Wings (Kapitel 15 Teil 2)

Meine Flügel waren bereit für das Fliegen. An der Stelle meiner Narbe spürte ich nur ein schwaches Ziehen. Weit weg von uns, am Rande des Feldes erschien eine andere Gruppe von Ärzten. Die zwei Parteien winkten sich zu und die neue Gruppe kam zu uns. Sie hatten überdimensionierte Kisten mit sich.
Eine Frau gab dem Boss den Anzug, der für mich gedacht war.
»Zieh das an« befahl er.
Ich riss den Anzug aus seinen Händen. Er bestand aus einer tiefschwarzen Hose mit Orangen Streifen an den Seiten und einem dazugehörigen, langärmeligen Oberteil mit zwei Öffnungen am Rücken für meine Flügel. Von einer Umkleidekabine konnte ich nur träumen, also zog ich das weiße Top und die Hose aus und schlüpfte in den Anzug. Er war bequem, wie eine zweite Haut. Der Stoff fühlte sich angenehm weich an.
»Kann ich eine Aufwärmrunde fliegen?« fragte ich den Boss.
»Natürlich. Flieg« sagte er.
Ich blendete die Tatsache, dass mich ausnahmslos alle beobachteten, aus, nahm Anlauf, sprang weg und flog. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, wieder fliegen zu dürfen. Als würde man einen gefangenen Delfin wieder ins Meer lassen…
Schon nach einer halben Runde war ich erschöpft. Meine Trainingseinheiten blieben die letzten Wochen aus und ich spürte, wie schwach meine Muskeln waren. Ich flog wieder zurück zu der großen Gruppe und versuchte mich nicht darüber aufzuregen, wie einige mich mit offenem Mund anglotzen. Am liebsten hätte ich ihnen den Mittelfinger entgegengestreckt und wäre aus der Arena geflogen. Eine schöne Vorstellung, die vermutlich scheitern würde. Ich war mir sicher, dass die ganze Arena bewacht wurde, sowohl innen als auch außen.
Alleine der Boss schien unbegeistert zu sein. Wenige Meter vor der Gruppe bremste ich den Flug ab und landete auf dem weichen Gras.
»Ich bin bereit« keuchte ich. Wenn ich sein Vertrauen gewinnen könnte, wäre es irgendwann möglich, ihn auszutricksen… Jedes Mal, wenn ich den Boss anschaute, machte ich mir Gedanken darüber, wie ich ihm entkommen könnte.
»Wir sind auch gleich fertig« antwortete er.
Der Kreis löste sich auf. Die meisten gingen mit riesigen Notizblöcken auf die Zuschauertribüne und die Restlichen standen entweder auf dem Feld herum oder halfen ihren Kollegen, andere Geräte aus den Kisten zu räumen. Ungeduldig wartete ich darauf, dass sie fertig wurden, ich wollte schon fliegen.
Der Boss bat mich zu sich.
»Hör mir gut zu, Blanka« fing er an. »Du fliegst eine Runde. Ab der Hälfte beschleunigst du so schnell wie du kannst, hast du verstanden?«
»Ja« antwortete ich genervt.
»Fangen wir an.«
Ich startete die Runde, indem ich Richtung Tribüne loslief und im nächsten Moment schon in der Luft war. Wie er es sich wünschte, flog ich langsam die Tribüne entlang und beschleunigte nach der Kurve leicht mein Tempo. Unabsichtlich glitt mein Blick dorthin, wo normalerweise die Zuschauer saßen. Aus dem Blickwinkel sah ich schwarz bekleidete Gestalten. Sie waren bewaffnet. Ich riss den Kopf wieder nach vorne und schon kam der Nächste, der mir bestätigte, dass ich sie mir nicht nur eingebildete. Mein Blick blieb an den Männern hängen, wie ich an ihnen vorbeiflog.
Mein Herz schlug protestierend gegen meinen Brustkorb. Im gleichmäßigen Abstand stand ein bewaffneter Wachposten mit schwarzer Gesichtsmaske zwischen den Sitzen. Ich vergaß die Anweisung vom Boss, kürzte den Weg ab und landete dort, wo die Runde begonnen hatte.
»Was zum Teufel war das?!« schrie der Boss.
Keuchend stützte ich meine Hände auf die Knie und konzentriere mich stark darauf, mein rasendes Herz zu beruhigen.
»Die bewaffnete Garde hat mich zu Tode erschreckt« beschwerte ich mich leise, als ich wieder Luft bekam.
»Nochmals dasselbe!« rief er verärgert.
Hätte ich etwas dabeigehabt, wäre es sicherlich mit seinem dummen Schädel kollidiert. Ich holte tief Luft und flog ohne Anlauf los.
Bei dieser Runde konzentrierte ich meinen Blick auf den schmalen Luftraum vor mir. Wie der Boss es verlangte, beschleunigte ich wieder das Tempo, flog aber nicht mal annähernd mit meiner Höchstgeschwindigkeit. Was denken die, wer sie sind? Ich fühlte mich nicht verpflichtet, ihnen zu gehorchen und hielt deshalb meinen Energieverbrauch auf Sparflamme.
Nach der Runde landete ich neben dem Boss.
»In Ordnung« sagte er. Von seinem vorigen aggressiven Gemütszustand war nichts mehr zu erkennen und ich hatte langsam das Gefühl, dass er an einer Persönlichkeitsstörung leidet. »Flieg zwei weitere Runden.«
»Ich werde versuchen, nicht zu ermüden« grummelte ich. Der Sarkasmus in meiner Stimme war unüberhörbar.
Diesmal flog ich direkt neben ihm hoch. Es hatten nur ein paar Zentimeter gefehlt, um ihm mit dem Flügel ins Gesicht zu schlagen… Ich flog die zwei Runden und hoffte darauf, dass ihm das ausreichen würde. Doch ich hatte nicht das Glück, der Boss verlangte immer wieder etwas anderes.
Ich hatte schon aufgehört, die Runden zu zählen, als ich die letzte flog. Danach war ich erschöpft und konnte kaum atmen. Ich fiel auf die Knie und kämpfte gegen die panische Atemnot an. Noch eine Runde würde ich nicht aushalten… Meine Lunge wollte bei dem ganzen Flugmarathon nicht mitmachen und ich hatte auch schon genug davon. Ich war seit mindestens fünf Wochen in ein Zimmer gesperrt, wie konnten sie von mir verlangen, dass ich stundenlang in der Arena herumflatterte? Ich hatte alles getan was der Boss von mir verlangt hat. Nun war es höchste Zeit, mich für die nächsten Tage in Ruhe zu lassen.
»Wir haben heute noch viel vor. Ein ganz wichtiges Meeting steht bevor« teilte mir der Boss mit. »Gleich, nachdem wir hier fertig sind.«
Ich wischte den Schweiß von meiner Stirn und richtete mich auf.
»Natürlich kommst du auch mit. Ich nehme an, du möchtest duschen. Du hast keine andere Wahl.«
»Ich werde duschen« zischte ich wütend. Ich war nicht seine Sklavin, die er nach Lust und Laune herumkommandieren konnte.
»In Ordnung« sagte er gleichgültig und winkte irgendjemanden in der Ferne zu.
Ich nahm von zwei Seiten gleichzeitig Bewegungen wahr. Die Professoren und ihre Assistenten kamen von rechts in unsere Richtung. Meine Aufmerksamkeit war jedoch auf die andere Seite gerichtet, wo sich nur eine einzige Person auf uns zubewegte. Ich hätte sie überall erkannt.
Alex saß wahrscheinlich schon die ganze Zeit dort. Hatte er meine lächerlichen Runden gesehen? Hoffentlich nicht… Er kam von der Zuschauertribüne zu uns. Reflexartig senkte ich den Blick zu Boden. Ich durfte ihn nicht sehen, nicht in seine Augen blicken. Bis jetzt war es mir recht gut gelungen, den Schmerz auszublenden, aber all meine Bemühungen würden im Bruchteil einer Sekunde zerfallen, wenn ich sein Gesicht sehen würde. Unmöglich konnte ich die Erinnerungen aus meinem Gedächtnis entfernen.
Es war zu spät, meine Tränen hinterließen brennende Streifen auf meiner Wange. Inzwischen war die Gruppe von Professoren und Assistenten auch schon bei uns. Ich wischte die Tränen mit dem Ärmel vom Anzug weg und schaute zu ihnen. Ihre Gesichter waren mir fast gleichgültig. Doch wenn ich sein Gesicht sah… Wenn ich ihm in die Augen schauen müsste… Ich würde es nicht aushalten. Der Schmerz breitete sich in meinem ganzen Körper aus und drückte mich zu Boden, ich war unfähig, alleine wieder aufzustehen. Der Boss griff mir unter die Arme und hob mich auf die Beine. Diesmal war ich ihm dankbar, dass er meinen Zusammenbruch nicht kommentierte.
Die Menschen um mich herum unterhielten sich. So sehr ich auch versuchte, den Krampf in meinem Magen auszublenden, seine herausstechende Stimme machte es unmöglich. Sie war leise und klar. Ich drehte der versammelten Gruppe den Rücken zu. Das grüne Gras vor mir war zu einem einzigen Fleck verschwommen und erinnerte mich an etwas, woran ich mich nicht erinnern wollte.
Jemand gab mir Schatten. Zwei kühle Hände hielten meine Arme fest. Mit geschlossenen Augen wartete ich auf einen Engel, der zu mir fliegen und mich in den Himmel mitnehmen würde. Ich wartete auf das Geräusch von den Handschellen, die meine Handgelenke hart umarmten, aber stattdessen bekam ich die Fesseln an meinen Flügeln angelegt. Diesmal dauerte es länger bis sie festgezogen werden konnten, da meine Flügel vom Fliegen noch groß waren. Die Fesseln wurden dann zu fest zugeschnürt und ich stöhnte schmerzhaft auf.
Ich hörte Alex’ Stimme. Er stand erst neben mir, dann stellte er sich vor mich. Er sprach bedachtsam, kalte Schauder kroch meinen Rücken entlang. Alex ließ meine Arme los, beugte sich über meine rechte Schulter und lockerte die Fesseln. Ich begriff erst nicht, was gerade passierte. War er mit mir oder gegen mich? Denn die Fesseln waren jetzt locker genug, damit sie von meinen Flügeln fielen, sobald diese wieder zusammenschrumpften. Ich hielt sie hoch, um das vorzeitige Herunterfallen der Fesseln zu vermeiden.
Wie sich Alex wieder aufrichtete, streifte er mit den Haaren meinen Hals, der süße, vertraute Duft erreichte meine Nase. Seine Hände griffen wieder nach meinen Armen und hielten sie fest. Er blickte unbemerkt zum Boss, der sich mit einer Assistentin unterhielt, dann schaute er mich an. Hartnäckig kämpfte ich gegen die Versuchung an, dasselbe zu tun.
»Flieh!« klang in meinen Ohren. Alex sagte das so leise, dass nur ich es hören konnte.
Ich war von seiner Nähe zu aufgewühlt, um den Sinn seiner Worte zu begreifen. Nur ein Augenblick… Eine einzige Sekunde, mehr brauchte ich nicht. Unsere Blicke trafen sich und ich verlor sofort die Kontrolle über meine Erinnerungen und Gedanken. Meine Beine gaben nach, doch bevor ich auf den Boden stürzte, fing mich Alex auf und ließ mich sanft auf das Gras sinken. Mit beiden Armen umklammerte ich seinen Hals und hielt mich fest. Er befreite sich aus meiner schwachen Umarmung und übergab mich fremden Händen.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media