Prolog


Die weiße Stute rollte mit den Augen. Schnaubend warf sie den Kopf in den Nacken und stieg ein ganzes Stück auf die Hinterbeine. Schaum stand ihr vor dem Mund, während das Kind mit den Zügeln in der Hand zurück stolperte, einen Ausdruck bodenlosen Entsetzens im Gesicht, als habe sich die Stute in ein furchtbares Monster verwandelt.

„Du musst selbstbewusst auftreten“, riet der Stallbesitzer gutmütig, der den Vorfall nur halb mitbekam – er half gerade einem jüngeren Kind bei der Säuberung der Hufe eines bockigen Ponys.

Das Mädchen schluckte und trat wieder herein in die Box des Apfelschimmels, die Zügel fest in den schwitzigen Händen. Eine schnelle Bewegung sollte eigentlich reichen – das Gebiss zwischen die Zähne klemmen, den Riemen über die Ohren, dann die Hände wieder in Sicherheit ziehen und hoffen, dass sich der Rest von selbst erledigte.

Die Stute hatte die Augen so weit verdreht, dass sie beinahe weiß erschienen. Die Flanken zitterten. Wieder stieg die Stute leicht in die Höhe.

Als die Vorderhufe den Boden wieder berührten, sprang das Mädchen vor und griff nach dem Pferdekiefer. Sie hatte unzählige Pferde gezäumt, sie war die beste Reiterin dieses Stalls.

Diesmal schossen stechende Schmerzen durch ihre Finger. Sie schrie auf und stolperte nach hinten auf den Gang hinaus, fiel über die Metallkante im Eingang des Stalls und auf den Boden. Blut sprudelte aus der Wunde an ihrem Finger.

Der Besitzer des Stalls war mit wenigen Schritten bei ihr. Die Tür zum Stall der Stute fiel knallend ins Schloss, dann beugte er sich über das Mädchen.

„Was ist passiert?“

„Sie … sie hat mich gebissen!“, weinte das Mädchen. Die Wunde war nicht tief, aber dafür saß der Schock umso tiefer.

„Ich hab dir doch gesagt, dass du vorsichtig mit ihr sein sollst“, sagte der Besitzer.

„Ich war ja auch vorsichtig!“, das Mädchen sah zu den anderen Kindern herüber, allesamt unerfahrene Anfänger, die bereits fast fertig waren. Das war noch schlimmer für Viktorias verletzten Stolz: Vor den Anfängern dazustehen wie ein dummes Kind! Sie, die fast seit ihrer Geburt mit Pferden zu tun hatte.

„Das Vieh ist wild!“, sie zeigte anklagend auf die Stute. „Lass mich wieder Rocket reiten!“

„Gut“, sagte der Stallbesitzer und half ihr auf. „Was ist mit deinem Finger? Willst du ein Pflaster, oder lieber Schluss für heute?“

„Ein Pflaster reicht“, sagte Viktoria und stolzierte nach einem letzten Blick auf die rasende Stute davon. Das Pferd wieherte ihr nach.

Der Stallbesitzer wandte sich jetzt zu dem eingesperrten Pferd und legte eine Hand an den Riegel, um die Tür zu öffnen.

Ein lauter Schlag ließ das Holz erzittern, mehrere Anfänger in der Nähe schrien erschrocken auf, und auch ein paar Ponys versuchten, durchzugehen. Mit wild rollenden Augen schnaubte und wieherte und stieg die weiße Stute mit den grauen Flecken.

Entsetzt sah der Besitzer auf das wilde Pferd. „Was soll ich nur mit dir machen? Wenn man dich nicht reiten kann, bringst du keinen Profit. Dann kann ich dich nicht behalten, dafür habe ich das Geld nicht. Und deine Besitzerin … nun ja, sie wird wohl kaum zahlen, was?“

Die Stute beruhigte sich scheinbar ein wenig, sah ihn an, als würde sie ihn verstehen.

„Du kannst nicht jeden meiner Schüler beißen, Kleine“, sprach der Besitzer weiter. „Was ist nur los mit dir?“

Er griff wieder nach der Tür, die er losgelassen hatte. Wieder trat die Stute gegen das Holz und warf den Kopf in den Nacken. Sie tobte, als wäre sie tollwütig, allerdings schon wochenlang. Sie bleckte die Zähne und schnappte nach ihm, als wäre das ihre Antwort.

Der Besitzer seufzte. „Ist das so? Dann kann ich nichts mehr für dich tun, Sakura.“

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    Der Anfang gefällt mir schon mal sehr gut :) Herzlich Willkommen bei uns!

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