es hat ausgesehen wie ein Lichtball und dann habe ich sie gesehen. Sie hat vor mir gestanden. Voller Dreck und dennoch lächelnd. Und dann ist alles dunkel geworden. Fuck. Ich weiß einfach, dass ich es gesehen habe. Es hat sich so real angefühlt.“

„Ich weiß Tobias. Und die Ärzte sagen, dass so etwas sehr oft vorkommt. Du hast so viele Verletzungen erlitten und dein Körper war in einem Trance-artigem Zustand. Sie haben überall nach dieser Frau gesucht und nichts gefunden. Der Taxifahrer ist von der Fahrspur abgekommen. Der Wagen hat sich überschlagen. Die Feuerwehr hat es bestätigt.“

Resigniert und mit einem entschuldigendem Lächeln blickt er in meine Augen und ich versuche ihm das Gefühl zu vermitteln, dass alles in Ordnung ist.

„Ja. Du hast recht. Vielleicht habe ich mir das eingebildet.“

****

Nach zwei Wochen ist endlich der Tag gekommen, an dem wir nun Beide im Wagen sitzen und uns auf den Weg nach Hause machen. Ich kann es kaum erwarten, ihn endlich wieder neben mir zu haben und in seinen Armen aufzuwachen.

Doktor Navajo hat uns noch verabschiedet und uns mitgeteilt, dass Tobias Verletzungen sehr schnell und gut verheilt sind. Er hat sich immer wieder für seine Fehldiagnose entschuldigt und uns bestätigt, dass Tobias`s Heilung an ein Wunder grenzt und er kaum glauben kann, dass es so ausgegangen ist.

Zu Hause angekommen, helfe ich Tobias beim Aussteigen und muss dabei lächeln. Denn vor zwei Wochen noch, habe ich gedacht, dass er nie wieder laufen wird. Nie wieder normal aus einem Wagen aussteigen wird. Und jetzt sind wir hier und ich bin so glücklich.

„Hey Babe. Du musst nicht ständig Lächeln. Ich bin so schon verrückt nach dir.“

Sein Lächeln. Dieses Lächeln legt sich auf seine Züge, bevor wir uns langsam auf den Weg zu unserer Wohnung machen. Vor der Tür angekommen, will ich nach meinen Schlüsselbund greifen, doch ich habe ihn noch immer im Wagen.

„Sorry. Ist noch im Wagen.“

Mit einem entschuldigendem Blick mache ich mich wieder auf den Weg zum Wagen, bevor mir Tobias etwas zuruft.

„Ist offen.“

Verwirrt blicke ich zu ihm und versuche währenddessen den Schlüssel aus dem Wagen zu fischen und wieder zu ihm zurückzukehren.

„Scheiße. Ich habe sicherlich vergessen, dass ich absperre.“

Er sieht etwas ängstlich aus und in seinem Blick liegt etwas, dass ich noch nie an ihm gesehen habe, obwohl ich ihn jetzt schon so lange kenne. Er macht mir damit Angst.

„Alles in Ordnung? Ich werde nicht noch einmal vergessen.“

Schnell schüttelt er seinen Kopf, bevor dieses Lächeln wieder auf seinen Zügen erscheint. Dieses Lächeln in Kombination mit seinen dunkelbraunen, verwuschelten Haaren, lässt mich jedes Mal wieder schwach werden.

„Babe. Ist in Ordnung. Ich bin nur verwirrt, weil es vorhin so ausgesehen hat, als würde abgeschlossen sein.“

Er legt seine Finger in meine und versucht mich zu beruhigen, indem er seinen Daumen über meine Haut streichen lässt. Es funktioniert. Ich bin wieder ruhig und die Angst ist verschwunden.

****

Die Tage zu Hause mit ihm vergehen und ich bin froh, dass ich die nächsten Tage noch nicht in die Arbeit muss. Mein Chef hat mir zum Glück ein paar Tage freigegeben, was mir wirklich viel bedeutet. Da ich weiß, dass die Kunden deswegen nicht weniger werden. Vor allem in der Sommersaison, wo sie alle wie verrückt, das Reisebüro stürmen.

Heute habe ich meine Kochkünste, die nicht wirklich vorhanden sind, nicht spielen lassen und uns stattdessen etwas von dem China-Restaurant nebenan geholt. Gerade als ich die Wohnungstür öffnen will, erwartet mich ein Anblick, der mich vollkommen panisch werden lässt. Das Essen rutscht aus meinen Händen und landet am Boden. Schnell laufe ich auf Tobias zu, der auf dem Boden kniet, seinen Kopf zwischen den Oberschenkeln abgelegt hat und beide Hände an seine Schläfen drückt. Leises Keuchen kommt aus seinem Mund, als ich mich nähere. Er scheint Schmerzen zu haben. Doch auch das Chaos um ihn herum lässt mich Angst haben. Was ist passiert? Warum liegen alle Bilder zerbrochen am Boden? Warum ist der Spiegel zersplittert?

Meine Schritte werden immer schneller und als ich bei ihm angekommen bin, versuche ich ihm zu helfen. Ich flüstere ein leises „Tobias“ und lege meine Hand auf seine Schultern. Doch die tiefe, ungewohnte Stimme lässt zusammenzucken.

„Geh von mir weg.“

„Tobias. Es ist alles in Ordnung. Alles okay.“

„Geh weg.“

Nochmals bringt er die Worte über seine Lippen, die tief in meinem Herzen einen kleinen Riss verursachen. Aber ich kann und will ihn nicht im Stich lassen und so versuche ich es nochmals und gehe vor ihm in die Knie. Versuche ihn dazu zu bringen, dass er mir in die Augen blickt.

„Tobias. Komm. Sieh mich an.“

Und dann sieht er mich an und ich schrecke zurück. Mein Herz setzt aus. Mein Atem setzt aus. Ich erstarre, um im nächsten Moment wieder Angst zu haben.

„Deine Augen.“

Die Worte waren so voller Angst, dass ich bemerke, wie es ihn schmerzt. Seine Brauen ziehen sich zusammen und er betrachtet mich mit einem ebenso angsterfülltem Blick. Und auch wenn ich gerade in diesem Moment solche Angst vor den Silber schimmernden Augen habe, so spüre ich dennoch, dass noch immer Tobias hinter diesen Augen ist. Mein Tobias.

Ich atme nochmals tief durch und lege meine Hand erneut auf seine Schulter. Lasse meinen Blick nicht von ihm abschweifen.

„Ist in Ordnung. Beruhige dich. Versuche ein paar Mal tief durchzuatmen.“

Die Angst in seinem Blick verschwindet ein klein wenig und er befolgt meine Worte. Nach einer gefühlten Ewigkeit ändert sich seine Augenfarbe wieder und lässt das gewohnte Grün zurückkehren. Ich bin noch immer vollkommen geschockt, doch ich will ihn damit nicht noch mehr beunruhigen. Langsam gehe ich mit ihm zur Couch, wo er sich hinsetzt und wortlos auf die Bilder und den Spiegel starrt, die allesamt kaputt sind und am Boden verteilt.

„Ist kein Problem Tobias. Ich mach das. Was ist passiert?“

Ungläubig schüttelt er seinen Kopf, um mich daraufhin mit einem harten Blick zu betrachten.

„Was passiert ist. Hast du es nicht gesehen? Meine Augen waren Silber. Verdammt. Sie waren Silber.“

Unsicher nicke ich und setze mich neben ihn. Ich muss es erst einmal selbst verstehen.

„Vielleicht ist das eine Reaktion auf irgendwelche Medikamente. Wir sollten Doktor Navajo anrufen. Wir sollten ins Krankenhaus fahren.“

„Das ist nicht alles. Wie glaubst du, sind die Bilder am Boden gelandet und der Spiegel zerbrochen?“

Ich zucke mit den Schultern und schüttle ungläubig meinen Kopf. Vielleicht hatte er einfach nur einen Wutanfall. Obwohl ich mir nicht einmal in meinen verwirrten Gedanken erklären kann, wie Augen sich von einer Sekunde auf die andere in verdammtes Silber verwandeln können.

„Scheiße. Ich war das. Ich muss es gewesen sein. Ich habe es gespürt. Ich habe mich so erschreckt als ich im Spiegel diese Augen. Meine Augen gesehen habe. Es hat mich panisch gemacht und ich habe es gespürt. Habe gespürt, wie alles in meinem Körper zu kribbeln angefangen hat und dann ist es wie in einem Scheiß Film aus mir herausgebrochen. Es war wie bei dem Unfall.“

„Was meinst du damit? Du hast sie vielleicht in deiner Panikattacke von der Wand geworfen. Mit deinen Händen. Tobias. Es waren deine Hände. Es ist einfach nicht anders erklärbar.“

Jetzt spüre ich selbst die Wut und die Hitze die von ihm ausgehen. Unwillkürlich bekomme ich Angst. Ich will sie verdrängen, da ich diesen Mann über alles liebe. Doch ich kann nicht. Denn diese Sache macht mir auf unnatürliche Art und Weise panische Angst.

„Verdammt Marie. Es war wie bei diesem Unfall. Ich habe diesen Taxifahrer umgebracht. Es war dasselbe Gefühl. Ich habe diese Druckwelle ausgelöst und er ist dadurch von der Fahrbahn abgekommen. Ich habe ihn getötet.“

Seine Augen wirken traurig als ich in sie blicke und ich kann nicht anders, als meine Angst und meinen Schock zu überwinden. Ich klettere auf seinen Schoß und schlinge meine Arme um ihn. Versuche irgendwie, diese Situation, so absurd und unglaublich sie auch ist, zu akzeptieren und eine Lösung zu suchen.

„Wir kriegen das hin. Du hast niemanden getötet, Tobias. Wir kriegen das hin. Irgendwie kriegen wir das hin.“

Die letzten Worte sage ich eher wie ein Mantra auf, um mir ein wenig Hoffnung zu machen, dass wir mit dem irgendwie umgehen können. Auch wenn ich keinen blanken Schimmer habe, was hier gerade passiert ist oder noch passieren wird. Aber es ist definitiv nicht etwas, dass ich erklären kann und verstehen werde.

Nach ein paar Sekunden die verstreichen, schließt er ebenfalls seine starken Arme um mich und drückt mich an sich. Sein Herz schlägt gegen das Meine. Sein Atem trifft sich mit meinen und für eine kleine Sekunde flüchten wir uns vor dieser Sache, die unser Leben verändern wird. Versuchen noch für ein paar wenige Sekunden an unserem alten Leben festzuhalten, bevor alles um uns zerbrechen wird.

„Du weißt, dass Doktor Navajo mir nicht helfen kann. Sie würden nur Tests mit mir machen und du und ich wissen, dass es kein medizinisches Problem ist. Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Was sollen wir jetzt tun?“

Er unterbricht die Stille und setzt zugleich den Startschuss für eine andere Zukunft. Ob sie gut oder schlecht für uns ausgehen wird, weiß ich noch nicht. Ich hoffe jedoch so sehr, dass es ein Gut geben wird.

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir jetzt zusammenhalten müssen.“

„Immer.“

Ein gezwungenes Lächeln legt sich auf seine Lippen, bevor er aufsteht und ich ihm folge. Stillschweigend versuchen wir gemeinsam das Chaos zu beseitigen. Auf eine kranke Art und Weise ist es verrückt, dass wir nun hier aufräumen. Wo wir doch jetzt größere Probleme haben und wissen, dass etwas existiert, dass uns mit Sicherheit kein Wissenschaftler und kein Arzt erklären kann.

Aber es ist normal und normal ist gut. Es hält uns mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade davon ab, völlig durchzudrehen.

„Was hast du gefühlt, als es passiert ist?“

Ich unterbreche die Stille, als ich die letzte Scherbe vom Boden aufhebe und in seine Augen blicke.

„Ich weiß auch nicht genau. Ich hatte plötzlich Kopfschmerzen und meine Augen haben sich angefühlt, als würden Eiswürfel darauf liegen. Panisch bin ich zum Spiegel gerannt und dann habe ich diese Augen, meine Augen gesehen und ich hatte wirklich Schiss. Dann ist mir am ganzen Körper kalt geworden und ich habe diese verdammte Druckwelle oder was es auch war, ausgelöst.“

Ungläubig nicke ich und versuche dennoch ein beruhigendes Lächeln auf meinen Ausdruck zu legen.

„Glaubst du, dass du es kontrollieren könntest?“

Er zuckt mit seinen Schultern, bevor er einen Schritt auf mich zumacht und meine Hände ergreift.

„Ich weiß es nicht. Genau deswegen ist es zu gefährlich für dich, wenn du in meiner Nähe bist. Ich könnte dich verletzen. Fuck. Marie. Ich könnte dir wirklich wehtun und könnte es wahrscheinlich nicht mal aufhalten.“

Seine Augen bewegen sich schnell hin und her und ich bekomme gerade das Gefühl, dass er sich schon wieder in etwas hineinsteigert und er Panik bekommt. Seine Hände werden kälter. Seine Atmung schneller und die grauen Sprenkel in seinen Augen verfärben sich langsam.

Nun überkommt auch mich Panik.

„Tobias. Ich bin mir sicher, dass du es kontrollieren kannst. Du musst dich nur beruhigen. Ich weiß, du würdest mich nicht verletzen. Bitte beruhige dich. Atme einfach.“

Zuerst wirkt er wütend, bevor ich ihn nochmals eindringlich betrachte und er daraufhin seine Augen schließt. Wir beginnen miteinander zu atmen. Ich versuche ihn zu beruhigen, sowie er versucht sich selbst zu beruhigen.

Mein Herz klopft gegen meinen Brustkorb und ich hoffe so sehr in diesem Moment, dass er sich wieder beruhigt. Dass er, wenn sich seine Lider öffnen, wieder dieses Grün in seinen Augen trägt.

Und dann endlich. Er öffnet seine Lider nach einer gefühlten Ewigkeit und blickt in meine Augen.

„Grün. Sie sind grün Tobias.“

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