November

Ari saß mit wippendem Knie in ihrem Seminar und schaute abwechselnd auf die Uhr und aus dem Fenster. Die Stunde schien sich ewig hinzuziehen. Als sie am vergangenen Tag, zum zweiten Mal, nervös vor Thomas' Tür herum getigert war, hatte sie seinen Nachbar getroffen und erfahren, dass Thomas mittags keine Zeit hatte ins Wohnheim zu gehen. Daraufhin hatte sie in der Mensa nach ihm Ausschau gehalten, doch nicht entdeckt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als es nach der Uni noch einmal bei ihm Wohnheim zu versuchen. Sollte er wieder nicht da sein, würde sie einfach ihre Nummer auf ein Stück Papier schreiben und mit in den Beutel legen. Vielleicht hätte sie das schon längst machen sollen.

Als der Dozent sie endlich ins Wochenende verabschiedete, hatte das Mädchen bereits alles gepackt und sich die Tasche über die Schulter gehängt. Sie trat als Erste durch die Tür und sah sich einem gutaussehenden jungen Mann im Nadelstreifenanzug gegenüber, der sie strahlend anlächelte und die Arme ausbreitete. Sie lachte und warf sich ihm an den Hals. Er schlang seine Arme um sie, hob sie ein Stück hoch und wirbelte sie herum.

„Was machst du denn hier?", fragte sie fröhlich, als er sie abgesetzt hatte.

„War zufällig in der Gegend...", entgegnete er schmunzelnd.

„Zufällig auf dieser Seite des großen Teichs? Das glaube ich nicht." Ari boxte ihm spielerisch gegen die Brust. „Sag schon, Cousin!"

„Na ich verpasse doch nicht den Geburtstag meiner Lieblings-Cousine!" Er zog sie in eine liebevolle Umarmung und flüsterte ihr ins Ohr: „Happy Birthday, Ariel."

Ari grinste bis über beide Ohren. „Danke, Felix!", säuselte sie.

„Komm, ich lad dich zum Essen ein", schlug Felix vor, nahm Ari die schwere Ledertasche ab und legte ihr einen Arm um die Taille.

„Oh, aber ich hab doch erst morgen...", erwiderte sie zögernd. Ihr Blick fiel auf einen dunkelhaarigen Mann auf der anderen Straßenseite, der sich in diesem Moment abwandte und davon ging.

„Oh Shit, warte mal kurz Felix", sagte sie mit klopfendem Herz und rannte über die Straße.

„Tom!", rief das Mädchen und lief zwischen den beiden Gebäuden hindurch, hinter denen Thomas verschwunden war. Sie sah sich um und rief noch einmal, den Tränen nahe, seinen Namen, doch sie konnte ihn nirgends entdecken. Niedergeschlagen kehrte sie zu ihrem Cousin zurück, der mit ihrer Tasche über seiner Schulter, auf sie wartete.

„Alles in Ordnung?", fragte er besorgt, als sie mit hängendem Kopf neben ihm stehen Blieb.

„Ich hab jemanden kennen gelernt...", begann sie geknickt. Sie sah sich noch einmal nach der Stelle um, wo sie Thomas entdeckt hatte. Dann seufzte sie schwer. „Ich erzähl es dir beim Essen. Aber zuerst brauch ich einen Drink...", Ari wimmerte und hakte sich bei ihrem Cousin unter.


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Thomas kam sich vor wie ein Idiot. Wütend schlug er mit der Faust auf seinen Schreibtisch. Er sah sich rastlos in seinem Zimmer um. Sein Blick blieb an seiner Sporttasche hängen. Er ist länger nicht mehr beim Training gewesen. Entschlossen etwas Dampf abzulassen, stand er auf und sammelte seine Sachen zusammen.

Die Halle war nicht weit entfernt. Tom zog sich noch zu Hause um und joggte den Weg zum Studio, um die Zeit zu nutzen, sich gleich warm zu machen. Wütend ließ er sein Telefon daheim, um gar nicht erst in Versuchung zukommen oder der blöden App die Möglichkeit zu geben, eine bestimmte Band zu spielen.

Das Sportstudio war gut besucht. Umso besser. So fand er sicher schnell einen Sparringspartner. Er holte die Handschuhe aus der Tasche, verstaute seine Sachen in einem Spind und knallte die Tür zu. Noch auf dem Weg in den Trainingsraum, schlüpfte Thomas in die schwarzen Trainingshandschuhe, die Handrücken und Finger schützten, doch die Handflächen frei ließen, um schnell zwischen Schlagen und Greifen wechseln zu können.

Mit einem Springseil führte er seine Erwärmung eine viertel Stunde fort. Anschließend wechselte er an einen freien Sandsack und begann auf ihn ein zu dreschen.

„Thomas! Schön dich auch mal wieder hier zu sehen."

Ein älterer Mann mit Glatze und Trainingsanzug, der das Symbol des Studios trug, stellte sich hinter den Sandsack und hielt ihn für Thomas fest. Er hatte ein freundliches Gesicht, das so gar nicht zu seiner massigen, doch muskelbepackten Gestalt passen wollte. Seine Oberarme waren gewaltig und zeugten von vielen Jahren harten Trainings.

„Hey, Peter. Wie geht's?", sagte Thomas zwischen zwei harten Schlägen und hielt dann inne, um seinen alten Trainer mit einem freundschaftlichen Handschlag zu begrüßen

„Gut. Aber dir scheinbar nicht." Tadelnd schüttelte er den Kopf. „Hast du jede Technik vergessen oder hast du mich damit gezielt angelockt?"

Tom grinste, doch es erreichte seine Augen nicht.

„Was ist los, Kleiner?", fragte der kleinere Mann mit einem besorgten Stirnrunzeln. Thomas zog die Brauen zusammen.

„Alles gut. Harte Woche", erwiderte er einsilbig. „Ich brauch einen Sparringspartner. Will wieder richtig rein kommen."

Peter nickte. „Klar, Junge, ich glaub, ich hab da wen für dich. Trainiert gerade selbst für ein paar Amateurkämpfe. Das wär vielleicht auch was für dich, wenn du wieder in Form bist. Springt sogar in bisschen Kohle bei raus, wenn du gut bist."

Interessiert neigte Tom den Kopf und ließ sich von seinem alten Freund durch die Halle führen.

„Jannik. Mach mal kurz Pause, ich will dir jemanden vorstellen", sprach Peter einen jungen Mann mit kurz geschorenem, hellen Haar und wachen Augen an, der sich gerade mit dem Springseil erwärmte.


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