Wings (Kapitel 17 Teil 2)

Ich nahm den weißen Sack und schaute hinein. Es waren Kleider drin, bequeme Oberteile und zwei Hosen. Unterwäsche, Zahnbürste, Zahnpasta, Haarbürste und weitere nützliche Sachen.
»Sind in deiner Größe« hörte ich Michaels tiefe Stimme im Hintergrund.
Ich suchte nach weiteren Überraschungen und fand ein Haarshampoo und ein buntes Handtuch.
»Wir lassen dich gleich alleine, wenn du duschen möchtest.«
Sie lassen mich alleine… Und sperren mich sicher ins Zimmer. Ich hasse es eingesperrt zu sein! Und was fange ich alleine mit meinen Flügeln an? Ich wollte sie eigentlich waschen… Mein verzweifelter Blick glitt zu Michael. Ich hatte zwar keine Ahnung, wer er war und woher er kam, jedoch tat er mir nicht weh und das beruhigte mich einigermaßen. Wäre er nicht da, wäre ich schon längst weggelaufen. Ich setzte mich mit dem weißen Sack auf das Bett und vergrub das Gesicht in die Hände.
»Was soll ich mit meinen Flügeln?« fragte ich. »Ich kann sie nicht bewegen, sie schmerzen. So kann ich nicht duschen.«
»Du wurdest angeschossen und hast außerdem eine starke Muskelentzündung, das Gewebe ist an manchen Stellen gerissen« informiert mich Alex.
»Super« seufzte ich.
Die Gewissheit meines Zustandes verstärkte nur die Schmerzen. Auf das Fliegen werde ich lange verzichten müssen, das war mir klar. Doch die Bewegungsunfähigkeit meiner Flügel beunruhigte mich.
»Alex hat auch einen Chip entfernt« fügte Michael hinzu.
»Ich will sie trotzdem waschen« sagte ich hart und hoffte, dass sie mit dem chirurgischen Exkurs aufhören würden, bevor mir das Essen hochkam.
»Die Wunde ist noch nicht verheilt, ihre Flügel sind blutig« meinte Alex. Sein Satz war nicht an mich gerichtet. »Sie kann es versuchen. Es wird wehtun. Wir müssen den Verband entfernen.«
Ich wurde wieder nervös und atmete schnell. Der Gedanke, dass Alex meine Flügel anfassen würde, gefiel mir überhaupt nicht.
»Kannst du es tun?« bat ich Michael besorgt.
Michael stand auf und kam zu mir. Er setzte sich vorsichtig auf das Bett und sah in meine tränenden Augen.
»Blanka« sprach er leise. »Alex ist Arzt. Du könntest ihm ein klein wenig vertrauen. Ich weiß, es ist schwer. Es ist für uns alle schwer, verstehst du? Nachdem soviel passiert ist.« Michael hielt kurz Inne. Ich nutzte die Gelegenheit und blickte zu Alex, der sich mit beiden Händen gegen den Küchenschrank lehnte und den Blick zu Boden senkte. »Aber es würde die Situation erleichtern. Könntest du ihm nur ein ganz wenig Vertrauen?«
»Wieso?« krächzte ich. »Wer bist du? Und wer ist er?« wollte ich wissen. Tränen flossen über meine Wangen, ich konnte sie nicht mehr zurückhalten. Die Nervosität machte sie unkontrollierbar.
Michael hielt meinem Blick stand. Er kniete sich vor mir hin und legte seine Hände auf meine Schulter.
»Mein Name ist Michael Stanley, ich bin Alex’ Bruder. Ich arbeite beim Geheimdienst und helfe Alex, dich in Sicherheit nach Hause zu bringen.«
Ich riss meine Augen verblüfft auf. Hatte Alex einen Bruder? Das würde zumindest ihre Ähnlichkeit erklären. Mir fielen sofort weitere Details an ihm auf, die mich an Alex erinnerten. Seine markanten Gesichtszüge waren die gleichen, nur etwas älter. Das Grün seiner Augen – zwar dunkler und nicht so strahlend wie bei Alex, aber dennoch derselbe Farbton.
»Und wer ist er?« fragte ich wieder. Diesmal leise, damit mich nur Michael hören konnte.
»Alex arbeitet für das geheime Forschungsinstitut in Boston« Michael und Alex blickten sich an. »Sein Auftrag war, dein Vertrauen zu gewinnen, um zu wichtigen Informationen zu gelangen, bevor sie dich ins Institut bringen. Er wurde ihm zugeteilt, weil er der Einzige war, der deine Sprache spricht. Außerdem ist er jung und äußerst attraktiv. Sie wollten nichts dem Zufall überlassen« erklärte er.
Ich musterte die Struktur der Bettdecke und bemühte mich, Michaels Worten einen Sinn zu erteilen. Wenn es stimmte, was er mir erzählte, dann hatte mich Alex die ganze Zeit angelogen. Meine Finger packten verkrampft die Decke.
»Ja. Leider« deutete ich auf seinen vorletzten Satz. »Wie alt ist er? Wie alt bist du?«
»Ich bin siebenundzwanzig, Alex sechs Jahre jünger« antwortete er.
»Zumindest war das keine Lüge« stellte ich fest.
»Ja« Michael konnte dazu nicht viel sagen, aber immerhin schien er offen für meine Fragen zu sein.
»Warum hat er mich aus dem Institut geholt? Er war schließlich derjenige, der mein Vertrauen missbraucht und mich entführt hatte…«
»Blanka…« ertönte aus der Küche. Alex Stimme ließ mich schaudern, ich griff noch fester in die Bettdecke.
»Weil es nicht gerecht war, was er getan hat« beantwortete Michael meine Frage. »Sie dürfen dich nicht einsperren, nur weil du anders bist. Ein Auftrag ist ein Auftrag, aber es gibt gewisse Grenzen, die man nicht überschreiten sollte.«
Ich seufzte laut, es waren zu viele Informationen. Meine Flügel meldeten sich mit einem pulsierenden, dumpfen Schmerz. Ich nahm sie in die Arme und betrachtete die blutigen, verschmutzten Federn, die unter dem Verband schwach sichtbar waren.
»Blanka, würdest du Alex deine Flügel untersuchen lassen? In deinem Interesse. Ignoriere ihn, wenn es nicht anders geht, aber es wäre wirklich wichtig, damit die Verletzungen auch richtig verheilen« bat mich Michael.
Ich starrte noch eine Weile auf den Verband, ehe ich nickte. Die Wochen im Institut hatten mir gezeigt, dass Kooperation, wenn auch widerwillig, mir das Leben erleichterte. Ich hoffte, die Untersuchung würde nicht lange dauern.
Alex kam zu uns und setzte sich auf den Bettrand. Ich drehte ihm den Rücken zu und als seine Finger meinen Rücken berührten, stellten sich alle meine Härchen auf.
Es war nicht so schlimm wie erwartet. Nachdem Alex den Verband mühsam von den blutigen, zusammengeklebten Federn löste, tastete er meine Flügel vorsichtig ab. Danach ließ er mir Zeit, damit auch ich sie begutachten konnte. Sie waren zerknüllt und zerfetzt, als wären sie gar nicht meine Flügel.
»Alleine kann ich sie nicht waschen« sagte ich. Mein linker Flügel ließ sich nur kaum, der rechte gar nicht bewegen. Sie fielen schwer auf meinen Rücken und waren der Gravitation machtlos ausgeliefert.
»Wenn du möchtest, kann ich dir helfen« sagte Michael.
»Ich wäre dankbar.«
Mit Michael zu reden und in einem Raum zu sein, machte mir nichts aus, im Gegensatz zu Alex. Es war nicht nur die Angst, die mich von ihm fernhielt, sondern auch der unerträgliche Schmerz, der mich jedes Mal quälte, wenn ich seine grünen Augen sah oder seine Stimme hörte. Schmerzen, die mich daran erinnerten, dass alles nur ein gefährliches Spiel war.
Alex schmiss den gebrauchten Verband in den Mistkübel und eilte dann aus dem Zimmer.
»Ich lasse euch alleine. Bin in einer Stunde zurück« flüsterte er bedrückt.
Seine Worte taten mir weh. Er schloss die Tür hinter sich, das Geräusch widerhallte im Treppenhaus.
Alex war weg. Als es still wurde, brach ich in Weinen aus. Michael eilte zu mir, um mich festzuhalten.
»Nicht weinen, alles wird wieder gut« sagte er tröstend.
Ich klammerte mich an seinem Hals fest und er drückte mich vorsichtig zu sich. Nach einer Weile beruhigten mich Michaels leise Stimme und seine Umarmung. Er hielt mich so lange fest, bis ich mich aus seinen Armen befreite und ins Badezimmer schlenderte.
Michael half mir, meine Flügel zu waschen und sie in Handtücher zu wickeln. Im Schrank hinter dem Spiegel fanden wir einen winzigen Föhn, mit dem er sie trocknen konnte. Danach bat ich ihn, mich alleine zu lassen und durchsuchte den weißen Sack nach einem passenden Oberteil. Ich entschied mich für ein hellblaues Exemplar, auf dessen Vorderseite mir ein schwarz-weißer Pinguin mit knallgelbem Schnabel entgegenlächelte und zog dazu die schwarze Hose an. Meine Flügel blickten unten heraus, aber das störte mich nicht. Ich war froh, dass sie wieder beigefarben und ganz frisch waren.
»Bist du fertig?« wollte Michael wissen, als ich aus dem Badezimmer trat.
»Ja« antwortete ich. »Die Kleider passen mir genau.«
»Alex hat sie ausgesucht.«
»Hm. Verstehe.« Irgendwie hatte ich es geahnt. Meine Hand glitt über das Oberteil. Der Pinguin gefiel mir.
»Ich müsste meinen kleinen Bruder suchen« meinte er besorgt.
»Vielleicht wäre es besser, ihn jetzt eine Weile alleine zu lassen« sagte ich vorsichtig.
»Ich weiß nicht, Blanka. Die Situation ist für uns alle sehr belastend, weißt du das? Alex muss über vieles nachdenken und wieder zu sich finden. Aber vielleicht hast du recht.«
Mein Blick wanderte zum Fenster. Die Vorhänge waren noch immer zugezogen und blockierten den Weg der Lichtstrahlen. »Kann ich sie aufziehen?«
»Natürlich« antwortete er. »Zieh sie aber wieder zu wenn du dich umziehst oder duschen gehst.«
Ich spazierte zum Fenster und ließ das Licht hinein. Endlich sah ich wieder Sonnenstrahlen… Das Zimmer wurde plötzlich ganz hell.

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