2. Kapitel

Ich hörte nicht auf nach den mysteriösen Augen in der Dämmerung zu suchen, doch irgendwann wurde ich ungeduldiger und widmete meine Aufmerksamkeit dem Geschehen, im Auto. Warum musste ich überhaupt mit in diesen dämlichen Urlaub? Schließlich war ich bereits reife Sechzehn und konnte damit ohne größere Probleme, ein paar Wochen selbst auf mich aufpassen. Nicht einmal unser kleiner Klassenstreber musste noch mit in den Urlaub seiner Eltern.

Na gut das erzählte er, dass die ganze Klasse dem keinen Glauben schenken konnte, ist doch Nebensache.

„Dad? Kannst du mal die Heizung runterdrehen? Hier sind gefühlte tausend Grad drin."
„Sag mal bist du krank?“, fragte mein Bruder und zog sich seine braune Strickjacke provokativ an.
„Ich friere voll.“
„Eigenartig, dass dir das jetzt erst auffällt.“ Meinen Blicken konnte er nicht lange standhalten und so wandte er sie schon nach einem Moment von meinen Augen ab. Dad machte das Auto an, ... zumindest versuchte er es und er versuchte es nochmal. Aber es funktionierte nicht.

„Dad!“ Energisch drehte er den Autoschlüssel rum und hoffte das Aufheulen des Motors hören zu können.
„Dad mach jetzt keinen Scheiß!“ Nach ein paar weiteren Versuchen gab er es auf, zog den Schlüssel raus und bemerkte verschüchtert:

„Ich schätze wir müssen laufen.“ Dem letzten Wort hatte er noch etwas Aufschwung verliehen, damit er nicht ganz so bedeppert wirkte.
„Shit! Ich werde hier garantiert nicht aussteigen, durch die Kälte laufen und nicht einmal wissen ob wir richtig sind. Ich bleibe hier!“, zischte ich und verschränkte selbstbewusst die Arme vor der Brust.
„Also erstens: hör auf immer zu fluchen, deine Geschwister gewöhnen sich das noch an und zweitens: nur auf den Wunsch einer Dame, ... ähm werden wir... hm hier nicht warten. Wo rauf sollten wir auch warten? Das sich der Tank von alleine auffüllt? Wir laufen, holt eure Koffer wir gehen sofort los, bevor es richtig dunkel ist und...und keine Widerrede!“ Das war doch wohl ein schlechter Scherz? Niemals würde ich mit ihnen im Nirgendwo rumirren und letztendlich noch von irgendwelchen Psychopathen umgebracht werden! Das konnten sie sich ganz schnell abschminken, nicht mit mir! Bekamen sie in ihrem Leben überhaupt etwas auf die Reihe?
„Wir könnten warten, bis hier jemand vorbeifährt und uns mitnimmt,... aber Moment mal geht ja nicht, weil wir am Arsch der Welt sind. Wohlmöglich war seit tausenden von Jahren niemand mehr hier! Na ja das würde auch die katastrophalen Straßenstrukturen erklären...“
„Jetzt komm mal runter und sprich in einem anderen Ton mit mir! Ich habe mir das nicht ausgesucht, also hol' nun deine Sachen, anstatt dich nur zu beschweren und selbst keine bessere Idee zu haben!“
Aber ich habe mir das ausgesucht oder was wollte sie mir gerade damit sagen?

Mit ihrer Ansagen stiegen wir aus und jeder nahm das mit was ihm am Wichtigsten war. Warum war denn nun schon wieder ich an allem schuld?

War es nicht mein Vater gewesen, der es nicht geschafft hatte, den Tank aufzufüllen? Was hatte ich denn nur damit zu tun? Warum ich? Vor Wut stampfte ich mit meinem linken Fuß auf den kalten, matschigen und doch harten Boden auf. Wobei ich mir einen Schmerzensschrei verkneifen musste, da der harte Boden meine Zehen wohlmöglich gebrochen hatte. Ein paar Sekunden verschnaufte ich mit zusammengekniffenen Augen, wobei mir fragende Blicke meines Bruders entgegen kamen.
Nachdem ich meinen schmerzenden Fuß halbwegs ignorieren konnte, holte ich mir zwei Koffer und lief mit Tom in einem schnellen Schritt vor. Seine genervten Gesichtszüge sprachen Bände und ich musste mich nicht sonderlich anstrengen, um zu verstehen, dass er alles andere als angetan von Mum's Idee war. Zum Glück schloss er sich nicht ihrer Meinung an, sondern machte ihnen klar, dass er genauso wie ich, von der ganzen Situation angepisst war.

„Das ist doch völlig bescheuert“, murmelte ich vor mich hin.
„Was?“, hakte Dad nach, der sich unbemerkt an meine rechte Seite gehaftet hatte. Was mischte er sich überhaupt ein? Hatte irgendjemand mit ihm gesprochen? Nein!
„Wir sind in England, irgendwo auf dem Land, keiner von euch kann genügend Englisch um sich hier gut verständigen zu können, wenn denn hier jemand vorbei kommen würde! Was nebenbei bemerkt so wahrscheinlich ist, wie der Weltfrieden, denn ich will bemerken das wir am Arsch der Welt sind und...“

Natürlich wollte ich weiter sprechen,... weiter schreien, doch Mum unterbrach mich schnell:
„Hast du eine bessere Idee?“ Verdutzt blickte ich ihr entgegen. Ich? Warum ich? Dad war doch an allem Schuld. Und sie selbst auch, denn sie hat das Hotel ausgesucht und...
„Sorg' dich lieber um eine Alternative, anstatt nur zu motzen!“, riss mich Dad aus den Gedanken. Er unterstützte sie doch nur, weil er wusste, dass sie ihn sonst anschnauzen würde!
„Jop“, sagte ich kurz und überlegte währenddessen, was diese Idee beinhalten würde.
„Die da wäre?“
„Ähm,... also,... ich.“ Meine Mum warf mir kritische Blicke zu, die ich gekonnt ignorierte. „Warum ich eigentlich? Darf ich mich nicht auch mal aufregen?“, fragte ich wütend und war nicht gewollt meine Stimmung zu ändern.
„Doch, aber das bringt uns nicht weiter?“
„Ihr könntet ja auch mal überlegen.“
„Du versuchst dich doch nur vor deiner Antwort zu drücken! Komm jetzt, sonst sind wir am Sankt Nimmerleinstag immer noch nicht da!“, fiel mir Tom in den Rücken, der mit seinen braunen, längeren Haaren, im Wind ebenfalls Probleme hatte.

Sankt Nimmerleinstag? Das benutzten doch nur meine Eltern! Er wusste sicherlich nicht einmal was es bedeutete und plapperte nur irgendetwas nach. Es reichte mir schon, wenn meine Eltern das benutzten und ich mich jedes Mal fragte in welchem Jahrhundert sie doch stecken geblieben waren.

„Wie wär's denn mit telefonieren? Wäre immerhin sinnvoll!“, antwortete ich schnippisch und war froh, dass mit diese Idee eingefallen war.
„Oh du bist ja eine ganz Schlaue“, brüllte mein kleiner, nerviger Bruder vor Lachen und schaute mich mit seinen schokoladenbraunen Augen, schadenfroh an.
„Halt doch die Klappe!“, murmelte ich und hoffte, niemand hätte mir zugehört.
„Alex! Lass deinen kleinen Bruder in Frieden!“
„Er hat doch angefangen!“, entgegnete ich ihr eingeschnappt und seufzte.
„Wo sind wir im Kindergarten?“ Ich verspürte den Drang, etwas aufmüpfiges darauf zu antworten, doch mir fiel nichts ein. Schnell begann ich mein Handy aus der Jackentasche zu kramen und stellte die Koffer ab. Daraufhin blieben auch alle Anderen stehen und starrten wie gebannt auf mich.

Meine Hände musste ich dafür aus den Handschuhen nehmen und nun fror ich noch mehr, als ohnehin schon.
„Schaut nicht so, das macht mich nervös...“ Flink schaltete ich es an, doch noch bevor ich meinen Pin eingeben konnte, leuchtete eine Anzeige auf, die mir sagte, dass es fast leer wäre. Schnaufend drückte ich okay und wollte auf´s Menü zugreifen, doch bevor ich soweit kam, stürzte es ab und verabschiedete sich für den Rest des Abends.
„Sorry, mein Handy ist leer“, sagte ich schnell, hoffte das es nicht weiter auffiel und steckte es peinlich berührt wieder in meine Jackentasche. Ich hatte zwar mein Notstromkabel dabei, aber das war so tief in meinem Koffer verkramt,...

Mein Dad holte sein altes Tastenhandy raus und schaltete es an. Er hielt es wie ein Bekloppter in die Luft und gab mir den Anlass, den Kopf zu schütteln.
„Kein Netz“, sagte er schließlich, obwohl diese Antwort für mich ziemlich unnötig war.
„Ja mein Handy hätte auch kein Netz, wenn ich es aus dem Museum für antike Sachen geklaut hätte!“, rief ich und ging sauer weiter.

Meinem Dad gab ich nun die Schuld, dass meine Idee auch nicht funktioniert hatte. Zumindest pushte ich so mein Ego wieder etwas höher und versuchte mir die Bestätigung zu geben, dass meine Idee nur wegen ihm nicht funktioniert hatte. Mum und Tom holten ihre Handys ebenfalls raus, aber auch sie blieben erfolglos.
„Ja, ich könnte mir auch etwas besseres Vorstellen, Prinzessin.“, lachte Dad und machte eine kurze Pause. Schön das ihm immer noch zum Lachen zu Mute war. Ich könnte heulen! Wetten meine Freunde sitzen jetzt am Strand und lassen sich von irgendwelchen heißen Typen verwöhnen?
„Außerdem wenn dein Handy so gut ist, hättest du ja nicht dein ganzes Akku für Musik verwenden müssen!“
„Ja, ist okay, gib mir ruhig wieder die Schuld! Wer rechnet denn auch damit, das du zu doof bist den Autotank aufzufüllen? Also normaler Weise müsste das ein Autofahrer können, obwohl...“, bemerkte ich mit einem schadenfrohen Lächeln. Sein leichtes Aufstöhnen und seine Blicke sprachen Bände.

„Und Ja, ich könnte mir auch etwas besseres vorstellen, am Strand mit ein paar süßen Typen, aber nein, stattdessen muss ich mit meinen altmodischen Eltern durch den Arsch der Welt latschen.“
„Wie bitte?“, fragte mein Dad verwundert. Auch meine Mum machte ein erschrockenes Gesicht, doch übertrieb sie so sehr, dass es ihr keiner mehr Ernst nehmen konnte.
„Ja,.. schau nicht so, irgendwann musste ich das ja auch mal loswerden.“
„Also süße Jungs, so etwas sollte dich nun wirklich noch nicht interessieren, du bist 16!“ Tom hustete und stieß mir in die Rippen, denn er war der Einzige, der wusste, dass ich schon lange einen Freund hatte. Hoffentlich hielt er seine Klappe, immerhin konnte ich es nicht gebrauchen, dass sie davon Wind bekamen. Ich weiß echt nicht, in welcher Zeit er hängen geblieben war, er kann wohl froh sein, dass er noch nicht Opa ist. Heutzutage jedenfalls.

Der kalte Wind umschmeichelte mein Gesicht und verpasste meinem Körper eine Gänsehaut.

Meine langen, roten Haare, wurden vom Wind zerzaust und mein Eyliner, der heute Morgen noch perfekt gesessen hatte, befand sich nun sicher auf den Wangen.
„Wie lange wollen wir noch im Nirgendwo laufen?“, fragte ich und atmete schwer aus.
„Also ich wollte jetzt nicht so unbedingt am Straßenrand übernachten“, lachte Mum spöttisch.
„Hast du denn eine bessere Idee?“, hakte mein Dad nach.
„Warum soll ich immer die Ideen haben? Ihr seid auch noch da“, antwortete ich schnell, um überspielen zu können, dass ich auch keine Ahnung hatte. Mittlerweile war es draußen schon schummrig geworden und ich begann mir Sorgen zu machen, dass wir schon bald nicht mal mehr die Straße sehen könnten.
„Mum! Ich laufe nicht weiter, ich habe Hunger, Durst und ich muss aufs Klo! Können wir hier nicht übernachten?“, flehte Tom plötzlich und verschränkte bockig seine Arme vor der Brust .
„Nein, jetzt komm weiter Tomi, du wirst es wohl noch ein wenig aushalten oder? Schließlich waren wir eben pullern. Wenn du Hunger hast...“, sie machte eine kleine Pause und ließ etwas Luft aus ihrem Mund entweichen.
„Wir haben noch Essen in meinem Rucksack.“, sprach sie ruhig und liebevoll weiter. Wie freundlich sie sein konnte, doch leider zeigte sie diese freundliche Seite nur meinen Geschwistern. Daraufhin hielten wir wieder an und Tom kramte das Zeug aus der Tasche.

Da es so kalt geworden war, wollte ich meine Hände nicht unnötig belasten, trotz meines knurrenden Magens. Warum hatte er eigentlich schon wieder Hunger? Hatte er nicht vor einer knappen Stunde etwas gegessen?

Plötzlich hörte ich wieder das Rascheln von vorhin, zwei feuerrote Augen schauten mir erneut entgegen, als ich in die Richtung des Geräusches sah. Solch feuerrote Augen, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Ich hielt mir meine linke Hand vor den Mund, um einen Angstschrei zu vermeiden. Das Wesen schaute mich an und lächelte. Zugegebener Maßen fürchtete ich mich vor dieser ungewöhnlichen Gestalt, trotzdem erfüllte sie eine Art Sehnsucht, wenn ich sie zu Gesicht bekam. Ihr restlicher Körper war für mich verhüllt, er existierte mit Sicherheit, aber ich konnte meine Blicke einfach nicht von diesen Augen abwenden, ich konnte den Blickkontakt nicht abbrechen. Ich wollte es nicht. Sie waren so hypnotisierend und ich fing an sie zu begehren, obwohl sie Angst in mir auslösten.

Nicht einmal ein Blinzeln ließen sie zu, denn ich bekam die Befürchtung, sie dann nicht mehr wieder sehen zu können. Noch nie hatte mich etwas so sehr aus der Bahn werfen können, … okay vielleicht fast nichts. Diese Augen, dieses Magische, was sie ausstrahlten, konnte ich einfach mit Nichts vergleichen, es gab nichts Bekanntes, was ihnen gerecht werden würde.

Für Ewigkeiten versank ich in ihnen und vergaß, was um mich herum geschah. Sie nahmen mich vollkommen auf und wollten mich nicht mehr hergeben. Sie erfüllten mich, gaben mir das Gefühl, es hätte plötzlich nichts mehr eine Bedeutung, außer sich ihnen zu unterwerfen. Mein Gehirn fing an zu vernebeln und ich spürte, wie meine Gedanken immer schwerer und undeutlicher wurden. Bis ich nicht mehr in der Lage dazu war, etwas sagen oder mich bewegen zu können. Selbst das Stehen wäre mir plötzlich nicht mehr möglich gewesen, wenn sie mir diese Kraft nicht gegeben hätten. Diese Augen waren nun mein Motor, das was mich bestimmte, das was mich ausmachen sollte.

Eigentlich hatte ich mich ihnen bereits völlig hingegeben und unterworfen, doch dann erinnerte ich mich wieder an meine Umgebung. Auch wenn ich nicht gehen wollte, so musste ich mich langsam von diesen Augen entfernen, schließlich würden mich sonst alle hier für verrückt halten. Das sagte jedenfalls mein Kopf, doch mein Körper machte nicht einmal den Anschein, als wolle er sich von hier wegbewegen. Meine Gedanken fingen an sich zu überschlagen und mein Herz begann viel zu heftig in meiner Brust zu pochen.

Ich wollte mich diesen Augen hingeben, ich wollte sie kennenlernen, sie verstehen, die Gestalt dahinter entdecken, doch mein Kopf ließ es nicht zu, mein menschlicher Verstand, der einfach nicht loslassen konnte. Was würde passieren, wenn ich mich ihnen hingeben würde? Wären sie schlecht für mich? Würden sie mich ins Verderben stürzen? Was hatten sie vor mit mir? Waren sie überhaupt real? Konnten sie das überhaupt sein, wenn es so etwas doch gar nicht gab?

Angst machte sich wieder in mir breit und dieses wohlige Gefühl, was mich kurze Zeit umgeben hatte, als ich versucht hatte, mich ihnen hinzugeben, verschwand. Herzrasend versuchte ich mich von ihnen wegzubewegen, doch mein Körper war wie vergiftet, versteinert und ließ mir keine Möglichkeit, Abstand zu gewinnen.


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