Der kleine Targa

Die gute Maria konnte es einfach nicht glauben, einmal ihren normalen Aufgaben nicht nachkommen zu können. Noch dazu gerade Jetzt, wo wir einen zusätzlichen Gast im Haus beherbergten und Georg auch nicht fähig war, wenigstens den Einkauf zu erledigen. Wenn sie wirklich einen Bandscheibenvorfall hatte, konnte es sogar Monate dauern, hatte Selina gesagt, aber es konnte auch sein, dass sie nach einer Woche wieder halbwegs gesund war.

Mein Handy läutete. Das Pflegeheim. Horst Schliermann, mein Mentor, war heute Nacht gestorben. Er hatte seit Jahren im Koma gelegen. Zwar war ich sehr erleichtert, dass er endlich gehn hatte können, aber die Erinnerung an die Zeit bei ihm machte mir das Herz schwer. "Michael, was hast du denn?" - "Horst hat endlich heimgehen dürfen." sagte ich und spürte dass ich nasse Augen bekam. "Och, Liebling, es ist doch gut, dass er endlich sterben konnte. Wir beide haben ihm das gewünscht!" - "Ich weiß!" Sagte ich leise. "Aber die Erinnerung schmerzt! Ihm verdanke ich, was ich geworden bin! Du weißt ja." - "Er hat es jetzt besser, Michael, das weißt du. Er hat die letzten sieben Jahre nur noch geatmet, sonst nichts." - "Ja, ich weiß, Schatz und ich freu mich für ihn, dass das endlich vorbei ist. Und doch ist irgendwie ein Vater gestorben... Ich muss mich um die ganzen Formalitäten kümmern..." - "Ich helfe dir dabei, Schatz!"

"Es tut mir leid, dass sie jetzt auch noch einen Trauerfall haben, Michael! Ihnen bleibt auch nichts erspart!" Maria hatte mir mitfühlend ihre Hand auf meinen Arm gelegt. "Ach ja, Maria, manchmal kommt halt alles zusammen. Aber da müssen wir durch." Auch Fanni war inzwischen aufgewacht und bot Selina an, für Maria einzuspringen, so gut sie konnte. Nachdem Selina vor hatte, zumindest heute selbst zu kochen, bat sie Fanni, ihr zu assistieren.

Ich ging in mein Arbeitszimmer, denn da musste ich noch Papiere von Horst haben. Ich hatte damals einen Teil davon in meinem Haus im Safe verwahrt, den Anderen Teil hier im Palais. Als ich zu meinem Schreibtisch kam, stand da ein Modellauto. Ein kleiner weißer Porsche Targa. Ich erinnerte mich genau an den Tag, an dem ich ihn gekauft hatte. Für Tommy. Er stand auf einem Kuvert. An Michael, stand darauf. Ich setzte mich hin und öffnete den Brief. Zwei Schriftstücke waren darin. Silvies Brief an mich, den sie geschrieben hatte, als ich im Tiefschlaf gelegen hatte und ein weiterer, wohl von Tommy.


Lieber Michael!

Ja, ich habe ihn noch, den kleinen Targa! Das einzige kleine Erinnerungsstück an dich, von dem ich mich nie trennen konnte. Vielleicht wusste Irgendetwas in mir, dass Mama mich belogen hat. Anfangs hab ich ihr auch nicht geglaubt, doch als du nicht mehr kamst, und Mama jede Nacht weinte, wurde mir klar, dass du nie mehr kommen würdest. Bitte versteh mich nicht falsch! Ich möchte die Schuld für mein Benehmen nicht auf Mama schieben! Das wäre mir zu billig! Ich weiß sehr wohl, dass ich es war, der sich unmöglich benommen hat, und das macht es mir sehr schwer, dir wieder unter die Augen zu treten, nach all dem, was du für mich getan hast, was ich dir schändlicher Weise mit rotzfrechem Benehmen dankte! Es tut mir unsäglich leid, Michael, und ich werde dich noch persönlich um Verzeihung bitten, wenn ich mich erst mal zu dir traue. Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast, vor allem, dass du mich nie im Stich gelassen hast, obwohl ich förmlich darum bettelte... 

Ich weiß, Ich habe mich auch neulich am Telefon wie ein unreifer Halbstarker aufgeführt, Michael, aber das bin ich nicht wirklich. Die Jahre, die ich ohne Vater und schließlich auch ohne Mutter aufwachsen musste, haben mich in manchen Dingen reifer werden lassen, als meine Freunde. Aber meine Verbitterung über deinen vermeintlichen Verrat an uns, hat mich blind und taub gemacht, für das, was ich lange schon geahnt hatte. Darum habe ich mich damals wie neulich dagegen gewehrt, die Wahrheit zu erfahren und wenn mich Selina nicht mit zwei Ohrfeigen aus meinem Selbstmitleid befreit hätte, hätte ich den Brief auch nicht gelesen. Jetzt, da ich weiß, dass Mama dich verlassen hat, noch dazu, als du sie am Meisten gebraucht hättest, fühle ich mich noch elender als zuvor...   

Wie dem auch sei, ich möchte dir in die Augen sehen, wenn ich mich bei dir entschuldige. Und genau das fürchte ich wie der Teufel das Weihwasser. Ich habe diese Zeilen vorausgeschickt, weil ich Angst habe, keinen Ton herauszubringen, wenn du plötzlich vor mir stehst und ich möchte dass du weißt, dass ich mich darauf freue auf dich zu treffen, mich aber noch mehr davor fürchte... 

Tommy

PS: Entschuldige bitte meine krakelige Schrift. Meine Finger gehorchen mir leider noch nicht so ganz. Und noch etwas: Auf deine Frau kannst du wirklich stolz sein!

Comments

  • Author Portrait

    Das ist so rührend von Tommy. Ich bin auch Michaels Reaktion gespannt.

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Fairy Dust

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