Part 10

Aus den Tiefen des Waldes

Ein sehr schöner Wald, dachte Alturin und wenn die Umstände andere wären, hätte er es hier geniessen können. Doch Undra hatte Recht, etwas war hier, dass hier nicht hingehörte, etwas Fremdes dass er noch nicht einordnen konnte. Vorsichtig ritt er weiter und blickte aufmerksam zu allen Seiten. Er musste an an Bengolf denken. Ob er wohl noch etwas herausgefunden hatte? Da schreckte ihn der Schrei einer Eule auf! Undra war im Anflug. Sie wirkte hektisch auf ihn und schien ihn vor etwas warnen zu wollen. Dann tat sich plötzlich der Boden auf! An unzähligen Stellen auf dem Waldboden wurden Klappen umgeworfen und kleine Wesen entstiegen dem Waldboden wie die Ameisen. Gnomm! Bis an die Zähne bewaffnet! Innerhalb von Sekunden war Alturin von Hunderten von ihnen umringt. Er hatte nicht den Hauch einer Chance. Pfeile, Kurzschwerter und Lanzen waren auf ihn gerichtet. Etliche der Gnomm schickten Undra einen Pfeilhagel hinterher, aber die Vielzahl der Deckung bietenden Bäume und ihre Wendigkeit ermöglichten ihr die Flucht.

Der Anführer der Gnomm trat hervor. Sein Kettenhemd war stramm um seine Brust gespannt. Zwei Gürtel waren um seinen Oberkörper gespannt, in denen zwei Messer in ihrer Halterung steckten.

"Steig ab, befahl er Alturin knapp. Durchsucht ihn nach Waffen!"

Alturin stieg vom Pferd und zwei der Gnomm durchsuchten ihn und sie waren nicht zimperlich dabei. Sein Körper wurde hin und her gerissen. Sie fanden sein Messer. Natürlich. Als sie fertig waren, stiessen sie ihn verächtlich ein Stück zurück.
"Packt ihn und fesselt ihn und dann ab zum Meister mit ihm," befahl der Anführer mit lauter, gebieterischer Stimme.

Er hatte besonders grosse Augen. Sie hatten alle grosse Augen, weil sie sich meist unter der Erde aufhielten, aber die des Anführers waren geradezu unheimlich. Schwarz stachen sie aus den Augenhöhlen hervor. Mit einer knappen Kopfbewegung bedeutete er Alturin voran zu gehen. Links und rechts von ihm bildeten sich Reihen der Gnomm, um ihn zu eskortieren und sie zogen los in Richtung der Mitte des Sternenwaldes. Alturin sah sich nach hinten um und sah, dass am Schluss des Zuges sein Pferd geführt wurde. Der Fussmarsch war lang und er wurde ohne Pause zum Ziel geführt und irgendwann nach Stunden erreichten sie den Anfang des mittleren Teiles des Waldes. Die ersten Sternenbäume waren zu sehen. Jetzt war es nicht mehr weit bis zum Ziel. Alturin fragte sich, was ihn nun wohl erwarten würde. Auf wen würde er hier treffen? Was war hier geschehen? Die Gnomm waren eigentlich eher als ein friedfertiges Volk bekannt,  wer um alles in der Welt hatte sie so verändert?

Sie kamen an ihrem Ziel an. Der erste, der älteste Sternenbaum ragte aus der Mitte hoch empor. Er war uralt. Mit Ehrfurcht betrachtete Alturin den mächtigen Stamm. Es hätte bestimmt zwanzig Männer gebraucht, ihn zu umspannen. Man führte ihn zu einer Holzhütte, die aus dicken Stämmen zusammengebaut war. Eine massive, schwere Eichentüre sicherte den Eingang. Sie wurde geöffnet und man stiess Alturin hinein. Als die Türe wieder verschlossen war, sicherten zehn der Gnomm die Hütte und stellten sich rings herum auf. Alturin lag auf dem Boden. Der Lehm fühlte sich klamm an und er stand auf und setzte sich auf das einfache Holzbett, dass in der Ecke stand. Viel mehr gab es hier nicht. Auf der anderen Seite der Hütte stand ein Tisch mit einem Stuhl davor. Die Hütte hatte kein Fenster, lediglich durch die Gitterstäbe der Tür fiel ein wenig Licht. Alturin war erschöpft von dem langen Marsch und legte sich auf's Bett. Die Zudecke roch ein wenig unangenehm. Er nahm sie trotzdem und bedeckte sich damit. Kurz darauf schlief er ein.

Die Gnomm die Alturin bewachten, hatten sich an die Wand der Blockhütte gelehnt und unterhielten sich leise. Einer von ihnen lachte höhnisch auf. Plötzlich sprangen sie alle nacheinander auf und stellten sich kerzengerade hin. Ein grosser Mann in einem langen schwarzen Gewand näherte sich ihnen. Rincobal.


"Seid gegrüsst Herr," sagte der Anführer der Wachen zu ihm. Rincobal antwortete nicht. Alle anderen Gnomm taten es ihrem Anführer gleich und verbeugten sich.  Rincobal liess sich eine Fackel geben und leuchtete durch das vergitterte Fenster ins Innere der Hütte. Minutenlang starrte er Alturin an. Er sagte kein Wort. Die Gnomm schwiegen ebenfalls. Es herrschte eine bedrohliche Stille. Sie wussten genau, dass Rincobal es nicht mochte, wenn er ungefragt angesprochen wurde. Einer von ihnen hatte dies mehrfach getan - er weilte nicht mehr unter ihnen....


"Lasst ihn ausschlafen und wenn er wach ist, bringt ihn sofort zu mir," zischte er dem Anführer zu.

Der Gnomm nickte nur ergeben und verbeugte sich abermals. Rincobal wandte sich ab und ging zurück. Er schärfte seinen Leuten ein, alle paar Minuten mit der Fackel in die Hütte zu leuchten, um sofort zu sehen, wenn er wach ist.

Alturin träumte..... Ein Geheimnis..... Alte Schrift.....Ein Kristall.....Eine alte Prophezeiung.....Hatora, sie wusste.....Unruhig wälzte er sich hin und her.

Unsanft wurde er plötzlich aus seinem Traum gerissen. Zwei der Gnomm zerrten an ihm und trieben ihn zum Aufstehen an. Sie hatten gesehen, wie er sich gewälzt hatte und gedacht, er wäre aufgewacht. Noch etwas benommen trat Alturin aus der Hütte heraus. Eskortiert von zehn Gnomm wurde er durch den Sternenwald geführt in Richtung des Hauses von Rincobal.

Alturin staunte als er es zum ersten Mal erblickte. Es war komplett aus Holz gebaut. Aus Sternenholz! Welch ein Frevel!,  empörte sich Alturin innerlich. Er hätte Eiche nehmen können, aber Sternenbäume? Solche unglaublich wertvollen Bäume? Alturin konnte es nicht fassen. Das Haus war sehr gross und hatte drei Etagen. Die untere Etage war erleuchtet mit unzähligen Kerzen. Überall war der Schein durch die Fenster zu sehen. Die oberen Etagen waren mit Fensterläden verschlossen. Alturin wurde von den Gnomm eine siebenstufige Treppe hinaufgeführt. Dann wies man ihn unsanft an zu warten. Der Anführer trat an die Tür und klopfte vorsichtig an.

"Herr? Der Gefangene ist nun hier."

Nach etwa einer Minute öffnete sich die schwere Tür. Alturin und seine Bewacher traten ein. Die Tür schloss sich wieder. Allein.

Man führte ihn durch eine Eingangshalle. Rincobal sass auf einer Art Thron, der auf einer kleinen Erhöhung stand. Zwei der Männer stiessen ihn nach vorn und Alturin fiel dem Mann vor die Füsse. Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als einer der Gnomm ihm mit einem dicken hölzernen Stab von hinten auf seine Beine schlug.

"Bleib am Boden bis der Meister Dich auffordert, Dich zu erheben," herrschte er ihn an. 

Alturin stöhnte laut auf. Der Schlag war sehr schmerzhaft. Rincobal stand auf. Er began langsam um Alturin herum zu laufen und sah ihn an.

"Hebe Dein Haupt," befahl er, nachdem er ihn ein paar Mal umkreist hatte. "Wie ist Dein Name, alter Mann?", fragte er ihn mit scharfer, durchdringender Stimme.

Alturin hob langsam den Kopf und sah den Mann an. Er war gross und war in einen langen schwarzen Umhang gehüllt. Langes, volles, schwarz glänzendes Haar fiel ihm auf die Schultern. Aus seinem länglichen Gesicht starrten ihn zwei dunkle Augen an. Alturin kniete vor ihm auf dem Boden.

"Mein Name ist Kulat und ich komme aus dem Waldreich, antwortete Alturin. Ich habe dort Verwandte besucht und bin auf dem Rückweg nach Hause. Der Wald schien mir eine Abkürzung zu sein, aber ich habe mich wohl verirrt."

"Man hat mir berichtet, dass Du eine Eule mit Dir führst," sagte er mit linkischem Unterton.

"Oh, dass war Theta, antwortete Alturin. Ich habe sie als Jungvogel aufgezogen. Ihre Eltern wurden von Jägern getötet. Danach bin ich sie nie wieder los geworden. Sie begleitet mich seit Jahren, ja." Er versuchte, sich ein Lächeln abzuringen.

"Du bist ein schlechter Lügner," entgegnete er gefährlich leise.
Gerade als er etwas entgegnen wollte, wirbelte Rincobal herum und herrschte ihn mit hallender Stimme an.

"Schweig, Alturin!"

Überrascht sah ihn Alturin an.

"Ich bin Rincobal!", sagte er mit kraftvoller Stimme.

"Aber..... Rincobal war ein weisser Zauberer und Du bist...naja...eher..."

"Ja das war er. Ein weisser Zauberer, aber das Schicksal hat ihn schwarz gemacht, Alturin. Alles Weisse ihn ihm ist erstorben." Und nun erzähle mir, Alturin. Was weisst Du über die Prophezeiung?"

"Welche Prophezeiung meint Ihr," fragte Alturin überrascht.  

"Die Prophezeiung aus der Kristallstadt meine ich, die in unsere Zeit fällt und die einen neuen grossen Herrscher ankündigt."

"Ich weiss nicht, was Du meinst, Herr," antwortete Alturin.

Rincobal bebte innerlich. "Ich frage Dich ein letztes Mal und nun überlege Dir Deine Antwort gut, alter Mann. Was weisst Du über diese Prophezeiung?"

Sein ausgestreckter Arm und seine geöffnete Hand deuteten auf Alturin. Er überlegte einen Moment und streckte entschuldigend seine Arme aus. Rincobal schloss seine Hand zur Faust. Er wartete noch 5 Sekunden, dann spreizte er plötzlich seine Finger und Alturin wurde wie von einer Schockwelle gegen die hölzerne Wand geschleudert. Blut rann aus einer Platzwunde am Kopf. Er regte sich nicht.



Comments

  • Author Portrait

    Hoy, wer wird denn gleich so gartsig werden?! Wie kommt es das der nunmehr Dunkle um Alturin weiß? Sehr seltsam. Bengolf hatte den Wald unbeschadet durchschritten und Alturin tappt gleich ins Näüfchen. Tendenziell würde ich meinen, das der gute Herr ein nicht gänzlich kleines Problem bekommen wird. Er weiß ja bisweilen noch gar nicht, dasss Mikkel die Prophezeiung einleuten wird, wenn er überhaupt von der Überlieferung kenntniss hat. Die nächste Frage, die sich mir stellt ... ist der ... naja ... böse Bube wirklich so dermaßen "entweißt"?

  • Author Portrait

    Na jetzt steht es Spitz auf Knopf um Alturins Leben! Mal sehen, ob er sich den retten kann.

  • Author Portrait

    Jetzt ist die Spannung zum ersten Mal auf dem Höhepunkt und ich habe ein ungutes Gefühl. Aber ich lasse mich gern überraschen!

  • Author Portrait

    Oh, das tut mir alles so leid für Alturin! Hoffentlich kommt Hilfe!

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media