5: Sala (01.10.1515, Do.)

ARISA


„Oh, Scheiße... da kommt sie“, murmelte Nytra genervt und schaute zur Tür des Mädchen-traktes herüber. Tatsächlich hatte diese sich gerade geöffnet und Zimmer 1-b, namentlich Annika, Dorina, Inaga und natürlich Sala, betraten den Speisesaal. Sofort sank die Stimmung an unserem Tisch auf ein Minimum. Tanya winkte zwar Annika zu, setzte dann jedoch wieder ihre übliche strenge Miene auf. Nytra hatte eh schon mit dem Oberkörper auf dem Tisch gelegen, was natürlich Tanya bereits aufgeregt hatte, und drehte sich jetzt demonstrativ weg. Selbst Zora seufzte, schüttelte dann jedoch den Kopf und lächelte Dorina zu. Außer mir war sie glaube ich die einzige, die Sala auch noch eine Chance geben wollte.

Die anderen erreichten den Tisch und setzten sich dazu. Sala sagte wie alle anderen ganz freundlich 'Guten Morgen' und wirkte jetzt gar nicht mehr so schlimm. Eigentlich wirkte sie sogar eher etwas eingeschüchtert und zurückhaltend. Zora und ich lächelten sie freundlich an, doch von unseren beiden anderen Zimmernachbarinnen bekam sie nur kalte Blicke. Tanya hatte wenigstens den Anstand ihr auch einen guten Morgen zu wünschen, wandte sich dann jedoch sofort an Annika, die neben ihr saß. Nytra starrte einfach zur Tür herüber und wartete vermutlich auf Sukira. Ihrem säuerlichen Blick nach zu urteilen, nahm sie Zora und mir unser freundliches Verhalten übel... Ich seufzte. Auf so einen Zickenkrieg hatte ich jetzt echt keine Lust. Ich war immer jemand,d er auf Harmonie bedacht war. Natürlich hatte ich schon gestritten, alleine mit Zeo unzählige Male, aber nur weil Sala gestern so blöd gewesen war, hieß das nicht, dass ich auch nicht freundlich zu ihr sein durfte. Vor allem war es meine Entscheidung, ob ich das wollte oder nicht.

Also ließ ich Nytra Nytra sein und wandte mich stattdessen an Sala. „Hey, und hast du gut geschlafen?“ Sie schaute mich überrascht an und lächelte dann etwas verlegen. „Ja... schon.“ „Du hattest bestimmt ein bisschen Schwierigkeiten einzuschlafen, oder? Die ersten Tage muss man sich erstmal eingewöhnen“, fuhr ich fort und hoffte, dass es ihr vielleicht helfen würde, zu wissen, dass sie mit ihrer Unsicherheit nicht allein war. Sie lächelte breit. „Da hast du schon recht. Aber wenn ihr das geschafft hab, schaff ich das auch.“ Unser Gespräch wurde durch ein lautes Schnauben von Nytra unterbrochen. Sauer fuhr ich zu ihr herum. „Nytra, du benimmst dich äußerst unhöflich und einfach nur mies. Lass das oder geh woanders hin. Aber hör bitte auf Sala und auch mich anzufeinden. Das nervt, echt.“ Ich sah, dass ihr das weh tat, aber das war egal. Sie hatte sich falsch verhalten und das konnte ich ihr so nicht durchgehen lassen. Ich hasste gemeine Leute. Sie zuckte nur die Schultern und stand dann auf. „Schon gut. Ich geh schon, dann kannst du dich in Ruhe mit deiner neuen Freundin unterhalten“, sagte sie gereizt und verließ den Tisch.

„Was ist passiert?“, fragte Tanya. „Ach, Nytra war fies, weil Arisa nett zu Sala ist. Dann hat Arisa ihr gesagt, sie solle das lassen oder weg gehen und dann ist sie abgehauen“, fasste Dorina alles zusammen und Zora nickte zustimmend. Tanya nickte nur knapp, aber so wie sie Nytra nachschaute, schien es als würde sie ihr zumindest teilweise zustimmen. Zum Glück war sie besser erzogen und wandte sich einfach wieder Annika zu, anstatt sich weiter in den Streit einzumischen.

„Hach ja... Hier wird’s nie langweilig, hm?“, grinste Inaga, die von der anderen Seite des Tisches herübergekommen war und sich jetzt neben Sala auf die Bank fallen ließ. Sala bedachte sie dafür mit einem zweifelnden Blick, doch Inaga bekam das gar nicht mit. „Lass sie Arisa. Wir sind trotz allem noch Kinder und manchmal müssen wir uns auch so benehmen. Sie kriegt sich schon wieder ein.“ Ich lächelte ihr dankbar zu. „Da hast du wohl recht. Auch wenn das ihr Verhalten nicht entschuldigt. Aber darüber wollte ich jetzt gar nicht weiter streiten. Hat denn bei euch sonst alles gut geklappt? Ihr musstet ja noch einiges umräumen und jetzt noch eine weitere Person im Zimmer zu haben ist ja auch eine Umstellung, hm?“

„Das kannst du wohl sagen. War echt nicht witzig gestern Abend alle meine Sachen umzuräumen, aber zusammen ging es dann doch relativ schnell. Heute Morgen hat eigentlich alles ganz gut geklappt, außer dass wir jetzt zusätzlich zu mir noch eine Schlafmütze haben“, erzählte Inaga lachend drauf los, was Sala äußerst unangenehm erschien. Um die Stimmung locker zu halten, sagte ich: „Oh, da haben sich Dorina und Annika bestimmt gefreut. Wir haben auch zwei Schlafmützen bei uns. Das ist immer ein Theater bis man euch aus dem Bett hat.“ Ich fiel in ihr Lachen ein und auch Sala musste lächeln. „Lass mich raten Nytra und Zora sind die Schlafmützen?“, riet sie und lachte ebenfalls ein bisschen. „Nein, Zora kann gut aufstehen. Aber Tanya braucht auch immer erst fünf Minuten bis sie zu was zu gebrauchen ist“, erklärte ich. Inaga grinste und schaute zu Tanya herüber. „Hätte ich von ihr gar nicht erwartet. Aber sie hat bestimmt wenigstens die Disziplin, trotz schlechter Stimmung schnell aufzustehen.“ „Stimmt. Das hilft“, gab ich zu. „Kann man von Nytra nicht behaupten. Die hat null Disziplin“, sagte Sala mit einem abschätzigen Blick in Nytras Richtung.

Ich hatte das Gefühl, ihr widersprechen zu müssen, aber mir fiel nichts ein, was ich hätte sagen können. Nytra hatte bisher nichts getan, was diese Aussage entkräften könnte. Überraschenderweise sprach Inaga sich für sie aus. „Das stimmt nicht. Ich hab zwischendurch gesehen wie sie beim Training ist. Sie hat verdammt viele Schwierigkeiten, aber sie hat bis jetzt immer durchgehalten, egal wie schwer es war. Sie läuft mit Tanya und Sukira ihre Runden zu Ende und macht die Übungen so gut sie kann und so oft, wie sie soll. Obwohl selbst Risa unmöglich mitzählen kann und sie sicher vorher aufhören könnte.“ Erstaunt blickte ich sie an. So genau hatte selbst ich noch nie darauf geachtet, aber sie hatte recht. Sala schaute zwar verärgert, doch scheinbar hatten Inagas Beobachtungen ihr die Sprache verschlagen.

„Leute? Wir müssen zum Unterricht“, verkündete Annika und stand vom Tisch auf. Wir brachten unsere Tabletts weg und kehrten zum Zimmer zurück, um unsere Schulsachen zu holen.



TANYA


Arisa zuliebe ließen wir Sala mit uns zum Klassenraum gehen. Sitzen musste sie zum Glück woanders, da in unserer Reihe kein Platz mehr frei war. Wie immer war Raiga natürlich schon vor uns da. Nachdenklich schaute er aus dem Fenster. In diesem Moment wirkte er ein wenig verloren... es ließ ihn jünger erscheinen, kaum älter als wir selbst. „Tanya!“, flüsterte Annika mir zu. „Was meinst du, wie alt er ist?“ Ich warf ihr einen zweifelnden Blick zu und versuchte nicht zu erröten, da sie scheinbar meine Gedanken erraten hatte. „Wer?“, schützte ich Unwissenheit vor.

„Ach, stell dich nicht so doof. Ich weiß genau, wo du hingeguckt hast“, grinste sie wissend. „Also?“ „Keine Ahnung. Alt wahrscheinlich. Die Lehrer sind bestimmt alle älter als sie aussehen“, gab ich nur unwillig zurück. War wahrscheinlich eh wahr. Bestimmt war er in Wirklichkeit dreimal so alt wie wir. Bei dem Gedanken schüttelte es mich ein bisschen. „Glaub ich nicht... Also die Kazu Schwestern sind bestimmt so jung wie sie aussehen. So blöd wie die sich anstellen. Irgendwie muss man das doch rausfinden können...“, grübelte Annika weiter. „Du könntest einfach fragen“, meinte ich gelangweilt, heimlich froh darüber, dass sie sich jetzt darauf konzentrierte und nicht mehr auch mich oder meine Gedanken... „Ach, sowas sagen die einem bestimmt wieder nicht. Erwachsene sind so pingelig mit ihrem Alter...“, seufzte sie und ich zuckte die Schultern.

Als es klingelte fuhr er herum und sagte mit lauter Stimme: „Guten Morgen, Klasse. Ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass wir jetzt endlich vollständig sind. Nun, zumindest für den Rest der Woche...“, er lächelte ein wenig fies. „Wenn sich unser letzter Neuzugang bitte noch einmal vor der Klasse vorstellen würde?“ Unwillig stand Sala auf und stellte sich vor die Klasse. An ihrem Gesichtsausdruck konnte man schon ablesen, wie sehr ihr das zuwider war. Unwillkürlich musste ich lächeln. Irgendwas hatte dieses Mädchen an sich, das dafür sorgte, dass ich sie nicht leiden konnte... „Morgen. Ich bin Sala Mirkena, ab heute in dieser Klasse. Freut mich euch alle kennenzulernen“, log sie dann doch einigermaßen überzeugend und schaute dann zu Raiga. „Kann ich mich dann wieder setzen?“

Ein kurzes sadistisches Lächeln huschte über seine Züge und seine durchdringend gelben Augen funkelten. „Nein, kannst du nicht. Zunächst einmal wüsste ich gerne wie es um deine Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen steht.“ Sala wirkte, als hätte sie ihm am liebsten im nächsten Moment den Kopf abgerissen. „Ich kann meinen Namen schreiben und bis zwanzig zählen und rechnen.“ Einen Moment herrschte Stille. „Das ist alles?“ „Das ist alles“, sie klang unglaublich wütend. Langsam glitt das ganze etwas in Bloßstellung ab... Als wär er sich dessen bewusst, lächelte Raiga jetzt versöhnlich und sagte: „Gut, das ist doch schon ein Anfang. Du kannst dich wieder setzen. Ich erwarte, dass du den Unterricht nicht störst und aufpasst. Ich werde dir gleich die Übungen geben, die die anderen in den letzten Tagen schon gemacht haben. Du kannst dich dann parallel damit beschäftigen und nach dem Unterricht nacharbeiten.“

Sie setzte sich wieder und Raiga trat seufzend hinter das Pult. „So... da das bis Ende dieser Woche noch wichtig wird, ist es meine Pflicht, euch jetzt noch einmal grundlegende Informationen über die Akademie zu geben. Bei Fragen könnt ihr euch gerne melden, aber hört am besten erst einmal bis zum Ende zu.

Also, wie ihr sicher alle wisst, seid ihr hier in der Haupteinrichtung der Akademie. Es gibt hier, wenn alle Plätze ausgefüllt sind, so wie jetzt, genau 192 Schüler. Es sind je 80 Schüler in den ersten beiden Jahrgängen und 32 im dritten.

In den ersten beiden Jahrgängen findet vormittags regulärer Unterricht statt; das bedeutet, ihr lernt im ersten Jahr vor allem Lesen, Schreiben und Rechnen, sowie Grundlagen in Geschichte und allgemeines Wissen über den heutigen Zustand Naregas. Im zweiten Jahr wird all das noch etwas weiter vertieft, aber es kommen auch neue Fächer und Aufgaben hinzu, wie zum Beispiel Kochen, Nähen oder andere praktische Fähigkeiten. Wie ihr ja bestimmt bereits bemerkt habt, ist der zweite Jahrgang auch dafür zuständig, das Essen für die ganze Akademie zu kochen.

Nachmittags findet das Kampftraining statt. Dabei geht es in den ersten paar Wochen vor allem erst einmal darum, eure Kondition aufzubauen und euch grundlegende Bewegungsabläufe einzuprägen. Später werden diese komplizierter werden und zum Übergang zum zweiten Jahrgang hin, werdet ihr auch lernen, mit verschiedenen Waffen umzugehen. Auch das wird dann im zweiten Jahrgang vertieft.

Am Ende jedes Jahres erhaltet ihr ein Zeugnis, auf dem ihr sehen könnt, wie gut ihr in den einzelnen Bereichen abgeschnitten habt. Für die meisten wird das ziemlich uninteressant sein, doch für diejenigen, die den dritten Jahrgang erreichen wollen, ist es durchaus wichtig, denn wie ihr ja wisst, wird der dritte Jahrgang aus den besten Schülern des zweiten gebildet. Dabei ist es natürlich so aufgeteilt, dass wie grundsätzlich überall an der Akademie, genauso viele Jungen wie Mädchen den Jahrgang erreichen können. Die beiden Hauptfaktoren für eine Zulassung zum dritten Jahrgang sind eure Ausdauer und euer Können, was das Kämpfen anbelangt. Logisch, wenn man bedenkt, dass der dritte Jahrgang dafür zuständig ist, die Akademie im Falle eines Angriffs zu schützen.

Weitere Informationen zum dritten Jahrgang werden diejenigen unter euch erhalten, die ihn in zwei Jahren dann wirklich erreichen, da es für die meisten hier unnötig wäre. Die meisten von euch werden diese Akademie in zwei Jahren erfolgreich wieder verlassen und nach Hause zurückkehren. Das wäre dann zunächst einmal alles. Gibt es noch irgendwelche Fragen?“


Ich hatte einige Fragen. Wenn in dieser Welt seit 1515 Jahren Frieden herrschte, warum ging man dann davon aus, dass die Akademie angegriffen würde? Warum hielt man soviel über den dritten Jahrgang geheim? Warum kam es wirklich nur auf die physische Stärke an, wenn man ihn erreichen wollte? Und warum gingen sie praktisch davon aus, dass wir das alles schlucken und in zwei Jahren einfach so wieder verschwinden würden?

Misstrauisch schaute ich mich um. Die anderen wirkten teilweise gelangweilt, als hätten sie gar nicht richtig aufgepasst. War ich die einzige, die sich diese Fragen stellte? War ich zu misstrauisch? Mutter und Erika hatten mir schon oft gesagt, dass das ein problematischer Wesenszug von mir sei. Ich seufzte und schwieg.

Da hob ein Mädchen aus der Klasse die Hand. Sie hatte hellbraunes Haar und freundliche karamellfarbene Augen. Bisher war sie mir nie besonders aufgefallen, ich wusste nicht mal mehr ihren Namen. „Ja, Skyla?“ „Ich habe gehört, dass es auch möglich ist, weiter an der Akademie zu bleiben, auch nachdem die beiden Jahre um sind. Was ist mit dieser Möglichkeit?“ Sie stellte zwar keine meiner Fragen, doch auch das war schon interessant. Erwartungsvoll schaute ich nach vorne. Wie würde Raiga darauf reagieren, dass er uns diese Information vorenthalten hatte.

„Da stellst du eine gute Frage“, lächelte er zu meiner Überraschung liebenswürdig. „Es tut mir leid, dass mir diese Möglichkeit entfallen ist. Natürlich besteht auch nach den regulären zwei Jahren eine Möglichkeit weiter ein Mitglied der Akademie zu bleiben. Man kann sich in einer der Zweigstellen weiter ausbilden lassen. Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig und selbst ich weiß nicht, welche es alle gibt. Am interessantesten für euch sind wahrscheinlich entweder die Ausbildung zum Lehrer, so wie ich oder die anderen hier an der Akademie, oder aber die zum Späher, mit denen die meisten von euch ja Kontakt gehabt haben sollten. Wenn ihr spezifischere Fragen in die Richtung habt, würde ich euch raten, euch an Risa zu wenden, sie ist die Ansprechpartnerin für solche Dinge und weiß mit Sicherheit mehr darüber als ich. Ich hoffe, das hat deine Frage fürs erste beantwortet“, schloss er mit einem Blick in Skylas Richtung. Sie nickte und lächelte vor sich hin.

„So, wenn das alle Fragen waren, würde ich mit dem Unterricht fortfahren.“

Über die letzte Antwort hatte ich meine Fragen vollkommen vergessen und so machte ich einfach mit, als der Unterricht weiter ging. Ich scherzte mit Annika und wir bekamen natürlich zwischendurch wieder ein paar mahnende Blicke und wurden dran genommen, wenn wie wirkten, als hätten wir nicht aufgepasst. Alles verlief wie die letzten Tage schon und das bohrende Gefühl, dass ich gehabt hatte, verschwand und war vergessen. Erst im Nachhinein kam mir der Gedanke, es wäre vielleicht doch schon damals besser gewesen, meine Fragen zu stellen...



NYTRA


Der Wind peitschte graue Wolken über den Himmel. Ich schaute zu, wie sie ihre Form veränderten und immer wieder neue Bilder darstellten. Es war auf beruhigende, langweilige Art und Weise faszinierend. Alles hätte so schön sein können...

Wäre da nicht Risa, die scheinbar einen Riesenspaß daran hatte, mich entweder aufzurufen, wenn ich offensichtlich nicht aufgepasst hatte oder mir, wenn ich gerade am einschlafen war, Kreidestücke an den Kopf zu werfen. Immerhin hatte sie bei mir noch nicht die Bleistifte genommen... Die waren spitz und schienen, Zeos genervter Miene nach zu urteilen, sogar ein bisschen weh zu tun.

Ich gähnte und schaute, ohne den Kopf zu drehen, in ihre Richtung. „Ja?“ Sie schaute ein wenig enttäuscht. „Nytra, ich weiß, für dich ist der Unterricht momentan langweilig und ja, ihr seid sicher alle sehr müde von dem ungewohnten Alltag, aber ich fände es doch gut, wenn du mir jetzt einmal zuhören würdest.“ Sie klang nicht genervt wie sonst, sondern traurig. Toll. Hatte sie etwa schon herausgefunden, dass sie mich so eher rumbekam?

Ich verdrehte die Augen, setzte mich aber richtig hin und schaute jetzt aufmerksam in ihre Richtung. Beachtet das Wort 'schaute'. Ich hatte natürlich nicht vor, wirklich aufzupassen. Neben mir kicherte Arisa schadenfroh, was mich unwillkürlich ein wenig säuerlich lächeln ließ. Es war schön jemanden zu haben, mit dem man sich verstand und mit dem man gegenseitig schadenfroh sein konnte.

Risa begann dann irgendeinen Blödsinn von wegen 'wichtiger offizieller Informationen' zu reden und ratterte dann irgendein Zeug runter, dass ich eh schon kannte. Die anderen schienen gebannt zu lauschen und ich bemühte mich, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich nicht zuhörte. Stattdessen kritzelte ich auf meinem Blatt herum und hoffte, Risa würde denken, ich machte mir Notizen.

Zum Glück kam ich bis zum Ende des Vormittags damit durch. Unter einem langen Gähnen und Strecken, verließ ich den Klassenraum mit den anderen aus meiner Reihe. Sukira ließ sich von mir anstecken und gähnte sehr vornehm hinter vorgehaltener Hand, was mich natürlich zu einem dummen Spruch inspirierte. Nachdem ich dafür von Arisa Ärger bekommen hatte, stießen die anderen zu uns und wir betraten den Speisesaal.

Wir holten uns was zu essen und setzten uns in unsere üblichen Reihen. Mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln stellte ich fest, dass Sala sich schön von den anderen fern hielt und ein wenig angepisst wirkte. Sofort stieg meine Laune und ich wandte mich von ihr ab und angenehmeren Leuten zu.

Die anderen unterhielten sich über die Ansage von heute morgen, sodass ich erstmal still zuhören musste, ich hatte ja nicht aufgepasst. „Was meint ihr, wofür es nötig war, das alles noch mal zusammen zu fassen?“, fragte Arisa und schaute in die Runde. Doch es gab nur ratlose Blicke von allen außer den älteren Jungs. Die grinsten sich untereinander an, als wüssten sie ganz genau, worum es ging, aber schwiegen beharrlich, sobald einer nachfragte. Das sorgte natürlich für angespannte Stimmung beim Essen. Klar, wir waren alle sauer, weil sie uns etwas vorenthielten; sie waren genervt davon, dass wir uns so daran festbissen.

Ich zuckte die Schultern und stupste Tanya leicht von der Seite an. Auf mein verschwörerisches Grinsen reagierte sie nur mit einem genervten Blick aus ihren kalten graublauen Augen. Sie schluckte ihren derzeitigen Bissen runter und fragte dann mürrisch: „Was willst du?“ Ihr machte unser Unwissen am meisten zu schaffen, sowie die Tatsache, dass sich nicht einmal Naro erweichen ließ. „Sag mal, Sala ist doch bei euch in der C, richtig?“, flüsterte ich. Zum Glück saß die gemeinte weit genug weg, sodass sie uns nicht hören konnte. „Ja? Und?“ „Was ist passiert, dass sie so genervt guckt?“ Zu meiner großen Freude, verzog sich Tanyas Gesicht unwillkürlich zu einem Lächeln. Einem wunderbar schadenfrohen. „Raiga hat ihr die ganze Arbeit der letzten drei Tage aufgebrummt, weil sie die ja verpasst hat. Das darf sie jetzt zusätzlich zu allem anderen bis morgen nacharbeiten.“

Ich musste ein lautes Auflachen unterdrücken. Nein, das war ja genial! Eine verdientere Strafe für's zu spät kommen konnte ich mir gar nicht vorstellen. Und auch keine angemessenere. Ich sollte schön aufpassen, in Raigas Gegenwart nicht negativ aufzufallen... Na gut, nicht allzu sehr. Das alles bis morgen zu machen, war echt hart. Und dazu kam noch ihr erstes Nachmittagstraining heute... Wieder musste ich ein Lachen unterdrücken.



ZORA


Beim Abendessen saßen wir wieder alle zusammen. Je größer die Gruppe geworden war, desto unübersichtlicher wurde das ganze. Das Gespräch teilte sich grundsätzlich in mehrere kleinere Gruppen auf, doch wir hatten ein paar Leute dabei, die nicht ganz bei der Sache zu sein schienen. Ich fand es äußerst witzig zu sehen, wie schnell sich die ersten... ich sage mal Interessen herausbildeten. Dass Tanya zwischendurch immer wieder nur Augen für Naro hatte, war schon die ganze Zeit so offensichtlich wie das was-auch-immer, das zwischen Arisa und Zeo abging. Ich hatte keine Ahnung, was zwischen den beiden passiert war, aber irgendwie war das echt seltsam.

Von Dorina und Klaris wusste ich schon, dass sie angeblich noch niemanden interessant fanden, aber da war ich mir bei Dorina nicht so sicher. Sie hatte zwischendurch immer mal wieder in Baris Richtung geguckt. Er war mit persönlich viel zu still, aber da Dorina ja auch ruhiger war als ich, könnte das durchaus was werden. Ich persönlich fand bis jetzt Keiro am interessantesten. Ich hatte es sehr genossen, mit ihm über meine Familie zu sprechen und über Heimweh. Außerdem sah er nicht gerade schlecht aus. Andererseits verstanden Dorina und ich uns wirklich fantastisch, aber ich wusste nicht, ob sie an Mädchen interessiert war.

Inaga schien sowohl mit den Mädchen als auch mit den Jungs klarzukommen, bei ihr war mir noch zu niemandem etwas aufgefallen. Nytra schien ebenso an niemandem interessiert. Am häufigsten beobachtete sie Arisa und Zeo, aber das hauptsächlich, um später Arisa mit ihren Beobachtungen aufzuziehen. Dafür hatte sie in Aki einen so offensichtlichen Verehrer, dass es mich wirklich wunderte, dass ihr das noch nicht aufgefallen war. Aki wiederum schien Sala zu interessieren. Das war äußerst unglücklich, wenn man die sowieso schon zwischen den beiden herrschende Spannung bedachte, aber vielleicht war Sala ja auch wirklich nur an Aki interessiert, weil er etwas von Nytra wollte.

Ich seufzte. So viel unerwiderte Liebe, das machte einen schon fast wieder traurig. Ich ließ meinen Blick noch einmal durch die Runde wandern. Naja, wir standen ja erst am Anfang. Es konnte sich also noch so einiges entwickeln. Ich lächelte. „Was machst du da die ganze Zeit?“, fragte Klaris und verengte ihre orangenen Augen. Klar, nach außen hin mussten meine wechselnden Gesichtsausdrücke komisch gewirkt haben. „Ach nichts. Ich hab nur ein bisschen nachgedacht“, grinste ich sie an. „Und über was?“ Ich lachte und bedeutete ihr, sich zu mir zu beugen. Dann flüsterte ich ihr ins Ohr: „Darüber, wer hier wohl wen mag.“ Das tilgte ihre Neugier und sie schüttelte den Kopf. „Du bist echt neugierig... über sowas jetzt schon nachzudenken...“ Sie tat so, als ob es sie überhaupt nicht interessiere, aber so ganz glaubte ich das nicht.

Klaris wandte sich anderen Gesprächen zu und ich versank wieder in Schweigen. Es war zwar schön, dass es hier jetzt auch so lebhaft war, wie bei mir Zuhause, aber wenn ich keinen Teil an den Gesprächen hatte, wurde mir schnell langweilig. Ich schaute mich um und suchte nach einem neuen Gespräch oder einer neuen Gesprächspartnerin und wurde auch fündig.

Sala starrte stumm vor sich hin und wirkte irgendwie bedrückt, weshalb ich fragte: „Hey, alles in Ordnung?“ Sie schaute mich kurz an und mir fiel auf, dass ihre Augen rot waren, als hätte sie geweint. Sie schaute weg und zuckte die Schultern. „Ja, alles gut. Ich bin nur ganz schön müde. Und dann hat mir dieses Arschloch Raiga auch noch aufgegeben, alles nachzuarbeiten, was ihr in den letzten drei Tagen gemacht habt.“ Sie tat mir leid, also versuchte ich, sie aufzumuntern. „Ach, so viel ist das gar nicht. Und so schwierig auch nicht, wenn man es einmal verstanden hat. Du kannst es ja auch hier machen, dann können wir dir notfalls helfen“, bot ich an. „Aber dir das alles aufzubrummen... das ist ja schon etwas viel. Hiko hätte sowas nie gemacht...“

„Pah! Geschieht dir nur recht, dass du jetzt alles nachmachen musst. Wenn du früher da gewesen wärst, wär das nicht passiert“, mischte sich auf einmal Nytra ein. Sie war von der anderen Seite des Tisches herübergekommen und baute sich jetzt neben Sala auf. „Nytra! Sei nicht so gemein!“, ging ich noch dazwischen, aber das schien sie gar nicht zu interessieren. „Aber vielleicht willst du ja doch lieber ganz schnell wieder von hier verschwinden. Das Training nachmittags wird nur noch härter. Wenn du jetzt schon heulst, verpiss dich lieber gleich!“, grinste sie hämisch. So arrogant und furchtbar hatte ich sie noch nie erlebt und hatte mir auch nicht vorstellen können, dass sie so sein könnte.

Sala sprang auf und stellte sich Nytra gegenüber. Nytra schaute ihr scheinbar furchtlos entgegen und grinste weiterhin. Im nächsten Moment hallte ein lautes Klatschen durch den Saal, das alle Gespräche verstummen ließ. „Was fällt dir eigentlich ein?! Du kleine, miese Versagerin versuchst mich fertig zu machen? Meinst du, ich weiß nicht, dass du verdammt noch mal die letzte beim Laufen warst? Meinst du, ich hätte vergessen, dass du ein faules Stück Scheiße bist?! Die anderen hier kennen dich vielleicht nicht und wissen nicht, wie du bist, aber ich schon. Du bist absolut unfähig und zu nichts zu gebrauchen und das wird sich auch nie ändern!“, giftete Sala zurück. Ihre Hand hatte sie immer noch erhoben, während sich Nytra erschrocken die Wange hielt.

Doch im nächsten Moment hatte Nytra Sala am Kragen gepackt, was nicht so gut funktionierte, da Nytra die kleinere der beiden war, und starrte ihr wütend in die Augen. Nytra sagte nichts, hielt sie nur in ihrem mühevoll aufrechterhaltenen Griff, während Sala versuchte sich loszumachen. Sie ballte die freie rechte Hand zur Faust und holte aus, als im letzten Moment auf einmal Tanya und Inaga dazwischen gingen.

Tanya fing Nytras Faust ab, während Inaga Sala aus ihrem Griff befreite. Nur um im nächsten Moment die vermeintlich Gerettete davon abzuhalten, sich erneut auf Nytra zu stürzen. „Jetzt reicht's!“, brüllte Tanya durch die ganze Halle. „Solches Verhalten unter meinen Mitschülerinnen dulde ich nicht.“ Sie warf beiden einen scharfen Blick zu und ließ Nytra los. Inaga hingegen hatte immer noch alle Hände voll zu tun, da Sala immer noch zappelte.

„Ich hab es euch beiden schon gesagt; Nytra, dir sogar mehrmals. Was auch immer zwischen euch passiert ist, bevor ihr hierher gekommen seid, ist scheißegal. Hier an der Akademie seid ihr ebenbürtige, freie Nare und ich verlange von euch, dass ihr euch auch so verhaltet. Das heißt, dass ihr vernünftig miteinander umgeht. Keine Beleidigungen, keine Verletzungen und vor allem kein hirnloses aufeinander losgehen. Ihr habt scheinbar beide Probleme euch unter Kontrolle zu halten, aber daran müsst ihr arbeiten. Auch dafür seid ihr hier.

Inaga und ich werden den Lehrern nicht mitteilen, was hier gerade passiert ist. Ihr könnt nur hoffen, dass die anderen es damit genauso halten. Für heute lassen wir euch davon kommen. Sollte das jedoch noch einmal passieren, könnt ihr euch sicher sein, dass ihr eine richtige Strafe dafür bekommen werdet. Und jetzt setzt euch wieder hin oder macht sonst was. Hauptsache, ihr verhaltet euch ruhig.“

Jetzt endlich konnte Inaga Sala loslassen. Wütend machte diese sich frei. „Das ist noch nicht vorbei“, zischte sie noch mit einem wütenden Blick in Nytras Richtung, ehe sie mit langen Schritten den Saal verließ. Als Nytra aufspringen wollte, um ihr zu folgen, drückte Tanya sie mit eiskaltem Blick wieder zurück auf die Bank. „Bleib. Hier“, sagte sie bedrohlich. Dann kehrten auch sie und Inaga auf ihre Plätze zurück. Im Raum setzte langsam das allgemeine Gemurmel wieder ein, während Nytra Tanya mit Todesblicken bedachte.

„Warum hast du dich eingemischt?!“, zischte sie. „Ich denke mal, ich muss dir nicht wiederholen, was gerade passiert ist. Das sollte deine Frage beantworten“, antwortete Inaga statt Tanya verärgert. „Ich hab nicht dich gefragt. Ich hab sie gefragt, warum sie sich eingemischt hat“, gab Nytra zurück und schaute weiterhin Tanya an. Diese erwiderte ihren Blick erst jetzt. „Das habe ich gleich am Anfang gesagt. Ich dulde solches Verhalten unter Mitschülerinnen nicht.“ „Und seit wann hast du das Recht in unser Verhalten einzugreifen?“ „Seit wir Mitschülerinnen sind. Verdammt nochmal, verstehst du denn gar nichts?!

So etwas wie das da gerade, geht gar nicht. Da muss jemand eingreifen. Aber die Lehrer, die eigentlichen Verantwortlichen, sind nicht da. Sie lassen uns diesen Freiraum. Und warum? Weil das hier ein Test ist. Wir sollen es selbst hinbekommen, dass in der Stufe ein vernünftiges Klima herrscht. Dass sich Leute nicht so benehmen wie ihr beide. Ich dachte, du wärst schlau genug, das auch zu kapieren, aber da hab ich mich wohl geirrt.“

Alle schwiegen. Jetzt, wo sie das aussprach, wurde uns allen bewusst, dass sie höchstwahrscheinlich recht hatte. Beeindruckt schaute ich zu ihr auf. Ich hatte gewusst, dass sie die gebildeteste von uns war, aber mir war nicht klar, dass sie auch die schlaueste war.

Nytra saß da und runzelte ärgerlich die Stirn. Sie schien eine Zeit lang mit sich zu ringen, ehe sie dann sagte: „Ist ja gut. Du hast recht.“ Es kam keine Entschuldigung, kein großes 'Ich verspreche, mich zu ändern', aber das war von ihr auch nicht zu erwarten. Mit großer Freude spürte ich, wie die Anspannung am Tisch langsam nachließ. Arisa versuchte Nytra abzulenken, indem sie sie in ein Gespräch verwickelte, in das sie auch Sukira einbezog. Die beiden waren Ruhepole zu Nytras aggressivem Wesen.

Ich saß direkt neben Tanya und Inaga und bekam mit, was die beiden noch kurz besprachen. „Das war ganz schön knapp...“, seufzte Inaga gerade. „Sala wäre sofort zu den Lehrern gerannt“, erklärte Tanya mir besorgt. „War es gut, wie wir mit der Situation umgegangen sind?“, fragte sie dann Inaga. „Du hast das sehr gut gemacht“, lächelte diese. „Besser als ich am Anfang.“ „Oh, wirklich?“ Tanya seufzte erleichtert und lächelte auch ein wenig. „Ich bin froh, dass zumindest Nytra schnell unter Kontrolle zu bringen war...“ „Sie ist eigentlich eine gute. Sie ist nur zu aufbrausend und muss noch lernen, sich selbst zu kontrollieren.“ Inaga sagte das sehr zuversichtlich, doch in ihren Augen bemerkte ich Zweifel und eine gewisse Sorge.

„Bei Sala sieht das jedoch ganz anders aus. Dieses Mädchen wird uns noch verdammt viel Ärger machen“, sagte sie dann mit einem hasserfüllten Blick in Richtung der Tür, durch die Sala verschwunden war.

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