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                                                            ANNA

Mittlerweile sind schon wieder vier Tage vergangen. Luna hat mir in dieser Zeit so Vieles gezeigt, dass ich am Abend meistens nur in das Bett gefallen bin und ich nur noch schlafen könnte. Sie hat mir gezeigt wie ich mich besser konzentrieren kann und wie ich meine Kräfte auf einen Gegenstand bündeln kann. Doch je näher dieser Vollmond rückt, desto mehr frage ich mich, wie ich Marius aufhalten soll. Ich meine eher damit, wie ich meine Kräfte gegen ihn einsetzen soll. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ich stärker als Luna bin. Sie hat soviel Erfahrung und weiß so viel von dieser Welt. Ich im Gegensatz, weiß fast nichts über diese Welt und schon gar nichts über meine Kräfte. Warum eigentlich ich? Was wenn Marius gewinnt? Es ist eines dieser Gefühle die man hat, wenn etwas einfach ungreifbar scheint. So ist es mit diesem Tag an dem ich Marius aufhalten soll. An dem wir Marius aufhalten sollen. Es ist für mich nicht greifbar. Ich habe solche Angst das ich versage und Marius dadurch diese ungeheure Macht bekommt. Was soll ich nur tun? Werde ich alles richtig machen? Gibt es überhaupt ein Richtig bei dieser Sache? Ich bin einfach überfordert und irgendwie will ich noch immer nicht so ganz wahrhaben, dass ich jetzt mitten in dieser Welt bin. Luna sagte mir bereits am Anfang, dass dieses Training mir einiges abverlangen würde. Jedoch dachte ich, das es einfacher wäre. Es kostet mich doch mehr Kraft als ich gedacht habe. Ich habe mit dem Steine verwandeln weitergemacht und vieles dazu gelernt. Ich kann ihnen jede Naturfarbe geben, die ich möchte. Es ist faszinierend und obwohl ich schon so vieles mit meinen Kräften gemacht habe, kann ich es kaum glauben, dass ich zu so etwas im Stande bin.

Wir haben die ganze Woche über an meiner Kontrolle gearbeitet. Meine Kräfte zu kontrollieren ist das wichtigste überhaupt. Und ohne mich selbst auf eine Treppe zu stellen, ich denke ich habe sehr gute Fortschritte gemacht. Mittlerweile kann ich eine Kerze entzünden und durch andere Augen sehen. Nicht dass ich das nicht bereits gemacht habe, jedoch haben wir es dieses mal mit John versucht. Und es hat gleich beim ersten Mal geklappt. John lässt mich kaum aus den Augen seit dem Alex weg ist. Noch immer frage ich mich wo Alex ist. Doch noch mehr frage ich mich nach diesem Wolf. Den Wolf der in dieser einen Nacht vor meinen Augen aufgetaucht ist und gesagt hat ich sei sein Anker. Ich verstehe es bis heute nicht und ich habe es auch noch nicht Luna erzählt. Ich weiß auch nicht wieso, aber ich weiß noch nicht einmal ob es real war oder nur ein Traum. Ich habe sie nur gefragt was ein Anker ist. Luna sagt, es sei mein Gegenstück. Mein Seelenpartner. Nicht jeder hat einen Seelenpartner als Anker. Doch wenn man so jemanden hat, was laut Luna selten vorkommt, dann hat man immer eine Art Schutzengel. Sie konnte es auch nicht genau erklären, sie meinte nur, dass der eine mit dem anderen verbunden ist. Sein Leben lang. Wenn die Anker zusammen sind können sie ihre Kräfte bündeln.

Mehr Informationen habe ich von ihr noch nicht bekommen. Ich wollte auch nicht mehr nachfragen, denn ansonsten hätte sie wahrscheinlich Verdacht geschöpft. Auch wenn ich ihr vertrauen möchte, kann ich es ihr nicht sagen. Ich kann keinem mehr wirklich vertrauen. Ich bleibe lieber ein wenig zurückhaltender. Ich bin schon zu oft enttäuscht worden und ich will es nicht noch einmal erleben müssen. Zumindest nicht in den Nächsten Tagen.
Mittlerweile kann ich mich vollkommen von meinem Körper ablösen und auch meine Visionen kontrollieren. Ich wusste nicht wie das jemals funktionieren könnte. Aber jetzt ist mir so Vieles klar geworden. Nathan ist bis heute nicht mehr hier aufgetaucht. Irgendwie würde es mich interessieren was er vor hat oder besser gesagt was er macht. Ob Salivana ihn noch immer unter ihrer Kontrolle hat? Aber ich versuche die Gedanken an Nathan und Salivana so gut es geht zu verdrängen. Jedoch habe ich in den letzten Tagen immer öfters das Gefühl an Nathan denken zu müssen. Vielleicht lässt die Wirkung des Zaubers nach. Ich muss bei meiner morgigen Trainingseinheit mit Luna darüber sprechen.

Da Alex jetzt weg ist, fühle ich mich in der Nacht meistens ziemlich einsam. Ich weiß auch nicht. Irgendwie fehlt er mir. Seit einigen Tagen habe ich eine Beschäftigung gefunden die mich ihm ein klein wenig näher sein lässt. Auch wenn er mich verletzt hat, möchte ich zu gerne wissen wo er ist und ob es ihm gut geht. Um nicht in meiner Einsamkeit zu ersticken versuche ich immer, bevor ich einschlafe, ob ich zu Alex durchkomme. Also ich meine zu seinen Augen. Manchmal schaffe ich es. Aber ich kann meist nur wenige Bilder wahrnehmen und meist dann, wenn ich etwas erkennen kann, verschwindet das Bild wieder vor meinen Augen. Es ist fast so als sollte ich es nicht sehen können.

Ich liege wieder in meinem Bett. Heute hat Luna gesagt das wir Morgen einen Schritt weiter gehen. Ich weiß zwar nicht ganz was dies bedeutet, jedoch bin ich schon gespannt. Es ist einfach faszinierend zu was diese Magie fähig ist.

Ein letztes Mal möchte ich es noch versuchen ob ich zu Alex durchkomme. Aber irgendwie funktioniert es heute nicht mal annähernd. Aber ich kann auch nicht einschlafen und je mehr ich es versuche, desto ungeduldiger werde ich. Ich versuche es noch einmal und plötzlich sehe ich Alex vor mir. Irgendetwas stimmt nicht. Ich kann Alex sehen? Und es ist nicht so das ich durch seine Augen sehe. Es sind die Augen eines Fremden. Denke ich. Ich habe keine Ahnung wie ich das jetzt hinbekommen habe. Anders als sonst, kann ich alles klar und deutlich erkennen. Es ist nichts verschwommen und im Hintergrund sehe ich ein modern eingerichtetes Zimmer. Die Wände weiß und sehr steril. Aber ich kann nichts weiter erkennen, denn der Blick richtet sich starr auf Alex. Irgendwie kenne ich den Gesichtsausdruck, den Alex gerade aufgelegt hat. Und schon weiß ich woher ich diesen Gesichtsausdruck kenne. Denn das Bild vor mir lässt keine Zweifel aufkommen. Die Person, durch deren Augen ich sehe, küsst gerade Alex. Ich kann es kaum fassen und schüttle meinen Kopf. Nicht so, dass er nicht machen kann was er will, aber irgendwie hätte ich es nicht von ihm erwartet. Nur zu gerne möchte ich wissen durch welche Augen ich gerade gesehen habe.

Nun bin ich wieder in meinem Zimmer. Alleine und verwirrt. Obwohl ich nicht gedacht habe dass es mich so trifft, überkommt mich eine Traurigkeit. Ich weiß nicht was ich mir dabei gedacht habe. Jetzt erst bemerke ich, wie sehr es mich schmerzt. Auch wenn er so ein Arsch war, trifft es mich mitten ins Herz. Jetzt hat er mir bewiesen, dass er nichts für mich empfinden kann. Irgendwie hat es ja auch etwas Positives. Vielleicht fällt es mir jetzt leichter, keine Gefühle mehr für ihn zu zulassen.

Ich setze mich auf und stütze meinen Kopf in meine Hände. Irgendwie bekomme ich gerade keine Luft und ich habe das Gefühl, dass mich dieser Raum einengt. Ich kann kaum atmen. Panik überkommt mich und ich kann nicht anders als mir meine Sachen anzuziehen und nach draußen zu laufen. Meine Brust schnürt sich zusammen und mein Magen fühlt sich an, als hätte jemand mit der Faust dagegen geschlagen. Was ist bloß los mit mir? Mein Verstand will nicht, dass ich verletzt bin. Doch mein Herz zerspringt gerade wieder einmal zum tausendsten mal. Gerade stelle ich mir die frage, was ich noch alles ertragen kann. Wie viel Zurückweisung und Demütigung noch? Ich vermisse es, einfach geliebt zu werden ohne zu zögern und zu zweifeln. Doch je mehr ich mir es wünsche, desto mehr scheint sich alles Gute von mir zu entfernen.
Als ich die Tür zur Terasse öffne, erwartet mich eine melancholische Umgebung.
Die Dämmerung hat bereits eingesetzt und einige Sterne strahlen am Himmel. Ich atme tief ein und versuche mich irgendwie zu beruhigen. In mir herrscht ein auf und ab und gerade habe ich das Gefühl zu explodieren. Es ist als würde sich in mir ein Energieball befinden, der sich entlädt. Ich kann kaum in Worte fassen was gerade in mir vorgeht. Dieses Gefühl ist so fremd und ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll. Es ist, als ob ich rennen müsste und das tue ich auch. Ich laufe los, ohne zu überlegen wo ich hinlaufe. Es ist als wäre ich in Trance und würde von Etwas gesteuert werden.

Erst nach einiger Zeit merke ich das es stockdunkel ist und ich mitten im Wald stehe. Aber es ist noch immer soviel Energie in mir übrig, also laufe ich weiter. Ohne Angst zu haben laufe ich immer weiter. Ich vergesse alles um mich herum. Ich weiß nicht wie lange ich schon unterwegs bin. Als ich wieder einigermaßen zur Besinnung komme, erschrecke ich jedoch und bekomme Angst. Ich habe keinen blassen Schimmer wie ich hier her gekommen bin. Also ich weiß schon dass ich gelaufen bin. Aber wieso hier her? Ich wollte auf keinen Fall hier her?

Ich stehe vor Nathan's Haus. Mein Herz pocht wie wild und meine Atmung ist so schnell, dass ich kaum Luft bekomme. Ich weiß nicht was ich machen soll, alles ist einfach wie in einem Film vor mir abgelaufen. Ich will mich wieder umdrehen und so schnell als möglich zurück zu Alex's Haus. Aber als ich mich umdrehe und einen Blick zu den großen Bäumen und dem stockdunklen Wald mache, bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe ja nicht einmal ein Telefon bei mir, um jemanden anzurufen der mich abholen kommt. Immer dann, wenn ich denke es geht nicht mehr Schlimmer, bringe ich mich selbst wieder in solche Gefahr.

In meinem Kopf laufen die verschiedensten Lösungsvorschläge hin und her. Aber ich komme nur auf eine Lösung. Ich muss den ganzen Weg zu Fuß zurück legen. Kaum zu denken wie lange ich unterwegs sein werde. Außerdem ist es stockdunkel. Ich fühle mich gerade so taub.

Aber ich muss mich auf den Weg machen! Gerade als ich an der Veranda von Nathan's Haus vorbeigehe, überkommt mich ein kalter Schauer. Irgendetwas ist hier komisch.
Die ganze Zeit über frage ich mich, was mit mir nicht stimmt. Ich bin hier und weiß nicht wie oder warum. Ich habe absolut keine Ahnung, was ich für Absichten habe. Was wenn Nathan mich spürt? Mein Herzschlag erhöht sich und ich weiß nicht was ich tun soll. Wenn er mich jetzt findet bin ich geliefert.

Plötzlich, als hätte ich es gespürt, öffnet sich mit einem lauten Knarren die Tür der Veranda. Ich zucke zusammen und rechne mit dem Schlimmsten. Denn ich erkenne Nathan in der Tür. Ich halte ohne nachzudenken meinen Atem an. Dieses Gefühl, dass ich gerade habe, kenne ich nur zu gut. Es ist das Gefühl gleich sterben zu müssen. Ich habe Angst und Panik. Was wird er mit mir anstellen? „Das ist doch klar“ sage ich zu mir selbst. Er wird mir das Blut bis auf den letzten Tropfen aussaugen und mich umbringen.
Ich bleibe wie angewurzelt stehen und mein Blick haftet an Nathan. Ich bin wie erstarrt und kann mich nicht bewegen. In meinem Kopf schließe ich schon mit allem hier ab. Und plötzlich, als wäre ich wieder in Trance, läuft alles was ich und Nathan miteinander erlebt haben vor mir ab. Ich spüre alles. Als er mich fast umgebracht hat. Aber auch als er mich gerettet hat und freundlich zu mir war. Als wir in der Scheune getanzt haben und er das Blut aus meiner Hand gesaugt hat. Schon dort wusste ich irgendwie, dass ich irgendeine Verbindung zu ihm habe. Er hat immer schon etwas in mir ausgelöst. Nur wollte ich es lange nicht wahrhaben. Irgendetwas ist zwischen uns, was ich nicht erklären kann. Es ist vielleicht wirklich so, wie Luna gesagt hat „Unsere Seelen sind miteinander verbunden“.

Ich erinnere mich auch daran, als er mich an sich gedrückt hat und ich mich trotz der ganzen Vorgeschichte, in seinen starken Händen sicher gefühlt habe. Alles.... es ist einfach ALLES wieder da. Mein Herz scheint fast zu explodieren. Diese Gefühle die ich einige Zeit nicht gespürt habe, sind einfach in diesen paar Sekunden wieder da und ich muss damit klarkommen. Er steht noch immer in der Tür und ich sehe ihn jetzt anders an, als vorhin. Ohne es unter Kontrolle zu haben, läuft langsam eine Träne über meine Wange. Ich habe ihn vermisst. Also nicht den bösen Nathan. Den guten Nathan. In diesen Nathan habe ich mich auch verliebt.

Aber irgendetwas ist anders. Ich kann nicht genau sagen was. Er sieht mich nicht an. Er steht nur in der Tür, seinen Blick auf den stockdunklen Wald gerichtet. Das wenige Mondlicht scheint auf seine makellose Haut und sein Shirt lässt einen kleinen Anblick von seinem gut gebauten Oberkörper durchscheinen. Keine Ahnung wieso ich nicht vor Angst weglaufe und ich ihn immer noch so ansehe. Aber er ist einfach wunderschön. Sein Haar ist etwas wild durcheinander. Genau wie es mir gefällt. Sein Blick jedoch wirkt traurig und dunkel. Ich weiß wirklich nicht was ich hier mache, aber ich kann, besser gesagt ich will nicht von ihm weg.

Plötzlich, ohne dass ich damit rechne, öffnen sich seine weichen Lippen und er steigt die Treppen der Veranda hinab. Er steht jetzt nur mehr einige Meter von mir entfernt. Und als wäre ich nicht schon verwirrt genug, dass er nicht sofort zu mir kommt und mich anfällt, beginnt er zu sprechen. Ich zucke zusammen als ich diese vertraute Stimme nach so langer Zeit wieder zu hören bekomme.

„Anna.... ich weiß du bist hier. Ich kann dich spüren.“

Dieser Zauber.... es muss dieser Zauber sein. Er kann mich nicht sehen. Fast schon hätte ich den Zauber vergessen. Ich wusste schon, das dieser Zauber funktioniert. Nur dachte ich nicht daran, dass er auch außerhalb von Alex's Reich funktioniert. Eine Erleichterung überkommt mich und meine Atmung wird wieder etwas weicher und langsamer.

Obwohl es mich schmerzt und ich doch ein bisschen Angst vor ihm habe, gehe ich ein paar Schritte auf ihn zu. Ich kann nicht anders. Ich bin noch immer wie ferngesteuert. Als mich nur noch ein kleiner Abstand von ihm trennt, spricht er mit ruhiger Stimme weiter.

„Anna, falls du mich hören kannst. Es tut mir leid. Ich wollte dir niemals etwas antun. Es war dieser Zauber. Sie hat mich in eine Falle gelockt und mich unter ihrer Kontrolle gehabt. Aber ich verspreche dir, du musst keine Angst mehr haben. Melina hat mir geholfen wieder ich selbst zu sein. Also bitte hab keine Angst mehr. Ich hoffe du kannst mir verzeihen. Ich wollte dir nicht wehtun. Es tut mir so verdammt leid.“

Er sieht verbittert aus und ich bin sprachlos. Diese Worte. Ich kann kaum glauben, dass er diese Worte gerade ausgesprochen hat. Ich möchte ihn jetzt so gerne berühren, aber ich habe trotz allem noch Angst. Er könnte noch immer unter der Kontrolle von Salivana stehen. Das könnte auch ein Versuch von ihm sein, mich in eine Falle zu locken. Ich kann ihm nicht vertrauen. Nicht nach alldem was passiert ist. Das sagt mein Verstand. Doch mein Herz will einfach nur bei ihm sein. Ihn berühren und ihn nie wieder loslassen. Wieso habe ich mich nur so verliebt in ihn?

Er blickt noch immer zu den großen Bäumen am Waldrand, die sich unter der leichten Brise hin und her bewegen. Er lässt mich vergessen was passiert ist. Er wirkt so ehrlich. Und als er noch folgende Worte über seine Lippen kommen lässt, ist es um mich geschehen.

„Anna ich vermisse dich.“

Mein Herz zieht sich zusammen und ohne nachzudenken flüstere ich ein leises „ Ich dich auch“.
Die Tränen laufen automatisch, ohne jegliche Kontrolle über meine Wangen und ich kann mich nach diesen Worten kaum von ihm fernhalten. Aber bevor ich noch etwas falsches sage oder tue, drehe ich mich um und versuche von ihm wegzukommen. Ich muss. Es fällt meinem Körper zwar schwer sich von ihm zu entfernen, aber mein Verstand sagt mir ich muss weg. Ich halte es nicht mehr aus. Es macht mich fertig ihn so zu sehen und ihn nicht in den Arm nehmen zu können.

Wenn ich an die Tage denke, in denen ich durch Luna's Zauber nicht an Nathan denken musste, wünsche ich sie mir zurück. Ich habe das Gefühl, dass mein Herz aus meiner Brust springt. So sehr schmerzt es mich jetzt zu gehen.

Doch gerade als ich einen Fuß vor den anderen setzen will, umfasst mich eine Hand an meinem Handgelenk. Vor Schreck drehe ich mich schnell um und mir entgleist ein leises „Nein“.

Vor mir steht Nathan. Die Augen weit aufgerissen. Er sieht mich an und ich weiß nicht was ich machen soll. Was ist mit diesem verdammten Zauber? Wieso wirkt er nicht mehr? Er kann mich sehen und ich weiß nicht was ich machen soll. Soll ich mich von ihm losreißen und davonlaufen. Aber er wird mich sowieso einholen. Also ist es wohl schon egal ob ich stehen bleibe oder laufe. Seine langen Finger umschließen fest mein Handgelenk. Es ist eine angenehme Berührung, nicht zu fest.

Als ich in seine Augen sehe, ist es um mich geschehen. Diese Überraschung und Verwirrung in seinen Augen lässt mich an das Gute in ihm glauben. Er darf nicht mehr böse sein. Nicht nach allem was er gesagt hat. Meine Angst ist wie weggeblasen, als er mich an sich zieht und seine Arme um mich schlingt. Er hebt mich nach oben und drückt seine Lippen langsam auf meine. Seine weichen Lippen vereinen sich mit meinen und er küsst mich, als würde sein Leben davon abhängen. Ich denke, dass ich noch nie in meinem Leben so geküsst wurde. Es ist, als würde die Zeit stehen bleiben.

Seine Hand wandert zu meinem Nacken und umgreift ihn fest. Die andere zieht mich an den Hüften zu ihm. Ich bin ihm völlig ausgeliefert. Es fühlt sich an, als hätte ich eine Ewigkeit auf ihn gewartet. Der leidenschaftliche Kuss endet hingegen viel zu früh. Er nimmt mich an den Hüften und drückt mich ein Stück weit zurück, lässt mich aber nicht los. Er sieht mich an und seine Gesichtszüge sind weicher und freundlicher denn je.

„Anna... was machst du hier?“

„Ich weiß nicht. Ich weiß nichts mehr.“

Die Verwirrung scheint mir ins Gesicht geschrieben zu sein, denn Nathan drückt mir nochmals einen Kuss auf die Stirn und umarmt mich fest.

„Es tut mir alles so unendlich leid. Ich wollte nicht das du in diese Situation kommst. Ich war nicht ich selbst. Ich weiß nicht wie ich mir das jemals verzeihen kann. Wie du mir je verzeihen kannst.“

Ich lege einen Finger auf seine weichen Lippen und merke wie sich meine Mundwinkel leicht nach oben bewegen. Ich muss lächeln. Einfach weil er wieder der „alte“ Nathan ist.
„Nathan, du kannst nichts dafür. Es war Salivana.“

„Ich weiß und es macht mich rasend wütend, dass Sie es geschafft hat, mich unter ihre Kontrolle zu bringen. Anna, ich habe dich so vermisst. Wo warst du? Ich habe dich bei den Wölfen gesucht, ich dachte ich hätte dich gespürt.“

„Ich war dort. Ich war bei Alex's Rudel. Luna hat einen Zauber gesprochen damit du mich nicht finden kannst. Oder besser gesagt dass du mich nicht verletzten kannst.“

Sein Blick wendet sich von mir ab und er wirkt so bedrückt.

„Ich wollte dir niemals wehtun.“

Wieder versuche ich ihn zu beruhigen und ziehe ihn näher zu mir. Seine Augen blicken auf mich herab. Ich weiß nicht was ich denken oder fühlen soll. Klar, er hat mich verletzt. Körperlich und auch seelisch. Aber ich weiß auch das es nicht seine Absicht war. Also vielleicht bei unserer ersten Begegnung. Aber mit Sicherheit nicht danach. Er hat so einen Anziehungskraft auf mich, die ich nicht verstehe und in seiner Gegenwart kann ich mich kaum kontrollieren. Doch als ich in seine Augen sehe, fällt mir erst jetzt eine Veränderung auf. Seine Augen. Es sind nicht dieselben. Also ich kann es selbst nicht glauben und sehe nochmals genauer hin. Aber es verändert sich nicht. Seine Augen haben eine völlig andere Farbe. Sie sind leuchtend grün und ich weiß nicht was ich denken soll. Gehört das zu seinen Gaben? Ich habe keine Ahnung und ich bin verwirrt. Und je mehr ich ihm in die Augen blicke und wieder einmal von diesem Blick gefesselt werde, verändern sich seine in ein blutrot. Was hat das jetzt zu bedeuten? Ich bin verunsichert und weiß nicht was ich machen soll.

Plötzlich verschwimmt sein Gesicht vor meinen Augen und fast sehe ich nichts mehr. Als ich jedoch meinen Kopf senke und an mir hinab sehe ist überall Blut. Meine Finger und Unterarme sind mit Blut überzogen und unter meinen Füßen ist eine riesige Blutlacke. Die rote Flüssigkeit tropft wie in Zeitlupe von meinen Fingerkuppen in die riesige Blutlache unter mir. Mein Herz beginnt zu rasen und meine Atmung wird wieder schneller. Als ich versuche meinen Kopf zu heben um nach Nathan zu sehen, wird alles schwarz vor meinen Augen. Ich versuche mich mit aller Kraft zu konzentrieren, doch das nächste Bild das sich vor meinen Augen auftut ist das Bild eines Wolfes. Es ist der Wolf der mir vor einigen Tagen im Traum begegnet ist.

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