Kapitel 29


                                                                   Alex


In einem Punkt hatte mein Erzeuger recht. Wenn du als Wolf den Boden unter deinen vier Füßen spürst und du einfach nur, ohne nachzudenken laufen kannst, dann ist dein Geist frei.

Noch vor einigen Jahren habe ich eine tägliche Tour in die Wälder gemacht. Doch seitdem ich diese große Verantwortung übernommen habe, schaffe ich es nur noch selten. Mein Leben hat sich einfach in eine komplett andere Richtung gewendet. Früher lebte ich ohne Sorgen und jetzt will ich einfach nur diese Schlampe und diesen Arsch ausschalten und wieder zu diesem sorgenfreien Leben zurückkehren.


Einige Meter bevor ich den Waldrand erreiche, verwandle ich mich wieder in meine Menschengestalt. Für einen kurzen Moment verharre ich auf der Stelle und denke an Peter der wieder zurück gerannt ist, um sich die kleine Rothaarig zu schnappen. Bei diesen Gedanken muss ich lächeln. Früher einmal hätte ich ihre blonde Freundin ohne Probleme vögeln können. Doch irgendwie ist nur dieses eine Gesicht in meinem Kopf, dass nicht verschwinden will. Ständig schweifen meine Gedanken zu Anna. Auch wenn ich alles Mögliche versuche um dies zu verhindern.

Hat sie schon bemerkt, dass ich nicht mehr neben ihr liege? Irgendwie hoffe ich, dass sie einfach in dieser Traumwelt verharrt und ich mir diesen Ärger für Morgen aufsparen kann. Obwohl es auch nicht schlecht wäre, wenn sie auf mich wütend ist. Denn dann habe ich geschafft, was ich eigentlich bezwecken wollte. Ich muss mich von ihr fernhalten und sie sich von mir. Wir werden niemals gut füreinander sein. Nicht in diesem Leben und auch nicht im Nächsten.


Auch wenn mein Herz die schlechten Gedanken gerne auslöschen möchte, kann sich mein Verstand nicht dazu durchringen. Ich muss meine Gefühle für sie ersticken. Auch wenn ich bei dem Gedanken an Nathan und Anna fast durchdrehen könnte. Ich frage mich, wieso sie sich auf ihn eingelassen hat. Wieso konnte sie dieses Arschloch nicht einfach ignorieren?

Zu meinem Glück, hat Luna ihr die Gefühle für Nathan genommen. Auch wenn Luna sagt, dass Nathan und Anna einen Seelenplan für dieses Leben haben und sie diesen Teil nicht verhindern kann, bin ich trotz allem froh, dass sie sich nicht mehr mit diesem Vollidioten herumtreibt.


Nur frage ich mich, wieso sie jetzt wieder so interessant für mich ist. Vorallem, wieso sich ihr Herzschlag bei meinem Anblick plötzlich wieder erhöht. Insgeheim liebe ich dieses Geräusch. Immer wenn ich lächle oder sie in meine Augen blickt, höre ich die schnellen Herzschläge und spüre wie sich ihre Körpertemperatur erhöht. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mir das nicht gefällt. Es gefällt mir sogar sehr und lässt meinen Körper ebenfalls auf sie reagieren.


Erst als sich die Sorgen und Gedanken in meinem Kopf beruhigen, bewegen sich auch meine Beine auf das Haus zu. Auf halbem Weg, höre ich jedoch plötzlich ein Geräusch, dass mich stoppen lässt.

Ein Schluchzen? Schritte. Anna?

Schneller als ich denken kann, bewegen sich meine Füße auf die Quelle des Geräusches zu. Als ich nur wenige Sekunden später am Treppenabsatz angelangt bin, blicke ich in das wunderschöne Gesicht von Anna. Schon sind meine ganzen Vorsätze dahin. Am liebsten würde ich sie jetzt an ihrer Hüfte packen. Würde warten bis sie ihre Beine um meine Taille schlingt und sie wieder zurück in ihr Zimmer befördern, wo ich sie nochmals so nehmen würde wie vorhin.

Was macht sie hier draussen? Was ist passiert?

Doch als sie ihre Lider öffnet und mich die tränennassen, leuchtend grünen Augen anstarren, scheint sich meine Frage von selbst zu beantworten. Sie hat wohl bemerkt, dass ich weg war. Auch wenn mein Plan war, sie von mir wegzustossen, so bereue ich es gerade mit vollstem Herzen.

Erst als ich den Rucksack sehe und in die, nun mit Wut und Enttäuschung gefüllten Augen blicke, verknüpfe ich die Beiden Bilder miteinander.


„Du kannst jetzt nicht einfach weglaufen, Anna."


Die Wut in ihren Augen scheint aufzulodern und auch wenn es mich schmerzt, so findet ein kleiner kranker Teil von mir, dass irgendwie auch scharf.

Ich wusst doch, dass wenn ich ihr zu Nahe komme, meine Instinkte vollkommen Überhand nehmen und mich kontrollieren.


„Du besitzt echt Nerven. Ich denke nicht, dass du in der Position bist, mir etwas vorzuschreiben. Ich habe mir schon genug von dir vorschreiben lassen und ich bin nicht deine Marionette, mit der du spielen kannst wie es dir gefällt.“


Auch wenn ich wollte, dass sie so reagiert, denke ich trotzallem, dass es nicht so schlimm ist, wie sie es jetzt darstellt. Also mir war schon klar, dass sie verärgert sein würde. Aber in diesem Ton hat sie noch nie mit mir gesprochen. Nicht einmal als sie erfahren hat, dass ich sie Anfangs nur benutzt habe. Ich bn doch nur gegangen. Nicht mehr. Ich habe sie dieses Mal nicht angelogen. Ich habe ihr keine Versprechungen gemacht. Ich bin nur in dieses Zimmer und konnte meine Finger nicht von ihr lassen.

Doch nach weiteren Sekunden in denen ich in ihre Augen blicke, überkommt mich nun die Erkenntnis, die ihr das Herz brechen wird. Sie aber auch vor einem schlimmen Schicksal beschützen wird. Auch wenn es ein Brennen in meiner Brust verursacht. Ich muss diese Chance nutzen. Ich muss dafür sorgen, dass sie niewieder einen Gedanken daran verschwendet, sich mit mir einzulassen. Jetzt oder nie. Auch wenn es mich Überwindung kostet. Ich glaube kaum, dass sie hier weg geht. Wenn sie wohin geht, dann zu Luna. Dafür kenne ich sie schon zu gut. Sie hat diesen Kampfgeist, den ich so an ihr liebe. Sie wird auf keinen Fall aufgeben.

Sie wird jetzt auf keinen Fall aufgeben.

Also setze ich alles auf meine Schauspielerischen Künste, die ich mir die letzten Jahre antrainiert habe. Auch wenn dieses Brennen in meiner Brust bei diesen Worten so stark ansteigt, dass ich es kaum ignorieren kann.


„Anna, du führst dich auf wie eine Verrückte. Das war doch nur Sex. Nicht mehr und nicht weniger. Du hast es genossen und ich auch. Wir haben das einfach gebraucht. Aber dass bedeutet nicht, dass ich am Morgen danach noch mit dir kuscheln werde und dir Frühstück ans Bett bringe. Was hast du gedacht?“


Scheiße. Es schmerzt einfach diese Worte über meine Lippen zu bringen und ich weiß, dass ich ihr damit das Herz breche. Das ist vollkommener Bullshit den ich von mir gebe. Denn ich würde nichts lieber tun, als jeden Morgen neben ihr aufzuwachen. Doch ich versuche mir immer wieder einzureden, dass es das Beste für sie ist. Um noch glaubhafter zu wirken versuche ich ein überlegenes Grinsen aufzusetzen. In ihren Augen sehe ich, wie sich die nächste Träne in diesen atemberaubenden grünen Augen bildet. Ich bin echt ein Arsch. Doch nur so funktioniert es.


„Weißt du was? Ich dachte sowieso nicht daran dir jemals wieder vertrauen zu können. Aber weißt du was noch mehr wehtut als deine Worte? Dass auch noch mein bester Freund mit dir unter einer Decke steckt. Ich werde Marius aufhalten und danach will ich dich und Peter nie wieder sehen.“


Meine Gedankengänge sind langsam. Zu langsam, um ihr zu antworten als sie sich ihren Weg an mir vorbei bahnt. Woher weiß sie es? Doch ich kann es mir denken, ich hatte vorhin schon so ein komisches Gefühl in der Bar. Ich dachte jedoch, dass es die Wirkung des Whiskeys war. Doch nein, es war Anna. Sie hat versucht durch meine Augen zu sehen. Wie konnte ich dass nicht bemerken? Meine Mundwinkeln wandern trotz dieser beschissenen Situation nach oben. Sie lernt wirklich schnell und ist so neugierig. Sie macht mich so wahnsinnig mit dieser Art. Und ohne nachzudenken will ich ihr nachlaufen. Erst wenige Meter hinter ihr stoppe ich. Ich kann ihr nicht nachlaufen, obwohl ich jetzt nichts lieber täte, als sie in meine Arme zu schließen und ihr diesen Schmerz zu nehmen. Aber ich muss dieses verdammte Arschloch-Getue einfach durchziehen. Also bleibe ich stehen und folge ihrer Gestalt, bis sie in der Dunkelheit verschwindet. Auch wenn es mir schwer fällt, sie gehen zu lassen, drehe ich mich um und gehe zurück ins Haus. Dabei fühle ich mich so leer und hilflos. Sie gehen zu lassen, hat mich mehr Kraft gekostet, als ich für Möglich gehalten habe.

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